{"id":1416,"date":"2015-01-02T18:54:42","date_gmt":"2015-01-02T18:54:42","guid":{"rendered":"http:\/\/michael-kunze.net\/category\/artikel\/?p=1416"},"modified":"2019-02-20T11:16:34","modified_gmt":"2019-02-20T11:16:34","slug":"konnen-sie-nicht-ihren-chef-schicken","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/michael-kunze.net\/category\/artikel\/2015\/01\/02\/konnen-sie-nicht-ihren-chef-schicken\/","title":{"rendered":"&#8222;K\u00f6nnen Sie nicht Ihren Chef schicken?&#8220;"},"content":{"rendered":"<figure id=\"attachment_2656\" aria-describedby=\"caption-attachment-2656\" style=\"width: 280px\" class=\"wp-caption alignleft\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\" wp-image-2656 \" alt=\"Untersch\u00e4tzt und kaum beachtet: Eine kleine Studie stellt Unternehmerinnen in der DDR vor. Cover: Verlag.\" src=\"http:\/\/michael-kunze.net\/wp-content\/uploads\/2015\/01\/6C05762B-3CE8-4248-BB80-68A156533AB2.jpeg\" width=\"280\" height=\"389\" srcset=\"https:\/\/michael-kunze.net\/wp-content\/uploads\/2015\/01\/6C05762B-3CE8-4248-BB80-68A156533AB2.jpeg 400w, https:\/\/michael-kunze.net\/wp-content\/uploads\/2015\/01\/6C05762B-3CE8-4248-BB80-68A156533AB2-215x300.jpeg 215w, https:\/\/michael-kunze.net\/wp-content\/uploads\/2015\/01\/6C05762B-3CE8-4248-BB80-68A156533AB2-250x347.jpeg 250w\" sizes=\"auto, (max-width: 280px) 100vw, 280px\" \/><figcaption id=\"caption-attachment-2656\" class=\"wp-caption-text\">Untersch\u00e4tzt und bislang kaum beachtet: Eine kleine Studie stellt Unternehmerinnen in der DDR vor. Cover: Verlag.<\/figcaption><\/figure>\n<p>Die DDR f\u00f6rderte berufst\u00e4tige Frauen, jedoch nicht nur zur Gleichberechtigung. Ihre Arbeitskraft war dringend erforderlich. In welchem Zwiespalt sich dabei Unternehmerinnen befanden, zeigt eine neue Studie.<\/p>\n<p>CHEMNITZ. Irmgard Fuhrmann, Ulrike Kaufmann und die 2010 verstorbene Eleonore Vogel hatten eines gemeinsam: Sie k\u00e4mpften auch in der DDR &#8222;in einer von M\u00e4nnern dominierten Welt&#8220;. Damit waren sie zwar nicht allein. Die meisten Frauen mussten sich aber nicht &#8222;gegen das Leitbild des \u201aAusbeuters\u2018&#8220; wehren. Diese Rolle, schreiben der Paderborner Wirtschaftswissenschaftler Peter Becker und der Politologe Sebastian Liebold von der TU Chemnitz, war unter ihnen den Unternehmerinnen vorbehalten.\u00a0Unter dem Titel &#8222;Kleiner Markt im gro\u00dfen Plan &#8211; drei Unternehmerinnen in der DDR&#8220; skizzieren die Forscher Leben und Arbeit der Querfurter Weinh\u00e4ndlerin Fuhrmann, der Inhaberin eines Chemnitzer Medizintechnikvertriebs, Kaufmann, und der Druckereibesitzerin Vogel aus Schwarzenberg unter <!--more-->den Widrigkeiten der Planwirtschaft: &#8222;Zum einen sollte jede Frau in der DDR \u201awerkt\u00e4tig\u2018 sein und einen Beruf ergreifen&#8220;, andererseits aber &#8222;niemand durch privatwirtschaftliche Initiative&#8220; den Sozialismus infrage stellen, kennzeichnen sie deren Dilemma. Daraus habe sich &#8222;st\u00e4ndiges Misstrauen&#8220; gegen die Frauen ergeben, schreiben die Autoren in ihrem Buch, f\u00fcr das sie Firmenarchive ausgewertet und Interviews gef\u00fchrt haben.<\/p>\n<p>Obwohl die in der DDR gef\u00f6rderte Berufst\u00e4tigkeit von vielen Frauen begr\u00fc\u00dft wurde, stie\u00df sie auch an Grenzen, besonders dann, wenn damit F\u00fchrungsfunktionen verbunden waren, die traditionell M\u00e4nner inne hatten. So h\u00f6rten Fuhrmann und Kaufmann beim Rat des Kreises oder des Bezirkes zuweilen die Frage &#8222;K\u00f6nnen Sie nicht Ihren Chef schicken?&#8220;, sagt Liebold.<\/p>\n<p>Die \u00f6konomische Unabh\u00e4ngigkeit, die Erwerbsarbeit f\u00fcr viele Frauen brachte, verdeckt dabei in der Bewertung zuweilen die Tatsache, dass ihre Arbeitskraft auch aus volkswirtschaftlichen Gr\u00fcnden dringend gebraucht wurde. Knapp vier Millionen Menschen verlie\u00dfen die DDR bis 1989, w\u00e4hrend laut Potsdamer Zentrum f\u00fcr Zeithistorische Forschung nur rund 600.000 die Gegenrichtung w\u00e4hlten. Um den Fachkr\u00e4fteverlust auszugleichen, war die DDR auf Frauen angewiesen &#8211; wie auch auf kleine Privatbetriebe, die vor allem in den Anfangsjahren mithelfen sollten, den Bedarf an Nahrungsmitteln, Dienstleistungen oder technischem Ger\u00e4t zu decken.<\/p>\n<p><b>Viele Unternehmer geben auf<\/b><\/p>\n<p>Erst mit fortschreitender Vergesellschaftung der Produktionsmittel gaben viele Unternehmer auf. Dass hier und da Frauen die Gesch\u00e4fte \u00fcbernahmen, hatte weniger mit der DDR-Wirtschaftspolitik zu tun als mit dem Weltkrieg: Weil Fuhrmanns Ehemann und Vogels Bruder an die Front mussten, \u00fcbernahmen sie Verantwortung.<\/p>\n<p>Das Leitbild des eigenverantwortlichen Unternehmers wurde dann in der DDR auch durch die Ausschaltung des Kr\u00e4ftespiels zwischen Angebot und Nachfrage au\u00dfer Kraft gesetzt: &#8222;Es war wie verkehrte Welt&#8220;, wird die 1921 geborene Irmgard Fuhrmann im Buch zitiert. &#8222;Du brauchtest die Ware nicht an den Mann bringen, das ging von alleine. Du musstest nur sehen, dass Ware herkam.&#8220; Das Angebot gab vor, was nachgefragt werden konnte. Zunehmend sollten dabei &#8222;volkseigene&#8220; Betriebe Auftr\u00e4ge der privaten \u00fcbernehmen. Wo es zu Konflikten mit Beh\u00f6rden kam, zogen oft letztere den K\u00fcrzeren: So erhielt Vogels Druckerei nach einem Streit zwischen einer Kirchgemeinde als Auftraggeber f\u00fcr ein Informationsblatt und dem Rat des Kreises als Genehmigungsinstanz weniger Papier zugeteilt.<\/p>\n<p><b>\u00c4mter legen Steine in den Weg<\/b><\/p>\n<p>Auch das 1932 in Chemnitz gegr\u00fcndete Unternehmen Medizintechnik Kaufmann &amp; K\u00f6ckritz litt unter Benachteiligungen. 1971 \u00fcbernahm Ulrike Kaufmann das seit 1968 an der heutigen Zschopauer Stra\u00dfe ans\u00e4ssige Gesch\u00e4ft von ihrem Vater. Der Handel mit Luftentkeimungs- und Infrarotlampen oder Kurzwellen-Therapieger\u00e4ten florierte &#8222;auf dem Gebiet der ganzen DDR&#8220;, hei\u00dft es im Buch. Erschwert wurde der Einsatz dadurch, dass die Firma von der zust\u00e4ndigen Stelle keinen Kleintransporter bewilligt bekam. Paradoxerweise waren es gerade amtliche Stellen wie die Nationale Volksarmee, die die Firma mit Auftr\u00e4gen bedachten, weil diese schneller als von staatlichen Betrieben erledigt wurden.<\/p>\n<p>Die Versorgungslage blieb indes prek\u00e4r: Da die DDR beispielsweise Stethoskope aus eigener Produktion in den Westen verkaufte, wurde mit Ersatz aus Indien gehandelt. \u00c4rzte klagten allerdings, sie seien zu schmal f\u00fcr ihre K\u00f6pfe und zerbr\u00e4chen bereits bei der Anprobe.<\/p>\n<p>So war die Unternehmerin durch den Wegfall des Wettbewerbs &#8222;zum Verteiler in einem System degeneriert, zu dem sie [\u2026] nicht geh\u00f6ren wollte&#8220;, res\u00fcmieren die Autoren. Sie konnte ihre Firma &#8222;nicht mehr selbst lenken&#8220;. Das \u00fcbernahm der Staat.<\/p>\n<p><b>Im Buchhandel erscheint <\/b>die Studie Anfang 2015:<\/p>\n<p><em>Becker, Peter Karl\/Sebastian Liebold: Kleiner Markt im gro\u00dfen Plan &#8211; drei Unternehmerinnen in der DDR, Sax-Verlag, Beucha\/Markkleeberg 2015, 76 Seiten, 9,80 Euro.<\/em><\/p>\n<p><strong>Drei Chefinnen<\/strong><\/p>\n<p>Weinhandlung Fuhrmann in Querfurt (Sachsen-Anhalt): Gesch\u00e4ftst\u00e4tigkeit von 1913 bis 1991, davon unter Inhaberin Irmgard Fuhrmann von 1970 bis 1991.<\/p>\n<p>Medizintechnik Kaufmann &amp; K\u00f6ckritz in Chemnitz: Gesch\u00e4ftst\u00e4tigkeit von 1932 bis 2004, davon in der Zeit von 1971 bis 2004 unter Inhaberin Ulrike Kaufmann.<\/p>\n<p>Druckerei Ludwig in Schwarzenberg: Gesch\u00e4ftst\u00e4tigkeit von 1891 bis 2005 (seit 1977 unter anderem Namen), davon 1960 bis 1977 unter Inhaberin Eleonore Vogel.<\/p>\n<p>[ratings]<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die DDR f\u00f6rderte berufst\u00e4tige Frauen, jedoch nicht nur zur Gleichberechtigung. Ihre Arbeitskraft war dringend erforderlich. In welchem Zwiespalt sich dabei Unternehmerinnen befanden, zeigt eine neue Studie. CHEMNITZ. Irmgard Fuhrmann, Ulrike Kaufmann und die 2010 verstorbene Eleonore Vogel hatten eines gemeinsam: Sie k\u00e4mpften auch in der DDR &#8222;in einer von M\u00e4nnern dominierten Welt&#8220;. 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