{"id":132,"date":"2011-09-24T16:26:44","date_gmt":"2011-09-24T16:26:44","guid":{"rendered":"http:\/\/michael-kunze.net\/?p=132"},"modified":"2016-01-14T09:12:35","modified_gmt":"2016-01-14T09:12:35","slug":"er-makelt-nicht-noch-gangelt-er","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/michael-kunze.net\/category\/artikel\/2011\/09\/24\/er-makelt-nicht-noch-gangelt-er\/","title":{"rendered":"Er m\u00e4kelt nicht, noch g\u00e4ngelt er"},"content":{"rendered":"<p>Benedikt XVI. hat am Donnerstag im Berliner Schloss Bellevue die wachsende Gleichg\u00fcltigkeit gegen\u00fcber der Religion beklagt.\u00a0Ich wollte den\u00a0Papst erleben &#8211; und schreibe hier \u00fcber mein<!--more--> Verh\u00e4ltnis zu ihm und zur katholischen Religion. Gleichg\u00fcltig ist\u00a0mir beides nicht.<\/p>\n<p>WERDAU\/BERLIN. Ja, ich bin katholisch. Ja, immer weniger sind das hierzulande. In Sachsen, dem einstigen Stammland der Reformation, ist das auch wenig \u00fcberraschend, nach zwei Diktaturen. Gerade einmal vier Prozent der Bev\u00f6lkerung. Genau wei\u00df ich das nicht. Eines aber wei\u00df ich: Den Papst, den finde ich gut. Schlimmer geht&#8217;s nicht, denken Sie? Doch! Ich mag nicht nur den netten, alten Herrn aus Rom, weil er kreuz und quer durch die Welt reist. Immerzu l\u00e4chelnd &#8211; in lustigen Verkleidungen, die andere nur zu Fasching tragen w\u00fcrden. Ansonsten B\u00fccher schreibend. Mich interessiert auch, was er sagt und wie er das macht.<\/p>\n<p>Vielleicht zwei Monate ist es her, da rief mich eine Studienkollegin an. Mittlerweile ist sie in Lohn und Brot &#8211; bei der S\u00e4chsischen Staatsregierung in Dresden. Und fragte, ob ich mit zum Papst wolle. Und zum Bundespr\u00e4sidenten (der mich nicht sonderlich interessiert, aber das behielt ich f\u00fcr mich). Nach Berlin ginge es, sagte sie. Zum Empfang Benedikts XVI., des ersten Papstes aus Deutschland seit einem halben Jahrtausend. Bei Christian Wulff\u00a0auf Schloss Bellevue. Klar wollte ich dahin. Der Haken folgte umgehend: Nur auf die Warteliste k\u00f6nne ich, gab die Bekannte zu bedenken. \u201eNa prima&#8220;, erwiderte ich. \u201eDann wird das nie was.&#8220;<\/p>\n<p>Wochen sp\u00e4ter, ich hatte die Sache schon ad acta gelegt, erhielt ich Post. Aus dem Bundespr\u00e4sidialamt: Schloss Bellevue, Spreeweg 1, Berlin. Ins Briefpapier ist ein goldener Bundesadler eingepr\u00e4gt. Hochoffiziell. Es ist eine Einladung. Aber nicht irgendeine: \u201eDer Bundespr\u00e4sident bittet zu Ehren Seiner Heiligkeit Papst Benedikt XVI. zum Begr\u00fc\u00dfungszeremoniell mit milit\u00e4rischen Ehren.&#8220; Steht dort. Und noch allerlei Salbungsvolles. Ich bin einigerma\u00dfen aus dem H\u00e4uschen, rufe Freunde an und meine Eltern.<\/p>\n<p>Jetzt werden Sie denken: \u201eSo ein Spinner! Katholisch halt. Was will der bei dem Opa aus Rom? Der Ratzinger-Papst m\u00e4kelt doch st\u00e4ndig. G\u00e4ngelt. Will uns unser Leben vorschreiben, obwohl ihn das gar nichts angeht!&#8220; So sehen Sie das. Vielleicht. Ihr gutes Recht ist das! Jeder kann denken, was er will &#8211; und meistens darf er&#8217;s auch noch sagen. So halte ich das jedenfalls!<\/p>\n<p>Und bin zum Papst nach Berlin gefahren. Am Donnerstag. Ideal sind die Umst\u00e4nde eigentlich nicht: Die paar Minuten Redezeit, die dort beim Empfang auf\u00a0Schloss Bellevue f\u00fcr vielerlei H\u00f6flichkeiten im Protokoll standen. Sie w\u00fcrden wenig Raum daf\u00fcr lassen, worum es dem Papst eigentlich geht, als Theologe, als Seelsorger, als Mensch, der sich um Menschen sorgt. Das war mir klar, bevor ich den Zug nach Berlin bestieg.<\/p>\n<p>Wenn dieser schon einigerma\u00dfen gebrechliche 84-J\u00e4hrige ein drittes Mal in seine Heimat kommt, wollte ich ihn trotzdem erleben. Wollte h\u00f6ren, was er zu sagen hat. Denn: Er hat etwas zu sagen, im Gegensatz zu vielen. Man muss nur hinh\u00f6ren, dann findet sich auch f\u00fcr die etwas, die vielleicht religi\u00f6s unmusikalisch sind. Und auch f\u00fcr die, die unabh\u00e4ngig davon gar nicht teilen, was er zu sagen hat. Regt doch immerhin zum Nachdenken an. Oder?<\/p>\n<p>Ich sp\u00fcre, dass dieser Mensch mir etwas mit auf den Weg zu geben hat: Werte, die nicht nach Punkt und Komma zu beziffern\u00a0sind, keiner Berechenbarkeit unterliegen, die die Verbindung von Glaube und Vernunft im Blick haben. Um wirkliche Ideale (nicht Idole)\u00a0geht es ihm, die \u00fcber das Jetzt hinausweisen. Auch, woher sie bezogen werden.\u00a0\u00a0Ihm geht es um\u00a0die gro\u00dfen Fragen nach der Freiheit, nach der Liebe, nach unserem Verh\u00e4ltnis zum B\u00f6sen &#8211; oder besser: zum \u00dcbel, wie es in einer \u00e4lteren Version des &#8222;Vaterunsers&#8220; hei\u00dft.<\/p>\n<p>Es geht ihm damit auch, wie der Kirche \u00fcberhaupt, um die Frage nach der Wahrheit: &#8222;Der Begriff Wahrheit&#8220;, schrieb er 2005,\u00a0noch bevor er zum Papst gew\u00e4hlt wurde, &#8222;ist in die Zone der Intoleranz und des Antidemokratischen ger\u00fcckt. Sie ist kein \u00f6ffentliches, sondern ein privates Gut bzw. ein Gut von Gruppen, aber eben nicht des Ganzen. Anders ausgedr\u00fcckt: Der moderne Begriff von Demokratie scheint mit dem Relativismus unl\u00f6slich verbunden zu sein; der Relativismus aber erscheint als die eigentliche Garantie der Freiheit, gerade auch ihrer wesentlichen Mitte &#8211; der Religions- und Gewissensfreiheit.&#8220; Seien nicht aber diese Werte um einen &#8222;nichtrelativistischen Kern&#8220; herumgebaut?, fragte\u00a0er in seinem Buch &#8222;Werte in Zeiten des Umbruchs&#8220; (Freiburg i. Br. 2005). Gemeint hatte er damit die Menschenrechte, die nicht &#8222;ihrerseits dem\u00a0Pluralismus- und dem Toleranzgebot&#8220; unterliegen d\u00fcrften. Denn seien nicht sie Inhalt von\u00a0Toleranz und Freiheit &#8211; und damit unverf\u00fcgbar? Ratzinger wollte damit hinaus auf\u00a0die sittliche Wahrheit, der es gerade in der Demokratie bed\u00fcrfe. Bei wem sie zu suchen w\u00e4re, daran kann ein Papst keinen Zweifel lassen.<\/p>\n<p>[ratings]<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Benedikt XVI. hat am Donnerstag im Berliner Schloss Bellevue die wachsende Gleichg\u00fcltigkeit gegen\u00fcber der Religion beklagt.\u00a0Ich wollte den\u00a0Papst erleben &#8211; und schreibe hier \u00fcber mein<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[19,9,1,14],"tags":[73,26,53,36],"class_list":["post-132","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-artikel","category-lokales","category-politik","category-religion","tag-benedikt-xvi","tag-glaube","tag-identitat","tag-kirche"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/michael-kunze.net\/category\/artikel\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/132","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/michael-kunze.net\/category\/artikel\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/michael-kunze.net\/category\/artikel\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/michael-kunze.net\/category\/artikel\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/michael-kunze.net\/category\/artikel\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=132"}],"version-history":[{"count":10,"href":"https:\/\/michael-kunze.net\/category\/artikel\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/132\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":134,"href":"https:\/\/michael-kunze.net\/category\/artikel\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/132\/revisions\/134"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/michael-kunze.net\/category\/artikel\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=132"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/michael-kunze.net\/category\/artikel\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=132"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/michael-kunze.net\/category\/artikel\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=132"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}