{"id":1801,"date":"2015-12-09T10:03:12","date_gmt":"2015-12-09T10:03:12","guid":{"rendered":"http:\/\/michael-kunze.net\/category\/artikel\/?p=1801"},"modified":"2022-11-28T13:33:30","modified_gmt":"2022-11-28T13:33:30","slug":"drei-sohne-der-einst-stolzen-arbeiterstadt-werdau","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/michael-kunze.net\/category\/artikel\/2015\/12\/09\/drei-sohne-der-einst-stolzen-arbeiterstadt-werdau\/","title":{"rendered":"Nazi-Haft, Karriere im Sozialismus oder in Hessens Landesregierung &#8211; ein Gruppenportr\u00e4t dreier Werdauer Arbeiters\u00f6hne"},"content":{"rendered":"<p>Im S\u00fcdwesten Sachsens ist die SPD l\u00e4ngst eine Kleinpartei. Zur Zeit Gerhard Wecks, Lothar Rathmanns und Hans Krollmanns war das noch anders &#8211; NS- und Kommunismusopfer sowie Oberb\u00fcrgermeister der eine, der zweite sp\u00e4ter Rektor der Leipziger Karl-Marx-Universit\u00e4t und der dritte stellvertretender Ministerpr\u00e4sident Hessens. Einst waren sie alle Kinder aus einfachen Verh\u00e4ltnissen,<!--more--> geh\u00f6rten zumindest zeitweilig der SPD an, machten nach dem Krieg aber jenseits der Plei\u00dfe-Stadt Karriere in Politik und Wissenschaft.<\/p>\n<p>WERDAU\/KASSEL. Der Historiker Eberhard J\u00e4ckel nannte das 20. Jahrhundert das deutsche &#8211; in seiner ganzen Tragik. Wie diese aussehen konnte, hat der geb\u00fcrtige Werdauer Gerhard Weck erlebt. Er war Sozialdemokrat und landete als NS-Gegner in Buchenwald. Kaum aus dem KZ frei, musste er ins Zuchthaus. Sozialdemokratisches Schicksal in jenen Jahren, schrieb Hermann Kreutzer, wie Weck damals Verfolgter. Nach 1945 war manches anders, aber nicht alles, etwa f\u00fcr Sozialdemokraten, die, wie Kreutzer und Weck, von der Zwangsvereinigung von KPD und SPD zur SED nichts hielten.<\/p>\n<p>Noch im August 1946 machten die Sowjets das Arbeiterkind Weck zum Oberhaupt der einst stolzen Arbeiterstadt, in der nach Angaben des Stadtarchivs 1924 und 1928 die SPD zur Reichstagswahl st\u00e4rkste Kraft war, 1930 und 1933 immerhin nach der NSDAP noch zweitst\u00e4rkste. Doch bald, &#8222;ohne Angabe von Gr\u00fcnden&#8220;, hei\u00dft es in der Stadtchronik, wurde der damals 35-J\u00e4hrige im Dezember 1948 von den Sowjets verhaftet &#8211; nicht aber grundlos. F\u00fcr den Anh\u00e4nger Kurt Schumachers mit Kontakt zum SPD-Ostb\u00fcro &#8211; das gen\u00fcgte -, lautete das Urteil 25 Jahre Zwangsarbeit. In Haft traf er auf den Th\u00fcringer Kreutzer. Gemeinsam hielten sie aus im ber\u00fcchtigten Gelben Elend &#8211; wo es zu einem Zwischenfall kam, so Kreutzer im Nachruf auf Weck 1974 in der Zeitung &#8222;Die Welt&#8220;: Saal\u00e4ltester war in Bautzen ein ehemaliger SS-Mann, aber nicht irgendeiner: Er und Weck kannten sich von Buchenwald. Eines Tages, schrieb Kreutzer, wurde unser Raum von der Volkspolizeileitung kontrolliert. Es standen einander gegen\u00fcber: der ehemalige SS-Offizier Gustav Wegner, jetzt Gefangener der Kommunisten, SPD-Urgestein Weck, politischer Gefangener von Nazis und Kommunisten, und der neue Chef des kommunistischen Lagers, Erich Reschke, wie Weck ehemaliger Buchenwald-H\u00e4ftling, dem letzterer im KZ-Steinbruch einst das Leben rettete. &#8222;Wer hat uns verraten?&#8220; Oder: Der &#8222;ganz normale&#8220; Wahnsinn eines Werdauers, der nach acht Jahren Haft freikam und mit seinem 1943 in Steinpleis geborenen Sohn Peter in den Westen floh, dort die Frankfurter SPD-Ratsfraktion im &#8222;R\u00f6mer&#8220; f\u00fchrte, bevor er Gesch\u00e4ftsf\u00fchrer der Wohnheim-GmbH wurde und 1974 starb &#8211; ein Leben, geehrt seit 1992 in Werdau durch eine Stra\u00dfe, das beispielhaft steht f\u00fcr die Opfer, die SPD-Leute brachten in zwei Diktaturen.<\/p>\n<p>Sozialdemokrat ist auch Lothar Rathmann bis zur Zwangsehe mit der KPD 1946 gewesen, wie Weck Arbeiterkind, geboren an der Ferdinandstra\u00dfe 27. Sp\u00e4ter zog er an den Steinp\u00f6hlwald: &#8222;Ich hatte dort eine wunderbare Kindheit.&#8220; Klaus Vogel, der mit seinen Globen-Modellen \u00fcber die Stadt hinaus f\u00fcr Aufsehen sorgte, war sein Klassenkamerad. Bevor Rathmann seine Wissenschaftskarriere begann, die ihn 1975 bis 1987 an die Spitze der Leipziger Karl-Marx-Uni f\u00fchrte, kam er 1945, auf 34 Kilogramm abgemagert, aus der Gefangenschaft, wurde noch im September zu einem Auschwitz-Besuch verpflichtet. &#8222;Das war furchtbar und \u00e4nderte alles f\u00fcr mich&#8220;, sagte er gestern im Gespr\u00e4ch. Rathmann lie\u00df sich zu einem sogenannten Neulehrer ausbilden, kam ins nahe vogtl\u00e4ndische St\u00e4dtchen Neumark. Zu Ehren aber gelangte er nach einem Studium der Geschichte, Geografie, P\u00e4dagogik bis 1952 in Leipzig. Dort h\u00f6rte Rathmann den Philosophen Ernst Bloch (1885 bis 1977) oder den Literaturwissenschaftler Hans Mayer (1907 bis 2001), der sp\u00e4ter mit Marcel Reich-Ranicki (1920 bis 2013) in der Bundesrepublik im Fernsehen auftrat. Er wurde selbst Professor f\u00fcr Geschichte arabischer L\u00e4nder, war zuvor monatelang zu einem Forschungsaufenthalt in Kairo (ein seltenes Privileg) und stieg schlie\u00dflich auf zum Rektor seiner Alma mater &#8211; &#8222;unter der Bedingung gegen\u00fcber dem Ministerium, dass meine Frau den Kontakt zu ihrer Schwester in N\u00fcrnberg halten konnte&#8220; &#8211; Spielr\u00e4ume hoher Funktion\u00e4re. Er erhielt den Nationalpreis, den Vaterl\u00e4ndischen Verdienstorden, viele weitere Auszeichnungen, wurde 1987 Werdaus Ehrenb\u00fcrger &#8211; eine W\u00fcrdigung, die ihm so viel bedeute, dass er sie nach der Wende gegen\u00fcber der Stadt zur Disposition stellte, da er sich aufgrund seiner DDR-Funktionen als hoher SED-Repr\u00e4sentant gewisserma\u00dfen dazu verpflichtet sah. &#8222;Mir ging es&#8220;, so sagte er gestern am Telefon, &#8222;stets um die Humanitas.&#8220; Die Stadt hielt an der Ehrung fest.<\/p>\n<p>Seit Klaus Vogel gestorben ist, fehlen die Kontakte nach Werdau indes, die Hans Krollmann &#8211; auch aus kleinen Verh\u00e4ltnissen, 1929 geb\u00fcrtig in Werdau &#8211; viel fr\u00fcher schon verlor. Seine Mutter, die Verk\u00e4uferin Elisabeth Billhardt, wohnte einst am Gartenweg 3 unweit der katholischen Kirche. Sie zog mit ihrem Sohn 1936 nach Hohenlimburg, so auch er gestern telefonisch, heute Stadtteil des nordrhein-westf\u00e4lischen Hagen, von wo ihr Mann Theodor Krollmann stammte. Krollmann junior, dessen Gro\u00dfvater Artur Billhardt in einer Werdauer Fabrik Feinschlosser war und Messger\u00e4te herstellte, ist mittlerweile 86 und hochbetagt. Noch zum <a href=\"http:\/\/www.spd-fraktion-hessen.de\/meldungen\/39789\/180891\/Thorsten-Schaefer-Guembel-Hans-Krollmann-gehoert-zu-den-herausragenden-Persoenlichkeiten-der-hessischen-SPD.html\">85. Geburtstag<\/a>\u00a0feierte ihn Hessens SPD unter Thorsten Sch\u00e4fer-G\u00fcmbel. Seine Schulzeit verbachte er in Langenhessen, sp\u00e4ter in Werdau, kehrte nach 1989 aber nie an die Plei\u00dfe zur\u00fcck, nachdem er in Hessen in Verwaltung und Politik Karriere als Kassels Polizeipr\u00e4sident, Staatssekret\u00e4r, Minister und stellvertretender SPD-Ministerpr\u00e4sident gemacht und Gerhard Weck kennengelernt hatte. 2010 erhielt auch er die Ehrenb\u00fcrgerschaft, nicht seiner Geburts-, sondern die seiner Heimatstadt seit vielen Jahren: die Kassels. Weck, das Opfer zweier Diktaturen, nannte er gestern einen Inspirator, ein Vorbild, weil &#8222;fanatischen Demokraten&#8220;.<\/p>\n<p><strong>Nachtrag <\/strong><\/p>\n<p>Hans Krollmann ist am 16. M\u00e4rz 2016 im 87. Lebensjahr gestorben. Lothar Rathmann ist am 25. Mai 2022 gestorben.<\/p>\n<p>[ratings]<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Im S\u00fcdwesten Sachsens ist die SPD l\u00e4ngst eine Kleinpartei. 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