{"id":1431,"date":"2015-01-21T11:36:13","date_gmt":"2015-01-21T11:36:13","guid":{"rendered":"http:\/\/michael-kunze.net\/category\/artikel\/?p=1431"},"modified":"2019-09-07T07:45:54","modified_gmt":"2019-09-07T07:45:54","slug":"klartext-bitte","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/michael-kunze.net\/category\/artikel\/2015\/01\/21\/klartext-bitte\/","title":{"rendered":"Klartext, bitte!"},"content":{"rendered":"<p>Journalisten sollen pr\u00e4zise und verst\u00e4ndlich schreiben. Oft gelingt ihnen das nicht (mehr). Weil die Zeit fehlt, eigene Texte zu \u00fcberarbeiten, oder es an Fertigkeiten mangelt. Aber auch, weil sie mit der Sprache von Dritten umgehen m\u00fcssen, die sie gern um Unklaren lassen.<\/p>\n<p>\u201eSt\u00e4ndig\u201c stehen sie \u201eunter dem Einfluss der Sprache anderer\u201c, schreibt der Medienanalytiker J\u00fcrg H\u00e4usermann. Denn mit Texten, mit Worten Dritter umzugehen \u2013 von Politikern wie Unternehmern, Wissenschaftlern, Hausm\u00e4nnern und Tiefseetaucherinnen, Modesch\u00f6pfern oder Terroristen, von Jungen und Alten, Muttersprachlern und Zuwanderern \u2013, das ist die Aufgabe von Journalisten. Wer da was sagt oder schreibt, vor welchem Hintergrund<!--more-->, in welcher Absicht \u2013 das zu ergr\u00fcnden, darauf kommt es an.<\/p>\n<p>Leicht ist das nicht, ohne Sorgfalt ein hoffnungsloses Unterfangen. Sorgfalt gegen\u00fcber dem Inhalt fremder Texte und ihrem Verst\u00e4ndnis, auch jedoch dem, was daraus \u201egemacht wird\u201c. Denn davon h\u00e4ngt die journalistische Glaubw\u00fcrdigkeit ab. Die Frage nach dem Was kommt aber nicht aus ohne die nach dem Wie \u2013 nach journalistischer Form, Stil, Orthografie und Grammatik.<\/p>\n<p>Dass hier l\u00e4ngst Defizite bestehen, mag auch an der im Internetzeitalter weiter sinkenden, indes seit jeher geringen Halbwertszeit journalistischer Texte liegen: Was heute aufgeschrieben wird, ist oftmals morgen schon Schnee von gestern. Welchen Aufwand wert ist da der Kampf gegen falsche inhaltliche Bez\u00fcge, grammatikalische Konstruktionen, die nicht aufgehen, oder verwirrende Formatierungen?<\/p>\n<p>Wenn es immer wichtiger wird, ein Ereignis schnell zu melden als \u2013 zun\u00e4chst \u2013 Hintergr\u00fcnde zu pr\u00fcfen oder eine zweite und dritte Quelle einzuholen, steht es auch um den Wert von Orthografie, Grammatik, Stil zunehmend schlechter. Sprachliche und stilistische Sorgfalt aber brauchen Zeit, auch wenn Erfahrung und gesunde Routine helfen.<\/p>\n<p><b>Prinzip \u201eMasse statt Klasse\u201c setzt verh\u00e4ngnisvolle Dynamik in Gang<\/b><\/p>\n<p>Wer liest seine Texte noch ein, zwei, drei Mal selbst, bevor er sie der Schlussredaktion f\u00fcr die Printausgabe oder direkt den Online-Kollegen \u00fcbergibt? Vor allem der schnelle Schreiber gewinnt den Respekt der Kollegen \u2013 mag es auch Unterschiede geben: je nach Anlass, Medium, Redaktion und Textgenre. In der Tendenz jedoch zeichnet sich ab: Wer sich Zeit nimmt f\u00fcr sein St\u00fcck, am und mit dem Text arbeitet, gilt schon Wohlmeinenden als Pedant, dar\u00fcber hinaus aber als lahm oder gar jemand, der auf Kosten der Arbeitspferde, die die \u201eZeitung f\u00fcllen\u201c, nach Ansehen strebe. Auch den Vorwurf der Faulheit m\u00fcssen sich manche gefallen lassen, auf die er nicht zutrifft.<\/p>\n<p>L\u00e4ngst hat die Logik \u201eMasse statt Klasse\u201c, die gleichwohl w\u00f6rtlich kaum wer offen vertreten wird, eine verh\u00e4ngnisvolle Dynamik in Gang gesetzt \u2013 teils als Folge betriebswirtschaftlichen Rationalisierungsdrucks, unter dem besonders die Printmedien seit Jahren \u00e4chzen. Paradoxerweise tritt damit auch eine neue Form der Bequemlichkeit \u2013 die, nicht mehr nacharbeiten, am Text feilen zu m\u00fcssen \u2013 an den Tag. Und mit dieser sind das Ungef\u00e4hre und Vage auf dem Vormarsch, nicht das Bestimmte, die Pr\u00e4zision.<\/p>\n<p><b>\u201eMitarbeiter der Wahrheit\u201c<\/b><\/p>\n<p>Gewiss, Journalisten m\u00fcssen mit dem klarkommen, was andere gesprochen und geschrieben haben \u2013 sie sind auf Pressemitteilungen angewiesen, Expertisen, die sich mitunter widersprechen, auf Gesch\u00f6ntes, Verzerrtes, Einseitigkeiten, Teilwahrheiten, verungl\u00fcckte Begriffspr\u00e4gungen, die aus gesellschaftlichen und technischen Entwicklungen herr\u00fchren. Wer Beispiele f\u00fcr letztere sucht, dem sei das jeweilige \u201eUnwort\u201c der vergangenen Jahre in Erinnerung gerufen (von \u201eHerdpr\u00e4mie\u201c \u00fcber \u201eNotleidende Banken\u201c bis hin zu \u201eD\u00f6ner-Morde\u201c). Auch Medienleute sind nicht schuldlos an Entstehung und Verbreitung inhaltlich fragw\u00fcrdiger Konstruktionen.<\/p>\n<p>Trotz all des Nebels und Wirrwarrs, der sie beg\u00fcnstigt: \u201eEnten\u201c oder falschen Behauptungen d\u00fcrfen Journalisten nicht aufsitzen. Als ganz weltliche Cooperatores veritatis (\u201eMitarbeiter der Wahrheit\u201c) ist es ihre Aufgabe, diese zu erkennen und \u2013 unabh\u00e4ngig davon \u2013 mit den Interessenlagen derer umzugehen, die etwas zu Papier bringen, in Mikrofone oder hinter vorgehaltener Hand sagen.<\/p>\n<p>Die Vielfalt der T\u00f6ne und Zeichen, Worte, Gesten und Geb\u00e4rden \u2013 sie kann verwirren, \u00fcberfordern, zu Falschdeutungen f\u00fchren; sie kann die Wahrheit im Unklaren und Verborgenen halten, die aufzusp\u00fcren und ans Licht zu bringen eine der Verpflichtungen journalistischer T\u00e4tigkeit ist. Denn Journalisten arbeiten nicht f\u00fcr sich, sie stehen auch nicht \u2013 allen Verschw\u00f6rungstheorien zum Trotz \u2013 im Dienste finsterer M\u00e4chte, von Konzernen, Regierungen oder Geheimgesellschaften (was nicht bedeutet, dass es nicht die Gefahr der Verf\u00fchrung g\u00e4be), sondern sie dienen einem breiten Publikum von Lesern, H\u00f6rern, Zuschauern.<\/p>\n<p>Journalisten sind Aufkl\u00e4rer, fassen dazu Bilder in Worte und Worte in Bilder. Dabei muss die Sprache, die sie w\u00e4hlen, klar sein und wohl\u00fcberlegt. Dort, wo inhaltliche Klarheit (vorerst) unm\u00f6glich ist, da Fakten und Zusammenh\u00e4nge (noch) unbekannt sind, darf der Rezipient dar\u00fcber nicht get\u00e4uscht werden. Aufkl\u00e4rer sind also auch jene, die das Unklare so benennen, w\u00e4hrend sie daran arbeiten, Licht ins Dunkel eines Sachverhalts zu bringen.<\/p>\n<p>Der Weg dorthin ist mitunter steinig, oft f\u00fchrt er durch eine verbale Ger\u00f6llw\u00fcste. Er setzt Kompetenzen voraus, die auf Kenntnissen und Erfahrungen beruhen. Wesentlicher Bestandteil ist dabei die Arbeit mit Texten, zun\u00e4chst jenen von Dritten, schlie\u00dflich an den eigenen. Gefahr geht von jenen aus, die Pressemitteilungen oder Verlautbarungen von Organisationen, Politikern oder Unternehmen nicht mehr auf deren Wahrheitsgehalt pr\u00fcfen, sie nicht mehr eingedenk der Absichten des Verfassers interpretieren.<\/p>\n<p><b>Wider die \u201eSprachentleerung\u201c!<\/b><\/p>\n<p>Diese Gefahr hat Auswirkungen f\u00fcr zwei Gruppen \u2013 nicht nur f\u00fcr Medienkonsumenten, die wom\u00f6glich \u00fcber einen Sachverhalt im Unklaren gelassen werden, sondern auch f\u00fcr die Journalisten, auf die dies pers\u00f6nlich und auf die Zunft insgesamt zur\u00fcckf\u00e4llt. Die Angst, sich zu blamieren \u2013 vor Kollegen oder Informationstr\u00e4gern, wenn Nachfragen erforderlich sind, um Inhalte und Hintergr\u00fcnde zu verstehen \u2013, sie best\u00fcnde unbegr\u00fcndet. Denn dies sind sie, die Nachfragen, gerade nicht: eine Schande. Sondern Pflicht. F\u00fcr Journalisten gibt es keine inhaltlich peinliche R\u00fcckfrage. Wo sie aber ausbleibt, obwohl erforderlich, wird in der Konsequenz aus Aufkl\u00e4rung mitunter (unbeabsichtigt) Verdunkelung.<\/p>\n<p>\u201eMerkw\u00fcrdigerweise\u201c leiste dieser Gefahr gerade die Sprache der modernen, der \u201everwalteten Welt\u201c Vorschub, die \u201enicht etwa eindeutiger, genauer und rationaler geworden\u201c sei, schrieb der Journalist Karl Korn bereits Ende der 1950er-Jahre. Zeichen der Zeit seien vielmehr deren \u201eAufschwellung und zugleich eine Entleerung\u201c \u2013 in der Sprache der Formulare und Bescheide, der B\u00fcrokratie und angesichts technischer Entwicklungen. Korn f\u00fchrte seinerzeit schon unz\u00e4hlige Beispiele an, die als Abstrakta, obwohl sie \u201eeinen konkreten Sachverhalt bezeichnen\u201c, doch jede Anschaulichkeit vermissen lie\u00dfen: von \u201eBedarfstr\u00e4ger\u201c \u00fcber \u201eBauleitplan\u201c oder \u201eSozialprodukt\u201c bis hin zu \u201eSt\u00f6rgr\u00f6\u00dfe\u201c, \u201earbeitsm\u00e4\u00dfig\u201c oder \u201eJahres-Bestzeit\u201c. Das Internet hat diese Welle von W\u00f6rtern in eine Flut verwandelt.<\/p>\n<p>Mit dieser \u201eEntleerung\u201c der Sprache muss der Journalist umzugehen lernen, er darf ihr nicht selbst zum Opfer fallen, sie gar bef\u00f6rdern. Diese Herausforderung will jeden Tag aufs Neue gemeistert werden, nicht nur f\u00fcr die Reportage \u00fcber das Lieblingsthema. Sie gilt auch f\u00fcr die kleine Nachricht \u00fcber den unbedeutenden Blechschaden oder den Bericht \u00fcber die an Kontroversen arme Gemeinderatssitzung.<\/p>\n<p>Sprache ist die Arbeitsgrundlage des Journalisten wie des Unternehmenssprechers, Politikers, Lobbyisten, Religionsf\u00fchrers. Ihre \u00f6ffentlichkeitswirksame Verwendung setzt hohes Verantwortungsbewusstsein voraus, ihr Missbrauch kann gef\u00e4hrlicher sein als Tausende S\u00e4bel oder Gewehre.<\/p>\n<p>Durch ihre im Wortsinne vermittelnde Rolle tragen Medienleute eine besondere Verantwortung: Sie d\u00fcrfen Inhalte nicht entstellen, sondern m\u00fcssen sie freilegen. Das setzt Achtsamkeit voraus \u2013 daf\u00fcr, verst\u00e4ndlich zu schreiben, schiefe Sprachbilder, entstellende Redewendungen oder Metaphern zu meiden. Flotte Schreibe jedenfalls, haben die Journalistinnen Jutta Hinkel und Alexandra Rehn geschrieben, ist nicht automatisch Zeichen guten Stils \u2013 inhaltliche wie formale Sorgfalt allerdings Merkmal eines guten Journalisten.<\/p>\n<p>[ratings]<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Journalisten sollen pr\u00e4zise und verst\u00e4ndlich schreiben. Oft gelingt ihnen das nicht (mehr). Weil die Zeit fehlt, eigene Texte zu \u00fcberarbeiten, oder es an Fertigkeiten mangelt. 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