{"id":2228,"date":"2017-03-18T09:41:36","date_gmt":"2017-03-18T09:41:36","guid":{"rendered":"http:\/\/michael-kunze.net\/category\/artikel\/?p=2228"},"modified":"2018-01-27T08:10:52","modified_gmt":"2018-01-27T08:10:52","slug":"genialer-kommunikator-auf-dem-stuhl-petri","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/michael-kunze.net\/category\/artikel\/2017\/03\/18\/genialer-kommunikator-auf-dem-stuhl-petri\/","title":{"rendered":"Jesuit Bernd Hagenkord: Genialer Kommunikator auf dem Stuhl Petri"},"content":{"rendered":"<p>Der Chef des deutschsprachigen Radio Vatikan berichtet in Dresden \u00fcber seine Eindr\u00fccke des bisherigen Franziskus-Pontifikats.<\/p>\n<p>DRESDEN. Ein echter Vaticanisti ist im Diaspora-Bistum Dresden-Mei\u00dfen selten zu Gast \u2013 jedenfalls, um \u00f6ffentlich \u00fcber Papst, Kurie und Kirche in Rom aus dem N\u00e4hk\u00e4stchen zu plaudern. Diese Woche klappte es auf Einladung der Katholischen Akademie im Dresdener Sankt-Benno-Gymnasium, in das am Montag rund 240 G\u00e4ste gekommen waren. Das Thema \u201eDer Pontifex der \u00dcberraschungen. Vier Jahre<!--more--> Papst Franziskus\u201c zog offensichtlich \u2013 darunter, wenn auch bei dem Veranstaltungsort nicht ganz \u00fcberraschend, ungew\u00f6hnlich viele junge Leute.<\/p>\n<p>Zu Gast war Jesuitenpater Bernd Hagenkord, der Chef der deutschsprachigen Redaktion von Radio Vatikan, der einem gr\u00f6\u00dferen Publikum 2013 im ZDF als Konklave-Kommentator bekannt geworden ist. Nun, vier Jahre sp\u00e4ter, nannte der studierte Journalist den Papst auf die Leitfrage des Abends, was der f\u00fcr ein Mensch sei, einen \u201egenialen Kommunikator\u201c, der in Lateinamerika oder Europa genauso gut ankomme wie im kulturell mehr auf Distanz bedachten S\u00fcdkorea, das er 2014 bereiste.<\/p>\n<p>Soweit, so wenig \u00fcberraschend, schlie\u00dflich ist von einem Abebben der Verehrung f\u00fcr den Argentinier auch hierzulande bislang nichts zu sp\u00fcren? Ja, aber! Denn Hagenkord vermittelte einen Eindruck von ihm, der nicht nur f\u00fcr Journalisten in Rom in dem Ausruf \u201eVorsicht, der Papst verl\u00e4sst den Vatikan!\u201c zwischen Frohlocken und Bangen best\u00e4ndig schwankt: etwa, wenn Franziskus \u201edie Kurie aufr\u00e4umen\u201c will mit Blick auf Vatikanbanksanierung oder Neustrukturierung der B\u00fcrokratie. Andere bewunderten den Papst der Gesten, der es statt der roten bei den ausgetretenen schwarzen Schuhen und dem blechernen Brustkreuz belie\u00df; der in einem ehemaligen G\u00e4stehaus wohnt, statt in der Hagenkord zufolge allerdings eher bescheidenen Palastwohnung, um sich vor menschlichen Filtern zu sch\u00fctzen, die die Wirklichkeit siebten. All das ist bekannt, auch die Fettn\u00e4pfchen, in die der 80-j\u00e4hrige Pontifex tritt \u2013 etwa, wenn er Katholiken davor warnt, sich wie Karnickel zu vermehren.<\/p>\n<p>Was bedeutet ihm aber die Kirche in Deutschland? Schon durch seine eigene Herkunft viel weniger als Vorg\u00e4nger Benedikt; das wurde aus Hagenkords Worten deutlich. Ordensbruder Mario Bergoglio arbeite daran, den Einfluss der Europ\u00e4er zur\u00fcckzudr\u00e4ngen, indem Bisch\u00f6fe aus Venedig, Turin, Palermo (oder Berlin, das Hagenkord aber nicht erw\u00e4hnte) auf einen Kardinalshut vorerst zu verzichten h\u00e4tten \u2013 damit andere Weltgegenden eine Stimme erhielten. Nicht \u201eParis oder Wittenberg\u201c interessierten den Jesuitenpapst an Europa, sondern Albanien und Lampedusa, die R\u00e4nder des Elends unserer Tage. Nicht Z\u00f6libat, Umgang mit Homosexuellen oder Frauenpriestertum seien ihm die wichtigsten Baustellen der Weltkirche, sondern Mission: das Reden eines jeden Katholiken, nicht nur der Priester, von Jesus Christus, die Bekehrung ganzer Gesellschaften, womit Hagenkord doch wieder bei Europa anlangte. \u201eWir m\u00fcssen neu lernen zu verk\u00fcnden, ohne tragende Milieus\u201c, so der aus dem M\u00fcnsterland stammende, geb\u00fcrtige Ahlener \u00fcber das Denken des Papstes.<\/p>\n<p><strong>Die Aufmerksamkeit gilt den Ostkirchen mehr als den Lutheranern<\/strong><\/p>\n<p>Auch die \u00d6kumene vertiefe der Argentinier anders, als sich das viele Deutsche w\u00fcnschten. Nicht die Lutheraner st\u00fcnden f\u00fcr ihn im Vordergrund, obwohl Franziskus 2016 wegen des bevorstehenden Reformationsgedenkens ins schwedische Lund gereist sei, dieses Jahr aber nicht nach Deutschland kommt. Stattdessen schaue der Petrus-Nachfolger wie Benedikt vor ihm besonders auf die Ostkirchen, sprach etwa das Ehrenoberhaupt der Orthodoxie, Bartholom\u00e4us, als Patriarchen von Konstantinopel nach seiner Wahl mit \u201eBruder Andreas\u201c an \u2013 in Anlehnung an das Bruderpaar Petrus und Andreas, das Jesus einst nachfolgte.<\/p>\n<p>Angstfrei und offensiv \u2013 so wolle Franziskus die Kirche, dem \u201ekatholisch\u201c nicht als Adjektiv gelte, sondern als T\u00e4tigkeitswort. In diesem Selbstverst\u00e4ndnis \u00fcbergehe er Erwartungshaltungen wie kaum ein Oberhirte der letzten Jahrzehnte. Anders als vor ihm, errege das aber weniger Ansto\u00df: Denn welchem Papst habe es die \u00d6ffentlichkeit je nachgesehen, fragte Hagenkord, sich selbstbewusst auf den im Ersten Vatikanischen Konzil beschlossenen Jurisdiktionsprimat zu beziehen, also in Lehrfragen unfehlbar zu sein? Genau das aber habe Franziskus zur ersten Familiensynode 2014 in seiner nicht angek\u00fcndigten Abschlussrede getan, als er den Bisch\u00f6fen auftrug, sich um der Sache willen offen zu streiten. Mit Referenz, ja, auf das Erste Vatikanum: Denn \u201eich sorge daf\u00fcr, dass am Ende alles eins bleibt\u201c, gab der Radiomann aus Rom die damaligen Worte des Papstes wieder, denen nirgends ein Aufschrei folgte. Man stelle sich vor, Benedikt h\u00e4tte das Gleiche gesagt.<\/p>\n<p>Auch das Publikum kam zu Wort. Eine junge Frau fragte: \u201eGlauben Sie, dass dieser Papst die Institution ,Kirche\u2018 in Deutschland retten kann, deren Attraktivit\u00e4t so gelitten hat?\u201c Die Antwort des Paters: \u201eNein.\u201c Um nach einer Pause fortzusetzen: \u201eDas k\u00f6nnen nur die Gemeinden vor Ort. Denn es geht darum, Zeugnis ablegend, Christ zu sein, nicht Institution zu sch\u00fctzen.\u201c Laurenz Tammer \u2013 viele Jahre Zwickauer Dekan, nun Pfarrer in Dresden \u2013 lenkte die Aufmerksamkeit auf die Sicht mancher Kritiker des Papstes, dieser \u201ew\u00fcrde zu wenig klare Kante gegen\u00fcber politischem Islam, Islamismus, religi\u00f6s motivierter Gewalt zeigen\u201c, mit der Begr\u00fcndung, letztere gebe es in jeder Religion. Tammer vermutete als Grund f\u00fcr Franziskus&#8216; Z\u00f6gern die Angst davor, \u00e4hnlich wie nach Benedikts Regensburger Rede k\u00f6nne Gewalt gegen die Schw\u00e4chsten, beispielsweise Christen in Pakistan, dem Irak oder Syrien, die Folge sein. Hagenkord, der die Rede als \u201eeinen der besten Texte zum Thema Religion und Gewalt\u201c bezeichnete, deutete die Zur\u00fcckhaltung von Franziskus als Zeichen daf\u00fcr, dass dieser ein \u201eunverbesserlicher Optimist [sei], was den Menschen angeht\u201c. Der Papst wolle mit jedem reden, auch auf die Gefahr hin, dass man ihm vorwirft, Diktatoren vor\u00fcbergehend zu stabilisieren, wie dies bei Venezuelas Staatspr\u00e4sident Nicol\u00e1s Maduro der Fall gewesen sei. Der Pater nannte dies \u201eein bisschen naiv, aber das steht einem Papst in dem Fall zu\u201c.<\/p>\n<p><strong>Ein Charismatiker lebt den Glauben vor<\/strong><\/p>\n<p>All das mache Franziskus zu einem Mann, der zwar noch kein \u201egro\u00dfer L\u00f6sungspr\u00e4sentierer\u201c sei, wohl aber \u201eein Unruheschaffer\u201c. Dies passte zu dem, worauf Hagenkord an fr\u00fcherer Stelle einging \u2013 n\u00e4mlich, dass die Kirche des 21. Jahrhunderts auf die Fragen der Zeit nicht die Antworten fr\u00fcherer Generationen geben k\u00f6nne \u2013 in ihren Ausdrucks- und Umgangsformen. Franziskus gehe einen neuen Weg, er suche N\u00e4he auch physisch und lebe charismatisch die Freude am Glauben vor. Das sei zudem in seinen Texten sp\u00fcrbar \u2013 anders als in Verlautbarungen der Deutschen Bischofskonferenz: \u201eWo gibt es da Dokumente\u201c, fragte der Pater aus Rom, \u201ewo man mal lachen kann?\u201c Beabsichtigt und von Herzen. \u201eDas ist eher selten.\u201c Der Papst aber schreibe so unverstellt wie er spreche, nicht erhaben. Er wolle verstanden werden. Jetzt. Von jedem.<\/p>\n<p>[ratings]<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Der Chef des deutschsprachigen Radio Vatikan berichtet in Dresden \u00fcber seine Eindr\u00fccke des bisherigen Franziskus-Pontifikats. DRESDEN. Ein echter Vaticanisti ist im Diaspora-Bistum Dresden-Mei\u00dfen selten zu Gast \u2013 jedenfalls, um \u00f6ffentlich \u00fcber Papst, Kurie und Kirche in Rom aus dem N\u00e4hk\u00e4stchen zu plaudern. 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