{"id":106,"date":"2012-01-24T12:13:16","date_gmt":"2012-01-24T12:13:16","guid":{"rendered":"http:\/\/michael-kunze.net\/?p=106"},"modified":"2014-07-03T12:42:26","modified_gmt":"2014-07-03T12:42:26","slug":"ein-leben-im-widerspruch-heute-vor-300-jahren-wurde-friedrich-ii-geboren-und-genauso-lange-halt-er-die-deutschen-in-atem","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/michael-kunze.net\/category\/artikel\/2012\/01\/24\/ein-leben-im-widerspruch-heute-vor-300-jahren-wurde-friedrich-ii-geboren-und-genauso-lange-halt-er-die-deutschen-in-atem\/","title":{"rendered":"Ein Leben im Widerspruch: Heute vor 300 Jahren wurde Friedrich II. geboren \u2013 und genauso lange h\u00e4lt er die Deutschen in Atem"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: left;\">Der Chemnitzer Historiker Frank-Lothar Kroll ist einer der renommiertesten Preu\u00dfen-Fachleute. Er ist Vorsitzender der Preu\u00dfischen Historischen Kommission. Seine zahlreichen<!--more--> Ver\u00f6ffentlichungen zu Preu\u00dfen und dessen Herrscherhaus f\u00fcllen ganze B\u00fccherregale. Ich sprach mit ihm \u00fcber\u00a0Person, Wirkung und Aktualit\u00e4t Friedrichs des Gro\u00dfen anl\u00e4sslich von dessen 300. Geburtstag.<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\"><i>Landauf, landab wird in diesem Jahr an Friedrich den Gro\u00dfen erinnert. Ist der Trubel gerechtfertigt?<\/i><\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">Professor Dr. Frank-Lothar Kroll: Er war immer gerechtfertigt. Mich \u00fcberrascht aber zweierlei: die Massivit\u00e4t, mit der Friedrich gedacht wird und wie einheitlich das Ganze vonstattengeht. Jedes Hochglanzmagazin hat Friedrich auf der Titelseite. 1986, zum 200. Todestag, war zwar auch einiges los an \u201eBefeierung\u201c, aber das hielt sich stark im wissenschaftlichen Kontext \u2013 und zwar sowohl im Westen wie im Osten. In Ost-Berlin gab es die Ausstellung \u201eFriedrich und die Kunst\u201c, im Westen zwei oder drei wissenschaftliche Aufsatzsammlungen. Wenn Friedrich im Westen damals in den gro\u00dfen Magazinen vorkam, dann mit einem erhobenen Zeigefinger. Das ist heute kaum noch der Fall.<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\"><i>Was f\u00fchrte zu diesem Wandel?<\/i><\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">In der Geschichtswissenschaft wurde ein positiveres Verh\u00e4ltnis zu alldem gefunden, was in Deutschland vor 1918 passierte. Auch das Kaiserreich erscheint nicht mehr als Monsterstaat, wie es vor 20 Jahren noch der Fall war. Ein weiterer Grund ist der Mangel an Vorbildgestalten in der deutschen Geschichte. Es bleiben nicht wirklich viele gro\u00dfe Figuren \u00fcbrig.<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\"><i>Was war Friedrich f\u00fcr ein Mensch?<\/i><\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">Er war ein ungl\u00fccklicher Mensch. Seine Jugendgeschichte ist die eines Sohnes, der sich nicht so zu entwickeln schien, wie sein Vater \u2013 der Soldatenk\u00f6nig \u2013 es wollte. Der Vater war ein bedeutender K\u00f6nig, pers\u00f6nlich aber ein Grobian. Friedrich kann den aus seiner Sicht ungeistigen Vater, der ihm die Fl\u00f6te zerschl\u00e4gt, die Per\u00fccke vom Kopf rei\u00dft, der nicht will, dass der Sohn gepudert ruml\u00e4uft, nicht mehr aushalten. Er haut ab von zu Hause. Das klappt aber nicht. Der Vater klagt den Sohn als Deserteur vor einem Kriegsgericht an, \u00fcberlegt, ihn hinrichten zu lassen. Dazu kommt es nicht. Aber sein Freund Katte, der Fluchthelfer, wird auf Gehei\u00df des Vaters enthauptet. Das ist f\u00fcr den 20-J\u00e4hrigen eine Katastrophe. Friedrich f\u00fcgt sich nur aus Klugheit dem Vater, nicht aus \u00dcberzeugung. Er wird verheiratet. In Briefen klagt er \u00fcber seine zuk\u00fcnftige Frau: Sie sei im Gang wie eine Ente, schiele, w\u00fcrde nichts sagen, sei ohne Esprit \u2026<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\"><i>\u2026 keine Liebesheirat also \u2026<\/i><\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">\u2026 genau. Er schreibt dann an seine Schwester, die Markgr\u00e4fin von Bayreuth: \u201eIch bin sicher, es wird eine ungl\u00fcckliche Ehe.\u201c Seine gl\u00fcckliche Zeit ist das knappe Jahrf\u00fcnft auf Schloss Rheinsberg, wo er sich, weit weg vom Berliner Hofleben, eine Art Musentempel einrichtet. Dort h\u00e4lt er Kontakt zu f\u00fchrenden Philosophen seiner Zeit. Es gibt die ber\u00fchmte Tafelrunde, zu der die gelehrte Welt Deutschlands und Frankreichs bei ihm zu Gast ist. Danach ist \u2013 durch eigenes Verschulden \u2013 sein Leben ein ungl\u00fcckliches. H\u00e4tte er die Kriege um Schlesien nicht losgetreten, w\u00e4re ihm einiges erspart geblieben. Die Kategorie des pers\u00f6nlichen Gl\u00fcckes ist f\u00fcr ihn eine, mit der er ab einem gewissen Zeitpunkt gar nicht mehr rechnet. Pers\u00f6nliche W\u00fcnsche treten dahinter zur\u00fcck, dem Staat zuzuarbeiten.<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\"><i>\u201eDem Staat zuzuarbeiten\u201c. Bei Ludwig XIV. hie\u00df es in Frankreich noch: \u201eDer Staat bin ich.\u201c <\/i><i>War Ludwig f\u00fcr den jungen Preu\u00dfen kein Vorbild?<\/i><\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">Nein, Ludwig war kein Vorbild f\u00fcr ihn. F\u00fcr die damalige Zeit gilt nach franz\u00f6sischem Modell: Ein Staat ist dann in Ordnung, wenn er seinen Glanz zur Schau stellt, Ruhm und Macht demonstriert \u2013 auch in Dichtung und Musik. Friedrich denkt anders, will einen Staat, in dem es auch den B\u00fcrgern gut geht. Er f\u00f6rdert den Stra\u00dfenbau, l\u00e4sst Wasserwege anlegen, ein Kanalnetz, f\u00f6rdert Wirtschaft und Bildung. Es kann nur so viel ausgegeben werden, wie eingenommen wird. Friedrich hielt Ludwigs Motto \u201eDer Staat bin ich\u201c ein neues entgegen: Er wollte der \u201eerste Diener seines Staates\u201c sein.<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">\u00a0<i>\u201eFeldherr mit Fl\u00f6te\u201c wurde Friedrich auch h\u00e4ufig genannt. Passt er zwischen diese Pole?<\/i><\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">Beides ist nicht falsch. Dennoch darf man das nicht mit dem Cello spielenden Kommandanten von Auschwitz, Rudolf H\u00f6\u00df, verwechseln. Friedrich war sich immer bewusst \u00fcber das, was Recht und was Unrecht war. Er wusste, dass er 1740 etwas tat, was sich nicht geh\u00f6rte\u2026<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\"><i>\u2026 einen \u201eungerechten Krieg\u201c gegen Schlesien begonnen zu haben, wovor ihn sogar sein Vater gewarnt hatte \u2026<\/i><\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">&#8230; ganz genau. Friedrich wusste, dass man als Staatsmann Dinge tun muss, die man als Privatmann nicht verantworten kann. Und doch wurde Preu\u00dfen unter Friedrich dem Gro\u00dfen ein Rechtsstaat. Die gro\u00dfen Reformen kamen in dieser Zeit.<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\"><i>Friedrichs Erbe ist bis heute umstritten, sogenannte Sekund\u00e4rtugenden wie Disziplin und Gehorsam <\/i><i>wurden als Wegbereiter eines deutschen Sonderwegs gedeutet, die zu Krieg und zur Ermordung <\/i><i>der Juden f\u00fchrten.<\/i><\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">Preu\u00dfen galt um 1770 vielen Aufkl\u00e4rern als Idealbild eines Staates. In England, Frankreich, \u00d6sterreich wurden Friedrich und Preu\u00dfen gesch\u00e4tzt wie kein anderer Monarch, kein anderes Land. Wer baute zum Beispiel eine Verwaltung auf, die ganz Europa erstaunte, weil sie nicht korrupt war? Friedrichs Nachfolger verspielten dann sein Erbe \u2013 und in den sp\u00e4ten Jahren war er auch selbst nicht mehr zu Reformen in der Lage. Das Preu\u00dfenbild und die preu\u00dfische Geschichte haben nach Friedrichs Tod weitere Jahresringe gebildet: die Schlacht bei Jena und Auerstedt, die Revolution 1848\/49, das bismarcksche Einigungswerk, der Erste Weltkrieg, Wilhelm II. Dann haben die preu\u00dfischen Konservativen zwar Hitler nicht verursacht, ihn aber auch nicht verhindert, obwohl es 1944 einen sp\u00e4ten Versuch dazu gab. Im Nachhinein wurden negative Punkte aus Friedrichs Leben stark gemacht, die angeblich zum 30. Januar 1933 f\u00fchrten. Der Schatten der Nachfolger Friedrichs legte sich auf ihn selbst.<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\"><i>Eine Linie von Friedrich \u00fcber Wilhelm II. zu Hitler?<\/i><\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">Manche gehen sogar bis zu Luther zur\u00fcck. Das ist aber Unsinn. Friedrich ist nicht f\u00fcr Hitler verantwortlich, so wenig wie Friedrich Nietzsche f\u00fcr ihn verantwortlich ist, nur weil Hitler ihn gern gelesen hat.<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\"><i>Zur\u00fcck zum musisch talentierten und philosophisch interessierten Friedrich. Kann man vor dem Hintergrund seiner Interessen Friedrichs Popularit\u00e4t im deutschen B\u00fcrgertum erkl\u00e4ren?<\/i><\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">Nein. Friedrich hat kaum Deutsch geschrieben, hielt es f\u00fcr eine barbarische Sprache. Er sagte einmal: \u201eDeutsch spreche ich nur mit meinem Pferd\u201c und war durch und durch franz\u00f6sisch gepr\u00e4gt. Friedrich hatte f\u00fcr das, was in Deutschland um 1770 aufbrach \u2013 Sturm und Drang, Goethes Werther oder Lessing \u2013 kein Verst\u00e4ndnis. Es ist die nationale Uminterpretation Friedrichs als nicht blo\u00df preu\u00dfischem Herrscher, sondern als Identifikationsfigur nationaler Einheit. Fr\u00fch kommt es zu Vereinnahmungen.<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\"><i>Jede Zeit stutzte sich ihren Friedrich zurecht?<\/i><\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">Besonders im Nationalsozialismus wurden Friedrich und Preu\u00dfen instrumentalisiert. Eine Postkarte, um 1940 entstanden, zeigt Friedrich, Bismarck, Hindenburg und Hitler. Darunter steht: \u201eWas der K\u00f6nig eroberte, der F\u00fcrst formte, der Feldmarschall verteidigte, rettete und einigte der Soldat.\u201c Hitler wurde als legitimer Erbe Friedrichs ausgegeben.<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\"><i>Auch die DDR rang um Friedrich. Auf Gehei\u00df Erich Honeckers stellte man das ber\u00fchmte Reiterstandbild wieder unter den Linden auf. Wie ist das zu erkl\u00e4ren?<\/i><\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">Es gab schon in der fr\u00fchen DDR eine kurzzeitige Besinnung auf die Helden der Befreiungskriege \u2013 Scharnhorst, Gneisenau, Clausewitz \u2013, vor allem auch auf die Waffenbr\u00fcderschaft zwischen Russland und Preu\u00dfen. Das schl\u00e4ft dann wieder ein. 1983 wird Luther gefeiert. Kurz danach, 1986, ist Friedrich an der Reihe. Ingrid Mittenzwei, eine sehr anerkannte Historikerin aus der DDR, schreibt schon in den 1970ern eine viel beachtete Friedrich-Biografie. Sie nimmt Abschied vom alten Bild: Friedrich, der Faschist, der Vorl\u00e4ufer Hitlers, der Knechter der Bauern, der Freund der Junkerklasse. Friedrich wird nun als in Grenzen reformorientierter K\u00f6nig vermittelt, als tolerant, als Monarch auch, der der Religion und dem Christentum skeptisch gegen\u00fcbersteht. Damit konnte man in der DDR punkten. Honecker hatte sogar versucht, Friedrichs Leichnam von Hechingen nach Potsdam zu holen.<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\"><i>Wie kam Friedrichs Preu\u00dfen mit Sachsen zurecht?<\/i><\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">Im ersten Schlesischen Krieg war Sachsen auf der Seite Preu\u00dfens. Dann wechselte es die Seiten, beide Staaten befanden sich in harter Konkurrenz. Sachsen war Preu\u00dfen lange voraus, hatte fr\u00fcher die K\u00f6nigskrone \u2013 wenn auch keine deutsche, so doch die polnische. 1763 ist ein Schl\u00fcsseljahr, Sachsen verliert das Rennen. Nach dem Hubertusburger Frieden ist das Land am Ende. Erst nach dem Tod Friedrich Augusts II. von Sachsen wird eine gro\u00dfe Staatsreform eingeleitet, reformiert sich Sachsen nach preu\u00dfischem Vorbild. Seit der Zeit des Alten Fritz hat es aber nie eine wirkliche Verst\u00e4ndigung zwischen Sachsen und Preu\u00dfen gegeben, auch wenn es dynastische Verbindungen gab. Ein Beispiel: Die erste deutsche Kaiserin ab 1871, Augusta, die Frau von Wilhelm I., war eine Prinzessin aus dem Haus Sachsen-Weimar.<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\"><i>Taugt Friedrich heute als Vorbild \u2013 f\u00fcr Politiker zum Beispiel \u2013, oder nur noch als Lehrstoff f\u00fcr Geschichtsb\u00fccher?<\/i><\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">Ich f\u00fcrchte, letzteres ist der Fall. Dabei k\u00f6nnte er Vorbild sein. F\u00fcr Solidit\u00e4t, f\u00fcr den Willen, der Allgemeinheit zu dienen, eigene Interessen zur\u00fcckzustellen &#8230;<\/p>\n<p>[ratings]<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Der Chemnitzer Historiker Frank-Lothar Kroll ist einer der renommiertesten Preu\u00dfen-Fachleute. Er ist Vorsitzender der Preu\u00dfischen Historischen Kommission. 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