{"id":113,"date":"2012-01-31T15:57:22","date_gmt":"2012-01-31T15:57:22","guid":{"rendered":"http:\/\/michael-kunze.net\/?p=113"},"modified":"2014-07-03T12:41:53","modified_gmt":"2014-07-03T12:41:53","slug":"das-geheimnis-vom-rathausturm","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/michael-kunze.net\/category\/artikel\/2012\/01\/31\/das-geheimnis-vom-rathausturm\/","title":{"rendered":"Das Geheimnis vom Rathausturm"},"content":{"rendered":"<p>Das Chemnitzer Carillon stammt aus DDR-Zeiten. Die schwersten Glocken tragen das Staatswappen mit Hammer, Zirkel und \u00c4hrenkranz &#8211; aber auch die Gravur &#8222;Libera nos, Domine&#8220; &#8211; &#8222;Befreie uns, Herr&#8220;.<!--more--><\/p>\n<p>Von au\u00dfen sieht man dem Turm des Neuen Rathauses sein Klang- geheimnis im Innern nicht an. Wuchtig ist er, einer Trutzburg gleich. Auf H\u00f6he der Turmuhr aber, in beinahe 60 Metern H\u00f6he befindet sich eine kleine Kammer &#8211; und in ihr der Spieltisch des Carillons. Einem Orgeltisch gleicht der, mit Manual und Pedal. Doch Pfeifen orchestriert er nicht, sondern Glocken. Ein Stockwerk h\u00f6her noch, \u00fcber Dr\u00e4hte mit dem Spieltisch verbunden, h\u00e4ngen die Glocken, 48 an der Zahl.<\/p>\n<p>Die kleinste bringt es auf 9,5 Kilogramm, die gr\u00f6\u00dfte auf 957, alle zusammen wiegen 5,2 Tonnen. Die schwersten tragen das Signet ihrer Zeit: Hammer, Zirkel, \u00c4hrenkranz, ganz klein aber auch, der Schauseite abgewandt, den kaum erkennbaren lateinischen Schriftzug ihrer Apoldaer Gie\u00dferei, den diese auch in der DDR weiterf\u00fchrte: &#8222;Libera nos, Domine&#8220;, steht da. &#8222;Befreie uns, Herr.&#8220; Und &#8222;Anmut sparet nicht noch M\u00fche&#8220; &#8211; Bertolt Brechts Konkurrenzentwurf zu Johannes R. Bechers Textvorschlag f\u00fcr eine DDR-Nationalhymne.<\/p>\n<p>Leben haucht ihm heute, 20 Jahre nach dem Ende der DDR, der Chemnitzer Sebastian Liebold ein. Er ist einer von vier jungen M\u00e4nnern und Frauen, die unter Anleitung von Altmeister Peter Franz das Handwerk des Carillonneurs erlernen. Mittwochs und samstags um 10 Uhr erklingt das Glockenspiel. Es l\u00e4sst Passanten aufhorchen, verweilen, mitsummen. &#8222;So soll es sein&#8220;, sagt der bald 87 Jahre alte Peter Franz. &#8222;Eing\u00e4ngige Melodien&#8220; spielen er und seine jungen Kollegen &#8211; &#8222;Schlager, Volkslieder, Oper, Operette, Kirchenmusik, Rock und Pop. Von Wehdings &#8222;Goldenem Pavillon&#8220; bis Uriah Heeps &#8222;Lady in Black&#8220; reicht das Repertoire, \u00fcber &#8222;Hoch auf dem gelben Wagen&#8220; bis &#8222;Whiskey in the Jar&#8220;. &#8222;F\u00fcr jeden ist etwas dabei&#8220;, meint Sebastian Liebold, 29 Jahre alt und im Hauptberuf Politologe an der Technischen Universit\u00e4t. &#8222;Im Sommer bringen wir andere St\u00fccke als zu Weihnachten.&#8220; Trotzdem w\u00fcrden viele Chemnitzer das Carillon nicht kennen: &#8222;Und das, obwohl es schon seit 1978 im Rathausturm h\u00e4ngt. Vom Markt aus f\u00e4llt es einfach nicht auf&#8220;, sagt Liebold.<\/p>\n<p>Mit dem Glockenspiel nebenan sieht es anders aus, auch der Figuren wegen. Sie sind vom Markt aus gut sichtbar. 25 Glocken klein ist dieses Gel\u00e4ut im Alten Rathaus, eingebaut von 1997 bis 2002. Es kn\u00fcpft an die Tradition eines Glockenspiels aus den 1930er-Jahren an.<\/p>\n<p>Im M\u00e4rz 1957 brachte eine Debatte in den Leserbriefspalten der Chemnitzer &#8222;Volksstimme&#8220; die Carillon-Frage wieder auf die Tagesordnung. &#8222;Viele wollten wieder Glockenkl\u00e4nge im Rathausturm&#8220;, fand Liebold heraus. Und die Stadtoberen nahmen den Vorschlag auf. &#8222;Noch im gleichen Jahr fasste der Rat der Stadt einen Beschluss&#8220;, hat er im Stadtarchiv recherchiert. &#8222;Mehrfach traten dann aber Verz\u00f6gerungen auf. Erst sollte das Glockenspiel wieder ins Alte Rathaus. 1964 stand der Rote Turm zur Debatte. Bald jedoch war das Neue Rathaus erste Wahl, auch der Gewichte wegen&#8220;, sagt Liebold. Denn das neue Glockenspiel sollte gr\u00f6\u00dfer werden als das aus der Vorkriegszeit.<\/p>\n<p>Doch nicht nur \u00fcber den Ort f\u00fcr das Carillon gab es unterschiedliche Meinungen, auch \u00fcber das daf\u00fcr einzuplanende Geld. Zun\u00e4chst wurde mit 85.000 Mark gerechnet, sp\u00e4ter mit 140.000 Mark. Erst 1968 begann in Apolda der Guss der Karl-Marx-St\u00e4dter Glocken.<\/p>\n<p>Noch einmal neun Jahre gingen ins Land, bis 1977 die letzte fertig war. Der Einbau erfolgte unter Zeitdruck. &#8222;Bis Jahresende musste alles \u00fcber die B\u00fchne gehen, ein Jubil\u00e4um stand an: 25 Jahre Karl-Marx-Stadt. Das Carillon kam gerade recht&#8220;, sagt Liebold. Sogar die Lieder, die zur Einweihung gespielt wurden, sind \u00fcberliefert. Der erste Programmentwurf sah staatstragende St\u00fccke vor. &#8222;Auftakt mit der DDR-Nationalhymne, die Internationale, die Vertonung eines Brecht-Textes, Folkloristisches und zum Schluss ,Freude sch\u00f6ner G\u00f6tterfunken'&#8220;, liest Liebold aus Archivunterlagen vor.<\/p>\n<p>Die Stadtoberen schrieben die Liste um. &#8222;Erst Beethoven, dann Volkslieder, Folklore, die Brecht-Vertonung und zum Schluss die Internationale. Die DDR-Hymne wurde gestrichen.&#8220;<\/p>\n<p>Nach der Einweihung des Glockenspiels 1978 st\u00f6\u00dft Peter Franz zu den Freunden des Carillons. Er hat Klavier studiert und Klarinette, arbeitete sich fr\u00fch ins Orgelspiel ein. F\u00fcr Heinz Quermann, dem Urvater der ostdeutschen Talentshows, arbeitete Franz als Redakteur der Sendung &#8222;Herzklopfen kostenlos&#8220;, dann im Chemnitzer Kongresshotel und der Stadthalle. &#8222;Da hatte ich noch keine Ahnung vom Carillon&#8220;, gibt er heute zu. Danach gefragt, ob er das Glockenspiel erlernen wolle, z\u00f6gert er nicht. 1982 findet eine internationale Konferenz in Karl-Marx-Stadt statt. Aus aller Welt kommen Carillon-Fachleute in die Stadt. Der Zuspruch von au\u00dferhalb blieb: &#8222;Sogar das japanische Fernsehen kam mal vorbei&#8220;, sagt Franz. Noch heute ist er der erste Mann am Spieltisch, auch wenn ihm der Weg auf den Turm immer schwerer f\u00e4llt. Er wei\u00df l\u00e4ngst: Die Tradition \u00fcberlebt nur, wenn junge Leute in seine Fu\u00dfstapfen treten &#8211; Leute wie Sebastian Liebold.<\/p>\n<p>[ratings]<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Das Chemnitzer Carillon stammt aus DDR-Zeiten. Die schwersten Glocken tragen das Staatswappen mit Hammer, Zirkel und \u00c4hrenkranz &#8211; aber auch die Gravur &#8222;Libera nos, Domine&#8220; &#8211; &#8222;Befreie uns, Herr&#8220;.<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[19,13,9],"tags":[45,70,49,57],"class_list":["post-113","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-artikel","category-geschichte","category-lokales","tag-chemnitz","tag-musik","tag-ostdeutschland","tag-sachsen"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/michael-kunze.net\/category\/artikel\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/113","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/michael-kunze.net\/category\/artikel\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/michael-kunze.net\/category\/artikel\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/michael-kunze.net\/category\/artikel\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/michael-kunze.net\/category\/artikel\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=113"}],"version-history":[{"count":7,"href":"https:\/\/michael-kunze.net\/category\/artikel\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/113\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":375,"href":"https:\/\/michael-kunze.net\/category\/artikel\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/113\/revisions\/375"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/michael-kunze.net\/category\/artikel\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=113"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/michael-kunze.net\/category\/artikel\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=113"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/michael-kunze.net\/category\/artikel\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=113"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}