Dresden, 3. Dezember 2015

Wie viele "Krisen" hat das 20. Jahrhundert gebracht? Unzählige - unabhängig davon, wie sie definiert, auf welchem Feld sie unter die Lupe genommen werden. Welche sind vor allem aus dessen ersten 80, 90 Jahren im Gedächtnis geblieben, jedenfalls noch immer oder immer wieder Gesprächsgegenstand? Die Kubakrise von 1962, gewiss. Letztlich aber: abgehakt, wenngleich ähnliche Bedrohungen nach wie vor denkbar sind. Auch die beiden Ölkrisen "kennt man noch". Doch sonst? Lange vorher die Marokkokrisen - was wir davon wissen, sind ausschließlich vermittelte (Er-) Kenntnisse, nichts aus erster Hand -, ähnlich wie bei der Sudetenkrise, der sich heute nur mehr die sterbende Erlebnisgeneration erinnert. Durchweg handelt es sich um außenpolitische, zwischenstaatliche Phänomene - anders als die Weltwirtschaftskrise. Doch taugt sie als Omen in unseren Tagen? Die letzten 15, 20, 25 Jahre haben indes nicht weniger Krisen gesehen - im Gegenteil, große wie kleine, vermeintliche oder tatsächliche, solche, die präsent sind und bleiben und jene, die aus dem Gedächtnis fallen werden, ... viele davon mit Wurzeln, die weit zurückreichen. Ist es ein Trugschluss, dass die bloße Anzahl derartig bezeichneter Erscheinungen zuzunehmen scheint, immer mehr "Krisen" gleichzeitig auf die Tagesordnung treten, einander ankündigen, aus- und ablösen? Ob jeweils die Bezeichnung gerechtfertigt ist, wäre eine Diskussion wert, die geführt werden sollte (auch von den Medien) - mehr noch aber, welcher Art die meisten "Krisen" heute sind, auf welchen Nenner die jüngsten Phänomene sich gewissermaßen bringen ließen. Die folgende Aufzählung zeigt, dass es in den meisten Fällen keine außen-, sondern weltinnenpolitische sein dürften: Abgaskrise, Absatzkrise, Ausbildungskrise, Bankenkrise, Bildungskrise, Demografiekrise, Demokratiekrise, Drogenkrise, Ebolakrise, Energiekrise, Euro-Krise, Fifa-Krise, Finanzkrise, Flüchtlingskrise, Glaubwürdigkeitskrise der Politik, der Medien, ..., Globalisierungskrise, Griechenland-Krise, Grindelkrise, Irak-Krise, Kaschmir-Krise, "Krise am Spieß", Krise der Warengesellschaft, Michelin-Krise, Migrationskrise, Nahostkrise, Nordirland-Krise, Schuldenkrise, Stahlkrise, Syrien-Krise, Tibet-Krise, Ukraine-Krise, VW-Krise, Wachstumskrise, Währungskrise, Wirtschaftskrise, … Was bedeutet das: Weltpolitik gleich Fieberkurven, nervöses Zeitalter, Stress? Oder taugt es nicht, das Bild vom "Kranken"? Oder, oder, oder ... haben wir es beinahe in toto mit Rückkopplungseffekten oder Ausdrucksformen der Globalisierung tun? Den Arzt gibt es nicht - so viel ist sicher -, der uns sagt, wie weiter. Auch wenn mancher sich mit Patentrezepten dafür ausgeben mag.

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One thought on “Dresden, 3. Dezember 2015

  1. Erik Fritzsche

    Du hast völlig recht. Da “Krise” eine Metapher aus der Medizin ist und sie nur zutreffend ist für Prozesse, bei denen es wieder sichtbar aufwärts geht, schlage ich einen anderen Begriff vor, nämlich den des “Stresses” – auch eine medizinische Metapher.
    Sie macht sichtbar, dass Systeme über ihre Leistungsfähigkeit hinausgehen. In der Burn-Out-Depression hat man dann folgenden Sachverhalt: Aufgrund des Überschreitens der Grenzen werden die Grenzen selbst nach unten hin verschoben. Es ist nämlich ein Trugschluss zu glauben, dass die Grenzen gleich bleiben, man selbst nur weniger stressig Leben müsste und man sei wieder im Schutzbereich der vormals übertretenen Grenzen. Schwer depressive Burn-Out-Patienten können nie wieder so aktiv Leben wie vor Eintritt der Krankheit, sie sind tatsächlich gleichsam berufsunfähig. Ihre Belastungsgrenzen haben sich durch deren Überlastung nach unten hin verschoben: teils überaus schwer. Das gilt natürlich auch schon für Bauarbeiter, die ihr Rückgrat ruiniert haben.
    Mit diesem Bild vor Augen ist klar, dass wir die Prozesse viel besser beschreiben, wenn wir vom Eurostress, dem Umweltstress, dem Nahoststress, dem Flüchtlingsstress, dem VW-Stress, dem Ukraine-Stress, dem Wirtschafts- und Globalisierungsstress usw. sprechen. Zum Beispiel mehr als seit 30 Jahren von einer Umweltkrise zu reden, ist völliger Unsinn. Ebenso die Eurokrise. Beides sind Stressphänomene: Und ihre weitere Entwicklung wird zur Euro-Depression und der Umwelt-Depression führen: dem Wortsinn nach nämlich zum “Niederdrücken” – weil den stützenden Kräfteinputs die Puste ausgeht (“Burn-Out”). Soweit meine pessimistische Ergänzungs-Diagnose!

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