{"id":1682,"date":"2015-10-07T08:15:47","date_gmt":"2015-10-07T08:15:47","guid":{"rendered":"http:\/\/michael-kunze.net\/category\/artikel\/?p=1682"},"modified":"2023-06-29T05:51:52","modified_gmt":"2023-06-29T05:51:52","slug":"dresden-7-oktober-2015","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/michael-kunze.net\/category\/artikel\/2015\/10\/07\/dresden-7-oktober-2015\/","title":{"rendered":"Dresden, 7. Oktober 2015"},"content":{"rendered":"<p>Dass sich Deutschland ver\u00e4ndert &#8211; jetzt, von Grund auf, tiefgreifend &#8211; davon wird in diesen Tagen viel geschrieben. Was nichts Besonderes w\u00e4re, weil der Lauf der Dinge, erweist sich seit Monaten als N\u00e4hrboden f\u00fcr Frohlocken auf der einen, Angst aber auf der anderen Seite &#8211; und viel Unsicherheit dazwischen. Mal schl\u00e4gt sie zur einen aus, dann zur anderen Seite, kann noch ausschlagen. Um nichts Geringeres als die Wahreit geht es &#8211; jedenfalls, was daf\u00fcr gehalten wird. Anders ist das Diktum von fehlender Objektivit\u00e4t in den &#8222;Systemmedien&#8220;, von der &#8222;L\u00fcgenpresse&#8220; nicht zu verstehen. Was ist L\u00fcge, <!--more-->was Wahrheit? Drunter geht&#8217;s nicht mehr. Es ist <em>die<\/em> Frage der Stunde &#8211; und wer sie beantwortet, mit welcher Verbindlichkeit, f\u00fcr wen. Mit beinahe religi\u00f6sem Eifer in einer weitgehend s\u00e4kularisierten Gesellschaft wird die Wahrheitsfrage oder die nach dem Gegenteil auch auf soziale Zusammenh\u00e4nge, politische Pr\u00e4ferenzen, gesellschaftliche Debatten angewandt, als sei dies m\u00f6glich, mit naturwissenschaftlicher Pr\u00e4zision &#8211; entweder Null oder Eins. Dabei geht es um Menschen und die Art, wie sie leben, leben wollen. Hier und Jetzt &#8211; und in Zukunft. Lassen sich derartige Herausforderungen mit \u201erichtig\u201c und \u201efalsch\u201c kategorisieren, auf zwei M\u00f6glichkeiten zur\u00fcckf\u00fchren &#8211; eine gute und eine schlechte? Wie gef\u00e4hrlich es ist \u2013zumal in einer Demokratie \u2013, alles zu reduzieren auf ein Entweder-oder wusste schon der Jurist <a href=\"http:\/\/www.hans-kelsen.org\/kelsen_curriculum-vitae.html\">Hans Kelsen (1881 bis 1973)<\/a>. Auf seine l\u00e4ngst vergessene Schrift \u201eVom Wesen und Wert der Demokratie\u201c von 1920 hat mich dieser Tage ein wichtiger Freund hingewiesen. Dort schreibt der geb\u00fcrtige Prager mit Blick auf das Johannesevangelium: \u201eDa sagt P i l a t u s, dieser Mensch einer alten, m\u00fcde und darum skeptisch gewordenen Kultur: Was ist Wahrheit?\u201c F\u00fcr die &#8211; die vom Himmel kommt &#8211; Jesus doch Zeugnis ablegen will. \u201eUnd weil [&#8230;] [Pilatus] nicht wei\u00df, was Wahrheit ist und weil er \u2013 als R\u00f6mer \u2013 gewohnt ist, demokratisch zu denken, appelliert er an das Volk und veranstaltet \u2013 eine Abstimmung\u201c, so, etwas zu salopp, einer der bedeutendsten Rechtswissenschaftler des 20. Jahrhunderts, der 1933 als Jude seine Professur an der Universit\u00e4t zu K\u00f6ln verloren hatte und emigrierte. Und weiter: \u201e[Pilatus] ging hinaus zu den Juden, erz\u00e4hlt das Evangelium, und sprach zu ihnen: Ich finde keine Schuld an [Jesus]. Es ist aber bei euch Herkommen, da\u00df ich euch am Osterfeste einen freigebe. Wollt ihr nun, da\u00df ich euch den K\u00f6nig der Juden freigebe? \u2013 Die Volksabstimmung f\u00e4llt gegen Jesus aus. \u2013 Da schrien wiederum alle und sagten: Nicht diesen, sondern B a r r a b a s . \u2013 Der Chronist aber f\u00fcgt hinzu: B a r r a b a s war ein R\u00e4uber.\u201c \u2014 Worin liegt hier die Brisanz f\u00fcr Kelsen, worin seine Aktualit\u00e4t? \u201eVielleicht wird man, werden die Gl\u00e4ubigen, die politisch Gl\u00e4ubigen einwenden, da\u00df gerade dieses Beispiel eher gegen als f\u00fcr die Demokratie spreche. Und diesen Einwand mu\u00df man gelten lassen\u201c. Man muss Einw\u00e4nde gegen die Demokratie gelten lassen, sie ist von \u201eMenschenhand\u201c, kein \u00fcberirdisches Werk, sie muss f\u00e4hig sein, sich zu erneuern \u2013 eine anspruchsvolle Sache, lebt sie doch von Voraussetzungen, die sie in Anlehnung an Ernst-Wolfgang B\u00f6ckenf\u00f6rde (geb. 1930) nicht garantieren kann; die Mehrheit kann also irren, schreibt Kelsen, der sich wie nicht gerade viele seinerzeit f\u00fcr sie stark gemacht hat, als die Bedrohung gro\u00df war unter den noch frischen Eindr\u00fccken von Revolution und B\u00fcrgerkrieg in den Jahren 1918 bis &#8217;20. \u2013 Einw\u00e4nde gelten lassen, auch gegen die Demokratie \u2013 \u201efreilich nur unter einer Bedingung\u201c, meint Kelsen: \u201eWenn die Gl\u00e4ubigen ihrer politischen Wahrheit, die, wenn n\u00f6tig, auch mit blutiger Gewalt durchgesetzt werden mu\u00df, so gewi\u00df sind wie \u2013 der Sohn Gottes.\u201c \u00dcber die Konsequenzen daraus m\u00fcssen wir nachdenken.<\/p>\n<p>[ratings]<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Dass sich Deutschland ver\u00e4ndert &#8211; jetzt, von Grund auf, tiefgreifend &#8211; davon wird in diesen Tagen viel geschrieben. 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