{"id":2122,"date":"2016-11-02T10:12:37","date_gmt":"2016-11-02T10:12:37","guid":{"rendered":"http:\/\/michael-kunze.net\/category\/artikel\/?p=2122"},"modified":"2020-05-22T09:23:48","modified_gmt":"2020-05-22T09:23:48","slug":"ein-zaher-patient","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/michael-kunze.net\/category\/artikel\/2016\/11\/02\/ein-zaher-patient\/","title":{"rendered":"Ein z\u00e4her Patient"},"content":{"rendered":"<figure id=\"attachment_2127\" aria-describedby=\"caption-attachment-2127\" style=\"width: 739px\" class=\"wp-caption alignleft\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-2127 size-large\" src=\"http:\/\/michael-kunze.net\/wp-content\/uploads\/2016\/11\/IMG_7653-bearbeitet-1024x774.jpg\" alt=\"Wer ist der letzte, der das Welterlebnis sucht wie Neuigkeiten \u00fcber Vertrautes in seiner Umgebung? Auf Papier. Der Journalist Michael Angele sp\u00fcrt dem alten Zeitungsleser nach. Und dem, was mit ihm sterben k\u00f6nnte. Sehns\u00fcchtig, aber ohne Wehmut. Foto: Michael Kunze\" width=\"739\" height=\"559\" srcset=\"https:\/\/michael-kunze.net\/wp-content\/uploads\/2016\/11\/IMG_7653-bearbeitet-1024x774.jpg 1024w, https:\/\/michael-kunze.net\/wp-content\/uploads\/2016\/11\/IMG_7653-bearbeitet-300x226.jpg 300w, https:\/\/michael-kunze.net\/wp-content\/uploads\/2016\/11\/IMG_7653-bearbeitet-250x189.jpg 250w, https:\/\/michael-kunze.net\/wp-content\/uploads\/2016\/11\/IMG_7653-bearbeitet-624x471.jpg 624w, https:\/\/michael-kunze.net\/wp-content\/uploads\/2016\/11\/IMG_7653-bearbeitet-960x726.jpg 960w\" sizes=\"auto, (max-width: 739px) 100vw, 739px\" \/><figcaption id=\"caption-attachment-2127\" class=\"wp-caption-text\">Wer ist der letzte, der das Welterlebnis sucht wie Neuigkeiten \u00fcber Vertrautes in seiner Umgebung? Auf Papier. Der Journalist Michael Angele sp\u00fcrt dem alten Zeitungsleser nach. Und dem, was mit ihm sterben k\u00f6nnte. Sehns\u00fcchtig, aber ohne Wehmut. Foto: Michael Kunze<\/figcaption><\/figure>\n<p>Der Journalist Michael Angele hat ein Buch \u00fcber Zeitungsleser geschrieben, die der papiernen Form den Vorzug geben. Und \u00fcber das Zeitungssterben. Herausgekommen ist ein Pl\u00e4doyer gegen inhaltliche Verflachung und das Vulg\u00e4re in Neuen Medien.<\/p>\n<p>CHEMNITZ. Eine Zeitung war Zugang zur Welt, ein St\u00fcck Heimat auch &#8211; bis hin zum raschelnden Ger\u00e4usch beim Umbl\u00e4ttern der Seiten &#8211; und gleichzeitig<\/p>\n<p><!--more--> deren Gegenteil. Fest zum Alltag geh\u00f6rend, tat sie das Ihre genauso, Heimat, Alltag hinter sich zu lassen, dar\u00fcber hinauszuschauen. Danach suchte nicht nur der als Zeitungsnarr bekannte \u00f6sterreichische Schriftsteller <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Thomas_Bernhard\">Thomas Bernhard (1931 bis 1989)<\/a>, von dem in <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Michael_Angele\">Michael Angeles<\/a> Buch <a href=\"http:\/\/www.galiani.de\/buch\/der-letzte-zeitungsleser\/978-3-86971-128-7\/\">&#8222;Der letzte Zeitungsleser&#8220;<\/a> immer wieder die Rede ist. Sondern das galt auch f\u00fcr viele andere Leser.<\/p>\n<p>Galt? Gilt weiter! Noch. Denn Zeitung ist Angebot zum Lesen-K\u00f6nnen. Die wenigsten lesen sie ganz, picken sich stattdessen einen Teil heraus, Themen, die besondere Interessen ber\u00fchren, Texte des Lieblingsautors und lassen andere links liegen. Von vornherein. Vielleicht, ja, vielleicht aber nicht immer. Mitunter gelingt sie wom\u00f6glich: die \u00dcberraschung durch einen auf den ersten Blick abseitigen Artikel, doch mit unerwartetem Zugang, ausgefallener Pr\u00e4sentation. Aber derartige Rituale &#8211; im Caf\u00e9 zelebriert, am Fr\u00fchst\u00fcckstisch, in der Stra\u00dfenbahn &#8211; sind f\u00fcr den Schweizer Journalisten Angele im Schwinden begriffen. &#8222;Daran&#8220;, schreibt er in seinem kleinen Buch, &#8222;zweifelt keiner.&#8220; Renaissance einzelner Titel, insbesondere von Wochenzeitungen, hin oder her. Denn das Internet macht alles verf\u00fcgbar. Umgehend. Jederzeit. Weltumspannend. Und kommt dabei ohne bedrucktes Papier aus, das mit gestrigen, vorgestrigen Nachrichten oft nur mehr als Mittler von Vergangenem, vulgo: Belanglosem gilt. F\u00fcr Angele aber ist es, &#8222;auch wenn es ein wenig platt klingen mag, gerade dadurch ein Medium der Entschleunigung&#8220;.<\/p>\n<p>Dass diese herstellungstechnisch bedingte Geschwindigkeitsreduktion auch ihren Wert hat dabei, Nachrichten sicherer zu machen, wenn es nicht darauf ankommt, Erster zu sein im Netz. Dass sie der Analysetiefe guttut. Dem Stil. Geschenkt. Die Entwicklung ist, wie sie ist. Mit allen Begleitprozessen. Angele betrauert nicht den Niedergang der Zeitungen, er verdeutlicht, was sie ausmacht &#8211; f\u00fcr die Leser.<\/p>\n<p>Angele, selbst einst federf\u00fchrend f\u00fcr die &#8211; der Name sagt es &#8211; allein im Internet erscheinende &#8222;Netzzeitung&#8220; t\u00e4tig und nun stellvertretender Chefredakteur der Wochenzeitung &#8222;Der Freitag&#8220;, schreibt vom Zeitungsleser, gar dem letzten. In kleinen Meldungen, Anekdoten, Glossen. Ohne dass er ihn uns pr\u00e4sentierte, diesen letzten, sich gar selbst als der titelgebende vorstellte. Stattdessen ist auf den 160 Seiten &#8211; die, Zeitungsspalten \u00e4hnlich, nur schmal bedruckt sind -, von prominenten und fanatischen Zeitungslesern wie dem erw\u00e4hnten Bernhard die Rede. Der legte einst vom heimischen Ohlsdorf am Traunsee aus 350 Kilometer zur\u00fcck, um einer &#8222;Neuen Z\u00fcrcher Zeitung&#8220; Herr zu werden. Oder verlie\u00df ein Caf\u00e9 umgehend, wenn er darin nicht die Zeitung vorfand, auf die er aus war. Angele stellt uns aber auch weniger bekannte Leser vor, einen des &#8222;Trostberger Tagblatts&#8220; etwa, den er einst wegen dieser, seiner Lokalzeitungslekt\u00fcre verachtete. Und sich daf\u00fcr heute sch\u00e4mt.<\/p>\n<p>So oder so: Er portr\u00e4tiert &#8222;Zeitungss\u00fcchtige&#8220;. Und lobt die Leserbriefschreiber, die schon wegen der damit verbundenen Anstrengung &#8211; anders als heute, da Hass-Kommentare und allzu Vulg\u00e4res im Internet salonf\u00e4hig geworden sind &#8211; ein gewisses Niveau gesichert h\u00e4tten. Das ist das eine. Das andere: &#8222;Die scheu\u00dflichsten Briefe blieben unver\u00f6ffentlicht&#8220;. Im Netz wird einem hingegen wenig erspart. Dabei gehe es &#8211; Angele zitiert die ber\u00fchmten Worte des Philosophen <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Odo_Marquard\">Odo Marquard (1928 bis 2015)<\/a> &#8211; manchmal darum, die Welt gerade nicht zu ver\u00e4ndern, sondern sie zu verschonen.<\/p>\n<p>F\u00fcr die Recherche zum Buch geht der Wahl-Berliner auch ins Archiv der britischen Zeitung &#8222;Observer&#8220; &#8211; und sieht dabei zuf\u00e4llig in einer Ausgabe vom Dezember 2002 einen lapidar mit &#8222;\u00dcber die Presse&#8220; betitelten Beitrag. Der Artikel handelt vom Zeitungssterben, von immer weniger und \u00e4lter werdenden Lesern. Fast vierzehn Jahre ist das her. Ein z\u00e4her Patient.<\/p>\n<p>Angeles Blick auf das &#8222;Totholz-Medium&#8220;, wie es Blogger und Netzaktivisten lange schon abf\u00e4llig nennen, ist ein sehnsuchtsvoller, aber kein wehm\u00fctiger. Der aus dem Kanton Bern stammende Kulturjournalist portr\u00e4tiert den Zeitungsleser als einen vielgestaltigen, sein Objekt von Liebe und Hass gerade auch durch die Papierform als eine Kulturleistung. Manche Ehe w\u00e4re ganz anders verlaufen, schreibt er. Ohne Zeitung am Fr\u00fchst\u00fcckstisch.<\/p>\n<p><strong>Michael Angeles Buch<\/strong> &#8222;Der letzte Zeitungsleser&#8220; ist im Galiani-Verlag, Berlin 2016, erschienen. <strong>160 sp\u00e4rlich bedruckte Seiten kosten 16 Euro<\/strong>.<\/p>\n<p>[ratings]<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Der Journalist Michael Angele hat ein Buch \u00fcber Zeitungsleser geschrieben, die der papiernen Form den Vorzug geben. Und \u00fcber das Zeitungssterben. Herausgekommen ist ein Pl\u00e4doyer gegen inhaltliche Verflachung und das Vulg\u00e4re in Neuen Medien. CHEMNITZ. Eine Zeitung war Zugang zur Welt, ein St\u00fcck Heimat auch &#8211; bis hin zum raschelnden Ger\u00e4usch beim Umbl\u00e4ttern der Seiten&hellip; <a class=\"more-link\" href=\"https:\/\/michael-kunze.net\/category\/artikel\/2016\/11\/02\/ein-zaher-patient\/\"><span class=\"screen-reader-text\">Ein z\u00e4her Patient<\/span> weiterlesen <span class=\"meta-nav\" aria-hidden=\"true\">&rarr;<\/span><\/a><\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[19,13,10,329],"tags":[1267,537,534,33,535,533,145,536,530,114,532,529,531,528],"class_list":["post-2122","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-artikel","category-geschichte","category-kultur","category-rezension","tag-essay","tag-heimat","tag-information","tag-internet","tag-internetzeitalter","tag-lesen","tag-medien","tag-medienwandel","tag-michael-angele","tag-neue-medien","tag-odo-marquard","tag-papier","tag-thomas-bernhard","tag-zeitung"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/michael-kunze.net\/category\/artikel\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/2122","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/michael-kunze.net\/category\/artikel\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/michael-kunze.net\/category\/artikel\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/michael-kunze.net\/category\/artikel\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/michael-kunze.net\/category\/artikel\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=2122"}],"version-history":[{"count":16,"href":"https:\/\/michael-kunze.net\/category\/artikel\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/2122\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":3751,"href":"https:\/\/michael-kunze.net\/category\/artikel\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/2122\/revisions\/3751"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/michael-kunze.net\/category\/artikel\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=2122"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/michael-kunze.net\/category\/artikel\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=2122"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/michael-kunze.net\/category\/artikel\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=2122"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}