{"id":137,"date":"2013-08-03T16:42:27","date_gmt":"2013-08-03T16:42:27","guid":{"rendered":"http:\/\/michael-kunze.net\/?p=137"},"modified":"2019-02-21T07:02:56","modified_gmt":"2019-02-21T07:02:56","slug":"eine-stadt-auf-vier-radern","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/michael-kunze.net\/category\/artikel\/2013\/08\/03\/eine-stadt-auf-vier-radern\/","title":{"rendered":"Eine Stadt auf vier R\u00e4dern"},"content":{"rendered":"<p>ZWICKAU. Erst Horch, dann Trabi, schlie\u00dflich Golf: In Zwickau ist die Autoproduktion seit Jahrzehnten zu Hause. Die Stadt in Sachsen ist auch f\u00fcr Studenten interessant &#8211; nicht nur aus China.<!--more--><\/p>\n<p>Das B\u00fcro liegt auf einer Anh\u00f6he im Gr\u00fcnen, und doch reicht der Blick ins Tal hinein bis zur Barockhaube der Zwickauer Marienkirche. Hinter dem wei\u00dfget\u00fcnchten Funktionsbau aus Glas und Beton steht ein Holzkohlegrill, freitags wird er angeworfen, wenn das Wochenende eingel\u00e4utet wird. Der kleine Springbrunnen im Gartenteich pl\u00e4tschert friedlich vor sich hin. Hier, in einem Gewerbegebiet des Stadtteils Marienthal, betreibt Josef Sch\u00fctz seine Strategie- und Unternehmensberatung. Zw\u00f6lf Leute arbeiten f\u00fcr ihn. Aufw\u00e4rts gehe es, was auch f\u00fcr die Unternehmen gelte, die er ber\u00e4t. \u201eBeachtlich\u201c nennt Sch\u00fctz die Aufholjagd, die Stadt und Region auch wirtschaftlich in den letzten Jahren zur\u00fcckgelegt haben. In den Osten gelockt hat den geb\u00fcrtigen Niederbayer kurz nach der Wende die \u201eAbenteuerlust\u201c, wie er l\u00e4chelnd einr\u00e4umt. Seine Eltern h\u00e4tten das zuerst nicht verstanden und ihn \u201ef\u00fcr verr\u00fcckt erkl\u00e4rt\u201c. Sp\u00e4ter seien sie von seiner neuen Heimat begeistert gewesen.<\/p>\n<p>Der 44-J\u00e4hrige, der eine S\u00e4chsin heiratete, wohnt seit 1996 mit Frau und drei Kindern im Zwickauer Vorort Gospersgr\u00fcn, der seinem Namen alle Ehre macht. \u201eWir f\u00fchlen uns wohl auf dem Land, und sind doch ganz nah an der Stadt\u201c, sagt Sch\u00fctz. Als er nach Zwickau kam, sei er mit offenen Armen empfangen worden. An seinem nach wie vor h\u00f6rbaren Dialekt habe sich kaum jemand gesto\u00dfen, schlie\u00dflich seien auch die Sachsen f\u00fcr ihr einschl\u00e4giges Idiom hinl\u00e4nglich bekannt. Bei den Zwickauern sp\u00fcrt er starke Heimatgef\u00fchle, eng verbunden f\u00fchlten sie sich mit ihrer Stadt. Sch\u00fctz erinnert das an seine bayerische Herkunft. \u201eLandschaftlich\u201c, sagt er. \u201eHabe ich mich sowieso kaum umstellen m\u00fcssen.\u201c Sanfte Berge und T\u00e4ler wechseln sich um Zwickau herum ab wie rund um den Straubinger G\u00e4uboden, wo er herstammt.<\/p>\n<p>Die m\u00e4chtige Donau hat er gegen die kleinere Mulde getauscht, den Bayerischen Wald mit dem nahen Erzgebirge. Will er es etwas gr\u00f6\u00dfer, f\u00e4hrt Sch\u00fctz nach Erfurt, Dresden oder Leipzig. H\u00f6chstens anderthalb Stunden sind das \u00fcber die Autobahn. Bleibt Zeit nach der Arbeit oder an Wochenenden, geht es im Winter zum Skifahren ins nahe Gebirge, im Sommer auf den Neun-Loch-Platz zum Golf, der mit Panoramablick bis zum Fichtelberg wirbt.<\/p>\n<p>Die gute Wirtschaftsentwicklung seit Anfang der neunziger Jahre verdankt Zwickau freilich vor allem einer Branche. Einst stand die Stadt f\u00fcr Horch, sp\u00e4ter Audi &#8211; das Unternehmen wurde 1910 hier gegr\u00fcndet &#8211; und die Autounion, dann f\u00fcr das DDR-Kultauto Trabi. Seit mehr als zwei Jahrzehnten nun baut der Volkswagen-Konzern in seinem gr\u00f6\u00dften ostdeutschen Werk Golf und Golf Variant, die Passat-Limousine, Phaeton-Karosserien und Bentley-Continental-Pressteile. 7000 Menschen haben in der Zwickauer Dependance Arbeit gefunden, im nahe gelegenen VW-Motorenwerk in Chemnitz sind es noch einmal 1500. Dutzende mittelst\u00e4ndische Zulieferer zogen allein in Zwickau nach, die mindestens 15.000 Stellen mit sich brachten. \u201eDie Zulieferfirmen, die nach 1990 der ehemaligen Trabantschmiede Sachsenring entwuchsen oder sich seither ansiedelten, arbeiten l\u00e4ngst nicht mehr nur f\u00fcr Volkswagen\u201c, sagt Stadtsprecher Mathias Merz. Die Produktpalette reiche von \u201eA wie Abgassysteme \u00fcber S wie Sitze bis Z wie zukunftsweisende Antriebstechnologien\u201c. So lie\u00dfen sich beispielsweise die Batteriehersteller Johnson Controls und Hoppecke in Zwickau nieder, Tower Automotive baute ein gro\u00dfes Presswerk, mit Wesoma, Astra oder Ilkazell kamen Maschinen- und Anlagenbauer in die Stadt, Siebenwurst brachte den Werkzeugbau.<\/p>\n<p>Im Zwickauer Umland nahmen die Spindel- und Lagerungstechnik Fraureuth, die Umformtechniker von Salzgitter Hydroforming oder Magna ihr Domizil, dazu der Verdichterhersteller ZM Borsig, der Verteilerfahrzeugproduzent Saxas oder Linamar, wo Antriebstechniken entwickelt werden, sagt Torsten Spranger, Gesch\u00e4ftsf\u00fchrer der IHK-Regionalkammer Zwickau. F\u00fcr ihn ist die Automobilindustrie zwar die weiterhin \u201epr\u00e4gende S\u00e4ule\u201c der gesamten Region.<\/p>\n<p>L\u00e4ngst aber sind in Stadt und Nachbargemeinden Gewerbestandorte auch deshalb rar geworden, weil man \u00fcber die Autobranche wirtschaftlich hinausgewachsen ist. Zur \u00f6rtlichen chemischen Industrie z\u00e4hlen zum Beispiel eine Niederlassung des britischen Arzneimittelherstellers Aesica Pharmaceuticals oder der Bauchemiehersteller Bornit. Seit Jahren wird in Zwickau eine der niedrigsten Arbeitslosenquoten Sachsens gemessen, binnen dreier Jahre sank sie von 12,5 auf 7,9 Prozent. Die Quote der sozialversicherungspflichtig Besch\u00e4ftigten stieg nach Angaben der Bundesagentur f\u00fcr Arbeit von 51,6 Prozent vor vier Jahren auf 58,1 Prozent Mitte 2012. Zum Vergleich: In K\u00f6ln sind es im vergangenen Jahr 50,1, in M\u00fcnchen 56,0 Prozent gewesen.<\/p>\n<p>Trotz des Besch\u00e4ftigungsmotors Fahrzeug- und Maschinenbau, der auf Industrieschlote und Fabrikhallen schlie\u00dfen lie\u00dfe, ist das Stadtbild harmonisch. In einer weiten Talaue gelegen, als Tor zu Vogtland und Erzgebirge, ist Zwickau mit 92 000 Einwohnern zudem gerade gro\u00df genug, um alle wichtigen Kultur- und Freizeiteinrichtungen vorzuhalten, die urbanes Leben interessant machen: Kinos, Gewandhaus, Stadt- und Konzerthalle, Schwimmb\u00e4der, darunter das historische Johannisbad im Jugendstil, \u00fcppig gr\u00fcne Parkanlagen, oder der weite Schwanenteich, treffender: -see, der im Sommer Gondelfahrer anlockt, Jogger und Flaneure. Zwickau ist aber klein genug, um Vertrautheit, N\u00e4he, \u00dcberschaubarkeit auszustrahlen. Zwischen der fr\u00fcheren Wettinerresidenz Osterstein, einem prachtvollen Renaissanceschloss, in dem &#8211; vor\u00fcbergehend zum Gef\u00e4ngnis umfunktioniert &#8211; einst Karl May, August Bebel oder Rosa Luxemburg einsa\u00dfen, und dem Hauptmarkt mit dem Rathaus aus dem Jahr 1404 entspannt sich ein sternf\u00f6rmiges Stra\u00dfen- und Gassengewirr. Restaurants, Caf\u00e9s, Fach- und Einzelhandel wechseln einander ab in sanierten Gr\u00fcnderzeitbauten. Auf den mittelalterlichen Domhof zulaufend, zeugen sie vom einstigen Reichtum der Stadt aus langer Bergbautradition.<\/p>\n<p>Dank Zwickaus ber\u00fchmtestem Sohn, dem Komponisten Robert Schumann, wird nicht nur klassische Musik in der Stadt besonders gef\u00f6rdert. Am Hauptmarkt steht Schumanns Geburtshaus, alle vier Jahre findet der nach ihm benannte, international f\u00fcr Aufsehen sorgende Wettbewerb f\u00fcr Klavier und Gesang statt. Im Robert-Schumann-Konservatorium &#8211; mit einem Internat f\u00fcr Elf- bis Achtzehnj\u00e4hrige &#8211; werden alle wichtigen Stile und Musikinstrumente unterrichtet. Nur wenige hundert Meter sind es von dort bis zur evangelischen Marienkirche, die im Volksmund selbstbewusst \u201eDom\u201c genannt wird, obwohl hier nie ein Bischofsstuhl stand.<\/p>\n<p>Selbstbewusst tritt die Stadt auch in weit gegenwartsbezogeneren Fragen auf. Die direkt im Zentrum gelegene Fachhochschule wirbt dazu mit modernen Unterrichts- und Forschungsr\u00e4umen, g\u00fcnstigen Wohnheimen und einem ungew\u00f6hnlichen Mix an Studienf\u00e4chern. Zu Klassikern wie Maschinenbau oder Informatik kommen Geb\u00e4rdensprache, ein deutsch-chinesischer Kombinationsstudiengang mit einem obligatorischen Auslandssemester an einer chinesischen Partnerhochschule, Musikinstrumentenbau f\u00fcr Bogen-, Geigen- und Zupfinstrumente sowie Textil- und Ledertechnik.<\/p>\n<p>Auch in Sachen Kinderfreundlichkeit will man in Zwickau nichts anbrennen lassen, denn trotz Wanderungsgewinnen verliert die Stadt wegen zu weniger Geburten noch immer Einwohner. Mit einer Betreuungsquote von 78 Prozent in Kindertageseinrichtungen liegt sie weit oberhalb des Durchschnitts in Deutschland. Auch ein Begr\u00fc\u00dfungsgeld f\u00fcr Neugeborene wird gezahlt. Zwickau will junge Leute anziehen, lockt mit geschmackvollen Gr\u00fcnderzeit- und Jugendstilh\u00e4usern in der Nord- oder Bahnhofsvorstadt wie d\u00f6rflicher Idylle in den l\u00e4ndlichen oder jedenfalls besonders begr\u00fcnten Arealen.<\/p>\n<p>Dorthin hat es auch Maria Ettl mit ihrer Familie gezogen. Mit Mann und beiden Kindern wohnt die 30 Jahre alte Frau in einem Haus im waldnahen Stadtteil Wei\u00dfenborn. Ettl ist in Zwickau geboren und aufgewachsen. Zu ihrem Medizinstudium zog sie nach Halle an der Saale, wo sie ihren sp\u00e4teren Mann kennenlernte. Wie sie hat er Medizin studiert, stammt aber aus dem oberbayrischen Alt\u00f6tting. Trotzdem sei er gerne mit ihr nach Zwickau gegangen, sagt seine Frau. Beide, er angehender An\u00e4sthesist, sie Gyn\u00e4kologin, haben Stellen im st\u00e4dtischen Krankenhaus und sch\u00e4tzen die N\u00e4he zu Ettls Eltern. Sie sind in der katholischen Kirchgemeinde aktiv und finden \u201eZwickau sehr famili\u00e4r\u201c, sagt Maria Ettl. Die Leute seien freundlich und offen, die Gr\u00f6\u00dfe der Stadt \u201egerade richtig\u201c.<\/p>\n<p>Wenn neben Familie und Beruf noch Zeit bleibt, gehen sie auf einen Cocktail oder Cappuccino mit Freunden in die im Neobarock errichtete \u201eMoccabar\u201c am Schumannplatz. Oder ins Kino. Fr\u00fcher stand das \u201eNachtwerk\u201c hoch im Kurs, die gr\u00f6\u00dfte Disko weit und breit. Das freilich hat mit Kindern ein nat\u00fcrliches Ende genommen. Dann schon eher im Winter ins Eisstadion im Nachbarort zum Schlittschuhlaufen. Im Sommer ist der Mulderadweg sehr beliebt. Nur Fernbahnfahrten sollten genau \u00fcberlegt werden &#8211; seit zehn Jahren ist die Muldestadt ganz vom ICE-Netz abgekoppelt.<\/p>\n<p>[ratings]<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>ZWICKAU. Erst Horch, dann Trabi, schlie\u00dflich Golf: In Zwickau ist die Autoproduktion seit Jahrzehnten zu Hause. 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