{"id":1043,"date":"2014-05-31T12:30:31","date_gmt":"2014-05-31T12:30:31","guid":{"rendered":"http:\/\/michael-kunze.net\/category\/artikel\/?p=1043"},"modified":"2020-05-22T11:51:50","modified_gmt":"2020-05-22T11:51:50","slug":"warum-jesus-im-tal-der-muglitz-arbeitet","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/michael-kunze.net\/category\/artikel\/2014\/05\/31\/warum-jesus-im-tal-der-muglitz-arbeitet\/","title":{"rendered":"Warum Jes\u00fas im Tal der M\u00fcglitz arbeitet"},"content":{"rendered":"<figure id=\"attachment_1048\" aria-describedby=\"caption-attachment-1048\" style=\"width: 739px\" class=\"wp-caption alignleft\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-1048 size-large\" src=\"http:\/\/michael-kunze.net\/wp-content\/uploads\/2014\/05\/IMG_6166-1024x682.jpg\" alt=\"Aus Katalonien ins M\u00fcglitztal: Jes\u00fas Zapata an einer CNC-Drehmaschine im Dohnaer Gewerbegebiet.\" width=\"739\" height=\"492\" srcset=\"https:\/\/michael-kunze.net\/wp-content\/uploads\/2014\/05\/IMG_6166-1024x682.jpg 1024w, https:\/\/michael-kunze.net\/wp-content\/uploads\/2014\/05\/IMG_6166-300x200.jpg 300w, https:\/\/michael-kunze.net\/wp-content\/uploads\/2014\/05\/IMG_6166-250x166.jpg 250w, https:\/\/michael-kunze.net\/wp-content\/uploads\/2014\/05\/IMG_6166-624x416.jpg 624w, https:\/\/michael-kunze.net\/wp-content\/uploads\/2014\/05\/IMG_6166-960x640.jpg 960w\" sizes=\"auto, (max-width: 739px) 100vw, 739px\" \/><figcaption id=\"caption-attachment-1048\" class=\"wp-caption-text\"><em>Aus Katalonien ins M\u00fcglitztal:<\/em> Jes\u00fas Zapata an einer CNC-Drehmaschine im Dohnaer Gewerbegebiet. Foto: Michael Kunze.<\/figcaption><\/figure>\n<p><span style=\"color: #000000;\">Was macht ein s\u00e4chsischer Unternehmer, der kaum noch\u00a0Mitarbeiter findet? Er stellt junge Spanier ein und k\u00fcmmert sich um deren\u00a0Integration. Dabei spielen Umarmungen\u00a0und Fahrr\u00e4der eine Rolle.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #000000;\">DOHNA.\u00a0<\/span><span style=\"color: #000000;\">Um das Jahr 1400\u00a0durchzog eine Blutspur<!--more--> das Tal der M\u00fcglitz. Es war die Zeit der Dohnaischen Fehde, an deren Schlusspunkt sich die Mei\u00dfener Markgrafen den Landstrich von den \u00f6rtlichen Burgherren einverleibten. L\u00e4ngst ist Ruhe eingekehrt in das 6000-Einwohner-St\u00e4dtchen, s\u00fcd\u00f6stlich von Dresden. Und allein mit idyllischer Landschaft und historischen Episoden lassen sich vor allem junge Leute nur noch selten in die Region locken. Nach ihnen aber suchen mittelst\u00e4ndische Firmen l\u00e4ngst h\u00e4nderingend.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #000000;\">Eine davon ist die von Peter Schiekel. Als der 60 Jahre alte Unternehmer\u00a01992 mit seinem Bruder Gert die SPS Schiekel Pr\u00e4zisionssysteme GmbH gr\u00fcndete, \u201ewar Fachkr\u00e4ftemangel kein Thema\u201c, sagt er. \u201eIm Gegenteil. Wir bekamen auf jede ausgeschriebene Stelle 20 bis 30 Bewerbungen.\u201c Heute ist es mitunter nur eine.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #000000;\">Das brachte den Wachstumskurs des Unternehmens, das auf die mechanische Bearbeitung von Edelstahl in Klein- und Mittelserien spezialisiert ist, ernsthaft in Gefahr. Immer schwieriger wurde es f\u00fcr die Dohnaer, geeignete Bewerber zu finden. Dabei sind aus anfangs zw\u00f6lf mittlerweile 100 Mitarbeiter geworden. Wenn es bei der Erfolgsgeschichte bleiben sollte, mussten neue Wege in der Rekrutierung von Mitarbeitern beschritten werden. Standortnachteile qu\u00e4len den Mittelstand in der ganzen Region: die niedrigen Geburtenraten der neunziger Jahre, eine trotz der N\u00e4he zu Dresden sehr l\u00e4ndliche Struktur, die manche Jugendliche abschrecke, das f\u00fcr Schiekel zu Unrecht \u201eschlechte Image der Blaumann-Berufe\u201c und eine gegen\u00fcber der Industrie geringere Bezahlung. \u201eDabei haben gute Facharbeiter, Meister und Ingenieure in kleineren Firmen gro\u00dfe Entwicklungsm\u00f6glichkeiten, k\u00f6nnen viel selbstbestimmter arbeiten\u201c, sagt er.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #000000;\">Auf die Idee, es im wirtschaftlich gebeutelten Spanien zu versuchen, brachte den Mittelst\u00e4ndler das Diakonische Werk. Der evangelische Wohlfahrtsverband in der nahen Oberlausitz besch\u00e4ftigt l\u00e4ngst Dutzende ausl\u00e4ndische Arbeitskr\u00e4fte, unter ihnen viele Spanier. Schiekel suchte den Erfahrungsaustausch. Denn: \u201eVom Klischee des S\u00fcdeurop\u00e4ers\u201c,\u00a0r\u00e4umt er kleinlaut ein, \u201eder sich mittags zur Siesta zur\u00fccklehnt, war auch ich vorher nicht ganz frei.\u201c<\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #000000;\">Nun aber verst\u00e4rken sieben Spanier seine Mannschaft. Inserate im Internet, Reisen nach Spanien und Bewerbungsgespr\u00e4che, Hilfe zur Wohnungssuche, Dolmetscherin und Sprachkurse \u2013 seine Kosten daf\u00fcr\u00a0veranschlagt Schiekel auf 30 000 bis 40 000 Euro. Gut angelegtes Geld sei das, ist er \u00fcberzeugt. Nach sechs Monaten Probezeit hat er alle Neuank\u00f6mmlinge im April unbefristet \u00fcbernommen. \u201eZu den gleichen Konditionen wie ihre deutschen Kollegen und ohne Hilfe von au\u00dfen\u201c, sagt der Unternehmer. Schiekel ist von Politikern und Beh\u00f6rden entt\u00e4uscht: \u201eDie reden nur.\u201c So scheiterten Zusch\u00fcsse f\u00fcr Sprachkurse an\u00a0den b\u00fcrokratischen Vorgaben. Jene Berufsbilder, nach denen er explizit fragt, st\u00fcnden zudem nicht auf der sogenannten Mangelberufsliste der Bundesagentur f\u00fcr Arbeit. Diese wird laut Beate Raabe von deren Zentraler Auslands- und Fachvermittlung in Bonn zweimal j\u00e4hrlich aktualisiert, um Ver\u00e4nderungen im Bedarf der Firmen zu ber\u00fccksichtigen.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #000000;\">Schiekel braucht Dreher und Fr\u00e4ser, f\u00fcr die es keine Zusch\u00fcsse gibt; sie stehen nicht auf der Liste. Suchte er Mechatroniker, s\u00e4he es anders aus. Dann k\u00f6nne Geld flie\u00dfen f\u00fcr Kurse aus dem Programm f\u00fcr EU-B\u00fcrger. \u201eAllerdings nur, wenn bis zu 80 Prozent der Pflichtstunden in den angebotenen Sprachkursen geleistet wurden, zu utopischen Unterrichtszeiten\u201c, \u00e4rgert er sich. \u201eDie Zeiten\u201c, stellt Raabe klar, \u201eh\u00e4ngen vom Angebot der Sprachdienstleister ab.\u201c<\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #000000;\">Jes\u00fas Zapata lernt Deutsch, wenn auch ohne F\u00f6rderung aus dem Programm. Er kommt aus Tarragona in Katalonien. Der 29-J\u00e4hrige ist einer der Neuen in Schiekels Team und wie seine sechs Kollegen im Alter\u00a0von 25 bis 36 Jahren schon fest ins Drei-Schichten-System des Betriebs integriert. <\/span><span style=\"color: #000000;\">Routiniert bedient Zapata, der als einziger seiner Landsleute Maschinenbau studiert hat, eine der CNC-Werkzeugmaschinen. \u201eDie Einarbeitung ging recht schnell\u201c, freut sich der junge Mann. \u201eIn Spanien hatten wir die gleichen Maschinen.\u201c Hier wie dort arbeitet er acht Stunden am Tag. \u201eDie Philosophie\u201c der Deutschen sei indes eine andere, meint er l\u00e4chelnd. Und erg\u00e4nzt: \u201eHier ist mehr Ordnung, es gibt mehr Regeln. Und das Wetter, na ja.\u201c Dann ringt er nach Worten. Eine Sprache von Grund auf neu zu lernen braucht Zeit.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #000000;\">Achtzugeben auf Mentalit\u00e4tsunterschiede, das hat Schiekel auch die Mitarbeiterin einer Dresdener Personalagentur geraten.\u00a0W\u00e4hrend er mit ihr im Sommer vergangenen Jahres besprach, welche Leute mit welchen Qualifikationen er sucht, nahm sie dem Sachsen einige Illusionen. \u201eIch war anfangs einigerma\u00dfen naiv\u201c, r\u00e4umt er ein. Doch wie an die Kandidaten kommen? Wie Qualifikationen vergleichen, wenn es in Spanien noch kein dem dualen Modell in Deutschland vergleichbares Ausbildungssystem gibt?<\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #000000;\">Schiekel heuerte eine Studentin an, die das Internet nach spanischen Jobportalen durchforstete, in denen inseriert werden sollte. Gleich der erste Versuch war ein Fehlschlag. Auf seine Ausschreibung kam keine einzige Reaktion. Besser lief es \u00fcber die zweite Stellenb\u00f6rse: \u201eAuf einmal hatten wir vierzig Bewerbungen\u201c, freut sich der Ingenieur noch Monate sp\u00e4ter.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #000000;\">Vierzehn\u00a0Bewerber w\u00e4hlte er mit der Dolmetscherin aus, lud die Kandidaten in ein Madrider Hotel zum Vorstellungsgespr\u00e4ch ein. Zw\u00f6lf erschienen, von denen sieben einen Arbeitsvertrag bekamen.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #000000;\">F\u00fcr sie folgten \u00fcber mehrere Wochen t\u00e4glich Deutsch-Intensivkurse. Und noch immer pauken sechs der Neu-Sachsen samstags die f\u00fcr alle ganz und gar neue Sprache. Auch Wohngemeinschaften als erste Bleibe organisierte das Familienunternehmen in den umliegenden Gemeinden. Deutsche Kollegen stellten Fahrr\u00e4der bereit, Beh\u00f6rdeng\u00e4nge wurden gemeinsam gemeistert. \u201eSie d\u00fcrfen die Leute nicht allein lassen, vor allem in den ersten Wochen. Sonst sind sie schnell wieder weg, weil vieles neu und ungewohnt ist. GEZ, Krankenkasse, Meldewesen, Telefon, Rentenversicherung, M\u00fclltrennung \u2013 ein weites Feld, dazu kulturelle Eigenheiten.\u201c <\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #000000;\">Schiekel wei\u00df von dem abweichenden Verh\u00e4ltnis von N\u00e4he und Distanz in beiden L\u00e4ndern zu berichten, auch gegen\u00fcber Vorgesetzten: \u201eZum Beispiel bei Begr\u00fc\u00dfungen\u201c, sagt er. \u201eIn Deutschland umarmen sich Kollegen und Chef nicht morgens bei Arbeitsantritt, sondern halten \u2013 auch k\u00f6rperlich \u2013 Abstand.\u201c Umgekehrt in Spanien: Dort w\u00fcrde sich \u201edas Gegen\u00fcber fragen, ob es ein Problem gibt\u201c, wenn das \u00fcbliche Begr\u00fc\u00dfungsritual ausbleibt.\u00a0Wegen\u00a0solcher Irritationen\u00a0klingelte anfangs\u00a0oft das Telefon, erinnert sich der Unternehmer schmunzelnd.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #000000;\">Derart viele Ausl\u00e4nder zu integrieren \u2013 im Vertrieb besch\u00e4ftigt Schiekel auch eine Fachkraft aus Russland \u2013, will gut vorbereitet sein in einer Firma von \u00fcberschaubarer Gr\u00f6\u00dfe. \u201eDa gab es zun\u00e4chst ein gewisses Fremdeln bei manchen deutschen Kollegen. Wichtig ist dabei, alle mitzunehmen und gut zu begr\u00fcnden, warum wir das machen\u201c,\u00a0erkl\u00e4rt er sein Vorgehen. So bezahlt er auch Spanisch-Kurse f\u00fcr deutsche Mitarbeiter, weil Integration keine Einbahnstra\u00dfe sei. Heute\u00a0freut er sich: \u201eMittlerweile sind Freundschaften entstanden, \u00fcber Nationalit\u00e4ten hinweg.\u201c<\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #000000;\">Jes\u00fas Zapata mietete eine Wohnung in der Nachbarstadt Heidenau, nur wenige S-Bahn-Minuten vom Dresdener Hauptbahnhof entfernt. In die Elbestadt zieht es ihn seit einigen Wochen h\u00e4ufiger: Dort hat er eine junge Deutsche als Partnerin kennengelernt. Der 29-J\u00e4hrige will am\u00a0in K\u00fcrze\u00a0sein Auto aus Spanien nachholen, um mobiler zu sein in der l\u00e4ndlichen Region. \u201eNoch nehme ich das Fahrrad, auch wenn ich zum Fu\u00dfballspielen fahre mit zwei Kollegen aus der Firma.\u201c<\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #000000;\">Dank seines Studiums hat er besondere Pl\u00e4ne, die auch sein Chef kennt. Zapata will wie alle zun\u00e4chst Deutsch lernen und nat\u00fcrlich Geld verdienen. Danach jedoch k\u00f6nnte er sich vorstellen, einen Maschinenbau-Master an einer deutschen Hochschule anzuh\u00e4ngen. \u201eUnd ich will nach Berlin und nach Hameln fahren\u201c, schiebt er, einen Fl\u00f6tenspieler mimend, nach. Auch in Spanien sei die Sage vom Rattenf\u00e4nger aus Hameln popul\u00e4r. <\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #000000;\">Lassen sich junge Leute etwa\u00a0heute noch mit historischen Themen in die Provinz locken? Im mittelalterlichen Dohna jedenfalls hatten die Mei\u00dfener Markgrafen \u2013 so wie in diesen Tagen Zapata und Schiekel\u00a0\u2013\u00a0handfeste wirtschaftliche Interessen: Die streitlustigen Dohnaer Burgherren, gegen die sie damals vorgingen, bedrohten den Handel zwischen B\u00f6hmen und Sachsen. Doch die Zeiten \u00e4ndern sich. L\u00e4ngst geht der kulturelle und \u00f6konomische Austausch im M\u00fcglitztal friedlich und \u00fcber die nahen Grenzen hinaus\u00a0vonstatten.<\/span><\/p>\n<p>[ratings]<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Was macht ein s\u00e4chsischer Unternehmer, der kaum noch\u00a0Mitarbeiter findet? Er stellt junge Spanier ein und k\u00fcmmert sich um deren\u00a0Integration. Dabei spielen Umarmungen\u00a0und Fahrr\u00e4der eine Rolle. 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