{"id":1054,"date":"2014-06-25T05:39:51","date_gmt":"2014-06-25T05:39:51","guid":{"rendered":"http:\/\/michael-kunze.net\/category\/artikel\/?p=1054"},"modified":"2021-11-30T13:36:00","modified_gmt":"2021-11-30T13:36:00","slug":"gorlitz-tokio-euba","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/michael-kunze.net\/category\/artikel\/2014\/06\/25\/gorlitz-tokio-euba\/","title":{"rendered":"G\u00f6rlitz &#8211; Tokio &#8211; Euba"},"content":{"rendered":"<figure id=\"attachment_1058\" aria-describedby=\"caption-attachment-1058\" style=\"width: 739px\" class=\"wp-caption alignleft\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-1058 size-large\" src=\"http:\/\/michael-kunze.net\/wp-content\/uploads\/2014\/06\/IMG_6192-1024x682.jpg\" alt=\"\" width=\"739\" height=\"492\" srcset=\"https:\/\/michael-kunze.net\/wp-content\/uploads\/2014\/06\/IMG_6192-1024x682.jpg 1024w, https:\/\/michael-kunze.net\/wp-content\/uploads\/2014\/06\/IMG_6192-300x200.jpg 300w, https:\/\/michael-kunze.net\/wp-content\/uploads\/2014\/06\/IMG_6192-250x166.jpg 250w, https:\/\/michael-kunze.net\/wp-content\/uploads\/2014\/06\/IMG_6192-624x416.jpg 624w, https:\/\/michael-kunze.net\/wp-content\/uploads\/2014\/06\/IMG_6192-960x640.jpg 960w\" sizes=\"auto, (max-width: 739px) 100vw, 739px\" \/><figcaption id=\"caption-attachment-1058\" class=\"wp-caption-text\">Im Einklang mit sich und der Welt &#8211; obgleich er erlebte, wie sie aus den Fugen geriet: der Ostasienwissenschaftler Joachim Glaubitz im Chemnitzer Ortsteil Euba. Foto: Michael Kunze.<\/figcaption><\/figure>\n<p><span style=\"color: #000000;\">Joachim Glaubitz war Statist am G\u00f6rlitzer Theater, studierte bei Ernst Bloch in Leipzig und ging dann in den Westen. Er leitete das Goethe-Institut in Tokio und\u00a0beriet nach seiner R\u00fcckkehr deutsche Politiker und Industrielle wie Berthold Beitz. Seit 1996 lebt der\u00a0Japanologe in Chemnitz-Euba &#8211; und feierte k\u00fcrzlich seinen 85. Geburtstag.<\/span><span style=\"color: #000000;\">\u00a0<\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #000000;\">EUBA.\u00a0Der Historiker Eberhard J\u00e4ckel hat das\u00a020. Jahrhundert als das deutsche bezeichnet \u2013 in seiner ganzen <!--more-->Tragik,\u00a0gekennzeichnet durch zwei Weltkriege\u00a0und\u00a0am Ende des Kalten Kriegs durch die \u00dcberwindung des Eisernen Vorhangs auch in der deutschen Wiedervereinigung.\u00a0Der Eubaer Joachim Glaubitz\u00a0erlebt diese Tragik, all die Spannungen dies- wie jenseits der Elbe und\u00a0vom Ausland aus mit.\u00a0Geboren 1929 unweit von G\u00f6rlitz, will er zun\u00e4chst Schauspieler werden. Sein Entschluss steht fest, schon w\u00e4hrend der Schulzeit. Jahrelang arbeitet er als Statist am G\u00f6rlitzer Theater. Nach Schauspielunterricht und Abitur erf\u00fcllt sich sein Jugendtraum: mit einem Engagement am Glauchauer Stadttheater. Doch zuvor, noch in den letzten Kriegswochen,\u00a0droht ihm, dem damals Sechzehnj\u00e4hrigen, der Fronteinsatz. Dass es dazu nicht kommt, ist eine eigene Geschichte. Glaubitz hatte Gl\u00fcck. Der Arzt hingegen, der ihn und andere vom Frontdienst freistellt, verschwindet spurlos nach Sibirien.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #000000;\">Das Theater jedoch bleibt Episode, Glaubitz will es so: \u201eIch merkte doch schnell, das ist nichts f\u00fcr mich\u201c, sagt er knapp. Und wird stattdessen Lehrer. Glaubitz lernt in einem Intensivkurs Russisch, zun\u00e4chst in Mei\u00dfen, dann in Leipzig. Abermals kommt es zu einer Wende: Obwohl schon ausgebildet zum Russischlehrer, fasziniert ihn nun die chinesische Schrift derart, dass er sich f\u00fcr ein Studium der Sinologie entscheidet. Das\u00a0arrangiert ein Professor des Fachs, den Glaubitz zuf\u00e4llig in Leipzig w\u00e4hrend seiner Russischkurse kennenlernt. Nun ist es also China, dem er sich widmet \u2013 und dessen Schrift und Sprache. Bis Januar \u00b453 h\u00f6rt er aber auch den Literaturwissenschaftler Hans Mayer (1907-2001)\u00a0in Leipzig, der mit Brecht in Kontakt steht und sp\u00e4ter im Westen mit Marcel Reich-Ranicki im Fernsehen auftritt. Niemand geringeres als Ernst Bloch (1885-1977)\u00a0pr\u00fcft ihn\u00a0schlie\u00dflich im obligatorischen Fach Marxismus-Leninismus. Wobei er durchf\u00e4llt. Das r\u00e4umt er ein.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #000000;\">Nicht aber deshalb will Glaubitz Anfang \u00b453 weg aus der DDR. Sondern wegen der einseitigen Politisierung des Studiums an der Leipziger Uni und des Lebens im Lande allgemein. \u201eDas SED-Regime bestand aus L\u00fcge und Gewalt. Wer die L\u00fcge nicht akzeptierte\u201c, beschreibt er das Dilemma, \u201ebekam die Gewalt zu sp\u00fcren.\u201c Die von ihm in der Anfangszeit als \u201enoch recht offen\u201c beschriebene Diskussionskultur in den Seminaren weicht mehr und mehr ideologischer Verbohrtheit. Wer anders denkt als es die SED vorgibt, h\u00fctet sich entweder, dar\u00fcber offen zu sprechen oder muss mit Konsequenzen rechnen. Oder: sie selbst ziehen. Das tut Glaubitz dann, gerade 23 Jahre alt. Wie 13 der 15 Sch\u00fcler seiner Abiturklasse verl\u00e4sst er die DDR. \u00dcber Berlin geht es in den Westen.\u00a0Seine Eltern bleiben in G\u00f6rlitz; Jahr f\u00fcr Jahr besucht er sie nun in der alten Heimat, w\u00e4hrend er in Hamburg Japanologie studiert.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #000000;\">Mit den Reisen in den Osten ist es bald aber vorerst vorbei. Seit 1958 verweigert der SED-Staat sogenannten Republikfl\u00fcchtlingen wie ihm die Einreise. Glaubitz ist nun Wissenschaftler, ein Ostasienfachmann, er wird in Japanologie promoviert. F\u00fcnf Sprachen beherrscht er mittlerweile: Neben seiner Muttersprache sind dies Mandarin, Englisch, Japanisch und Russisch. Die Zeit, in der er sich in Hamburg zun\u00e4chst als Tellerw\u00e4scher verdingt, aber auch die Schauspielerlegende Gustaf Gr\u00fcndgens als Mephisto am Theater erlebt, sie ist vor\u00fcber, als Glaubitz sich bei Industriegiganten wie H\u00f6chst oder Bayer bewirbt. W\u00e4hrend es dort nicht klappt, tut sich\u00a0am Goethe-Institut in M\u00fcnchen eine\u00a0andere Perspektive auf. Die 1951 gegr\u00fcndete Sprach- und Kultureinrichtung sucht Ende der 50er-Jahre h\u00e4nderingend nach Personal. Gastarbeiter, die seinerzeit\u00a0tausendfach in die Bundesrepublik str\u00f6men, sollen Deutsch lernen. Glaubitz ist einer von denen, die sie fortan unterrichten, bis er 1962 die Zelte abbricht. Und ins Schiff steigt.\u00a0Von Genua aus beginnt eine achtw\u00f6chige Reise nach Japan. Die Fahrt selbst ist eine Geschichte\u00a0f\u00fcr sich und\u00a0ger\u00e4t ihm und seiner Familie zu einer\u00a0heute selten gewordenen Entschleunigungserfahrung in einer schon damals hektischen Welt. Mit Frau und Tochter in Tokio angekommen, ist ihm, dem Japanologen, sagt er, zun\u00e4chst \u201ealles neu\u201c. Glaubitz leitet f\u00fcr drei Jahre das Goethe-Institut in der japanischen Hauptstadt. Eine Art sprachkultureller Botschafter seiner Heimat ist er.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #000000;\">Er reist viel \u2013 nicht nur in Japan, sondern auch\u00a0nach Korea. 1964 steht er dann erstmals in China vor der Gro\u00dfen Mauer. Doch <span style=\"color: #000000;\">\u2013<\/span> verkehrte\u00a0Welt: Alles ist anders als heute. \u201eEs gab keine Touristen. Ich war ein einsamer Besucher, keine Autos, aber Fahrr\u00e4der, keine Elektrizit\u00e4t jenseits weniger gro\u00dfer St\u00e4dte\u201c \u2013 w\u00e4hrend er Hongkong, die britische Kronkolonie, als \u201ebrodelnde, funkelnde, kapitalistische Gro\u00dfstadt\u201c erlebt. Shenzhen, heute eine 10-Millionen-Einwohner-Metropole, liegt stattdessen als \u201ewinziges \u00d6rtchen\u201c in der Landschaft.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #000000;\">1966 kehrt er aus Japan nach Deutschland zur\u00fcck. Der 37-J\u00e4hrige geht nach K\u00f6ln an das Bundesinstitut zur Erforschung des Marxismus-Leninismus. Zwei Jahre nur bleibt er, wechselt dann nach M\u00fcnchen, da er unzufrieden ist mit der inhaltlichen Enge der Beh\u00f6rde. Seine neue Station ist anders \u2013 anregender, vielseitiger: die Stiftung Wissenschaft und Politik (SWP). An der gr\u00f6\u00dften Einrichtung ihrer Art in Europa ber\u00e4t\u00a0er Bundestag und Bundesregierung in au\u00dfen- und sicherheitspolitischen Fragen. Glaubitz liefert Analysen zur politischen Lage im sowjetischen Machtbereich und in Fernost, habilitiert sich 1973 mit einer Arbeit \u00fcber die chinesisch-russischen Beziehungen und wird Professor an der Ludwig-Maximilians-Universit\u00e4t. L\u00e4ngst ist er ein Fachmann, der geh\u00f6rt wird an h\u00f6chster Stelle. Von Politikern zum Beispiel oder in der Essener Villa H\u00fcgel, wo er dem Thyssen-Krupp-Patriarchen Berthold Beitz (1913-2013) pers\u00f6nlich vortr\u00e4gt.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #000000;\">Schlie\u00dflich, 1992, wird er pensioniert. Deutschland ist da l\u00e4ngst wiedervereinigt. Wie viele, so\u00a0hat auch er auf \u201edieses Gl\u00fcck\u201c kaum mehr zu hoffen gewagt. Vielmehr erscheint ihm Honeckers Staatsbesuch in\u00a0Bonn f\u00fcnf Jahre zuvor wie \u201eeine Besiegelung der Zweistaatlichkeit\u201c. Dass er nach 1981, als er f\u00fcr eine wissenschaftliche Konferenz erstmals ins damalige Karl-Marx-Stadt f\u00e4hrt, noch einmal\u00a0dahin zur\u00fcckkehren w\u00fcrde, gar auf Dauer, steht zun\u00e4chst nicht zur Debatte. Doch kaum zwei Jahre nach seiner Pensionierung erh\u00e4lt seine zweite Ehefrau, die Politologin Beate Neu\u00df, eine Professur an der TU Chemnitz. Auch Glaubitz erteilt hier\u00a0anfangs noch Seminare. Gar nicht so weit weg von Glauchau,\u00a0der kurzzeitigen Wirkungsst\u00e4tte als Schauspieler, bauen beide ein Haus. Und ziehen 1996 nach Euba. Seither, sagt er, \u201ehat sich Chemnitz dramatisch zum Besseren ver\u00e4ndert\u201c. Glaubitz sch\u00e4tzt die \u201einteressante Kunstszene, Ausstellungen, das Theater\u201c. Und die \u201ewunderbare Stille\u201c. In Euba. Seit Jahren spielt er Schach im TSV Ifa Chemnitz und sagt von sich doch, dass er \u201ekein gro\u00dfer Schachspieler\u201c sei. \u201eDie Qualit\u00e4t meiner Niederlagen hat sich aber verbessert\u201c, schiebt er nach, mit einer f\u00fcr ihn typischen Mischung aus Bescheidenheit und Ironie.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #000000;\">Joachim Glaubitz ist ein stiller Arbeiter, ein Gelehrter alter Schule, einer, der zuh\u00f6rt und noch immer aufmerksam das Weltgeschehen verfolgt. Aus dem Russischen ins Deutsche \u00fcbertr\u00e4gt er noch im Jahr 2011 knapp 140 Dokumente Michail Gorbatschows und seiner Berater zur deutschen Frage; in Heft 2 (2014) der Jenaer Zeitschrift <a href=\"http:\/\/www.geschichtswerkstatt-jena.de\/index.php\/projekte\/gerbergasse-18\">&#8222;Gerbergasse 18&#8220;<\/a> erscheint nun abermals eine \u00dcbersetzung von ihm, diesmal die eines\u00a0Beitrags von Roman Boldyrew zum Thema &#8222;Alltagsleben sowjetischer Milit\u00e4rangeh\u00f6riger in Dokumenten der politischen Verwaltung der SMAD&#8220;.<br \/>\n<\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #000000;\"><em>Lesetipp:<\/em> Alexsandr Galkin\/Anatolij Tschernjajew (Herausgeber): Michail Gorbatschow und die deutsche Frage. Sowjetische Dokumente 1986-1991, \u00fcbersetzt von Joachim Glaubitz, erschienen im Oldenbourg-Verlag, M\u00fcnchen 2011, 640 Seiten, 69,80 Euro.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #000000;\">Nachtrag vom 23. November 2021: <a href=\"https:\/\/gedenken.freiepresse.de\/Traueranzeige\/joachim-glaubitz\">Joachim Glaubitz ist am 9. November 2021 gestorben<\/a>.<\/span><\/p>\n<p>[ratings]<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Joachim Glaubitz war Statist am G\u00f6rlitzer Theater, studierte bei Ernst Bloch in Leipzig und ging dann in den Westen. Er leitete das Goethe-Institut in Tokio und\u00a0beriet nach seiner R\u00fcckkehr deutsche Politiker und Industrielle wie Berthold Beitz. Seit 1996 lebt der\u00a0Japanologe in Chemnitz-Euba &#8211; und feierte k\u00fcrzlich seinen 85. 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