{"id":1190,"date":"2014-07-30T15:33:08","date_gmt":"2014-07-30T15:33:08","guid":{"rendered":"http:\/\/michael-kunze.net\/category\/artikel\/?p=1190"},"modified":"2020-06-30T12:32:15","modified_gmt":"2020-06-30T12:32:15","slug":"wien-30-juli-2014","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/michael-kunze.net\/category\/artikel\/2014\/07\/30\/wien-30-juli-2014\/","title":{"rendered":"Wien, 30. Juli 2014"},"content":{"rendered":"<figure id=\"attachment_1207\" aria-describedby=\"caption-attachment-1207\" style=\"width: 682px\" class=\"wp-caption alignleft\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-1207 size-large\" src=\"http:\/\/michael-kunze.net\/wp-content\/uploads\/2014\/07\/IMG_6706-682x1024.jpg\" alt=\"In der K\u00f6nigsliga Wiener Kaffeeh\u00e4user: Caf\u00e9 Hawelka in der Dorotheergasse. Foto: Michael Kunze.\" width=\"682\" height=\"1024\" srcset=\"https:\/\/michael-kunze.net\/wp-content\/uploads\/2014\/07\/IMG_6706-682x1024.jpg 682w, https:\/\/michael-kunze.net\/wp-content\/uploads\/2014\/07\/IMG_6706-200x300.jpg 200w, https:\/\/michael-kunze.net\/wp-content\/uploads\/2014\/07\/IMG_6706-250x375.jpg 250w, https:\/\/michael-kunze.net\/wp-content\/uploads\/2014\/07\/IMG_6706-624x936.jpg 624w, https:\/\/michael-kunze.net\/wp-content\/uploads\/2014\/07\/IMG_6706-960x1440.jpg 960w\" sizes=\"auto, (max-width: 682px) 100vw, 682px\" \/><figcaption id=\"caption-attachment-1207\" class=\"wp-caption-text\"><em>In der K\u00f6nigsklasse Wiener Kaffeeh\u00e4user:<\/em> Caf\u00e9 Hawelka in der Dorotheergasse. In\u00a0Bronze wacht noch immer Leopold Hawelka (1911-2011), der langj\u00e4hrige Inhaber, \u00fcber die Gesch\u00e4fte.\u00a0Foto: Michael Kunze.<\/figcaption><\/figure>\n<p>Zu ihm kamen sie alle. Die G\u00e4steliste seines Hauses liest sich wie das &#8222;Who is Who&#8220; aus Kunst, Kultur und\u00a0Fernsehen der letzten 60 Jahre: Hundertwasser oder Senta Berger, Brandauer oder Canetti, Heimito von Doderer oder\u00a0Udo J\u00fcrgens, Arthur Miller oder\u00a0Hans Moser, Peter Ustinov oder Andy Warhol oder, oder,<!--more--> oder.\u00a0Sie\u00a0kamen \u00fcber die Jahre in sein Wiener Caf\u00e9, gaben sich bei\u00a0Leopold Hawelka die Klinke in die Hand.<\/p>\n<p>Nun sitze ich in\u00a0jenem Haus\u00a0an der Dorotheergasse 6 auf einem Fensterplatz und\u00a0blicke auf eine Bronzeb\u00fcste mit seinen Z\u00fcgen und eine weitere mit denen seiner Frau. Gut gef\u00fcllt ist das Caf\u00e9\u00a0bei hochsommerlichen Temperaturen. Touristen wie Einheimische verschl\u00e4gt es noch immer zu der Traditionsadresse, obwohl das etwas speckige\u00a0Interieur sein Alter kaum verbergen kann. Aber das muss wohl so sein, denn\u00a0wer hat sie nicht \u00fcber, die fein, beinahe klinisch\u00a0herausgeputzten Bars und Caf\u00e9s internationaler Ketten, die in den letzten Jahren \u00fcberall aus dem Boden schossen wie Pilze im Herbst nach einem Regenguss?<\/p>\n<p>Inmitten\u00a0der urspr\u00fcnglichen Wiener Kaffeehauswirklichkeit\u00a0eilt nun der\u00a0Kellner herbei, ein junger Mann Mitte Drei\u00dfig. Und er spielt seine Rolle gut, gibt\u00a0zum Einstand ein\u00a0ruppiges &#8222;Was wollen Sie?&#8220; zum besten. Als ob mit dem Betreten eines Caf\u00e9s diese Frage nicht von\u00a0vornherein wenigstens insofern gekl\u00e4rt w\u00e4re, dass jeder Gast eine\u00a0Speisekarte erwartet, aus der zu w\u00e4hlen ihm dann die Zeit\u00a0einger\u00e4umt wird, die er ben\u00f6tigt. Doch hier ist es anders. H\u00f6flich noch sage ich, aber schon bestimmt: &#8222;Die Karte, bitte.&#8220; &#8222;Haben wir nicht&#8220;, entgegnet er, beinahe\u00a0angriffslustig. &#8222;Was haben Sie denn dann?&#8220;, entf\u00e4hrt es mir. &#8222;W\u00fcrstel und S\u00fc\u00dfigkeiten&#8220;, wirft er zur\u00fcck. &#8222;Welche?&#8220; &#8222;Ja, das sage ich Ihnen jetzt&#8220;,\u00a0kontert er unversehens und nennt Apfelstrudel, Topfenstrudel, Sachertorte &#8230; &#8222;Kann man das in der Vitrine sehen?&#8220; &#8222;Nein!&#8220; &#8222;Dann, ja, dann\u00a0ein St\u00fcck Topfenstrudel, bitte.&#8220; Die Nase r\u00fcmpfend, \u00e4rgere ich mich \u00fcber\u00a0diese Dreistigkeit, ja: Frechheit aus Kalk\u00fcl. In Deutschland, schon im Caf\u00e9 nebenan, h\u00e4tte ich ihm das\u00a0nicht durchgehen lassen. W\u00e4re ohne\u00a0ein Wort gegangen. Mindestens. Jedenfalls rede ich mir das ein.<\/p>\n<p>Schon\u00a0aber \u00fcberfliege ich bei Hawelka ein knappes Dutzend internationaler Bl\u00e4tter, schaue von einem Tisch zum anderen, mustere die G\u00e4ste, so wie sie es mit mir tun, denke an den Patriarchen, der nun schon bald drei Jahre tot ist und\u00a0\u00fcber den\u00a0ich seinerzeit einen Nachruf geschrieben hatte.\u00a0Trostsuchend\u00a0nach meinem Erlebnis mit dem Kellner fallen\u00a0sie mir\u00a0ein, die Worte Felix Czeikes, dem &#8222;der grantelnd-joviale &#8218;Herr Ober'&#8220; als &#8222;die Hauptattraktion eines jeden echten Kaffeehauses&#8220; galt, der einen mit seinem Schm\u00e4h nicht beleidige, &#8222;sondern adelt&#8220;.\u00a0Derart gest\u00e4rkt,\u00a0l\u00e4sst sich manches ertragen.\u00a0Selbst manche Frechheit.\u00a0Den Rest besorgt\u00a0die s\u00fc\u00dfe Krankheit\u00a0&#8222;Gestern&#8220;, die mich bef\u00e4llt wie die\u00a0Gedanken an\u00a0jene Schriftsteller, sp\u00e4ter Maler und\u00a0Philosophen, Schauspieler und\u00a0Musiker, die Hawelka \u00fcber Jahrzehnte in seinem Caf\u00e9 begr\u00fc\u00dfte. Bald nach dem Krieg\u00a0war es mehr als nur\u00a0&#8222;etabliert&#8220;.<\/p>\n<p>Zun\u00e4chst aber musste Hawelka in den Krieg und das erst 1939 mit seiner Frau Josefine \u00fcbernommene Caf\u00e9 vor\u00fcbergehend dichtmachen. Einem Wunder glich es, dass er es nach seiner R\u00fcckkehr v\u00f6llig unversehrt vorfand. Schon\u00a0im Herbst\u00a01945 \u00f6ffneten sich die T\u00fcren abermals.\u00a0Und die\u00a0Hawelkas arbeiteten hart: W\u00e4hrend Josefine den Kaffee am Holzofen br\u00fchte, sammelte ihr Mann im Wald das n\u00f6tige Feuerholz.\u00a0Knochenarbeit war das, von fr\u00fch bis sp\u00e4t.<\/p>\n<p>In der \u00f6sterreichischen Hauptstadt, die es auf mehr als 1900 Caf\u00e9s bringen soll, wurde Hawelka zu einer Ikone.\u00a0Das lag an seiner Art\u00a0zu bedienen, an seinem\u00a0bezaubernden L\u00e4cheln, wohl aber auch an einem Markenzeichen: seiner handgebundenen Fliege. Dass die Mehlspeisen hervorragend sind, versteht sich von selbst. Dies gilt auch f\u00fcr den genannten Topfenstrudel, f\u00fcr die Kaffeespezialit\u00e4ten sowieso.<\/p>\n<p>Bis zuletzt\u00a0blieben\u00a0Hawelka und seine Frau, die\u00a02005 starb,\u00a0an Bord. Tagt\u00e4glich 14 Stunden. Nicht von ungef\u00e4hr f\u00fchre Czeike zufolge ihr\u00a0Lokal die K\u00f6nigsliga der authentischen Kaffeeh\u00e4user an. Einige von ihnen kenne ich in Wien aus eigener Anschauung:\u00a0Thomas Bernhards\u00a0Br\u00e4unerhof, gleich um die Ecke, das Central und\u00a0das Demel, auch das neue Griensteidl am Michaelerplatz gegen\u00fcber der alten Hofburg.\u00a0Doch nicht\u00a0nur das Personal ist es, durch das sich das Hawelka in dieser Schar\u00a0eine ganz eigene Identit\u00e4t bewahrt hat.<\/p>\n<p>[ratings]<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Zu ihm kamen sie alle. Die G\u00e4steliste seines Hauses liest sich wie das &#8222;Who is Who&#8220; aus Kunst, Kultur und\u00a0Fernsehen der letzten 60 Jahre: Hundertwasser oder Senta Berger, Brandauer oder Canetti, Heimito von Doderer oder\u00a0Udo J\u00fcrgens, Arthur Miller oder\u00a0Hans Moser, Peter Ustinov oder Andy Warhol oder, oder,<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[20],"tags":[1625,1643,104,105,218,531,106],"class_list":["post-1190","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-notizbuch","tag-cafe","tag-felix-czeike","tag-kaffeehaus","tag-leopold-hawelka","tag-osterreich","tag-thomas-bernhard","tag-wien"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/michael-kunze.net\/category\/artikel\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/1190","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/michael-kunze.net\/category\/artikel\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/michael-kunze.net\/category\/artikel\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/michael-kunze.net\/category\/artikel\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/michael-kunze.net\/category\/artikel\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=1190"}],"version-history":[{"count":66,"href":"https:\/\/michael-kunze.net\/category\/artikel\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/1190\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":3766,"href":"https:\/\/michael-kunze.net\/category\/artikel\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/1190\/revisions\/3766"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/michael-kunze.net\/category\/artikel\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=1190"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/michael-kunze.net\/category\/artikel\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=1190"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/michael-kunze.net\/category\/artikel\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=1190"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}