{"id":1540,"date":"2015-05-27T09:15:48","date_gmt":"2015-05-27T09:15:48","guid":{"rendered":"http:\/\/michael-kunze.net\/category\/artikel\/?p=1540"},"modified":"2018-05-16T07:42:27","modified_gmt":"2018-05-16T07:42:27","slug":"die-sehnsucht-nach-genialen-halbgebildeten","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/michael-kunze.net\/category\/artikel\/2015\/05\/27\/die-sehnsucht-nach-genialen-halbgebildeten\/","title":{"rendered":"Die Sehnsucht nach den &#8222;genialen Halbgebildeten&#8220;"},"content":{"rendered":"<p>Nun sind auch sie tot: die Zeitdeuter und Weltversteher G\u00fcnter Grass und Fritz Joachim Raddatz. Es bleibt eine Leerstelle, sagen Wissenschaftler &#8211; trotz des Altkanzlers und Ersatzintellektuellen Helmut Schmidt<!--more-->.<\/p>\n<p>Chemnitz. Die meisten namhaften Intellektuellen aus Deutschland, die streitbaren Welterkl\u00e4rer &#8211; sie sind tot oder sehr alt: Marion Gr\u00e4fin D\u00f6nhoff etwa, die einstige Herausgeberin der Wochenzeitung &#8222;Die Zeit&#8220;, starb 2002. In diesem Jahr folgten ihr der Essayist Fritz J. Raddatz &#8211; 1958 hatte er die DDR gen Westen verlassen &#8211; und der Nobelpreistr\u00e4ger G\u00fcnter Grass. Die Schriftsteller Martin Walser und Hans Magnus Enzensberger oder J\u00fcrgen Habermas, Deutschlands ber\u00fchmtester lebender Philosoph, gehen auf die 90 zu.<\/p>\n<p>Endet also das Zeitalter der Intellektuellen? Hat sich die Rolle derer \u00fcberlebt, die sich seit Entstehung der Massenmedien wissenschaftlich, k\u00fcnstlerisch, literarisch oder journalistisch in aktuellen Fragen an die \u00d6ffentlichkeit wenden, ohne selbst politisch aktiv zu werden? Gern jenseits ihres ureigenen Fachgebiets, das eine Mal kritisch-differenziert, das andere plakativ &#8211; politisch, ideologisch, moralisch durchaus beweglich. So jedenfalls lautet eine g\u00e4ngige Definition davon, was Intellektuelle tun und wie.<\/p>\n<p><strong>Politiker mit Scharnierfunktion<\/strong><\/p>\n<p>&#8222;Die Sehnsucht nach dem genialen Halbgebildeten, dem Spezialisten f\u00fcr das Allgemeine besteht hierzulande nach wie vor&#8220;, beantwortet Axel Schildt die Frage. Er ist Direktor der Forschungsstelle f\u00fcr Zeitgeschichte an der Uni Hamburg und Sprecher des angesehenen Historiker-Kollegiums der Deutschen Forschungsgemeinschaft. Derzeit bereitet er eine gro\u00df angelegte Studie \u00fcber die Rolle der Intellektuellen in der fr\u00fchen Bundesrepublik vor. Mit Blick auf die Gegenwart sagt der 64-J\u00e4hrige: &#8222;Die Welt wird komplizierter, die gro\u00dfen und kleinen Zusammenh\u00e4nge f\u00fcr den Einzelnen immer undurchschaubarer.&#8220; Und sp\u00e4testens seit den Pegida-Demonstrationen h\u00e4tten die politischen Debatten hierzulande wieder an Sch\u00e4rfe gewonnen. Auch, weil die Erkl\u00e4rer, die \u00dcbersetzer komplexer gesellschaftlicher oder technischer Fragestellungen mit Mut zu spitzer Zunge, Provokation und Vereinfachung fehlten? Ja, auch deshalb. &#8222;Das zeigt die hohe Popularit\u00e4t von Ersatzintellektuellen wie Altkanzler Helmut Schmidt&#8220;, sagt Schildt \u00fcber den SPD-Politiker, dessen einstige jahrzehntelange politische T\u00e4tigkeit ihn per definitionem zu einem Parteiintellektuellen macht.<\/p>\n<p>Zu dieser Sonderkategorie z\u00e4hlt auch Erhard Eppler (SPD), ebenso Kurt Biedenkopf oder Heiner Gei\u00dfler (beide CDU), die teils hohe Partei\u00e4mter innehatten, auf Minister- oder Ministerpr\u00e4sidentensesseln sa\u00dfen. Zu Wort meldeten sie sich auch jenseits der Parteipolitik und der tonangebenden SPD- oder CDU-Linie: in religi\u00f6sen oder zu Bildungsfragen etwa, zur Demografie oder mit Globalisierungskritik. Auch diese Parteiintellektuellen bedienen den Wunsch vieler B\u00fcrger nach Orientierung und eing\u00e4ngiger medialer Vermittlung. Wegen ihres Alters kommen sie geradezu gro\u00dfv\u00e4terlich daher, bieten Geborgenheit. &#8222;Sie leisten f\u00fcr ihre Parteien eine Art Scharnierfunktion zu W\u00e4hlerschichten, die den jeweiligen politischen Gruppierungen vormals nicht unbedingt zugeneigt waren&#8220;, sagt Alexander Gallus, Professor f\u00fcr Politikwissenschaft an der TU Chemnitz (siehe Interview). Die Kehrseite: Leute wie der Nachwende-Gr\u00fcndungsrektor der Uni Erfurt, Peter Glotz (1939 bis 2005, SPD), hatten es als Bildungsb\u00fcrger eher schwer, im klassischen SPD-Milieu &#8211; unter Arbeitern &#8211; zu punkten.<\/p>\n<p>&#8222;Diesen totalen \u00dcbertritt in die aktive Politik, den auch Glotz als Berliner Senator mitmachte&#8220;, sagt Gallus, &#8222;haben klassische Intellektuelle wie Grass nicht vollzogen, obwohl dieser von 1982 an zehn Jahre der SPD angeh\u00f6rte.&#8220; Der Schriftsteller beschr\u00e4nkte sich darauf, Willy Brandts Wahlkampf zu unterst\u00fctzen, kommentierte \u00f6ffentlichkeitswirksam dessen Warschauer Kniefall, wandte sich gegen die Wiedervereinigung. Auch an der Asylpolitik nach 1990 nahm er Ansto\u00df und forderte von der T\u00fcrkei, den V\u00f6lkermord an den Armeniern anzuerkennen. Grass tanzte so streitbar wie umstritten auf vielen B\u00fchnen, etwa als ihm nach Ver\u00f6ffentlichung des Gedichts &#8222;Was gesagt werden muss&#8220; nicht nur aus Israel Antisemitismus vorgeworfen wurde.<\/p>\n<p><strong>Wer schlie\u00dft die L\u00fccke?<\/strong><\/p>\n<p>Derart umtriebige wie pr\u00e4sente Vertreter fehlen in j\u00fcngeren Generationen in gr\u00f6\u00dferer Anzahl. Eine Ausnahmeerscheinung war, so Schildt, der Journalist Frank Schirrmacher (1959 bis 2014). Als einer der Herausgeber der &#8222;Frankfurter Allgemeinen Zeitung&#8220; \u00f6ffnete er deren Feuilleton wie kein Konkurrenzblatt f\u00fcr aktuelle Debatten &#8211; oder griff mit Streitschriften wie &#8222;Payback&#8220; gleich selbst ein. Das Buch handelt von den Herausforderungen des Internetzeitalters; in &#8222;Das Methusalem-Komplott&#8220; widmete er sich der alternden Gesellschaft, mit &#8222;Ego&#8220; legte er eine Kapitalismuskritik vor.<\/p>\n<p>Doch ist da noch wer? Schildt erkl\u00e4rt das weitgehende Fehlen bekannter J\u00fcngerer auch mit dem Medienwandel: &#8222;Komplexe Zusammenh\u00e4nge k\u00f6nnen nicht in anderthalbmin\u00fctigen Talkshow-Statements er\u00f6rtert werden. Die gro\u00dfen Streiter von einst hatten Platz in Zeitschriften, Zeit im Radio.&#8220; Zudem kommen die Themen des Computerzeitalters auf den ersten Blick unideologisch daher &#8211; die Frage etwa, ob Google &amp; Co. dem Gl\u00e4sernen Menschen Vorschub leisten, mehr als es die Stasi je h\u00e4tte vermocht. &#8222;Und wir machen mit. Dies aber&#8220;, sagt Gallus, &#8222;ist eine zutiefst politische Angelegenheit.&#8220; Es bleibe abzuwarten, ob J\u00fcngere wie der Blogger und Internetkritiker Sascha Lobo die derzeitige L\u00fccke schlie\u00dfen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Interview: &#8222;Von der Stra\u00dfe \u00fcberholt&#8220;<\/strong><\/p>\n<p><strong>Alexander Gallus<\/strong>, geboren 1972 in Berlin, ist Inhaber der Professur f\u00fcr Politische Theorie und Ideengeschichte an der TU Chemnitz. Ein Gespr\u00e4ch \u00fcber die Rolle Intellektueller in Deutschland bis zur Wiedervereinigung.<\/p>\n<p><em>In den 60er- und 70er-Jahren galten Intellektuelle in der Bundesrepublik noch etwas. Warum?<\/em><\/p>\n<p>G\u00fcnter Grass etwa engagierte sich in Willy Brandts Wahlkampf, weil der als ehemaliger Journalist und Emigrant nach dem Krieg wie wenige ein neues Deutschland verk\u00f6rperte. Diese Unterst\u00fctzung war vor dem Hintergrund zu sehen, dass sich viele, die in den 30er- und 40er-Jahren geboren wurden, von der Adenauer-\u00c4ra abgrenzen wollten. Von ihm und der CDU erhofften sie sich wenig, etwa im Umgang mit der Zeit vor 1945.<\/p>\n<p><em>Wie war die Lage in der DDR?<\/em><\/p>\n<p>W\u00e4hrend zun\u00e4chst kritische Fragen gestellt werden konnten, auch an Hochschulen, legte sich die staatliche Kontrolle bald wie Mehltau \u00fcber das Land. Selbst wichtige Zeitschriften wie &#8222;Sinn und Form&#8220; oder &#8222;Weltb\u00fchne&#8220; lie\u00dfen Kritik h\u00f6chstens noch zwischen den Zeilen zu. Reihenweise verlie\u00dfen Intellektuelle daher die DDR, selbst wenn sie Sozialisten waren. Leute wie Rudolf Bahro, Ernst Bloch oder Alfred Kantorowicz stellten f\u00fcr die Politik ein Problem dar, da sie verschiedene Wege zum Sozialismus diskutieren wollten &#8211; nicht nur den einen, von oben vorgegebenen.<\/p>\n<p><em>&#8222;Freischwebende&#8220; Intellektuelle, die sich in Anlehnung an den Soziologen Karl Mannheim jenseits vom &#8222;Klassenstandpunkt&#8220; zu Wort melden, waren suspekt?<\/em><\/p>\n<p>Genau. Oberwasser hatte das Konzept der Intelligenzija, das aus Russland und der Sowjetunion kam, und b\u00fcrgerliche Intellektuelle kritisch sah. Nicht &#8222;freischwebend&#8220; sollten sie sein, sondern &#8222;klassengebunden&#8220;. Auch handelte es sich bei ihnen nicht vorrangig um Schriftsteller und Publizisten. Auch Ingenieure oder sonstige Experten waren darunter &#8211; und viel mehr Kleinb\u00fcrger. Sie sollten die neue Ordnung nicht kritisieren, sondern legitimieren &#8211; auch wenn manche davon abgewichen sind.<\/p>\n<p><em>Welche Rolle spielten Intellektuelle im Umbruchjahr 1989\/90?<\/em><\/p>\n<p>Diese Zeit gilt in Osteuropa als Sternstunde der Intellektuellen. Vertreter wie V\u00e1clav Havel gelangten in h\u00f6chste Staats\u00e4mter. In der DDR war es zun\u00e4chst anders. Viele wollten diese zwar reformieren, doch keine Wiedervereinigung. Sie verfolgten Gerechtigkeit als eher abstraktes Ziel und wurden von der politischen und der Entwicklung auf der Stra\u00dfe \u00fcberholt.<\/p>\n<p>[ratings]<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Nun sind auch sie tot: die Zeitdeuter und Weltversteher G\u00fcnter Grass und Fritz Joachim Raddatz. Es bleibt eine Leerstelle, sagen Wissenschaftler &#8211; trotz des Altkanzlers und Ersatzintellektuellen Helmut Schmidt<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[19,13,12,10,1,11],"tags":[207,188,201,181,203,189,196,206,126,195,183,204,187,194,205,179,193,192,178,185,177,210,190,209,199,184,180,191,198,197,186,202,182,208,200],"class_list":["post-1540","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-artikel","category-geschichte","category-interview","category-kultur","category-politik","category-wissenschaft","tag-207","tag-68er","tag-adenauer-ara","tag-alexander-gallus","tag-alfred-kantorowicz","tag-axel-schildt","tag-bildung","tag-computerzeitalter","tag-ddr","tag-die-zeit","tag-erhard-eppler","tag-ernst-bloch","tag-frank-schirrmacher","tag-frankfurter-allgemeine-zeitung","tag-freischwebende-intellektuelle","tag-fritz-j-raddatz","tag-glaserner-mensch","tag-google","tag-gunter-grass","tag-heiner-geisler","tag-intellektuelle","tag-intelligenzija","tag-jurgen-habermas","tag-karl-mannheim","tag-konrad-adenauer","tag-kurt-biedenkopf","tag-marion-grafin-donhoff","tag-martin-walser","tag-parteiintellektueller","tag-parteipolitik","tag-peter-glotz","tag-rudolf-bahro","tag-sascha-lobo","tag-vaclaw-havel","tag-willy-brandt"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/michael-kunze.net\/category\/artikel\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/1540","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/michael-kunze.net\/category\/artikel\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/michael-kunze.net\/category\/artikel\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/michael-kunze.net\/category\/artikel\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/michael-kunze.net\/category\/artikel\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=1540"}],"version-history":[{"count":13,"href":"https:\/\/michael-kunze.net\/category\/artikel\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/1540\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":2834,"href":"https:\/\/michael-kunze.net\/category\/artikel\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/1540\/revisions\/2834"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/michael-kunze.net\/category\/artikel\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=1540"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/michael-kunze.net\/category\/artikel\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=1540"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/michael-kunze.net\/category\/artikel\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=1540"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}