{"id":1109,"date":"2014-06-26T08:32:25","date_gmt":"2014-06-26T08:32:25","guid":{"rendered":"http:\/\/michael-kunze.net\/category\/artikel\/?p=1109"},"modified":"2014-07-08T05:41:12","modified_gmt":"2014-07-08T05:41:12","slug":"dresden-26-juni-2014","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/michael-kunze.net\/category\/artikel\/2014\/06\/26\/dresden-26-juni-2014\/","title":{"rendered":"Dresden, 26. Juni 2014"},"content":{"rendered":"<p><span style=\"color: #000000;\">Bald vierzehn Jahr ist es her, da haben wir uns kennengelernt. Es war der 2. November des Jahres 2000. Beinahe unser halbes, noch immer junges Leben lang kannten wir uns. An diesen ersten Tag erinnere ich mich deshalb so genau, weil ich meinen Grundwehrdienst nicht am katholischen Fest Allerheiligen anzutreten hatte,<!--more--> in Bayern ein Feiertag, sondern erst einen Tag sp\u00e4ter, an Allerseelen. An Allerseelen. <\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #000000;\">W\u00e4hrend ich mit der Bahn aus Sachsen im Nordosten anreiste, fuhr er mit dem eigenen Wagen aus s\u00fcdlicher Richtung in den Feldkirchener Ortsteil Mitterharthausen. Wie Dutzende andere kamen wir an diesem Tag in der G\u00e4ubodenkaserne an, nur einen Steinwurf entfernt von der R\u00f6mersiedlung Straubing. Nach und nach trudelten die Wehrpflichtigen ein, wurden den Ausbildungskompanien zugeteilt, den Z\u00fcgen, Gruppen, Stuben. In einer Viermannstube der zweiten Gruppe des zweiten Zugs der siebenten Kompanie des gemischten \u2013 also M\u00e4nnern und Frauen offenstehenden \u2013 Lazarettregiments 12 fanden sich wieder: der Niederbayer, von dem hier die Rede ist, und drei Sachsen. Einer von ihnen wiederum war ich. Keiner von uns vieren tat sich leicht mit der neuen Wirklichkeit des doch recht widerspruchslosen Gehorchens und Ausf\u00fchrens dessen, was von uns verlangt wurde. Alle vier waren wir weder Sportskanonen noch Waffennarren, sondern junge M\u00e4nner, f\u00fcr die es noch vor nicht allzu langer Zeit gehei\u00dfen hatte, sie w\u00fcrden gerade durch ihren Dienst in der Armee vor allem zu einem, n\u00e4mlich zu richtigen Kerlen. <\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #000000;\">Christian war in unserem Vierergespann der sogenannte Stuben\u00e4lteste. Das Wort erkl\u00e4rt sich von selbst. Damit verbunden war die Aufgabe, dem Gruppenf\u00fchrer Meldung zu machen, wenn die Stuben inspiziert wurden, die Ausr\u00fcstung, die Betten, die Spinte. Christian war der schwergewichtigste und gr\u00f6\u00dfte von uns vieren und der einzige, der bereits eine Ausbildung absolviert und schon \u00fcber Ferienjobs hinaus eigenes Geld verdient hatte. Wir drei Sachsen hatten im Sommer das Abitur bestanden, w\u00e4hrend er nach dem Realschulabschluss zu den Bayerischen Motoren-Werken gegangen war, die einen Standort in Dingolfing unterhalten, unweit von Christians Wohnort. Nun begann f\u00fcr uns die zweimonatige Grundausbildung im Sanit\u00e4tsdienst, von der es hei\u00dft, sie sei lockerer, weniger schwei\u00dftreibend, leichter bek\u00f6mmlich jedenfalls als die der Fallschirmj\u00e4ger, Grenadiere oder Panzeraufkl\u00e4rer im Heer. Ob das stimmt, wei\u00df ich nicht. Auch wir \u00fcbten den Einsatz unter ABC-Schutzkleidung, schleppten Kameraden auf Tragen durch den Wald, hoben Stellungen aus, schossen, robbten \u00fcber Wiesen und Hindernisse, \u00fcbten \u201eKarte &amp; Kompass\u201c, also die Orientierung in fremdem Gel\u00e4nde ohne die Hilfe Ortskundiger, ohne Verkehrsschilder oder Google Maps. <\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #000000;\">Meist\u00a0war\u00a0Christian es dabei, der uns aufmunterte, wenn wir nicht mehr wollten oder konnten, mit Witzen aus seinem schier unersch\u00f6pflichen Reservoir. Er war es, der scherzte, der unsere Gruppenf\u00fchrer nachahmte und so das zackig Milit\u00e4rische, mitunter \u00fcber Geb\u00fchr Vulg\u00e4re und Martialische ihrer Worte und Gesten als das blo\u00dfstellte, als was sie gerade nicht blo\u00dfgestellt werden durften in den Augen der Ausbilder: n\u00e4mlich als unfreiwillig komische, aber aussagekr\u00e4ftige Referenzen zum Charakter der Befehlsgeber selbst. <\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #000000;\">Zu Weihnachten schlie\u00dflich hatten wir die Ausbildung hinter uns, wurden verstreut auf Einheiten inner- und au\u00dferhalb der Kaserne. Der Kontakt zwischen Christian und mir riss aber nicht ab, obwohl ich in eine Kaserne im Bayerischen Wald wechselte. Ein halbes Jahr sp\u00e4ter kehrte ich zur\u00fcck. Nun fuhren wir wieder wie in der Grundausbildung zum Schwimmen nach Straubing, mit Kameraden zum Abendessen oder trafen einander in der Kaserne. Christian war im Stab der ersten Kompanie eingesetzt, ich im Sanit\u00e4tszentrum.\u00a0Im August 2001 endete sein Dienst, und Christian wollte wieder arbeiten, ordentliches Geld verdienen, sich bei BMW weiterqualifizieren. Ich jedoch blieb in Feldkirchen, noch unsicher dar\u00fcber, wie es nach dem Wehrdienst weitergehen sollte, verl\u00e4ngerte erst bis Januar des Folgejahrs und schlie\u00dflich bis M\u00e4rz. Wir riefen einander an, tauschten Kurznachrichten aus, hielten uns auf dem Laufenden. <\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #000000;\">Oft habe ich mich gefragt, allerdings erst viel sp\u00e4ter, was das Fundament dieser Freundschaft ausmachte, die einfach da war und weiter hielt, auch als ich im Fr\u00fchjahr 2002 mein Studium in Sachsen antrat und\u00a0sich die Entfernung zwischen uns merklich vergr\u00f6\u00dferte. Wir waren, in vielem jedenfalls, grundverschieden und\u00a0wussten das, sch\u00f6pften daraus\u00a0vielmehr das Interesse f\u00fcr Gespr\u00e4che und Unternehmungen. Wir besuchten einander, er kam nach Sachsen. Wir fuhren gemeinsam auf die Festung K\u00f6nigstein, hoch gelegen \u00fcber dem Tal der Elbe s\u00fcd\u00f6stlich von Dresden. Dort gefiel es ihm. Fast auf den Tag genau sieben Jahre ist das her. Christian war damals schon krank, schwer krank <span style=\"color: #000000;\">\u2013<\/span> eine K\u00fchlbox\u00a0mit wichtigen Medikamenten, die er im Auto verstaute, wich nie von seiner Seite. Ein andermal besuchte ich ihn in seinem Heimatort. Stolz pr\u00e4sentierte er mir seine ger\u00e4umige Wohnung im Dachgeschoss des Elternhauses. Wir fuhren ins \u201eVulcano\u201c mit seinen Freunden, in eine Disko, die damals \u201ein\u201c war.\u00a0Dann trafen wir uns im B\u00e4derdreieck s\u00fcdwestlich von Passau, wo ich meinen Urlaub verbrachte. Wenn er anrief, dann nie ohne mich auf den Arm zu nehmen, zu foppen. Was haben wir gelacht! Ein willkommenes Objekt f\u00fcr seine Sp\u00e4\u00dfe war ich ihm, denn immer wieder fiel ich auf sie herein. Dann haben wir uns \u2013 mitunter stundenlang \u2013 am Telefon ausgetauscht. <\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #000000;\">Wie oft hatte ich im Anschluss eine G\u00e4nsehaut, seit die Krankheit voranschritt! Ich zitterte, w\u00e4hrend er Frohsinn verbreitete und hoffte, wie sich nur hoffen l\u00e4sst. Lange, lange Zeit ging das so. Fehlten mir die Worte, dann redete er. Berichtete von seinem Haus, das er nun bauen lie\u00df und in das er auch einzog, von Treffen mit Freunden oder von Ausfl\u00fcgen, denn arbeiten konnte er lange schon nicht mehr. Worunter er litt. Stets aber neugierig blieb mein Freund f\u00fcr das, was ich gerade trieb, was ich machte. Er schmiedete Pl\u00e4ne, auch f\u00fcr ein n\u00e4chstes Treffen, und war dabei wie ein Kind im besten Sinne. <\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #000000;\">Die Therapie zog sich hin \u00fcber Jahre. Es gab Lichtblicke und immer wieder Wolken. Dunkelheit. F\u00fcr mich brach sie an \u2013 nicht zum ersten Mal \u2013 um das letzte Weihnachtsfest. Einige Monate lang hatten wir nichts voneinander geh\u00f6rt. Nun, Ende Dezember, tauschten wir Kurznachrichten aus und Christian schrieb von Komplikationen. Wie manches Mal zuvor nur in vagen Andeutungen. Aber der Duktus seiner Nachricht war ein anderer als fr\u00fcher. Auch nicht durch einen Witz wurde sie eingeleitet, wie sonst fast immer. Und doch <span style=\"color: #000000;\">\u2013<\/span>\u00a0oder gerade deshalb: Ich\u00a0traute mich nicht,\u00a0danach zu fragen,\u00a0wie es um ihn steht. Ob der Tumor im Kopf, der ihm l\u00e4ngst das Licht eines Auges abgetrotzt hatte, wieder wuchs? Hilflos f\u00fchlte ich mich \u2013 und schlecht. Die Hilflosigkeit betrifft ja beide Seiten, dachte ich. Ihn, der von Pontius zu Pilatus gegangen war, um Hilfe zu finden. Und mich \u2013 f\u00fcr den Vergleich sch\u00e4me ich mich noch, w\u00e4hrend ich ihn niederschreibe, doch man wird ihn\u00a0verstehen \u2013 und mich, weil ich nichts tun konnte, au\u00dfer an ihn denken, f\u00fcr ihn beten. Immerhin. Dabei hatte ich keine Ahnung, h\u00e4tte er davon gewusst, ob gerade das ihm etwas bedeutete. Doch kommt es darauf an? <\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #000000;\">Nie haben wir \u00fcber gro\u00dfe Fragen gesprochen, \u00fcber den Tod, was danach kommt\u00a0oder Gott, nicht als er noch bei Kr\u00e4ften war, noch sp\u00e4ter. Im April aber nahm ich allen Mut zusammen und rief ihn an zu seinem Geburtstag. Nur einen Augenblick war ich irritiert, weil die Stimme am Telefon anders klang als sonst. Es war sein Vater, der abhob, w\u00e4hrend ich dachte, es sei Christian, nur mit verstellter Stimme. Das tat er gern,\u00a0oft\u00a0und \u00fcberzeugend\u00a0\u2013 und ich atmete durch. Doch der Vater kl\u00e4rte mich auf, sagte, Christian schlafe, er m\u00fcsse sich schonen. Und schob nach, leise, schicksalsergeben: \u201eEs geht zu Ende.\u201c Die starken Medikamente, mit denen Christians Tumor behandelt wurde, ohne dass sie das gew\u00fcnschte Ergebnis brachten, sie hatten weitere Organe schwer gesch\u00e4digt. Dieser Geburtstag, schlussfolgerte ich, w\u00fcrde sein letzter sein. Und betete nach dem Anruf, nur anders als sonst, f\u00fcr ihn. Ist das nicht komisch? Vorher flehte ich um Genesung, um Wiederherstellung seiner Gesundheit. Nun, in ganz anderen Dimensionen, um sein Heil, um das seiner Seele. Schlie\u00dft sich so ein Kreis, wenn auch ein allzu enger? Voller Scham fragte ich mich das in Erinnerung an den Tag, an dem wir uns kennenlernten. Nur wenige Wochen nach meinem Gespr\u00e4ch mit seinem Vater, ist mein Freund gestorben, kurz nach seinem 33. Geburtstag. <\/span><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Bald vierzehn Jahr ist es her, da haben wir uns kennengelernt. Es war der 2. November des Jahres 2000. Beinahe unser halbes, noch immer junges Leben lang kannten wir uns. An diesen ersten Tag erinnere ich mich deshalb so genau, weil ich meinen Grundwehrdienst nicht am katholischen Fest Allerheiligen anzutreten hatte,<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[20],"tags":[100,101,26,99],"class_list":["post-1109","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-notizbuch","tag-bundeswehr","tag-freundschaft","tag-glaube","tag-nachruf"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/michael-kunze.net\/category\/artikel\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/1109","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/michael-kunze.net\/category\/artikel\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/michael-kunze.net\/category\/artikel\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/michael-kunze.net\/category\/artikel\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/michael-kunze.net\/category\/artikel\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=1109"}],"version-history":[{"count":31,"href":"https:\/\/michael-kunze.net\/category\/artikel\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/1109\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":1116,"href":"https:\/\/michael-kunze.net\/category\/artikel\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/1109\/revisions\/1116"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/michael-kunze.net\/category\/artikel\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=1109"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/michael-kunze.net\/category\/artikel\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=1109"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/michael-kunze.net\/category\/artikel\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=1109"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}