{"id":2099,"date":"2016-10-18T09:00:01","date_gmt":"2016-10-18T09:00:01","guid":{"rendered":"http:\/\/michael-kunze.net\/category\/artikel\/?p=2099"},"modified":"2018-01-23T17:35:16","modified_gmt":"2018-01-23T17:35:16","slug":"im-future-lab-des-journalismus","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/michael-kunze.net\/category\/artikel\/2016\/10\/18\/im-future-lab-des-journalismus\/","title":{"rendered":"Im \u201eFuture Lab\u201c des Journalismus?"},"content":{"rendered":"<p>Wohin die Reise der Zunft geht, l\u00e4sst sich gut in einer Nutzwert (Ex-\u201eRatgeber\u201c)-Redaktion beobachten. Viele waren schon vorher da &#8211; w\u00e4hrend meines Gastspiels tauchten aber weitere, recht grunds\u00e4tzliche Fragen auf.<\/p>\n<p>DRESDEN. Der Journalismus der Zukunft wird entweder f\u00fcr Leser, H\u00f6rer, Zuschauer von Nutzen sein \u2013 und zwar auf Euro und Cent bezifferbar. Oder er wird <!--more-->nicht mehr sein. So hat das meine Chefin k\u00fcrzlich nicht gesagt. Sie hat \u00fcberhaupt nicht gesagt, welche Zukunft sie f\u00fcr den Journalismus sieht, in welcher Form, mit welchem Gestus. Danach hatte ich sie auch nicht gefragt.<\/p>\n<p>Deutlich, sehr deutlich gemacht hat sie mir aber zu Beginn meiner letzten Ausbildungsstation im Volontariat, wo sie keine Perspektiven erkennt \u2013 zumindest f\u00fcr ihr Metier, das Printmedien-Lesern einst als \u201eRatgeber\u201c in der Kopfzeile der jeweiligen Zeitungsseite angek\u00fcndigt wurde. Gaaanz laaange her ist das. Da gab es Tipps f\u00fcr den Garten, Kochrezepte, Kolumnen von Weinliebhabern, Hundefreundinnen, Paartherapeuten. Die gibt\u2019s heute immer noch. Sie werden gelesen! Nur steht da nun \u201eLeben und Stil\u201c dr\u00fcber oder \u201eRat &amp; Leben\u201c (da ist der Trennungsschmerz gegen\u00fcber alten Zeiten noch sp\u00fcrbar) oder einfach nur: \u201eLeben\u201c.<\/p>\n<p><strong>Fr\u00fcher Ratgeber, heute Mordor<\/strong><br \/>\nWas jedenfalls gar nicht mehr geht \u2013 das soll die ge\u00e4nderte Beschriftung des Seitenkopfes kundtun \u2013, ist der erhobene Zeigefinger, Oberlehrerhaftes, das \u201eAufgemerkt\u201c \u2013 im schlimmsten Fall nicht nur mit einem imagin\u00e4ren, sondern einem realen Ausrufezeichen versehen. Nach dem Motto: Leser, tue dies! Lass jenes! Du musst! Niemals aber! F\u00fcr meine Chefin ist das Mordor. \u201eHerr der Ringe\u201c-Fans wissen: Schwarzes Land. Diese Art Ratgeber-Journalismus sei pass\u00e9, w\u00e4hrend die Zeiten f\u00fcr freundschaftliche Tipps (die mit dem Arm \u00fcber der Schulter) nie besser waren.<\/p>\n<p>Warum? Was also zeichnet Journalismus mit Nutzwert aus? Schlaumeier k\u00f6nnten einwenden: Aufkl\u00e4rung, Information, Fakten einzuordnen usw. \u2013 das hat schlie\u00dflich (auch) Nutzen. Ist unabh\u00e4ngig vom Themenfeld seit jeher Bestandteil journalistischen Selbstverst\u00e4ndnisses. Sollte es sein. Nach dem Chefin-Exkurs wusste ich ja zun\u00e4chst nur, was Nutzwert-Journalismus nicht ist. Besser: wie er nicht daherkommen soll. Was ihn sonst hervorhebt? Fehlanzeige. Aber, nochmal, ich hatte sie auch nicht danach gefragt.<\/p>\n<p>Stattdessen im Nachgang selbstst\u00e4ndige \u2013 oberfl\u00e4chliche \u2013 Indiziensuche: <a href=\"http:\/\/www.andreas-eickelkamp.de\">Andreas Eickelkamp<\/a> schrieb (sah ich auf <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Nutzwertiger_Journalismus\">Wikipedia<\/a>) vor f\u00fcnf Jahren in seinem Buch \u201eDer Nutzwert-Journalismus. Herkunft, Funktionalit\u00e4t und Praxis eines Journalismustyps\u201c: \u201eDie Themenauswahl [\u2026] bezieht sich auf den Rezipienten\u201c \u2013 also Leser, H\u00f6rer, Zuschauer. Soweit, so unspektakul\u00e4r. Passt zu jedem andern Themenfeld auch, dachte ich: Politik wie Wirtschaft, Sport oder Feuilleton \u2026 Aber jetzt, jetzt kommt es: Sie, die Auswahl der Themen also, erfolge \u201estets handlungsorientiert, umsetzungsorientiert oder ergebnisorientiert\u201c. F\u00fcr Eickelkamp steht die Frage im Mittelpunkt: \u201eWas kann der Leser tun, wie und mit welchem Ziel?\u201c Anders formuliert: Es geht darum, individuelle Vorteile zu bieten, die helfen, den Lebensalltag zu bew\u00e4ltigen. Denn der ist insgesamt komplexer geworden \u2013 nicht nur die Technik. Dass dieser sich weiter beschleunigende Wandel nicht banal ist (von wegen: war schon immer so) wie auf den ersten Blick etwa f\u00fcr Digital Natives zu vermuten, verdeutlicht die Tatsache, dass noch vor 15, jedenfalls 20 Jahren Handys \u2013 Smartphones gab es noch nicht \u2013 im Alltag eine ziemliche Seltenheit waren. Das Internet galt als Tummelplatz f\u00fcr Freaks.<\/p>\n<p><strong>Nur in hom\u00f6opathischen Dosen, bitte!<\/strong><br \/>\n\u201eNutzwertig\u201c arbeiten Journalisten dabei am besten in hom\u00f6opathischen Dosen. Denn \u2013 merke (unbedingt ausnahmsweise mit Ausrufezeichen) \u2013 den Leser niemals \u00fcberfordern! Niemals! Sonst springt er ab \u2013 gleich einem scheuen Rehlein. Deshalb die Lehre, siehe Wikipedia: Nur etwa f\u00fcnf Prozent des Umfangs sollten sich in einem derartigen Beitrag mit f\u00fcr den Leser Neuem befassen. Wer das auf Prozent genau hingeschrieben hat, meint es ernst. Viel wichtiger ist n\u00e4mlich etwas anderes: Dreimal so viel vom Umfang sei laut dem mit \u201eNutzwertiger Journalismus\u201c betitelten Wikipedia-Eintrag im Schnitt daf\u00fcr aufzuwenden, \u201edass die Leser sp\u00fcren, dass sie und ihre Bed\u00fcrfnisse dem Autor wichtig sind\u201c. Daher wird auch so oft das Label \u201eLeben\u201c aufgepappt \u2013 soll hei\u00dfen: n\u00e4her dran am Leser geht wirklich nicht. Das Ziel sei n\u00e4mlich \u2013 Obacht: in An- und Ausf\u00fchrungszeichen \u2013 \u201e\u201aN\u00e4he\u2018 zu vermitteln\u201c. Steht dort so, mit Extra-Strichchen. Der Rest, immerhin vier F\u00fcnftel des journalistischen Beitrags, ist daf\u00fcr gedacht, Nutzen \u201eauszustrahlen\u201c. Ohne An- und Ausf\u00fchrungszeichen.<\/p>\n<p>Die geneigte Leserin, auch der weniger geneigte Leser darf annehmen: Das ist kein Zufall. Wo welche Satzzeichen stehen, wo keine. Hat fast etwas Selbstironisches, w\u00fcsste man nicht, dass es um knallhartes Gesch\u00e4ft, um Kunden geht. Denn Nutzwert-Journalismus ist ein Einfallstor \u2013 f\u00fcr alle Arten von Interessenvertretern. Auch das ist nicht neu. Nichts Besonderes f\u00fcr Journalisten. Sie werden von allen m\u00f6glichen Lobbyisten umgarnt. Ob nun \u201eStil\u201c auf dem Seitenkopf steht oder \u201eTechnik und Motor\u201c, \u201eReise\u201c, \u201eWohnen\u201c. Auch wenn es um Politik geht, Wirtschaft, Kultur.<\/p>\n<p>\u00dcberall versuchen Findige, sich anzupreisen \u2013 oder ein Produkt, eine Dienstleistung, whatever. Das Ausma\u00df aber hat mich \u00fcberrascht: Kein Tag verging, keine Stunde fast, an dem, in der nicht bei alteingesessenen Kollegen w\u00e4hrend meines Intermezzos in der Redaktion das Telefon klingelte oder Mails anbrandeten, die \u201eInnovationen\u201c feilboten wie auf einem Jahrmarkt. Ob man da nicht was dr\u00fcber bringen k\u00f6nne \u2013 klar, gedrechselter, wohlklingender war das formuliert. Man denke an die Vorz\u00fcge eines neuen Telefonmodells \u2013 Samsung wird sich vermutlich demn\u00e4chst wieder bemerkbar machen (m\u00fcssen), k\u00fcrzlich war Apple an der Reihe. Oder an Fachleute f\u00fcr Traditionelle Chinesische Medizin, die ihr Behandlungsspektrum und die Methoden dazu empfehlen (\u201eweit mehl als Akupunktul! Das wissen bislang noch viel zu wenige Leute hiel in Deutschland\u201c) bis hin zu Hotelketten. Die laden dann gern mal zu Pressereisen ein mit \u201eprivaten F\u00fchrungen\u201c unter dem Titel \u201eS\u00fc\u00dfes Aachen\u201c oder zum \u201eDinner\u201c in einem ihrer H\u00e4user, in dem \u201eSie als einer der ersten G\u00e4ste die neue Vintage-Design-Bar\u201c auf der zw\u00f6lften Etage testen k\u00f6nnen. Eindr\u00fccke vom unteren Ende der Nahrungskette &#8211; da ist Luft nach oben.<\/p>\n<p><strong>Konsumg\u00fcterindustrie hat Chance l\u00e4ngst erkannt<\/strong><br \/>\nAlltag f\u00fcr jeden Facebook-Nutzer, seit es Cookies gibt, mag der eine oder die andere denken, und damit weniger anst\u00f6\u00dfig, als die Schilderung den Eindruck erweckt. Solange Ross und Reiter in einem journalistischen Beitrag genannt werden: wer l\u00e4dt ein, wer zahlt was. Klar ist aber auch, dass, wenn derartiger Journalismus im Aufwind ist, das Einfallstor f\u00fcr Interessenvertreter gegen\u00fcber einzelnen Journalisten eher gr\u00f6\u00dfer wird als kleiner. Immer schon beginnt das bei der Frage, was Thema wird, nicht erst dabei, wie dar\u00fcber zu berichten w\u00e4re. Besonders gilt das in Zeiten wie diesen, da das Redaktionsbudget f\u00fcr selbstfinanzierte Recherchen und Reisen kontinuierlich schrumpft. Was wiederum jene wissen, die gern einladen.<\/p>\n<p>Muss einem das das Metier verg\u00e4llen? Mein Fazit: nein, gerade dem nicht, der \u201esauberbleiben\u201c will (anderen wohl erst recht nicht). Nutzwert-Journalismus \u2013 dass mir der Begriff keine gl\u00fcckliche Wahl zu sein scheint, m\u00fcsste deutlich geworden sein, nur fehlt mir die Alternative; vielleicht: guter Journalismus? \u2013, Nutzwert-Journalismus ist ein spannendes, abwechslungsreiches Feld. Die Themen sind aus dem Leben gegriffen, nah am Alltag \u2013 abh\u00e4ngig freilich von Geschmack und Interessen: etwa bei der Frage, ob in Milchbr\u00f6tchen (noch) Milch ist, was den Unterschied macht zwischen veganem und konventionellem Duschbad, Deo, Kondomen; wie ich den Keller richtig l\u00fcfte. Ob OPs in kleinen Krankenh\u00e4usern gef\u00e4hrlicher sind als in gro\u00dfen oder schlechtes Unternehmensklima krankmacht; wie Online-H\u00e4ndler mit Retouren umgehen und welche Sucht wie gef\u00e4hrlich ist. Auf all diesen Gebieten konnte ich mich ausprobieren.<\/p>\n<p>Ob deshalb Nutzwert-Redaktionen Zukunftslabore des Journalismus sind? Schwere Frage, nach wie vor. Plausibel aber ist, dass sie qua Arbeitsfeld Themen beackern, die Lesern, H\u00f6rern, Zuschauern meist von Natur aus n\u00e4herliegen als Ver\u00e4stelungen einer Unternehmenssteuerreform. Oder anders: Ich muss nichts mehr auf den Einzelnen \u201erunterbrechen\u201c, wenn mich meine Chefin damit beauftragt, Vorz\u00fcge und Nachteile eines neuen Mobiltelefons zu testen. Als dann \u201ezeitungsmachender Zeitungsleser\u201c (Bernd Ulrich) nehme ich das Ger\u00e4t einfach zur Hand und teste es, um aufzuschreiben, wie es mir dabei ergangen ist. Ziemlich lesernah, oder? \u00dcber die Form \u2013 Text, Ton, Bild, alles zusammen \u2013 muss ich weiter nachdenken, m\u00fcssen wir alle. H\u00e4ngt etwa vom Inhalt ab, von meinen F\u00e4higkeiten und der Zielgruppe.<\/p>\n<p><strong>Leser blo\u00df nicht \u00fcberfordern \u2013 vielleicht ein Teil des Problems?<\/strong><br \/>\nNutzwert-Journalismus jedenfalls, der das \u201eVerbraucher\u201c-Leitbild (\u00fcber das Wort \u201eVerbraucher\u201c sollte man auch mal nachdenken, riet mir meine Chefin ganz naheliegend, Sprache ist verr\u00e4terisch) \u2013 Nutzwert-Journalismus also, der etwa das entsprechende Leitbild des Europ\u00e4ischen Gerichtshofs erstnimmt, in dem vom \u201einformierten, selbstst\u00e4ndigen und m\u00fcndigen Verbraucher\u201c die Rede ist, hat Zukunft. Hoffe ich. Obwohl mich oft das Gef\u00fchl beschleicht, dass es mit der M\u00fcndigkeit des Einzelnen eher den Bach runtergeht (trotz oder wegen der seit Jahren inflation\u00e4r auf den Markt dr\u00e4ngenden Ratgeber-&#8222;Literatur&#8220;?).\u00a0Klar, dass die auf Nutzwert-Redaktionen einst\u00fcrmende Konsumg\u00fcterindustrie ein Interesse daran hat. Das mit dem Bach liegt wom\u00f6glich aber auch daran \u2013 Frage an die eigene Zunft \u2013, dass ich in den letzten Jahren ich wei\u00df nicht, wie oft geh\u00f6rt habe, Lesern d\u00fcrfe nicht zu viel zugemutet werden. Kein einziges Mal aber: Wir d\u00fcrfen sie auch nicht unterfordern.<\/p>\n<p>[ratings]<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Wohin die Reise der Zunft geht, l\u00e4sst sich gut in einer Nutzwert (Ex-\u201eRatgeber\u201c)-Redaktion beobachten. Viele waren schon vorher da &#8211; w\u00e4hrend meines Gastspiels tauchten aber weitere, recht grunds\u00e4tzliche Fragen auf. DRESDEN. Der Journalismus der Zukunft wird entweder f\u00fcr Leser, H\u00f6rer, Zuschauer von Nutzen sein \u2013 und zwar auf Euro und Cent bezifferbar. 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