{"id":1988,"date":"2016-07-13T19:15:57","date_gmt":"2016-07-13T19:15:57","guid":{"rendered":"http:\/\/michael-kunze.net\/category\/artikel\/?p=1988"},"modified":"2020-05-22T11:46:55","modified_gmt":"2020-05-22T11:46:55","slug":"lucken-und-tendenzen-statt-lugen-und-gleichschaltung","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/michael-kunze.net\/category\/artikel\/2016\/07\/13\/lucken-und-tendenzen-statt-lugen-und-gleichschaltung\/","title":{"rendered":"L\u00fccken und Tendenzen statt L\u00fcgen und Gleichschaltung"},"content":{"rendered":"<figure id=\"attachment_2714\" aria-describedby=\"caption-attachment-2714\" style=\"width: 182px\" class=\"wp-caption alignleft\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-2714 size-medium\" src=\"http:\/\/michael-kunze.net\/wp-content\/uploads\/2016\/07\/BAF13DD6-2212-4A3D-99EC-4E3FB8B5D255-182x300.jpeg\" alt=\"Uwe Kr\u00fcgers Buch \u00fcber deutsche Leitmedien ist im C.-H.-Beck-Verlag erschienen. Cover: Verlag.\" width=\"182\" height=\"300\" srcset=\"https:\/\/michael-kunze.net\/wp-content\/uploads\/2016\/07\/BAF13DD6-2212-4A3D-99EC-4E3FB8B5D255-182x300.jpeg 182w, https:\/\/michael-kunze.net\/wp-content\/uploads\/2016\/07\/BAF13DD6-2212-4A3D-99EC-4E3FB8B5D255-624x1024.jpeg 624w, https:\/\/michael-kunze.net\/wp-content\/uploads\/2016\/07\/BAF13DD6-2212-4A3D-99EC-4E3FB8B5D255.jpeg 1476w\" sizes=\"auto, (max-width: 182px) 100vw, 182px\" \/><figcaption id=\"caption-attachment-2714\" class=\"wp-caption-text\">Uwe Kr\u00fcgers Buch \u00fcber deutsche Leitmedien ist im C.-H.-Beck-Verlag erschienen. Cover: Verlag.<\/figcaption><\/figure>\n<p>Der Leipziger Journalist und Politologe Uwe Kr\u00fcger hat ein Buch geschrieben \u00fcber die deutsche Medienlandschaft und deren Verh\u00e4ltnis zu Lesern, H\u00f6rern, Zuschauern. Es ist die Geschichte einer Vertrauenskrise mit vielf\u00e4ltigen Ursachen.<\/p>\n<p>CHEMNITZ. \u201eDass in den Medien gelogen wird, ist an der Tagesordnung\u201c, schrieb mir k\u00fcrzlich ein Freund. Endzwanziger und TU-Freiberg-Absolvent. Polyglott, intelligent, attraktiv. Keiner, der es zu nichts gebracht h\u00e4tte, der mit dem Leben hadert. Stattdessen postet er auf Facebook Fotos von T\u00fcrkeiurlauben, von Besuchen mit Freunden in der tschechischen In-Metropole Prag oder solche, die er im Hubschrauber schie\u00dft, w\u00e4hrend der \u00fcber den Grand Canyon fliegt.<\/p>\n<p>Wie begr\u00fcndet er aber den seiner Meinung nach durch namhafte Medien verursachten Vertrauensbruch? \u201eWeil sie nicht ausgewogen berichten\u201c, so der junge Mann \u2013 und nennt den Irakkrieg als Beispiel oder Berichte \u00fcber den Gaddafi-Sturz in Libyen, die Lage in Syrien, den Ukrainekonflikt. St\u00e4ndig werde auf angebliche Russlandversteher wie<!--more--> ihn eingedroschen, die Verantwortung des Westens f\u00fcr politische Krisen aber unterbelichtet oder ganz au\u00dfen vor gelassen.<\/p>\n<p>So \u00e4u\u00dfert er sich, der nicht mehr ganz neue TV-, Radio- und Pressefrust \u00fcber Alters- und Schichtgrenzen, parteipolitische Lager hinweg. Ein Einzelfall? Mitnichten, stellt der Leipziger <a href=\"http:\/\/www.uni-leipzig.de\/journalistik\/index.php?id=353\">Journalist und Politikwissenschaftler Uwe Kr\u00fcger<\/a> in seinem Buch <a href=\"http:\/\/www.chbeck.de\/Krueger-Mainstream\/productview.aspx?product=15997997\">\u201eMainstream. Warum wir den Medien nicht mehr trauen\u201c<\/a> fest. Die 170 Seiten lange und gut verst\u00e4ndliche Arbeit ist die Chronik einer Vertrauenskrise zwischen den deutschen Leitmedien, denn auf die beschr\u00e4nkt sich das Buch &#8211; von &#8222;ARD&#8220; und &#8222;ZDF&#8220; \u00fcber &#8222;Deutschlandfunk&#8220; und &#8222;Frankfurter Rundschau&#8220;, &#8222;Welt&#8220; und &#8222;Focus&#8220; bis &#8222;Spiegel&#8220; oder &#8222;S\u00fcddeutsche Zeitung&#8220; &#8211; und ihrem Publikum.<\/p>\n<p>In acht Kapiteln leistet sie eine vielschichtige Ursachensuche, die einerseits die Umst\u00e4nde klar benennt, unter denen viele Medien &#8211; unabh\u00e4ngig davon, ob \u00f6ffentlich-rechtlich oder privat organisiert &#8211; im Internetzeitalter arbeiten. Zum andern schaut der bei der Leipziger Volkszeitung ausgebildete Journalist auf Gr\u00fcnde f\u00fcr die skeptische bis feindselige Haltung vieler Nutzer gegen\u00fcber der Berichterstattung zu ausgew\u00e4hlten Themen.<\/p>\n<p>Sein Ausgangspunkt: Der Jahreswechsel 2013\/14, seitdem deutschlandweit ein gro\u00dfer Chor angeschwollen ist, der seine Medienkritik in Leserbriefen und vor allem im Internet auf Schlagworte bringt wie \u201eMainstream-&#8220; oder &#8222;Systemmedien\u201c, \u201eGleichschaltung\u201c oder \u201eL\u00fcgenpresse\u201c. Was war passiert? Proteste in der Ukraine gegen die Politik des damaligen Pr\u00e4sidenten Wiktor Janukowitsch, der ein Assoziierungsabkommen mit der EU abgelehnt hatte, waren in Gewalt umgeschlagen. Anfangs friedlich, arteten sie in Stra\u00dfenschlachten aus \u2013 mit Dutzenden Toten. Janukowitsch floh. Nach Demonstrationen gegen die neue prowestliche Kiewer Regierung auf der Krim sickerten auf der Halbinsel Soldaten ohne Hoheitsabzeichen ein, die nach einem Referendum an Russland angegliedert wurde. Aus Moskau war w\u00e4hrenddessen von einem faschistischen, aus Amerika gesteuerten Putsch in der Ukraine die Rede, w\u00e4hrend die Mehrheit deutscher Leitmedien in ihren Kommentaren von einer demokratischen Revolution sprach, so Kr\u00fcger, und nach der v\u00f6lkerrechtswidrigen russischen Krim-Annexion harte Sanktionen forderte. \u201eEine Deutung\u201c, schreibt der an der Leipziger Uni lehrende Wissenschaftler, \u201egegen die tausende deutsche Leser, H\u00f6rer, Zuschauer und Internetnutzer Sturm liefen.\u201c Kr\u00fcger listet eine Vielzahl von Beitr\u00e4gen auf, in denen diese Linie kritisiert wurde: Von \u201eeinseitigen Berichten zur Krim-Krise\u201c im &#8222;Deutschlandfunk&#8220; war darin die Rede, \u201eekelhafter Doppelmoral\u201c in der Auseinandersetzung mit der Abstimmung auf der Halbinsel in der \u201eSystempresse\u201c. Ein Nutzer bei &#8222;faz.net&#8220; schrieb, die dortigen Darstellungen ignorierten \u201ewichtige Details und ganze Sinnzusammenh\u00e4nge\u201c.<\/p>\n<p>\u201eTats\u00e4chlich\u201c, so Kr\u00fcgers Fazit, \u201ehat der deutsche Medien-Mainstream in der Ukraine-Frage nicht nur ein sehr enges Meinungsbild pr\u00e4sentiert. Es gab auch eine Reihe von Falschinformationen, falschen Bebilderungen und vernachl\u00e4ssigten Fakten, die alle in dasselbe Muster passten\u201c. Sie h\u00e4tten die Maidan-Bewegung in gutem Licht erscheinen lassen und seien zulasten der prorussischen Fraktion gegangen. Seine Analyse belegt er mit vielen Beispielen \u2013 etwa, dass an den Maidan-Demonstrationen gegen Janukowitsch tats\u00e4chlich \u201emilitante Radikal-Nationalisten und Rechtsextreme ma\u00dfgeblich beteiligt\u201c gewesen seien, zum Beispiel die Partei Swoboda, \u201edie auch vor Waffen-SS-Nostalgie und \u00f6ffentlicher Gewalt nicht zur\u00fcckschreckte\u201c und die nach dem Sturz des Pr\u00e4sidenten Ministerposten in der \u00dcbergangsregierung erhalten hat. Dabei ist der Ukrainekonflikt nur ein Exempel von vielen &#8211; er kritisiert auch die Pegida-Berichterstattung oder jene zur aktuellen Migrationspolitik, die Vorz\u00fcge von Zuwanderung gegen\u00fcber Risiken hervorhebe. Als ein \u00e4lteres Beispiel verweist Kr\u00fcger auf den Umgang deutscher Medien mit dem Irakkrieg, in dessen Vorfeld die Darstellung der amerikanischen Regierung unter George Bush jun., Saddam Hussein verf\u00fcge \u00fcber Kernwaffen, unkritisch verbreitet wurde.<\/p>\n<p>Der promovierte Diplom-Journalist zeichnet das Bild einer Medienlandschaft, die durch das Internet \u00f6konomisch unter Druck geraten sei und deren Vertreter sich immer weniger Zeit n\u00e4hmen f\u00fcr tiefgreifende Recherche (\u201eDie Suppe wird d\u00fcnner\u201c), die sich zudem seit Jahrzehnten personell aus einem sehr homogenen gesellschaftlichen und politischen Spektrum speise, in dem Andersdenkende und -sozialisierte selten seien. Er stellt fest: In \u201eSachen Bildungsstand, Parteineigung und Milieuzugeh\u00f6rigkeit\u201c sind Deutschlands Journalisten \u201ekeineswegs ein Spiegel der deutschen Bev\u00f6lkerung\u201c. Dies habe auch eine gro\u00dfe Journalistenbefragung aus dem Jahr 2005 neben anderen Untersuchungen gezeigt, die zum Ausdruck brachte, dass sich seinerzeit 36 Prozent des Berufsstandes politisch den Gr\u00fcnen nahef\u00fchlten \u2013 bei der Bundestagswahl im selben Jahr kam die Partei auf 5,4 Prozent der Erst- und 8,1 Prozent der Zweitstimmen. \u00dcberdies h\u00e4tten 69 Prozent der Journalisten einen Hochschulabschluss bei 14 Prozent der Gesamtbev\u00f6lkerung. Zwei Drittel aller Journalisten seien in einem \u201egut abgesicherten Angestellten- oder Beamtenhaushalt\u201c gro\u00dfgeworden, Arbeiterkinder stellten eine kleine Minderheit dar. Dass deshalb vor dem Hintergrund abweichender Werdeg\u00e4nge Weltsicht und Wertemuster von jenen der Gesamtbev\u00f6lkerung abwichen, sei wenig verwunderlich.<\/p>\n<p>Schlie\u00dflich verweist Kr\u00fcger auf die so wenig \u00fcberraschende wie problematische Abh\u00e4ngigkeit der Journalisten von ihren Quellen: Informationen von Insidern aus Politik, Kultur, Wirtschaft etwa \u2013 von Leuten also, die sich mit einer Thematik auskennen, da sie ihr zum Beispiel von Berufs wegen verhaftet sind \u2013, gebe es meist nur, wenn diese zu den Regeln publiziert w\u00fcrden, die von dort vorgegeben werden. Wer davon abweicht, verliere das Vertrauen der Zirkel, ist wom\u00f6glich k\u00fcnftig vom Informationsfluss abgeschnitten.<\/p>\n<p>Dem entgegen stehe das Vertrauen der Mediennutzer, die nicht das Gef\u00fchl bekommen d\u00fcrften, Journalisten seien Sprachrohre der M\u00e4chtigen. Daraus r\u00fchre die Gefahr her, dass \u201egut gemeinte Einseitigkeiten\u201c Wirklichkeit unterdr\u00fcckten. L\u00fccken und Tendenzen kennzeichneten oftmals die Berichterstattung, nicht eine von Politik, Wirtschaft oder dunklen M\u00e4chten gesteuerte Gleichschaltung.<\/p>\n<p>Ist die Entfremdung zwischen Medien und Nutzern gef\u00e4hrlich? Ja, sagt Kr\u00fcger: \u201eEs geht ums Ganze.\u201c Und verweist auf ein Repr\u00e4sentationsdefizit, das viele B\u00fcrger ausmachten. Was also tun? Journalisten m\u00fcssten im Webzeitalter \u201emehr [die] Auseinandersetzung mit den Menschen\u201c suchen. Dazu sollten \u201eDaten, Fakten sowie Sichtweisen und Werte\u201c offengelegt werden, zitiert er mit Heiko Hilker ein Mitglied des MDR-Rundfunkrats, das lange Zeit f\u00fcr die Linkspartei im S\u00e4chsischen Landtag sa\u00df. Inszenierungen und die Interessen der M\u00e4chtigen d\u00fcrften nicht nur in Fachmagazinen oder n\u00e4chtlichen Dokumentationen (auf Spartenkan\u00e4len) thematisiert werden. Dies geh\u00f6re in die reichweitenst\u00e4rksten Sendungen. Statt einer \u201ep\u00e4dagogisch-paternalistischen Haltung\u201c komme es darauf an, dass die Medienelite gegen\u00fcber ihrem Publikum Grundvertrauen in dessen M\u00fcndigkeit entwickle: \u201eVielleicht\u201c, schlie\u00dft Kr\u00fcger, \u201eist das der Weg zu einem neuen Verh\u00e4ltnis zwischen Journalisten und Nutzern, zu einem Verh\u00e4ltnis auf Augenh\u00f6he.\u201c<\/p>\n<p><b>Die Studie<\/b> \u201eMainstream. Warum wir den Medien nicht mehr trauen\u201c von Uwe Kr\u00fcger ist im C.H.-Beck-Verlag, M\u00fcnchen 2016, erschienen. Sie hat <b>170 Seiten und kostet 14,95 Euro<\/b>.<\/p>\n<p>[ratings]<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Der Leipziger Journalist und Politologe Uwe Kr\u00fcger hat ein Buch geschrieben \u00fcber die deutsche Medienlandschaft und deren Verh\u00e4ltnis zu Lesern, H\u00f6rern, Zuschauern. Es ist die Geschichte einer Vertrauenskrise mit vielf\u00e4ltigen Ursachen. CHEMNITZ. \u201eDass in den Medien gelogen wird, ist an der Tagesordnung\u201c, schrieb mir k\u00fcrzlich ein Freund. Endzwanziger und TU-Freiberg-Absolvent. Polyglott, intelligent, attraktiv. 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