{"id":20,"date":"2012-06-10T09:33:11","date_gmt":"2012-06-10T09:33:11","guid":{"rendered":"http:\/\/michael-kunze.net\/?p=20"},"modified":"2014-07-03T12:39:23","modified_gmt":"2014-07-03T12:39:23","slug":"der-wind-aus-china-weht-eiskalt","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/michael-kunze.net\/category\/artikel\/2012\/06\/10\/der-wind-aus-china-weht-eiskalt\/","title":{"rendered":"\u201eDer Wind aus China weht eiskalt\u201c"},"content":{"rendered":"<p>Ein Schwede hat unweit von Chemnitz Sachsens gr\u00f6\u00dftes Familienunternehmen aufgebaut &#8211; als Handygro\u00dfh\u00e4ndler.<!--more--><\/p>\n<p>HARTMANNSDORF. Kurz nach dem Mauerfall, aber noch vor der Wiedervereinigung geht ein Schwede auf Reisen. Sein Ziel liegt jenseits des Eisernen Vorhangs &#8211; auch wenn der l\u00e4ngst im Fallen begriffen ist. Nach Hartmannsdorf f\u00e4hrt er, im Januar 1990. Die 4500-Seelen-Gemeinde liegt n\u00f6rdlich von Chemnitz, das damals noch Karl-Marx-Stadt hei\u00dft. Dort nimmt der 51-J\u00e4hrige den Bauernhof in Augenschein, den ihm der Vater hinterlassen hat. Sechzig Jahre zuvor hatte der Senior den umgekehrten Weg gew\u00e4hlt und Deutschland in Richtung Skandinavien verlassen, wo sein Sohn geboren wurde.<\/p>\n<p>Gunnar Grosse, Jahrgang 1939, wird Unternehmensberater und \u00fcbernimmt schnell F\u00fchrungsfunktionen, gr\u00fcndet eine Produktions- und Vertriebsgesellschaft f\u00fcr Angler- und Jagdbedarf und verkauft sie sp\u00e4ter wieder. Grosse wechselt anschlie\u00dfend das Metier, steigt in den Vorstand der Folksam-Versicherung auf.<\/p>\n<p>Und w\u00e4hrend andere schon auf den Ruhestand schielen, sucht er noch einmal die Herausforderung, will sich selbst verwirklichen. Auf dem Bauernhof der Eltern gr\u00fcndet der Schwede mit s\u00e4chsischen Wurzeln 1992 das Unternehmen Kommunikation Sachsen, kurz Komsa. Es ist der erste Betrieb eines Ausl\u00e4nders, der nach der Wende ins s\u00e4chsische Handelsregister eingetragen wird. Die Gesch\u00e4ftsidee ist simpel: &#8222;Kaum jemand hatte Telefon, geschweige denn ein Handy. Alle rannten zur Telefonzelle und \u00e4rgerten sich, wenn ich telefonierte. Oft war das mehr als ein Gespr\u00e4ch &#8211; und das dauerte&#8220;, erinnert sich Grosse.<\/p>\n<p>Das will der Neu-Sachse \u00e4ndern. Komsa steigt ins Gesch\u00e4ft mit Handys und Mobilfunkvertr\u00e4gen ein, wird Gro\u00df- und Einzelh\u00e4ndler. Nach und nach bekommt Grosse alle gro\u00dfen Netzbetreiber und Marken ins Portfolio: zun\u00e4chst die D-Netze von Telekom und Mannesmann, sp\u00e4ter T-Mobile, Vodafone, O2 und E-Plus auf der einen, (Sony-)Ericsson, Nokia, irgendwann LG, Samsung und Apple auf der anderen Seite. Der Anfang ist schwer, heute aber umfasst das Netz der Wiederverk\u00e4ufer unter dem Dach von Komsa um die 10 000 Gro\u00dfm\u00e4rkte, Fachgesch\u00e4fte, Versand- und Online- oder Systemh\u00e4user. Auch Autoh\u00e4ndler geh\u00f6ren dazu. Komsa wird Nokia-Distributeur Nummer 1 in Deutschland und muss den Niedergang der Marke verkraften, die zeitweise \u00fcber 40 Prozent Marktanteil verf\u00fcgt. &#8222;Unser Nokia-Umsatz ging runter, aber richtig. Wir haben das kompensiert &#8211; mit Samsung zum Beispiel und mit Dienstleistungen&#8220;, erz\u00e4hlt Grosse.<\/p>\n<p>Als besonders erfolgreich stellt sich das Reparaturgesch\u00e4ft f\u00fcr Handys heraus, f\u00fcr Laptops, Smartphones, Tablets und Netbooks. Um die 100 000 Ger\u00e4te setzen die Komsa-Leute mittlerweile jeden Monat instand, 20 St\u00fcck je Mitarbeiter und Tag. Die Schlagzahl ist hoch, die Margen sind niedrig. Doch Komsa spielt im Wartungsgesch\u00e4ft in der ersten Liga: Nur die Bertelsmanntochter Arvato repariert hierzulande noch mehr ITK-Technik, obwohl Branchenmotor Apple im Instandsetzungsgesch\u00e4ft bislang bei Komsa nicht einmal unter Vertrag steht. &#8222;Apple allein entscheidet, wer mit den Produkten Geld verdient &#8211; und wie viel&#8220;, sagt Grosse.<\/p>\n<p>2001 expandiert der passionierte Antiquit\u00e4ten- und Gro\u00dfk\u00e4fersammler nach Polen. Wieder ist der Weg steinig, doch der mittlerweile 73 Jahre alte Unternehmer macht eine einfache Rechnung auf: &#8222;Deutschland hat 80 Millionen Einwohner, Polen 40 Millionen. Das sind zusammen mehr als ein Viertel der EU-Bev\u00f6lkerung &#8211; genug f\u00fcr Komsa.&#8220; Das technisch anspruchsvolle Gesch\u00e4ft ist dabei dringend auf qualifizierte Mitarbeiter angewiesen, dies- wie jenseits der Oder. Vor allem Elektronikfachleute stehen hoch im Kurs. &#8222;Rund um Chemnitz ist alles abgegrast, hier gibt es keinen Kommunikationselektroniker mehr. Deshalb lernen wir sogar Konditoren an. Die Feinmotorik muss stimmen &#8211; und die Einstellung&#8220;, sagt eine Unternehmenssprecherin. Voraussetzung f\u00fcr eine Anstellung bei Komsa sei es, dass sich die Mitarbeiter entwickeln k\u00f6nnten und wollten. Grosse hat Schulen ins Boot geholt, bietet F\u00fchrungen durch das Unternehmen an, kooperiert mit der TU Chemnitz, sitzt dort<br \/>\nselbst im Hochschulrat.<\/p>\n<p>In der s\u00fcdwests\u00e4chsischen Provinz, jenseits der gro\u00dfen Zentren, ist auch der firmeneigene Kindergarten ein wichtiger Standortfaktor. Grosse l\u00e4sst, als der Bauernhof f\u00fcr die Firma zu klein wird, diesen zum Kindergarten umbauen. &#8222;Bei Komsa steht der Mensch im Mittelpunkt, egal ob Mitarbeiter oder Kunde&#8220;, betont er. Wie Ikea-Chef Ingvar Kamprad umarmt Grosse seine Mitarbeiter, sucht N\u00e4he, zeigt Emotionen. &#8222;Typisch schwedisch&#8220; sei das, davon k\u00f6nnten die Deutschen lernen. Die Qualit\u00e4ten des Managers hat l\u00e4ngst auch die Politik erkannt, in Dresden wird er hofiert und die damalige Bundesfamilienministerin Ursula von der Leyen (CDU) ernannte ihn zum s\u00e4chsischen Botschafter f\u00fcr die Vereinbarkeit von Familie und Beruf. Grosse will ein Unternehmen mit Werten, keine seelenlose Geldmaschine. &#8222;Unser Kompass ist ein moralischer. An sich hat eine Firma kein Gewissen, das kommt erst durch die Mitarbeiter.&#8220; Und die m\u00fcssten besonders geschult werden, m\u00fcssten lernen, dass es auf sie ankommt, auf ihre Bereitschaft, Verantwortung zu \u00fcbernehmen. Daf\u00fcr r\u00e4umt Grosse ein: &#8222;Zum Lernen geh\u00f6ren Fehler, um daran zu wachsen. Das war anfangs verr\u00fcckt. Ich konnte kaum zusehen, so viel lief schief. N\u00f6tig war es trotzdem.&#8220; Sein Engagement in Sachsen hat er nicht bereut.<\/p>\n<p>Mit sieben Mitarbeitern begann alles, mehr als 1300 sind es heute &#8211; Altersschnitt 34 Jahre, 40 Prozent der F\u00fchrungspositionen besetzen Frauen. Im Gesch\u00e4ftsjahr 2011\/12 kamen die Hartmannsdorfer auf 735 Millionen Euro Umsatz (Vorjahr: 728), davon erwirtschaftete Komsa 621 Millionen Euro in Deutschland. Grosse f\u00fchrt nach eigenen Angaben das &#8222;gr\u00f6\u00dfte Familienunternehmen in Sachsen; nach Rotk\u00e4ppchen das zweitgr\u00f6\u00dfte in Mitteldeutschland&#8220;. Deutschlandweit rangiere man auf Platz 195 (nach Umsatz).<\/p>\n<p>Die Finanz- und Wirtschaftskrise hat Komsa gut \u00fcberstanden. Eine Pause g\u00f6nnt sich Grosse, der in den n\u00e4chsten drei Jahren an einen Nachfolger \u00fcbergeben m\u00f6chte, dennoch nicht &#8211; auch nicht der Politik, die er in der Pflicht sieht, Deutschland international wettbewerbsf\u00e4higer aufzustellen. Grosse will \u00fcber die gro\u00dfen Linien reden. Das liegt ihm. F\u00fcr das operative Gesch\u00e4ft hat er J\u00fcrgen Unger in den Vorstand geholt. &#8222;Ich habe nicht das Rad erfunden&#8220;, bekennt er spitzb\u00fcbisch, &#8222;aber ich wei\u00df, wie R\u00e4der funktionieren und wie man sie aufeinander abstimmt.&#8220;<\/p>\n<p>Sorgsam verfolgt er die Entwicklung in Fernost. &#8222;Der Wind aus China weht eiskalt.&#8220; Amerika werde sich bald erholen, ist Grosse \u00fcberzeugt. Deutschland aber sieht er wie viele westliche L\u00e4nder &#8222;im \u00dcberlebenskampf&#8220;. Dass die Chinesen das deutsche Modell mit Argusaugen verfolgten, sei &#8222;kein Zufall&#8220;. Der deutsche Herzschlag sei zwar langsamer, Puls und Qualit\u00e4t hingegen &#8222;ungemein stark&#8220;. Viele Betriebe h\u00e4tten aber noch nicht verstanden, dass die wirklichen Umw\u00e4lzungen in der Informationstechnologie erst noch bevorst\u00fcnden: &#8222;Wie eine Tsunamiwelle rollen sie auf uns zu.&#8220;<\/p>\n<p>[ratings]<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ein Schwede hat unweit von Chemnitz Sachsens gr\u00f6\u00dftes Familienunternehmen aufgebaut &#8211; als Handygro\u00dfh\u00e4ndler.<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[19,8],"tags":[45,27,32,58,38,48],"class_list":["post-20","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-artikel","category-wirtschaft","tag-chemnitz","tag-china","tag-grunder","tag-industrie","tag-mittelstand","tag-wohlstand"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/michael-kunze.net\/category\/artikel\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/20","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/michael-kunze.net\/category\/artikel\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/michael-kunze.net\/category\/artikel\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/michael-kunze.net\/category\/artikel\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/michael-kunze.net\/category\/artikel\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=20"}],"version-history":[{"count":15,"href":"https:\/\/michael-kunze.net\/category\/artikel\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/20\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":1171,"href":"https:\/\/michael-kunze.net\/category\/artikel\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/20\/revisions\/1171"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/michael-kunze.net\/category\/artikel\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=20"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/michael-kunze.net\/category\/artikel\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=20"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/michael-kunze.net\/category\/artikel\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=20"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}