{"id":2154,"date":"2016-12-28T14:31:02","date_gmt":"2016-12-28T14:31:02","guid":{"rendered":"http:\/\/michael-kunze.net\/category\/artikel\/?p=2154"},"modified":"2018-01-30T12:37:05","modified_gmt":"2018-01-30T12:37:05","slug":"das-chemnitzer-buch-der-bucher","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/michael-kunze.net\/category\/artikel\/2016\/12\/28\/das-chemnitzer-buch-der-bucher\/","title":{"rendered":"Das Chemnitzer Buch der B\u00fccher"},"content":{"rendered":"<figure id=\"attachment_2190\" aria-describedby=\"caption-attachment-2190\" style=\"width: 800px\" class=\"wp-caption alignleft\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-full wp-image-2190\" alt=\"Faksimile des gr\u00f6\u00dften Schatzes der Chemnitzer Stadtbibliothek: ein Nachdruck der Biblia latina, die in Paris vermutlich 1277 entstanden ist. Nachdem das Original k\u00fcrzlich nur wenige Wochen im Deutschen Hygienemuseum in Dresden zu sehen war, f\u00fcllt die L\u00fccke nun dieser Nachdruck (im Bild links). Foto: Michael Kunze\" src=\"http:\/\/michael-kunze.net\/wp-content\/uploads\/2016\/12\/IMG_0090.jpg\" width=\"800\" height=\"600\" srcset=\"https:\/\/michael-kunze.net\/wp-content\/uploads\/2016\/12\/IMG_0090.jpg 800w, https:\/\/michael-kunze.net\/wp-content\/uploads\/2016\/12\/IMG_0090-300x225.jpg 300w, https:\/\/michael-kunze.net\/wp-content\/uploads\/2016\/12\/IMG_0090-250x187.jpg 250w, https:\/\/michael-kunze.net\/wp-content\/uploads\/2016\/12\/IMG_0090-624x468.jpg 624w\" sizes=\"auto, (max-width: 800px) 100vw, 800px\" \/><figcaption id=\"caption-attachment-2190\" class=\"wp-caption-text\">Faksimile des gr\u00f6\u00dften Schatzes der Chemnitzer Stadtbibliothek: die Biblia latina auf Papier, die im Pergament-Original in Paris vermutlich 1277 entstanden ist. Nachdem dieses k\u00fcrzlich nur wenige Wochen im Deutschen Hygienemuseum in Dresden zu sehen war, f\u00fcllt die L\u00fccke nun dieser Nachdruck (im Bild links). Foto: Michael Kunze<\/figcaption><\/figure>\n<p>Um 1250 war Paris das geistige Zentrum der westlichen Welt. Dort lehrten die bedeutendsten Wissenschaftler &#8211; und machten sich einen neuen Buchtypus zunutze. Ein erhaltenes Exemplar ist das heute wertvollste St\u00fcck in der Bibliothek der s\u00fcdwests\u00e4chsischen Stadt, das k\u00fcrzlich einen seiner seltenen \u00f6ffentlichen Auftritte hatte.<\/p>\n<p>CHEMNITZ\/DRESDEN. Albertus Magnus, Bonaventura und Thomas von Aquin &#8211; Namen, auf die sich heute nur mehr\u00a0Theologen oder Philosophen einen Reim <!--more-->machen. Vor 750 Jahren waren sie Giganten, fr\u00fche Intellektuelle, die mit dem\u00a0Papst verkehrten, mit F\u00fcrsten und anderen Gelehrten aus aller Welt. Ihr wichtigster Wirkungsort war Paris &#8211; genauer: dessen Universit\u00e4t. Hier schrieben sie, disputierten, lehrten. &#8222;Studenten aus der ganzen Christenheit&#8220; zog die Uni damals an, so der franz\u00f6sische Historiker Jacques Verger.<\/p>\n<p>Was hat das mit Chemnitz zu tun, damals eine Kleinstadt, w\u00e4hrend die Seine-Metropole schon mehr als 150.000 Einwohner z\u00e4hlte? Die Stadtbibliothek, die neben einer halben Million B\u00fcchern etwa auch Dutzende Inkunabeln besitzt, bewahrt dazu den Schl\u00fcssel auf. Der eine Handschrift ist und eine Innovation ersten Ranges, ohne die M\u00f6nche wie Albert, Bonaventura, Thomas &#8211; von der katholischen Kirche heiliggesprochen, \u00fcber die sie weit hinaus wirkten &#8211; wom\u00f6glich viel weniger Einfluss genommen h\u00e4tten. Welchen Schl\u00fcssel? Bibliothekarin Sabine Schumann verantwortet die historischen Best\u00e4nde, darunter eine auf 180.000 bis 200.000 Euro Wert gesch\u00e4tzte Pergament-Handschrift, eine sogenannte Biblia latina &#8211; eine auf Latein verfasste Bibel also. Soweit,\u00a0so gew\u00f6hnlich\u00a0&#8211;\u00a0schlie\u00dflich war Letzteres damals die Regel? Mitnichten. Denn es ist eine seinerzeit gerade erst in Mode gekommene Vollbibel, die Altes wie Neues Testament enth\u00e4lt.<\/p>\n<p><strong>Beinahe ein Taschenbuch<\/strong><\/p>\n<p>Zuvor waren meist unhandliche, gro\u00dfformatige Teilausgaben g\u00e4ngig &#8211; nicht zum regelm\u00e4\u00dfigen Transport geeignet, sagt Schumann. Obendrein war die Herstellung teuer, der Buchdruck noch nicht erfunden; jedes St\u00fcck ein Unikat, in Handarbeit gefertigt &#8211; Seite um Seite, genauso der Einband. Und darum kaum erschwinglich.<\/p>\n<p>Das \u00e4nderte sich mit dem Typus &#8222;Pariser Bibel&#8220;: Der war, obwohl nach wie vor von Hand auf getrocknete Tierh\u00e4ute geschrieben, als Studien-, beinahe Taschenbuch angelegt. Die Chemnitzer Ausgabe misst mit 375 Blatt gerade einmal 23 mal 15 mal 6,5 Zentimeter. So lie\u00df sie sich tragen, war preisg\u00fcnstiger, bot sich als Nachschlagewerk an, dessen Inhalt nach der Abschrift im \u00dcbrigen in der Uni-Schreibstube streng auf Rechtgl\u00e4ubigkeit gepr\u00fcft wurde. Sprache als Machtinstrument &#8211; ja, aber auch als Mittel der Vereinheitlichung von Lehrinhalten, schrieb der Theologe Helmut Riedlinger. Mit Ausgaben wie der Chemnitzer zogen Vertreter der in jenen Jahren einflussreichen neuen Dominikaner- und Franziskaner-Bettelorden &#8211; letztere hatten in Chemnitz ein Kloster -, bis nach Russland und Fernost auf Mission, berichtet der Historiker Kaspar Elm. Ihre herausragenden Vertreter waren die eingangs genannten. Die gro\u00dfe Unbekannte des Chemnitzer Exemplars: &#8222;wie es in die Stadt kam und wann&#8220;, sagt Sabine Schumann.<\/p>\n<p><strong>Schriftanalyse best\u00e4tigt Entstehungszeit in den 1270er-Jahren\u00a0<\/strong><\/p>\n<p>Was die Forschung wei\u00df, ist, dass wohlhabende Zeitgenossen die Schriften mitunter an der Seine erwarben und in ihre Heimat mitnahmen. Ob es im Fall der Chemnitzer Biblia latina so war? Das ist offen, sagt Schumann, sicher nur, dass es sich um ein Exemplar dieses unverwechselbaren Pariser Typus handelt, von dem angenommen wird, dass es 1277 entstanden ist. Eine Schriftanalyse best\u00e4tigt die Entstehungszeit &#8211; Bonaventura und Thomas waren da gerade gestorben, Albert hochbetagt.<\/p>\n<p>Nicht auszuschlie\u00dfen sei indes, gibt Schumann zu bedenken, dass die Handschrift in England entstand. Ein undatierter, wohl aber im ersten Drittel des 20. Jahrhunderts vorgenommener, namenloser Eintrag zu Beginn des Chemnitzer Exemplars, \u00fcber dessen Zustandekommen laut Schumann nichts bekannt ist, weist auf sehr \u00e4hnliche Bibeln im Bestand des Britischen Museums in London hin. Von ihnen wird vermutet, dass sie in Dover oder Canterbury geschrieben wurden. Ob das auch auf die in S\u00fcdwestsachsen verwahrte Handschrift zutrifft, hat noch niemand untersucht.<\/p>\n<p>Deren Herkunft ist noch ungekl\u00e4rt, sicher aber ihr Alter von etwa 740 Jahren. Dies wie die Ausgestaltung macht sie zu einer &#8211; wenn auch &#8222;nicht ganz seltenen&#8220; &#8211; Rarit\u00e4t, sagt die Chemnitzerin. Weil es sich um eine Abschrift von vielen handelt. Begehrt ist sie dennoch nach wie vor. K\u00fcrzlich war die Bibel Teil einer bis September 2017 laufenden Ausstellung im Deutschen Hygiene-Museum in Dresden &#8211; deren Titel: &#8222;Sprache. Welt der Worte, Zeichen, Gesten&#8220;.<\/p>\n<p><strong>Handschrift als Beleg f\u00fcr sinnliches Schreiben im Mittelalter<\/strong><\/p>\n<p>Auf den Weg gebracht wurde diese mit der renommierten Deutschen Akademie f\u00fcr Sprache und Dichtung, sagt Kuratorin Colleen Schmitz. Da die Chemnitzer Bibel, an der nachweislich nur zwei Schreiberh\u00e4nde beteiligt waren, zu diesem Thema manche Deutung zul\u00e4sst, wurde sie ausgew\u00e4hlt. Weil das Pergament aber sehr licht- und feuchtigkeitsempfindlich ist, ging sie nach wenigen Wochen zur\u00fcck ins konstant auf 18 bis 19 Grad Celsius temperierte Magazin bei 50 Prozent Luftfeuchtigkeit. Die L\u00fccke f\u00fcllt ein papierner Nachdruck. Ausgeliehen haben die Ausstellungsmacher das Werk, &#8222;da es die Wissensweitergabe im Mittelalter unter Kirchenmonopol veranschaulicht&#8220;. Zudem sei es ein Beleg daf\u00fcr, wie &#8222;sinnlich seinerzeit geschrieben wurde&#8220;, so Schmitz.<\/p>\n<p>Nur wenige Millimeter gro\u00df sind die Buchstaben, abgefasst in gestochen scharfer Perlschrift, erg\u00e4nzt Schumann. Geschrieben wurde mit speziellen Federn. Kleckse? Nirgends. Die Kunstfertigkeit der seit 1870 in der Bibliothek verwahrten Ausgabe ist offensichtlich: mit Blattgold, blauer und roter Farbe ausgef\u00fchrte Rankenmotive, Initialen, kleine Bilder &#8211; etwa des Kirchenvaters Hieronymus. 2,5 mal 1,7 Zentimeter gro\u00df. Alles mini, um Platz zu sparen.<\/p>\n<p>Wo aber das Werk zirka 300 Jahre lang blieb seit 1277, liegt laut Schumann wie der Entstehungsort im Dunkeln. Gesichert ist, dass es 1583 dem Chemnitzer Stadtschreiber Laurentius Str\u00f6er geh\u00f6rte &#8211; damals gewisserma\u00dfen der Leiter der Stadtverwaltung. Er lie\u00df es neu binden. Woher er es hatte? Dar\u00fcber ist nichts bekannt.<\/p>\n<p>[ratings]<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Um 1250 war Paris das geistige Zentrum der westlichen Welt. Dort lehrten die bedeutendsten Wissenschaftler &#8211; und machten sich einen neuen Buchtypus zunutze. Ein erhaltenes Exemplar ist das heute wertvollste St\u00fcck in der Bibliothek der s\u00fcdwests\u00e4chsischen Stadt, das k\u00fcrzlich einen seiner seltenen \u00f6ffentlichen Auftritte hatte. CHEMNITZ\/DRESDEN. 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