{"id":1211,"date":"2014-07-04T19:15:41","date_gmt":"2014-07-04T19:15:41","guid":{"rendered":"http:\/\/michael-kunze.net\/category\/artikel\/?p=1211"},"modified":"2019-02-20T11:08:06","modified_gmt":"2019-02-20T11:08:06","slug":"unter-politikwissenschaftlern","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/michael-kunze.net\/category\/artikel\/2014\/07\/04\/unter-politikwissenschaftlern\/","title":{"rendered":"Unter Politikwissenschaftlern"},"content":{"rendered":"<p>Auf einer prominent besetzten Tagung der Zunft in Chemnitz wurde weder an Selbstkritik gespart noch solcher gegen\u00fcber Politikern. Anlass war die Verabschiedung von Eckhard Jesse in den Ruhestand, der an der TU die Gr\u00fcndungsprofessur des Fachs innehatte.<\/p>\n<p>CHEMNITZ. Wie es um die deutsche Politikwissenschaft<!--more--> bestellt ist, l\u00e4sst sich nicht leicht sagen. F\u00fcr manche jedenfalls befindet sie sich seit Jahren in der Krise. Politologen haben weder die deutsche Wiedervereinigung noch den Aufstieg Chinas oder des islamistischen Terrorismus vorausgesehen. \u00d6ffentliche Debatten pr\u00e4gen hierzulande ohnehin eher Philosophen und Historiker, mehr noch aber Juristen und \u00d6konomen. Politologen sind selten pr\u00e4sent. Die intellektuellen Eingriffe von Dolf Sternberger oder Wilhelm Hennis liegen lange zur\u00fcck. Wenn sie nicht den Wahlsonntag kommentieren, werden\u00a0Vertreter der Profession\u00a0kaum mehr wahrgenommen.<\/p>\n<p>Vor diesem Hintergrund fand k\u00fcrzlich in Chemnitz eine Tagung unter dem Motto \u201eStand und Perspektiven der Politikwissenschaft\u201c statt. Anlass daf\u00fcr war die Verabschiedung <a href=\"http:\/\/www.tu-chemnitz.de\/phil\/politik\/pspi\/professur\/jesse.php\">Eckhard Jesses<\/a> in den Ruhestand. Der 65-J\u00e4hrige Extremismus- und Parteienforscher hatte 1993 die Gr\u00fcndungsprofessur f\u00fcr Politikwissenschaft an der TU Chemnitz \u00fcbernommen. Alexander Gallus (Chemnitz) er\u00f6ffnete eine Serie von Vortr\u00e4gen mit unerwartet deutlicher Selbstkritik: Die Politikwissenschaft habe ihre \u00f6ffentliche Rolle aus dem Blick verloren, \u201eist zu szientistisch gepr\u00e4gt, methodenverliebt und theorielastig. Sie kreist um sich selbst\u201c, sagte er. Aufmerksamkeit errege sie dort, wo sie sich historischen Themen zuwende\u00a0\u2013 hier fielen die Namen Herfried M\u00fcnkler, J\u00fcrgen W. Falter oder Hans-Peter Schwarz\u00a0\u2013 oder die Untersuchungen auf konkrete Personen ausgerichtet seien. Ansonsten scheint es, sagte Gallus, \u201eals g\u00e4be es in der res publica keine Probleme\u201c, die einer politologischen Expertise bed\u00fcrften.<\/p>\n<p>Hierauf antwortete Peter Graf Kielmansegg (Mannheim) ern\u00fcchternd, dass \u201eSozialplanung\u201c ohnedies niemals ihre Aufgabe sein d\u00fcrfe, zumal Politiker auf die Meinung von Politologen wenig Wert legten. Aussagen dar\u00fcber, was in der Politik n\u00f6tig sei, tr\u00e4fen sie am liebsten selbst. Jenseits der Demoskopie interessierten sich Politiker \u2013 ob aus fachlichem Interesse, sei dahingestellt \u2013 stattdessen eher f\u00fcr Wirtschafts- und Rechtswissenschaftler als Gespr\u00e4chspartner. Das hat auch etwas mit Selbstbewusstsein zu tun. Statt nach einfachen Behandlungsrezepten zu suchen, forderte Kielmansegg die Politikwissenschaftler auf, Politikberatung selbst zum Gegenstand ihrer Forschung zu machen, auch weil die \u201eGrenze der Politikberatung im wissenschaftlichen Ethos selbst liegt\u201c.<\/p>\n<p>Die Grenze von wissenschaftlichem Ethos und politischer Vermarktung kennt J\u00fcrgen W. Falter (Mainz) nur zu gut. Von der Frage, ob die \u201ebehavioralistischen Tr\u00e4ume\u201c der f\u00fcnfziger Jahre geplatzt sind, kam er schnell zu dem Problem, dass Politologen vor allem dann nicht geh\u00f6rt werden, wenn sie ihre Zuh\u00f6rer \u00fcber die Grenzen ihrer Erkenntnisse aufzukl\u00e4ren versuchten. Nur dort, wo sie sich als beflissene Stichwortgeber f\u00fcr Medien und Politik anbieten, finden sie Geh\u00f6r, sagte er. Dies unterstrich auch Roland Sturm (Erlangen-N\u00fcrnberg): Zu staatsgl\u00e4ubig sei die deutsche Politikwissenschaft, die sich zu sehr f\u00fcr Herrschaftslogiken und die Steuerung gesellschaftlicher Diskurse interessiere. Wolle die Politikwissenschaft weiter \u2013 oder: wieder \u2013 Demokratiewissenschaft sein, schrieb er ihr ins Stammbuch, m\u00fcssten politische Institutionen nicht als Organe des Staates, sondern als solche von sozialer Selbstverst\u00e4ndigung begriffen werden.<\/p>\n<p>Weniger die Staats- denn die Gegenwartsfixierung bem\u00e4ngelte Werner J. Patzelt: Wer Zeitdiagnostik liefern wolle, muss die Vergangenheit kennen, rief er dem nickenden Publikum zu. Gemeint war, dass jede Institutionen-Analyse nach Weggabelungen und Entwicklungsmustern zu fragen habe. Pfadabh\u00e4ngigkeit nennt dies der Politikwissenschaftler. Mangelndes historisches Bewusstsein attestierte auch der Extremismusforscher Uwe Backes (beide Dresden). Er wies zudem auf ein Missbehagen hin, das sonst kaum zur Sprache gebracht wird: Wie sieht es eigentlich mit der Solidarit\u00e4t unter Fachkollegen aus?<\/p>\n<p>Wie es um den eingangs geforderten \u00f6ffentlichen Nutzen der Politikwissenschaftler bestellt ist, darauf ging Frank Decker (Bonn) ein. Und wurde deutlich: Hat die Politikwissenschaft auf die vieldiskutierte \u201eDemokratiekrise\u201c in der Bundesrepublik reagiert? Gewiss, sie fragt nach neuen Partizipationsmodellen und direkter Demokratie. Aber wie steht es um eine Kritik des postdemokratischen Zeitalters? Sind angesichts der immer wieder \u2013 auch von der Politikwissenschaft \u2013 herausgestellten Desintegrationstendenzen in westlichen Gesellschaften die B\u00fcrger \u00fcberhaupt in der Lage, an den bestehenden politischen Entscheidungsprozessen noch teilzunehmen, fragte er. Hat das Fach ein Instrumentarium entwickelt, sie dem B\u00fcrger zu erkl\u00e4ren? Oder gar Alternativen anzubieten? Wer hier keine zustimmenden Antworten findet und sie belegen kann, muss sich wohl in der Tat Sorgen machen um den Stand der deutschen Politikwissenschaft, mehr noch aber um ihre Perspektiven.<\/p>\n<p>[ratings]<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Auf einer prominent besetzten Tagung der Zunft in Chemnitz wurde weder an Selbstkritik gespart noch solcher gegen\u00fcber Politikern. Anlass war die Verabschiedung von Eckhard Jesse in den Ruhestand, der an der TU die Gr\u00fcndungsprofessur des Fachs innehatte. CHEMNITZ. 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