{"id":2294,"date":"2017-04-27T11:33:15","date_gmt":"2017-04-27T11:33:15","guid":{"rendered":"http:\/\/michael-kunze.net\/category\/artikel\/?p=2294"},"modified":"2020-05-22T09:20:52","modified_gmt":"2020-05-22T09:20:52","slug":"luthers-spaterer-retter-buhlte-in-chemnitz-um-klosterpfrunde","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/michael-kunze.net\/category\/artikel\/2017\/04\/27\/luthers-spaterer-retter-buhlte-in-chemnitz-um-klosterpfrunde\/","title":{"rendered":"Luthers Retter buhlte um Chemnitzer Klosterpfr\u00fcnde"},"content":{"rendered":"<figure id=\"attachment_2300\" aria-describedby=\"caption-attachment-2300\" style=\"width: 739px\" class=\"wp-caption alignleft\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-2300 size-large\" src=\"http:\/\/michael-kunze.net\/wp-content\/uploads\/2017\/04\/Foto-Schlo\u00dfberg-Chemnitz-21.4.17-1024x768.jpg\" alt=\"Bis 1540\/41 eine wohlhabende Benediktinerabtei, von der aus im 12. Jahrhundert Chemnitz gegr\u00fcndet wurde, heute ein Museum f\u00fcr gotische Kunst. Foto: Michael Kunze\" width=\"739\" height=\"554\" srcset=\"https:\/\/michael-kunze.net\/wp-content\/uploads\/2017\/04\/Foto-Schlo\u00dfberg-Chemnitz-21.4.17-1024x768.jpg 1024w, https:\/\/michael-kunze.net\/wp-content\/uploads\/2017\/04\/Foto-Schlo\u00dfberg-Chemnitz-21.4.17-300x225.jpg 300w, https:\/\/michael-kunze.net\/wp-content\/uploads\/2017\/04\/Foto-Schlo\u00dfberg-Chemnitz-21.4.17-250x187.jpg 250w, https:\/\/michael-kunze.net\/wp-content\/uploads\/2017\/04\/Foto-Schlo\u00dfberg-Chemnitz-21.4.17-624x467.jpg 624w, https:\/\/michael-kunze.net\/wp-content\/uploads\/2017\/04\/Foto-Schlo\u00dfberg-Chemnitz-21.4.17-960x720.jpg 960w\" sizes=\"auto, (max-width: 739px) 100vw, 739px\" \/><figcaption id=\"caption-attachment-2300\" class=\"wp-caption-text\">Bis 1540\/41 eine wohlhabende Benediktinerabtei, von der aus im 12. Jahrhundert Chemnitz gegr\u00fcndet wurde: Auf dem heutigen Schlo\u00dfberg ist ein Museum f\u00fcr gotische Kunst in der fr\u00fcheren Klausur untergebracht, dahinter die evangelische Pfarr- und einstige Klosterkirche. Foto: Michael Kunze<\/figcaption><\/figure>\n<p>Ohne die Benediktiner, die sich vor 874 Jahren auf dem heutigen Schlo\u00dfberg niederlie\u00dfen, w\u00e4re die s\u00fcdwests\u00e4chsische Stadt damals nicht entstanden. Eine Tagung widmete sich nun der Abtei, um mehr als 400 Jahre vorreformatorischer Historie zu w\u00fcrdigen. Dabei sorgte ein Wissenschaftler ausgerechnet f\u00fcr einen kleinen Paukenschlag der Reformationsgeschichtsschreibung.<\/p>\n<p>CHEMNITZ. Was der Sprach- und Literaturhistoriker <a href=\"https:\/\/www.tu-chemnitz.de\/phil\/ifgk\/germanistik\/mediaevistik\/prof.html\">Christoph Fasbender<\/a> (TU Chemnitz) am Wochenende<!--more--> bei einer wissenschaftlichen Tagung \u00fcber das ehemalige Benediktinerkloster im Chemnitzer Schlo\u00dfbergmuseum pr\u00e4sentierte, ist ein kleiner Paukenschlag der Reformationsgeschichtsschreibung. Im Zentrum steht dabei eine von der Forschung bislang offenkundig nicht beachtete, durch Fasbender im Staatsarchiv Weimar ausgegrabene Liste, auf der der Name \u201eGeorg Spalatin\u201c auftaucht. Der war kein Geringerer als der Beichtvater Friedrichs des Weisen, ein entschiedener F\u00f6rderer Luthers am kurf\u00fcrstlich-s\u00e4chsischen Hof und formulierte 1530 mit Philipp Melanchthon beim Augsburger Reichstag die \u201eConfessio Augustana\u201c, das Bekenntnis der lutherischen Reichsst\u00e4nde. Spalatin war es auch, der 1521 die Rettung des aufm\u00fcpfigen M\u00f6nches vor den H\u00e4schern des Kaisers auf die Wartburg organisierte. Ohne Luthers Freund w\u00e4re die Reformation wohl anders verlaufen.<\/p>\n<p>Die f\u00fcr ihre Zeit an sich nicht ungew\u00f6hnliche Liste aus dem Jahr 1520 enth\u00e4lt Namen von W\u00fcrdentr\u00e4gern, die nach der Wahl des Habsburgers Karl V. zum Kaiser sofort f\u00fcr ihre Unterst\u00fctzung belohnt werden sollten. Auf dem Schriftst\u00fcck, das Spalatin im Auftrag des Kurf\u00fcrsten erstellte, taucht aber auch sein eigener Name auf. Noch drei Jahre, nachdem Luther seine 95 Thesen wider den Ablasshandel ver\u00f6ffentlicht hatte, bringt Spalatin sich als Abt des Benediktinerklosters Chemnitz ins Spiel.<\/p>\n<p><strong>Abtei muss nach innen und au\u00dfen in gutem Zustand gewesen sein<\/strong><\/p>\n<p>F\u00fcr Fasbender ist daran zweierlei bemerkenswert: Einerseits zeuge Spalatins Namensnennung davon, dass das Chemnitzer, dem Hirsauer Ordo folgende Kloster auch zu diesem Zeitpunkt nach innen und au\u00dfen in sehr ordentlichem Zustand gewesen sein muss &#8211; dabei hatte es wiederholt externe Reformbestrebungen abgelehnt. W\u00e4re es um Chemnitz schlecht bestellt gewesen, h\u00e4tte es ein derart enger und hoher Mitarbeiter des F\u00fcrsten nicht ins Auge gefasst. In der Mark Mei\u00dfen galt die Benediktinerabtei mit Besitzungen bis ins B\u00f6hmische als die zweitreichste nach Altzella. Zum anderen sieht der Historiker und Germanist in der Namensnennung einen Beleg, dass Spalatin in direktem Gegensatz zur von reformatorischer Seite wortgewaltig vertretenen Kritik am \u201ealtkirchlichen\u201c Pfr\u00fcndewesen handelte. Zudem musste es ausgerechnet ein Kloster sein. Dabei strebte sein Freund Luther bereits fr\u00fch deren Aufl\u00f6sung wegen angeblich fl\u00e4chendeckend anachronistischer Zust\u00e4nde an. Spalatin erscheint so dem \u201enach wie vor durch und durch verhaftet\u201c, was die Reformation bek\u00e4mpfte, sagte Fasbender.<\/p>\n<p>Die Liste, die beinahe den Schlusspunkt der Geschichte des Chemnitzer Benediktinerklosters darstellt, das 1540\/41 im Zuge der Reformation aufgel\u00f6st und sp\u00e4ter in ein kurf\u00fcrstliches Schloss, zeitweise auch ein Salz- und Bierlager umgewandelt wurde, best\u00e4tigt indes, positiv gewandt, den kultur-, bau- und entwicklungsgeschichtlichen Beitrag, den die Benediktiner mit ihrer 1136 durch Kaiser Lothar III. gegr\u00fcndeten Abtei mehr als 400 Jahre lang im Chemnitztal und noch im 16. Jahrhundert leisteten. Ohne sie w\u00e4re die Stadt wohl nicht, jedenfalls nicht so fr\u00fch, in einem damals fast ausschlie\u00dflich von Slawen besiedelten Terrain entstanden.<\/p>\n<p><strong>Letzte Benediktinerneugr\u00fcndung in Mitteldeutschland<\/strong><\/p>\n<p>Dass die Ersterw\u00e4hnung von Chemnitz ins Jahr 1143 f\u00e4llt, worauf auch das Jubil\u00e4um im kommenden Jahr abzielt, h\u00e4ngt damit zusammen, dass vom Gr\u00fcndungsakt kein Schriftst\u00fcck \u00fcberliefert ist, sagte Uwe Fiedler. Der Leiter des hervorragend sanierten <a href=\"http:\/\/www.schlossbergmuseum.de\">Schlo\u00dfbergmuseums<\/a> mit reichen Sch\u00e4tzen gotischer Bild- und Schnitzkunst (etwa von Peter Breuer) aus ganz Sachsen, dessen Haus in den erhaltenen Teilen der fr\u00fcheren Klausur untergebracht ist, verwies stattdessen auf eine Urkunde des Staufers Konrad III. Sieben Jahre nach der Gr\u00fcndung ausgefertigt, belegt sie die Rechte des Klosters, das laut dem Leipziger Historiker Enno B\u00fcnz die damals \u00f6stlichste und in Mitteldeutschland letzte der Benediktiner war. Besiedelt wurde sie wohl vom 1091 errichteten Kloster Pegau und erlangte durch Beteiligungen am erzgebirgischen Silberbergbau betr\u00e4chtlichen Wohlstand. Auch Besitz und Privilegien, der Schutz des Reiches, den es als Kaisergr\u00fcndung genoss, und das Marktrecht, aus dem die Entstehung der Siedlung Chemnitz folgte, wurden durch Konrad verbrieft. Welche Rolle das einstige Kloster, dessen reichsunmittelbare Stellung immer wieder von Bisch\u00f6fen und Territorialherren angefochten wurde, im kommenden Jahr beim Jubil\u00e4um der Chemnitzer Ersterw\u00e4hnung spielen wird, ist zwar derzeit noch Gegenstand der Planungen, sagte Uwe Fiedler.<\/p>\n<p>Die gelungene Tagung und das gro\u00dfe Interesse von 60 bis\u00a070 Teilnehmern zeigten aber, dass die vormalige Abtei, die wiederholt und umfangreich erweitert wurde, und ihre Geschichte dazu viele Ankn\u00fcpfungspunkte bieten d\u00fcrften. Christoph Fasbenders Fundst\u00fcck k\u00f6nnte einer sein. Spalatin wurde\u00a0 \u00fcbrigens nie Abt in Chemnitz, auch wenn sich 1522 relativ zeitnah zu der von ihm erstellten Liste dazu die M\u00f6glichkeit ergeben hatte. In dem Jahr trat mit Heinrich von Schleinitz der vorletzte Abt in der Klostergeschichte zur\u00fcck, der nicht von ungef\u00e4hr als zweiter Gr\u00fcnder gilt. Er hatte nicht nur die Hans Witten zugeschriebene, \u00fcber vier Meter hohe, farbig gefasste Gei\u00dfels\u00e4ule (1515) in Auftrag gegeben, die Jesu Martyrium darstellt. Sondern auf seine Initiative geht auch das bis in die 1970er-Jahre an der Nordau\u00dfenwand der ehemaligen Kloster- und heutigen <a href=\"http:\/\/schloss.kirche-chemnitz.info\">evangelischen Pfarrkirche<\/a> befindliche, elf Meter hohe Astwerkportal (1504\/25) zur\u00fcck, das nun wie die S\u00e4ule im Kircheninnern aufgestellt ist. Er verantwortete in dieser sp\u00e4ten Bl\u00fcte weitere Aus- und Umbauten am Kloster, das laut arch\u00e4ologischer Untersuchungen zur Klosterzellenstruktur nie mehr als 20 Priesterm\u00f6nche bewohnt haben d\u00fcrften.<\/p>\n<p>Wenn auch die Quellenlage zur Lebensweise der M\u00f6nche in Chemnitz d\u00fcrftig ist, spricht nichts daf\u00fcr, dass es vor dem politisch verordneten Ende des Klosterlebens nach Herzog Georgs Tod wie etwa andernorts zu Erm\u00fcdungserscheinungen kam. Insofern w\u00e4re Chemnitz wohl eine gute Partie gewesen f\u00fcr Spalatin. Bei der Aufl\u00f6sung, sagte Stephan Pfalzer (Stadtarchiv Chemnitz),\u00a0wurde der Wert der Abtei auf 92.000 Gulden bei 3500 Gulden Jahreseinnahmen beziffert.<\/p>\n<p>[ratings]<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ohne die Benediktiner, die sich vor 874 Jahren auf dem heutigen Schlo\u00dfberg niederlie\u00dfen, w\u00e4re die s\u00fcdwests\u00e4chsische Stadt damals nicht entstanden. Eine Tagung widmete sich nun der Abtei, um mehr als 400 Jahre vorreformatorischer Historie zu w\u00fcrdigen. Dabei sorgte ein Wissenschaftler ausgerechnet f\u00fcr einen kleinen Paukenschlag der Reformationsgeschichtsschreibung. CHEMNITZ. 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