{"id":2002,"date":"2016-07-13T22:11:25","date_gmt":"2016-07-13T22:11:25","guid":{"rendered":"http:\/\/michael-kunze.net\/category\/artikel\/?p=2002"},"modified":"2016-07-17T17:19:34","modified_gmt":"2016-07-17T17:19:34","slug":"ein-hochhaus-als-gesamtkunstwerk","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/michael-kunze.net\/category\/artikel\/2016\/07\/13\/ein-hochhaus-als-gesamtkunstwerk\/","title":{"rendered":"Ein Hochhaus als Gesamtkunstwerk"},"content":{"rendered":"<p>Das Chemnitzer Cammann-Geb\u00e4ude ist nicht irgendeine Immobilie. Vom heute fast vergessenen Werkbund-Architekten Willy Sch\u00f6nefeld Mitte der Zwanziger entworfen, ist es als erstes Hochhaus der Stadt ein Ort, der Geschichte schrieb &#8211; wie die Firma, die hier einst residierte.<\/p>\n<p>CHEMNITZ. \u00dcberw\u00e4ltigend ist der Blick von einer der Dachterrassen im f\u00fcnften und siebenten Stock. F\u00fcr den einstigen Ravensburger\u00a0<a href=\"http:\/\/www.waldvogel.de\">Peter Waldvogel<\/a> geh\u00f6rt er zum Alltag. Als er 1993 das Cammann-Hochhaus in <!--more-->Chemnitz-Furth kaufte, war der Eindruck, den es bei Zeitgenossen erweckt haben muss, wohl so erb\u00e4rmlich wie das damalige &#8222;Ru\u00df-Chamtz&#8220;-Panorama von dessen Balkon. Historische Fotografien belegen: Gezeichnet von langer Vernachl\u00e4ssigung, br\u00f6ckelte der Putz am ersten Hochhaus der Stadt. Das Dach war marode. Die Fenster. Alles.<\/p>\n<p>&#8222;Wir haben mit dem Geb\u00e4ude zwar die einst weltbekannte Weberei Cammann von der Treuhand \u00fcbernommen, doch die Maschinen liefen noch mit Lochkarten&#8220;, erinnert sich der Eigent\u00fcmer in der R\u00fcckschau. &#8222;Eine museale Rarit\u00e4t schon damals, war die Technik veraltet gegen\u00fcber dem, was die Konkurrenz am Bodensee zu bieten hatte, von den horrenden Produktionskosten nicht zu reden und dem bestialischen L\u00e4rm&#8220;, so der Wahl-Chemnitzer, der einst im baden-w\u00fcrttembergischen Biberach Architektur studiert hat. F\u00fcr die hochwertigen Webstoffe nach historischen Mustern, die Anfang der 1990er noch im Schauraum im ersten Stock des markanten Baus an der Blankenauer Stra\u00dfe Kunden pr\u00e4sentiert wurden, wollten diese von jetzt auf gleich aber nicht mehr als 150 D-Mark je Meter zahlen, sagt er.\u00a0Die Produktionskosten der Chemnitzer h\u00e4tten laut dem 64-J\u00e4hrigen damals etwa doppelt so hoch gelegen.<\/p>\n<p><strong>Unternehmen schrumpft nach 1990 und zieht aus<\/strong><\/p>\n<p>Was folgte, war der Niedergang der Firma auf Raten am bisherigen Further Standort &#8211; im fr\u00fcher errichteten Neben- und im von au\u00dfen ziehharmonikaartig gefalteten Hauptgeb\u00e4ude. Hier belegte das Unternehmen nach der Wende noch Parterre, erstes und teils das f\u00fcnfte Stockwerk. Ein Umzug ins nahe Braunsdorf brachte f\u00fcr einen Teil der Belegschaft neue Perspektiven. Den frei gewordenen Platz im Haus f\u00fcllen seither B\u00fcros mit einer Vielzahl von Firmen. Etwa drei Millionen Euro wurden in das Areal investiert.<\/p>\n<p>Dem damaligen wirtschaftlichen Erfolg und laut Historiker Tilo Richter weltweit hohen Ansehen von Cammann hat Architekt <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Willy_Sch%C3%B6nefeld\">Willy Sch\u00f6nefeld<\/a> mit dem 1926 fertiggestellten Geb\u00e4ude ein bleibendes Denkmal gesetzt. 40,10 Meter ragt das Hochhaus in den Himmel &#8211; \u00fcber acht Geschosse, mit achtachsiger, 33 Meter breiter Hauptfassade, die nicht &#8211; wie seinerzeit \u00fcblich und an der Sheddach-Produktionshalle nebenan erkennbar &#8211; mit Backsteinen verkleidet wurde. Vorgelagert ist dem Hauptbau stadteinw\u00e4rts ein dreiachsiger Eingangstrakt; spitze Winkel dominieren. 1994\/95 wurde das Ensemble denkmalschutzgerecht saniert. Das Besondere: &#8222;Vieles war noch im Original erhalten, ein wahrer Schatz. Doch Beschl\u00e4ge und Badewannen wurden teils w\u00e4hrend der Rekonstruktion gestohlen&#8220;, sagt Waldvogel.<\/p>\n<p><span style=\"line-height: 1.71429; font-size: 1rem;\">In neuem Glanz erstrahlten etwa der innen mit gemasertem Travertin verkleidete Zugang, dazu der 1924 eingebaute Fahrstuhl mit Klappsitzbank, die T\u00e4felungen mit polierten H\u00f6lzern nicht nur in der einstigen hauseigenen Atelier-Etage. Aufgearbeitet werden konnte auch eine T\u00fcr mit Einlegearbeiten &#8211; aus kaukasischem Nussbaum, wie Restauratoren feststellten -, dazu Bleiglasfenster, ein offener Kamin. Seit Jahrzehnten verschlossen, wartet ein bald mannsgro\u00dfer Tresor noch auf \u00d6ffnung &#8211; der Schl\u00fcssel muss in den Wendewirren abhanden gekommen sein. Fachleuten wie Jens Kassner, der mehrere Architekturf\u00fchrer geschrieben hat, gilt das Geb\u00e4ude als &#8222;herausragendes Zeugnis der expressionistisch beeinflu\u00dften Architektur&#8220; in Chemnitz &#8211; und damit als Schatzk\u00e4stchen, dessen Architekt Sinn f\u00fcr Symbolik zeigte: Der vertikale Rillenputz an der Fassade etwa &#8211; schon im Jugendstil ein beliebtes Gestaltungselement &#8211; soll die textilen Erzeugnisse versinnbildlichen, die hier einst gefertigt wurden: edle Luxusstoffe f\u00fcr wohlhabende Abnehmer.<\/span><\/p>\n<p><strong>Baustil bei Zeitgenossen umstritten<\/strong><\/p>\n<p><span style=\"line-height: 1.71429; font-size: 1rem;\">Dabei erregte die Bauweise bei Zeitgenossen nicht nur Zuspruch: So kritisierte der Architekt Max Feistel, der seine Chemnitzer Villa im Stil der Neuen Sachlichkeit errichten lie\u00df, die Gestaltung des Sch\u00f6nefeldschen Dachabschlusses. Dieser sei &#8222;im Verh\u00e4ltnis zum Ganzen bestimmt zu kleinlich&#8220;. Der Einwand ist nicht abwegig, denn in der Tat wirkt das Dach zu reduziert im Vergleich zu den massigen Etagen darunter. Feistel h\u00e4tte auf die Turmspitze verzichtet, wiewohl ein derart sakrales Element laut Kassner nicht zuf\u00e4llig auch Lyonel Feiningers (1871 bis 1956) Titelgrafik des ber\u00fchmten Bauhausmanifestes ziert &#8211; also am Puls der Zeit lag.<\/span><\/p>\n<p>An den windumtosten oberen Etagen sind die Jahre seit der Sanierung indes nicht spurlos vor\u00fcbergegangen. Unter Regen, Eis, Sonne zerbr\u00f6seln manche Fenster bereits wieder. Peter Waldvogel plant schon die n\u00e4chsten Schritte. Denn der Gigant &#8211; eine Kathedrale des Industriezeitalters &#8211; ist eine ewige Baustelle.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Weberei f\u00fcr Luxusstoffe<\/strong><br \/>\nDie 1886 gegr\u00fcndete Fabrik der Kaufleute Franz Paul Cammann, Richard Kr\u00fcger und August Heuberger hatte ihren Sitz zun\u00e4chst an der Chemnitzer Ziegelstra\u00dfe 14. Als der Platz knapp wurde, fand sich nach mehreren Umz\u00fcgen im heutigen Stadtteil Furth ein 10.000 Quadratmeter gro\u00dfes Areal an der Blankenauer Stra\u00dfe 74. W\u00e4hrend in einer 1899 errichteten Sheddachhalle produziert wurde, plante die auf die Arbeit an Webst\u00fchlen spezialisierte Firma bald einen Neubau f\u00fcr Verwaltung, Lager und Spedition. Er entstand seit 1923 als damals erstes Hochhaus von Chemnitz und legte Zeugnis ab f\u00fcr das nach dem Ersten Weltkrieg florierende Gesch\u00e4ft.<\/p>\n<p>Aus anfangs wenigen Webst\u00fchlen wurden bald etwa 60. Im Jahr 1919 erfolgte die Umwandlung der Firma in eine Aktiengesellschaft. Produziert wurden etwa Damaste und M\u00f6belpl\u00fcsch, Seiden- und Brokatvelours oder Gobelins. Gutbetuchte waren es, die die Materialien nachfragten &#8211; nicht nur f\u00fcr Polsterm\u00f6bel, sondern auch, um W\u00e4nde zu bespannen: in Prunks\u00e4len, Salons, Theatern, Bahnwagen. Zu den Abnehmern z\u00e4hlte die S\u00e4chsische Staatseisenbahn, die Erste-Klasse-Waggons damit ausstattete. Auch die Bibliothek des Dampfers Bremen &#8211; 1929 Gewinner des Blauen Bandes f\u00fcr die schnellste Nordatlantikquerung &#8211; wurde ausgekleidet wie auch ein Palast des Maharadschas im indischen Indore.<\/p>\n<p>Bis zum Zweiten Weltkrieg war Cammann &amp; Co. Impulsgeber f\u00fcr die gesamte Branche, hei\u00dft es in der Fachliteratur. Anfang 1947 demontierten die Sowjets Technik zu Reparationszwecken. In der DDR ging es dennoch laut Ilka Stockmann und Gudrun Seidenglanz weiter &#8211; von 1972 an als Volkseigener Betrieb (VEB) mit 80 Prozent Exportanteil und etwa 100 Mitarbeitern. Nach 1990 blieben zun\u00e4chst 40 Leute in Lohn und Brot. 1999 folgte der Ortswechsel mit einem Bruchteil der Mitarbeiter in die ehemalige Braunsdorfer Weberei Tannenhauer. Im Jahr 2014 wechselte die <a href=\"http:\/\/www.cammann-weberei.de\/\">F\u00fchrung<\/a>. Kunden sind neben weiteren die Staatsoper Berlin oder der Moskauer Kreml. Gefertigt wird weiterhin auch nach Franz Paul Cammanns historischen Mustern.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Architekt der Moderne<\/strong><br \/>\nAls Willy Sch\u00f6nefeld im Oktober 1963 kurz vor seinem 78. Geburtstag in Karl-Marx-Stadt starb, hatte der geb\u00fcrtige K\u00f6lner ein halbes Jahrhundert eigenst\u00e4ndiger Architektenlaufbahn hinter sich. Was unter den Hauptwerken mit dem 1913 errichteten neoklassizistischen Chemnitzer Kunstgewerbehaus den Auftakt nahm, nachdem er zuvor f\u00fcr das B\u00fcro Zapp &amp; Basarke t\u00e4tig war, fand mit der 1953 bis 1955 errichteten katholischen <a href=\"http:\/\/www.propstei-chemnitz.de\/\">Propsteikirche<\/a> am Fu\u00dfe des Ka\u00dfbergs seinen Abschluss. Das Gotteshaus, das als Ersatz dienen sollte f\u00fcr einen im Krieg zerst\u00f6rten Bau in der Innenstadt, nahm dabei &#8211; so schloss sich ein Kreis &#8211; ebenfalls klassizistische, mit romanischen Einfl\u00fcssen gemischte Formen an.<\/p>\n<p>Zwischen Phasen, in denen sich Sch\u00f6nefeld an antiken Vorbildern ausrichtete, machte das Mitglied des reformorientierten Deutschen Werkbundes Ausfl\u00fcge in den Expressionismus. Als bedeutendster Entwurf dieser Periode gilt das Cammann-Hochhaus in Chemnitz-Furth, den er f\u00fcr die gleichnamige Gobelin-Manufaktur 1923 bis 1926 verwirklichte. An diese Zeit erinnert, erkennbar wegen der Prominenz spitzer Winkel, auch das von ihm geschaffene Geb\u00e4ude der <a href=\"http:\/\/www.altes-chemnitz.de\/chemnitz\/astra.htm\">Astrawerke<\/a> in der Stadt, in dem nun die Landesdirektion sitzt. Ein so prominentes wie traditionalistisches Werk stammt aus dem Jahr 1917: die einstige, 600 Quadratmeter gro\u00dfe Zschopauer Villa von DKW-Chef <a href=\"http:\/\/www.audi.com\/corporate\/de\/unternehmen\/historie\/persoenlichkeiten\/joergen-skafte-rasmussen.html\">J\u00f8rgen Skafte Rasmussen<\/a>.<\/p>\n<p>[ratings]<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Das Chemnitzer Cammann-Geb\u00e4ude ist nicht irgendeine Immobilie. Vom heute fast vergessenen Werkbund-Architekten Willy Sch\u00f6nefeld Mitte der Zwanziger entworfen, ist es als erstes Hochhaus der Stadt ein Ort, der Geschichte schrieb &#8211; wie die Firma, die hier einst residierte. CHEMNITZ. \u00dcberw\u00e4ltigend ist der Blick von einer der Dachterrassen im f\u00fcnften und siebenten Stock. 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