{"id":146,"date":"2013-02-23T10:23:49","date_gmt":"2013-02-23T10:23:49","guid":{"rendered":"http:\/\/michael-kunze.net\/?p=146"},"modified":"2014-07-03T12:37:13","modified_gmt":"2014-07-03T12:37:13","slug":"azubi-not-macht-erfinderisch","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/michael-kunze.net\/category\/artikel\/2013\/02\/23\/azubi-not-macht-erfinderisch\/","title":{"rendered":"Azubi-Not macht erfinderisch"},"content":{"rendered":"<p>Mehr Geld, Weiterbildung und Reisen nach Norwegen &#8211; Unternehmen in Ostdeutschland m\u00fcssen um jeden Lehrling k\u00e4mpfen. Denn sie leiden besonders stark unter dem demographischen Wandel.<!--more--><\/p>\n<p>Im Osten Deutschlands drohen die Lichter auszugehen. Nicht jetzt, aber bald. Die Einwohnerzahl schrumpft. Unternehmen, die noch vor wenigen Jahren aus Dutzenden Bewerbungen ihre Auszubildenden w\u00e4hlen konnten, suchen nun h\u00e4nderingend Nachwuchs &#8211; und finden ihn immer seltener. Betroffen sind vor allem Kleinbetriebe jenseits der Leuchtt\u00fcrme. Ein Teufelskreis beginnt, denn finden Unternehmen keine Lehrlinge, ziehen sie fort oder machen dicht. Wer bleibt, hat das Nachsehen, neue kommen nicht.<\/p>\n<p>Firmen, Kammern, Verb\u00e4nde, die Politik &#8211; sie alle \u00fcberlegen, wie junge Leute angelockt und zum Bleiben bewegt werden k\u00f6nnen. Pfiffige Ideen sind gefragt. Die Handwerkskammer (HWK) Leipzig geht voran. Ihr Beispiel k\u00f6nnte Schule machen, holt sie doch seit 2010 jedes Jahr norwegische Lehrlinge in die Messestadt und schickt deutsche nach Skandinavien. Zehn hin, zehn her &#8211; jeweils f\u00fcr drei Wochen. \u201eAm Anfang stand ein Ausbilderaustausch, heute geht es darum, unseren Lehrlingen den Blick in die Welt zu \u00f6ffnen\u201c, sagt Thomas B\u00f6ttcher, der das Programm, finanziert vom Bundesministerium f\u00fcr Bildung und Forschung, an der HWK Leipzig betreut. Ziel sei es dabei nicht, Norweger nach Ostdeutschland abzuwerben, um die wachsende Lehrstellenl\u00fccke wieder zu schlie\u00dfen. Es gehe vielmehr darum, Kontakte zwischen Firmen herzustellen und Azubis mit fremden Arbeitsabl\u00e4ufen vertraut zu machen. Handwerk sei nichts Altbackenes, Langweiliges, wo nur die unterkommen, die keinen warmen B\u00fcrojob gefunden haben. Das soll die Botschaft sein.<\/p>\n<p>Bindung durch Belohnung<\/p>\n<p>Ein vergleichbares Projekt gibt es in den neuen L\u00e4ndern nur im brandenburgischen Cottbus, deutschlandweit sind jedes Jahr 200 Azubis an Bord. Nicht jedem Unternehmen f\u00e4llt es dabei leicht, Lehrlinge freizustellen. Vor allem kleine Betriebe haben Schwierigkeiten &#8211; und tun es doch. Mitfahren darf nur, wer einen Auswahlprozess absolviert; meist sind es so die Besten einer Branche oder eines Jahrgangs: Zimmerleute, Tischler, Steinmetze, Elektroniker. Die Absicht der teilnehmenden Firmen ist es nicht nur, Gesch\u00e4ftskontakte ins Ausland zu kn\u00fcpfen oder den Horizont der Lehrlinge zu weiten. Es gehe auch darum, sie an sich zu binden, um eine Art Belohnung also. \u201eDie Neunziger Jahre\u201c, sagt B\u00f6ttcher, \u201ein denen nur jeder Vierte eine Lehrstelle im dualen System bekam und die H\u00e4lfte eines Jahrgangs nach der Schule direkt in den Westen ging, ein Viertel aber in \u00fcberbetriebliche Ma\u00dfnahmen, diese Zeiten sind vorbei.\u201c<\/p>\n<p>Die Eckdaten geben ihm recht: Z\u00e4hlte allein der s\u00e4chsische Handwerkskammertag 2008 noch 21.000 Ausbildungsverh\u00e4ltnisse, war es 2011 schon ein Drittel weniger &#8211; vor allem, weil (geeignete) Bewerber fehlen, bleiben immer h\u00e4ufiger Lehrstellen unbesetzt. Im Ausbildungsjahr 2010\/11 meldete die Bundesagentur f\u00fcr Arbeit knapp 91.000 junge Leute in ganz Ostdeutschland, die eine Lehrstelle suchten, gegen\u00fcber mehr als 94.000 Stellen, die Unternehmen angeboten hatten. Auch wenn sich das Verh\u00e4ltnis im Folgejahr noch einmal drehte, d\u00fcrfte das k\u00fcnftig die Ausnahme bleiben. Verursacht wird dies durch die ebenfalls r\u00fcckl\u00e4ufigen Sch\u00fclerzahlen, die in Sachsen bis Mitte des n\u00e4chsten Jahrzehnts nach dem rapiden Einbruch infolge der Wiedervereinigung zwar vielerorts steigen &#8211; jedoch nur vor\u00fcbergehend und von zu niedrigem Niveau aus. Danach setzt sich der Sinkflug fort. Politiker und Unternehmen stehen l\u00e4ngst unter Handlungsdruck. Der Telekommunikationsdienstleister Kommunikation Sachsen AG (Komsa) zum Beispiel, mit 1400 Mitarbeitern und 60 Auszubildenden eines der Zugpferde im Chemnitzer Umland, f\u00e4hrt vielgleisig, um Nachwuchs zu gewinnen und langfristig zu binden. \u201eWir bieten regelm\u00e4\u00dfige Unternehmensf\u00fchrungen an, Ferienjobs, schon in der Schulzeit Praktika, haben Patenschaften \u00fcbernommen, in denen Komsa einzelne Klassen vom achten Schuljahr an bis zum Realschulabschluss oder Abitur begleitet\u201c, sagt Unternehmenssprecherin Katja F\u00f6rster. In Projektwochen k\u00f6nnten Jugendliche \u00fcberdies selbst Hand anlegen und beispielsweise in die Handyreparatur hineinschnuppern. In einem Internetblog berichten Azubis f\u00fcr Gleichaltrige \u00fcber ihre Erfahrungen aus dem Arbeitsalltag. Und dennoch: Seit etwa drei Jahren sinke die Bewerberzahl f\u00fcr ausgeschriebene Lehrstellen. Das Unternehmen hat deshalb j\u00fcngst die Ausbildung in bestimmen kaufm\u00e4nnischen Berufen etwa f\u00fcr Dialogmarketing f\u00fcr Absolventen mit Realschulabschluss ge\u00f6ffnet, bislang hatte man ein Abitur verlangt. Die eigenen Anspr\u00fcche aufweichen wolle man damit nicht, sagt F\u00f6rster. \u201eEs kommt auf den Einzelfall an, wir setzen weiter auf Fertigkeiten und Charakter.\u201c<\/p>\n<p>Gr\u00f6\u00dfere Unternehmen werden so wohl auch k\u00fcnftig Bewerber abweisen k\u00f6nnen, die sie nicht f\u00fcr geeignet halten. In Sachen \u201eEignung und Qualifikation bleiben wir bei den bisherigen Anforderungen\u201c, sagt auch Cornelia Ehrler vom Unternehmen Jenoptik, das mit 1300 Mitarbeitern und knapp 40 Auszubildenden in Jena gemeinsam mit Schott und Carl Zeiss schon 1991 ein Bildungszentrum ins Leben gerufen hat. Dort werden Schnupperlehren, Ausbildungstage oder mehrt\u00e4gige Infocamps zur Berufsorientierung angeboten. Dies alles dient dem Ziel, Interessierten nicht nur Berufsfelder im kaufm\u00e4nnischen Bereich vorzustellen, sondern auch in der feinmechanisch-optischen und in der Glasindustrie. Potentielle Lehrlinge k\u00f6nnen in den verschiedenen Angeboten den Umgang mit Werkzeugen, Werkstoffen, Ger\u00e4ten oder Maschinen erproben und bekommen Tipps zum Bewerbungsverfahren. Geeigneten Nachwuchs zu gewinnen, will hier keiner dem Zufall \u00fcberlassen. Die Kehrseite: Gr\u00f6\u00dfere und bekannte Firmen saugen die besten Kr\u00e4fte weit um ihren Standort ab, kleine m\u00fcssen die nehmen, die \u00fcbrig bleiben.<\/p>\n<p>\u201eMundpropaganda ist das A und O\u201c<\/p>\n<p>Friedrich Piehler, langj\u00e4hriger Obermeister der Zwickauer Fleischerinnung und selbst Inhaber eines Betriebes mit 14 Mitarbeitern, sieht Unternehmen mit f\u00fcnf, zehn oder 15 Mitarbeitern vor diesem Hintergrund schnell an ihre Grenzen sto\u00dfen. Viele seiner Kollegen h\u00e4tten in den letzten Jahren schon dichtgemacht, weil nicht nur steigende Energiekosten und Billigkonkurrenz das Gesch\u00e4ft dr\u00fcckten, sondern auch Nachfolger f\u00fcr die Unternehmensf\u00fchrung und geeigneter Lehrlingsnachwuchs fehlten. \u201eViele Jugendliche wollen ,saubere Berufe\u2019\u201c, sagt er und spielt damit an auf Ausbildungen zum Verwaltungsfachangestellten oder zur B\u00fcrokauffrau. Im eigenen Unternehmen wappnet er sich gegen\u00fcber der r\u00fcckl\u00e4ufigen Bewerberzahl &#8211; im Vergleich zu den neunziger Jahren um etwa 50 Prozent &#8211; mit einer verbesserten Ausbildung seiner Azubis. \u201eNoch immer ist f\u00fcr kleine Betriebe wie unseren Mundpropaganda das A und O\u201c, sagt er. Man m\u00fcsse den Leuten heute dennoch mehr bieten und solche, die man halten will, \u00fcber Tarif bezahlen. Geld allein sei aber nicht entscheidend.<\/p>\n<p>\u201cUnserem letzten Lehrling habe ich nach der Fleischerlehre angeboten, noch eine zweij\u00e4hrige Ausbildung zum Verk\u00e4ufer anzuschlie\u00dfen. Probiert haben wir das vorher nie. Das bringt ihm was &#8211; und uns auch\u201c, sagt Piehler, in dessen Innungsbezirk die Zahl der Azubis von 25 vor 15 Jahren auf acht im vergangenen Jahr zur\u00fcckging, die Zahl der Betriebe sank im gleichen Zeitraum von 39 auf 16. Aus der Kreishandwerkerschaft h\u00f6rt er immer wieder Klagen \u00fcber d\u00fcrftige Zeugnisse und schlechtes Benehmen vieler Lehrstellenbewerber, Umst\u00e4nde, mit denen auch die gr\u00f6\u00dferen mittlerweile umgehen lernen m\u00fcssen. \u201eWir k\u00f6nnen nicht ausb\u00fcgeln, was zu Hause und in der Schule vers\u00e4umt worden ist\u201c, gibt er den Ball an Eltern und Politik zur\u00fcck. Personal aus dem Ausland anzuwerben, wie es in gro\u00dfen Fleischfabriken Niedersachsens l\u00e4ngst \u00fcblich sei, ist in seiner Innung bislang kein Thema. Dass das so bleibt, darauf m\u00f6chte sich der 60-J\u00e4hrige aber nicht festlegen.<\/p>\n<p>Gruppen unterst\u00fctzen, die es am Arbeitsmarkt schwer haben<\/p>\n<p>Die Politik setzt indes auf verschiedene Ans\u00e4tze. Einerseits, sagt Florian Schaefer vom s\u00e4chsischen Staatsministerium f\u00fcr Wirtschaft und Arbeit, verzeichne Sachsen seit zwei Jahren Wanderungsgewinne (w\u00e4hrend weiterhin viel mehr Menschen sterben, als geboren werden). Andererseits gehe es l\u00e4ngst auch darum, Gruppen zu unterst\u00fctzen, \u201edie es am Arbeitsmarkt schwer haben\u201c. Schaefer meint Langzeitarbeitslose und junge Menschen ohne Schul- oder Berufsabschluss. Die schwarz-gelbe Staatsregierung in Dresden habe darum vergangenes Jahr eine \u201eFachkr\u00e4ftestrategie 2020\u201c verabschiedet, um dem sich abzeichnenden Mangel ressort\u00fcbergreifend zu begegnen.<\/p>\n<p>Auch wenn darin die Rede ist von \u201egesteuerter Zuwanderung und Ansiedlung von Fachkr\u00e4ften\u201c, herrscht in Unternehmerkreisen branchen\u00fcbergreifend Skepsis, ob eine blo\u00dfe Bestandsaufnahme, garniert mit l\u00e4ngst bekannten Forderungen, ausreichen wird. Aus eigener Kraft kann keines der Ostl\u00e4nder den sich mehr als im Westen schon jetzt abzeichnenden Fachkr\u00e4ftebedarf decken, selbst wenn alle \u00f6rtlichen Reserven mobilisiert werden.<\/p>\n<p>[ratings]<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Mehr Geld, Weiterbildung und Reisen nach Norwegen &#8211; Unternehmen in Ostdeutschland m\u00fcssen um jeden Lehrling k\u00e4mpfen. 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