{"id":2246,"date":"2017-04-01T04:45:15","date_gmt":"2017-04-01T04:45:15","guid":{"rendered":"http:\/\/michael-kunze.net\/category\/artikel\/?p=2246"},"modified":"2020-05-22T09:20:24","modified_gmt":"2020-05-22T09:20:24","slug":"der-revolutionar","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/michael-kunze.net\/category\/artikel\/2017\/04\/01\/der-revolutionar\/","title":{"rendered":"Der Revolution\u00e4r"},"content":{"rendered":"<figure id=\"attachment_2253\" aria-describedby=\"caption-attachment-2253\" style=\"width: 739px\" class=\"wp-caption alignleft\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-2253 size-large\" src=\"http:\/\/michael-kunze.net\/wp-content\/uploads\/2017\/04\/IMG_7927-1024x682.jpg\" alt=\"Die einen widmeten ihm Denkm\u00e4ler, die andern sahen dunkle Wolken mit dem Wittenberger aufkommen: Martin Luther taugte wurde und wird f\u00fcr vieles instrumentalisiert, legte daf\u00fcr aber selbst die Grundlagen. Das Bild des &quot;Reformators&quot; hat Kratzer, die nicht wenige im Jahr des Reformationsgedenkensabdecken m\u00f6chten. Foto: Michael Kunze\" width=\"739\" height=\"492\" srcset=\"https:\/\/michael-kunze.net\/wp-content\/uploads\/2017\/04\/IMG_7927-1024x682.jpg 1024w, https:\/\/michael-kunze.net\/wp-content\/uploads\/2017\/04\/IMG_7927-300x200.jpg 300w, https:\/\/michael-kunze.net\/wp-content\/uploads\/2017\/04\/IMG_7927-250x166.jpg 250w, https:\/\/michael-kunze.net\/wp-content\/uploads\/2017\/04\/IMG_7927-624x416.jpg 624w, https:\/\/michael-kunze.net\/wp-content\/uploads\/2017\/04\/IMG_7927-960x640.jpg 960w\" sizes=\"auto, (max-width: 739px) 100vw, 739px\" \/><figcaption id=\"caption-attachment-2253\" class=\"wp-caption-text\">Die einen widmeten ihm Denkm\u00e4ler, die andern sahen dunkle Wolken mit dem Wittenberger aufkommen: Martin Luther wurde und wird f\u00fcr vieles instrumentalisiert, legte daf\u00fcr aber selbst die Grundlagen. Foto: Michael Kunze<\/figcaption><\/figure>\n<p>Wer Reform will, erneuert das Bestehende mehr oder weniger behutsam. Martin Luther aber st\u00fcrzte Kirche, Politik und Gesellschaft seiner Zeit um \u2013 mit langanhaltenden Folgen, die auch im Jahr des Reformationsgedenkens nachwirken.<\/p>\n<p>DRESDEN. Martin Luther wollte keine Spaltung der Kirche, sondern sie reformieren. So lautet der Tenor bei Kirchenvertretern oder Politikern<!--more--> im Jahr des Reformationsgedenkens. Auch katholische Theologen wie Dirk Ansorge von der Hochschule Sankt Georgen sind von der Reformabsicht des Wittenbergers \u00fcberzeugt.\u00a0Die Wirklichkeit vor 500 Jahren legt aber einen anderen Schluss nahe: Luthers Wunsch nach Kirchenreform war bald nach Ver\u00f6ffentlichung seiner 95 Thesen wider den Ablasshandel ersch\u00f6pft. Dann betrieb er so aus- wie tiefgreifend Spaltung und Revolution statt Wandel und Erneuerung des Bestehenden. Bei Luthers Tod 1546 war das \u201eHeilige R\u00f6mische Reich Deutscher Nation\u201c geteilt in ein evangelisches, sich konfessionell weiter zerfaserndes und in ein katholisches Lager. Unz\u00e4hlige hatten den Streit mit ihrem Leben bezahlt \u2013 lange vor dem Gemetzel des Drei\u00dfigj\u00e4hrigen Krieges.<\/p>\n<p><strong>Der antir\u00f6mische Affekt lebt weiter<\/strong><\/p>\n<p>Die religi\u00f6sen und gesellschaftlichen Konsequenzen bis in Familien hinein w\u00e4hrten Jahrhunderte. \u00c4ltere kennen noch die mitunter dramatischen Umst\u00e4nde, wenn vor 60, 70 Jahren zum Beispiel eine gemischtkonfessionelle Eheschlie\u00dfung zur Debatte stand. Da haben Eltern Kinder enterbt, sich Familien zerstritten, wurde einander versto\u00dfen.\u00a0Die Spaltung, die Luther mit F\u00fcrstenhilfe einleitete, stellte sich als derart gravierend und nachhaltig heraus, dass es bald 500 Jahre brauchte, um sich Luthers und der Ereignisse des Herbstes 1517 ohne Siegesfeier wider die Altgl\u00e4ubigen in Rom zu erinnern, bei der das katholische Deutschland stets als unsicherer Geselle in nationaler Sache abqualifiziert worden war. Auch Bismarck hielt das noch so; er lie\u00df wenig unversucht, Katholiken zu unterdr\u00fccken \u2013 im Kampf gegen Zentrumspartei, Konfessionsschulen, kirchliche Ehe. Der antir\u00f6mische Affekt hielt sich bis weit ins 20. Jahrhundert. F\u00fcr eine Vielzahl von Katholiken wirkt er abgeschw\u00e4cht noch immer, wenn sie sich den Umgang deutscher Medien oder Politiker wie der evangelischen Bundeskanzlerin mit Papst Benedikt XVI. im Zusammenhang mit Holocaustleugner und Ex-Piusbruder Richard Williamson in Erinnerung rufen.<\/p>\n<p>Die politischen Auswirkungen von Deutschlands weltweit einmaliger Spaltung sind das eine, das andere die religi\u00f6sen. Luther hat die Kirche nicht reformiert; er zwang andere, dies zu tun, nachdem er ihr den R\u00fccken gekehrt hatte und schuf parallel dazu eine neue, die das Gegenteil der katholischen sein sollte. Das wird im Verh\u00e4ltnis zum Papstamt offenbar, das Luther anfangs als Ausdruck menschlichen, nicht aber g\u00f6ttlichen Rechts noch akzeptierte. Es zeigt sich auch darin, welche Rolle Kirche als Institution f\u00fcr Lutheraner spielt. Diese unterscheidet sich grunds\u00e4tzlich von dem, was sie f\u00fcr Katholiken darstellt. W\u00e4hrend sie letzteren als Gottes Werkzeug gilt, mit dem er jetzt, direkt, sichtbar in der Welt handelt, ist sie f\u00fcr Lutheraner organisatorisches Mittel zum Zweck.<\/p>\n<p>Die Katholische Kirche beruft sich f\u00fcr die herausgehobene Stellung des Papstes als Nachfolger des Apostels Petrus auf das Matth\u00e4us-Evangelium. Dort stehen Jesu Worte: \u201eDu bist Petrus, und auf diesen Felsen werde ich meine Kirche bauen, und die M\u00e4chte der Unterwelt werden sie nicht \u00fcberw\u00e4ltigen. Ich werde dir die Schl\u00fcssel des Himmelreichs geben; was du auf Erden binden wirst, das wird auch im Himmel gebunden sein, und was du auf Erden l\u00f6sen wirst, das wird auch im Himmel gel\u00f6st sein.&#8220;<\/p>\n<p><strong>Weihe ver\u00e4ndert das Amt<\/strong><\/p>\n<p>Alles, was sich daraus ergibt, deutet der Form nach auf Dauer hin, dazu auf hohe Autorit\u00e4t. Darauf fu\u00dft die katholische Hierarchie. Diese leitet die Stellung der Bisch\u00f6fe, deren erster der von Rom ist, aus dem Handeln in direkter Nachfolge der Apostel ab. Jesus selbst hat sie in die Welt gesandt. Durch Handauflegen wurde diese besondere W\u00fcrde von den Aposteln, dem Zw\u00f6lfer-Kreis um Jesus, an die Bisch\u00f6fe weitergegeben.\u00a0Lutheraner hingegen kennen kein Weiheamt; die Abfolge des Handauflegens ist bei ihnen unterbrochen. Denn Luther ging vom Priestertum aller Gl\u00e4ubigen aus, zu dem jeder Getaufte berufen ist. Die Landesbisch\u00f6fe sind eine junge Notl\u00f6sung, entstanden nach Untergang der Monarchien in Deutschland. Bis dahin waren die F\u00fcrsten Oberh\u00e4upter der Landeskirchen, dazu gab es als deren \u201eAufseher\u201c Superintendenten, Bisch\u00f6fe hingegen nicht. Der evangelische Pfarrer wiederum leitet eine Gemeinde mit dem aus Laien bestehenden Kirchenvorstand gemeinsam. Er ist durch sein Theologiestudium zwar religi\u00f6s besonders gebildet, erh\u00e4lt aber keine Weihe (aus der sich weitreichende Rechte und Pflichten ableiten) wie sein katholischer Amtsbruder. Lutheraner ordinieren ihre Pfarrer. Das hei\u00dft, sie werden gesegnet und ausgesandt, um Gottes Wort zu verk\u00fcnden und die Sakramente zu verwalten. Luther war der \u00dcberzeugung, dass es vor Gott nicht auf Leistung ankommt, da Erl\u00f6sung nur als dessen Gnadenakt denkbar ist (dem schlie\u00dfen sich Katholiken heute weitgehend an). So verbiete sich ein Priesterstand, der durch Weihe, Gel\u00fcbde, Lebensform \u00fcber anderen Gemeindegliedern steht.<\/p>\n<p>W\u00e4hrend das lutherische \u201eecclesia semper reformanda\u201c betont, dass sich \u201eKirche immerfort wandeln\u201c muss, um Jesu Botschaft zeitgem\u00e4\u00df zu verk\u00fcnden, hebt die Katholische Kirche Kontinuit\u00e4t hervor. Sie f\u00fcrchtet den Bruch mit der Tradition wie der Teufel das Weihwasser. Immer geht es darum, die gro\u00dfe Linie aus der Zeit Jesu bis in die Gegenwart weiter zu zeichnen \u2013 auch mal kurvig, doch ohne Unterbrechung. Dem Zeitgeist wird mit Skepsis begegnet. Nicht allein die Schrift, Luthers \u201esola scriptura\u201c \u2013 nur das, was in der Bibel steht \u2013, dient als Richtschnur katholischen Christseins. Die Bibel ist vielmehr einer von weiteren, wenn auch ein wichtiger Stein des Hauses Kirche. Ihre Entstehung ist dabei selbst Folge eines kirchlichen Traditionsprozesses: beispielsweise von Konzilsbeschl\u00fcssen oder Glaubenspr\u00fcfungen und Erkenntnisprozessen der Kirchenv\u00e4ter, die die Aufnahme der vier Evangelien von Matth\u00e4us, Markus, Lukas und Johannes ins Neue Testament nach sich zogen, w\u00e4hrend andere Schriften au\u00dfen vor blieben (die sogenannten Apokryphen).<\/p>\n<p><strong>Kirchenverst\u00e4ndnis gilt als Haupthinderungsgrund f\u00fcr weitere Ann\u00e4herung<\/strong><\/p>\n<p>Luther war im Wortsinne Fundamentalist; er warf der Kirche vor, sie habe sich zu weit von ihren Wurzeln entfernt, f\u00fchrende Vertreter h\u00e4tten sich zu sehr diesseitigen Zwecken ausgeliefert und die Gl\u00e4ubigen gleich mit. Was er am Ablass kritisierte, war die Verkn\u00fcpfung von weltlicher Leistung, klingender M\u00fcnze, mit jenseitigem Lohn \u2013 getreu dem Motto des Pirnaer Predigers Johann Tetzel: \u201eWenn das Geld im Kasten klingt, die Seele in den Himmel springt.\u201c Viele Missst\u00e4nde hat die Katholische Kirche nach und nach abgestellt. Schon auf dem Konzil von Trient (1545-1563), das allerdings Jahrzehnte zu sp\u00e4t kam, wurden grundlegende Reformen eingeleitet.<\/p>\n<p>Diese konnten das sich aus dem unterschiedlichen Kirchen- ergebende abweichende Amtsverst\u00e4ndnis bei Katholiken und Protestanten nicht mehr zusammenf\u00fchren, das heute als Haupthinderungsgrund weiterer Ann\u00e4herung gilt. Es gibt aber zus\u00e4tzliche Unterschiede wie die Anzahl der Sakramente. Katholiken kennen sieben dieser sichtbaren Zeichen, die die unsichtbare Wirklichkeit Gottes vergegenw\u00e4rtigen und die die, denen sie gespendet werden, an dieser Wirklichkeit teilhaben lassen: Taufe, Eucharistie (Kommunion\/Abendmahl), Beichte, Firmung, Ehe, Krankensalbung, Priesterweihe. Luther hat nur zwei akzeptiert: Taufe und Abendmahl, auch wenn er die Krankensalbung f\u00fcr einen guten Brauch hielt und die Beichte sch\u00e4tzte. Was beim Abendmahl passiert, deutete er teils abweichend vom katholischen Verst\u00e4ndnis.<\/p>\n<p>Was das in der Konsequenz bedeutet, mag eine Begebenheit illustrieren, von der im Januar 2007 der &#8222;Wiesbadener Kurier&#8220; berichtete: Dem Frankfurter Stadtdekan Johannes zu Eltz war seinerzeit\u00a0in der\u00a0Heiligen Messe aufgefallen, dass jemand eine konsekrierte Hostie stehlen wollte. Zu Eltz\u00a0suchte dies zu verhindern. Der Zeitung gegen\u00fcber gab er an, den Leib Christi, denn darum handelt es sich nach katholischem Verst\u00e4ndnis,\u00a0notfalls mit seinem Leben zu verteidigen. W\u00e4hrenddessen berichtet der \u00d6kumenebeauftragte der als sehr konservativ geltenden Evangelisch-Lutherischen Landeskirche Sachsens, Peter Meis, gegen\u00fcber dem Autor, dass es in seinem Kirchensprengel den Pfarrern \u00fcberlassen sei, wie sie etwa mit Wein umgehen, der beim Abendmahl \u00fcbrigbleibt. &#8222;In der Regel wird er weggesch\u00fcttet&#8220;,\u00a0sagt er.\u00a0Nur solche Pastoren, die dem katholischen Verst\u00e4ndnis sehr nahe st\u00fcnden, hielten es anders.<\/p>\n<p>Sakrament, ja oder nein, ma\u00df\u00a0Luther jedenfalls\u00a0daran, ob ein Zeichen von Jesus selbst eingesetzt worden ist und davon die Bibel entsprechend berichtet. F\u00fcr ihn galt das nur f\u00fcr die genannten beiden. Auch wenn Meis in der R\u00fcckschau von einem \u201eerstaunlichen Reformweg\u201c der Katholiken spricht, nicht erst seit dem Zweiten Vatikanischen Konzil, sondern seit Trient, bleiben die genannten gro\u00dfen, ma\u00dfgeblich von Luther inspirierten Unterschiede, die auch dazu f\u00fchren, dass es Katholiken beispielsweise (anders als in einem Gottesdienst der Orthodoxen) auf Gehei\u00df der eigenen Kirchenf\u00fchrung nicht gestattet ist, am lutherischen Abendmahl teilzunehmen. W\u00e4hrend zudem seit einiger Zeit Frauen in immer mehr lutherischen Kirchen auch jenseits Deutschlands Pfarrer werden k\u00f6nnen, ist ihnen dies in der Katholischen Kirche verwehrt. Ma\u00dfstab daf\u00fcr ist, dass Jesus in den Kreis seiner Apostel nur M\u00e4nner berufen hat, was die Katholische Kirche gerade nicht als Ausdruck zeitbedingter Benachteiligung von Frauen interpretiert.<\/p>\n<p>Auch wenn in diesem Jahr die Errungenschaften Luthers gew\u00fcrdigt werden \u2013 als Bibel\u00fcbersetzer, Hochdeutsch-Entwickler, Streiter f\u00fcrs Selberlesen und K\u00e4mpfer wider Korruption in der Kirche \u2013, \u00e4ndert dies nichts daran, dass er die Kirche (\u201eweg von Rom\u201c) und Deutschland selbst gespalten hat. Ausgerechnet letzteres wird selten beachtet, gilt er doch gerade jenen als Leumund, die die nationale Einheit in Abgrenzung zum Anderen entgegen dem allumfassenden, katholischen Prinzip besonders beschw\u00f6ren. Dabei scheiterte Luther mit seinem Ansinnen, eine deutsche Nationalkirche zu schaffen und ein Nationalkonzil einzuberufen. Die Bauernmassen, die sich auf die von ihm proklamierte Gewissensfreiheit beriefen, um auch ihre vielfach prek\u00e4re politisch-wirtschaftliche Stellung zu verbessern, lie\u00df er mithilfe seiner f\u00fcrstlichen Unterst\u00fctzer totschlagen. Er hielt die Aufr\u00fchrer f\u00fcr vom Teufel besessen.<\/p>\n<p><strong>Innerkirchliche Reformen trieben statt Luther andere voran<\/strong><\/p>\n<p>Reformen in der Kirche wollten aber andere, Luthers Zeitgenosse Erasmus von Rotterdam etwa, den Luther beschimpfte. Dabei hatte der sich wortgewaltig mit dem Zustand der Kl\u00f6ster oder der aus dem Ruder gelaufenen Heiligenverehrung auseinandergesetzt: \u201eWir k\u00fcssen die Schuhe der Heiligen und ihre schmutzigen Schwei\u00dft\u00fccher\u201c, schrieb er, \u201eihre heiligsten und wirksamsten Reliquien aber, n\u00e4mlich ihre B\u00fccher, lassen wir achtlos liegen.\u201c Doch der Humanist blieb katholisch, obwohl einige seiner Schriften auf dem Index landeten: \u201eIn Luthers Kirche h\u00e4tte ich eine der Koryph\u00e4en werden k\u00f6nnen\u201c, sagte er, \u201eaber ich wollte lieber den Hass ganz Deutschlands auf mich ziehen, als mich von der Gemeinschaft der Kirche zu trennen.\u201c W\u00e4hrend Erasmus au\u00dferdem f\u00fcr die menschliche Willensfreiheit eintrat, verwarf Luther diese. Es kommt so nicht von ungef\u00e4hr, dass der Wittenberger heute manchen Historikern st\u00e4rker als Exponent mittelalterlichen Denkens gilt, das er eher fortschrieb, denn als Neuerer \u2013 was paradox anmutet angesichts all der Ver\u00e4nderungen, die er bewirkte.<\/p>\n<p>Deutlich wird das zum Beispiel im Teufels- und D\u00e4monenglauben, \u201edem Luther eine Buchst\u00e4blichkeit belie\u00df, die seit dem 13. Jahrhundert nicht mehr selbstverst\u00e4ndlich war\u201c, schrieb der Mittelalter-Historiker Kurt Flasch. Au\u00dferdem fordere uns die Luther-Verehrung auf, Doctor Martinus aus seiner Zeit heraus zu verstehen, so Flasch, was als bew\u00e4hrtes Prinzip moderner historiografischer Forschung gilt. Es f\u00fchrt aber mit Blick auf Luther zu zweierlei Ma\u00df. W\u00e4hrend man ihm oder Begleitern einiges als \u201emittelalterlich\u201c oder zeitgebunden (\u201edie wussten es nicht besser, das muss man verstehen\u201c) durchgehen l\u00e4sst, zeigt sich der kritische Betrachter gegen\u00fcber (katholischen) Zeitgenossen vielfach weniger nachsichtig. Dass Luther die Doppelehe des wichtigen Verb\u00fcndeten und Landgrafen Philipp von Hessen rechtfertigte \u2013 \u201ediese w\u00fcssten wir nicht zu verurteilen\u201c \u2013, taugt oft nur als Fu\u00dfnote. Aus theologischer Sicht war das unglaublich. Aber die Zust\u00e4nde in Rom!<\/p>\n<p>Doch Luther wollte den nachhaltigen Bruch mit der \u201ealten\u201c Kirche, daf\u00fcr brauchte er Verb\u00fcndete. Und nur wer sich von Gott pers\u00f6nlich beauftragt w\u00e4hnt, konnte, wie er im Jahre 1522, sagen: \u201eWer meine Lehre nicht annimmt, der m\u00f6ge nicht selig werden.\u201c Das l\u00e4sst sich nicht auf einen Nenner bringen mit dem \u201eAlle sollen eins sein\u201c, das Jesus selbst im Johannes-Evangelium forderte. Nur Abweichler in den eigenen Reihen verurteilte er rigider als R\u00f6misch-Katholisches: Die \u201eIrrt\u00fcmer\u201c des Wegbereiters der Reformierten Kirche, Ulrich Zwingli, hielt Luther f\u00fcr siebenmal schlimmer als die der \u201ePapisten\u201c. Dabei hatte auch der Apostel Paulus, den Luther verehrte, einst an die Gemeinde in Korinth geschrieben: \u201eIch ermahne euch aber, Br\u00fcder, im Namen Jesu Christi, \u2026 duldet keine Spaltungen unter euch.\u201c Vielleicht nicht in erster Absicht, doch in der Konsequenz hatte Luther sein halbes Leben lang an nichts anderem gearbeitet.<\/p>\n<p>[ratings]<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Wer Reform will, erneuert das Bestehende mehr oder weniger behutsam. Martin Luther aber st\u00fcrzte Kirche, Politik und Gesellschaft seiner Zeit um \u2013 mit langanhaltenden Folgen, die auch im Jahr des Reformationsgedenkens nachwirken. DRESDEN. Martin Luther wollte keine Spaltung der Kirche, sondern sie reformieren. 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