{"id":2369,"date":"2017-06-28T07:10:24","date_gmt":"2017-06-28T07:10:24","guid":{"rendered":"http:\/\/michael-kunze.net\/category\/artikel\/?p=2369"},"modified":"2019-05-06T14:00:33","modified_gmt":"2019-05-06T14:00:33","slug":"das-schloss-des-ministers-2","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/michael-kunze.net\/category\/artikel\/2017\/06\/28\/das-schloss-des-ministers-2\/","title":{"rendered":"Das Schloss des Ministers"},"content":{"rendered":"<p>Das Erdmannsdorfer Anwesen durchwehen 800 Jahre Geschichte. Heute aber liegt es im Dornr\u00f6schenschlaf. Dabei brachte eine Besitzerfamilie den Sch\u00f6pfer des W\u00f6rlitzer Parks hervor, aus einer anderen stammt <a href=\"http:\/\/www.schuetzgesellschaft.de\/heinrich-schuetz\/biographie\/\">Heinrich Sch\u00fctz<\/a>, und eine dritte mischte ganz oben in der Politik mit.<\/p>\n<p>ERDMANNSDORF. Einige Fantasie muss schon aufbringen, wer sich das heute bauf\u00e4llige Schloss im <a href=\"https:\/\/augustusburg.de\">Augustusburger<\/a> Ortsteil <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Erdmannsdorf_(Augustusburg)\">Erdmannsdorf<\/a> als das ausmalen will, was es einst war: der idyllisch oberhalb <!--more-->der Zschopau <img alt=\"http:\/\/michael-kunze.net\/wp-includes\/js\/tinymce\/plugins\/wordpress\/img\/trans.gif\" width=\"1\" height=\"1\" data-cke-saved-src=\"file:\/\/\/C:\/Users\/Besitzer\/AppData\/Local\/Temp\/msohtmlclip1\/01\/clip_image001.gif\" \/>gelegene, von altem Baumbestand ums\u00e4umte Sitz einer der ber\u00fchmtesten Adelsfamilien Sachsens.<\/p>\n<p>Einer, der das kann, ist <a href=\"https:\/\/www.verlag-vwm.de\/index.php?id=cetest_firstpage&amp;tx_vrportrait_pi1%5Bnavi%5D%5Bpage%5D=61&amp;tx_vrportrait_pi1%5Buid%5D=1122\">Bernd Wegert<\/a>. Nur wenige wissen so viel wie der Theologe \u00fcber das seit Jahren im Dornr\u00f6schenschlaf schlummernde zweifl\u00fcgelige Kleinod. Dass dies nicht von ungef\u00e4hr kommt, liegt auch daran, dass der r\u00fcstige 76-J\u00e4hrige von 1981 bis 1999 im Ort Pfarrer war und noch immer mit seiner Frau nur wenige Meter vom Schloss entfernt im Pfarrhaus wohnt. Dieses, die neugotische Trinitatiskirche und das Schloss mit seinen Anf\u00e4ngen im 12. Jahrhundert bilden ein Dreieck, in dem jeder Eckpunkt aufeinander bezogen ist, da die Schlossherren &#8211; wie auch andernorts \u00fcblich &#8211; das Patronat \u00fcber die Kirche aus\u00fcbten. &#8222;Die Zahl drei erinnert auch an die wesentlichen \u00fcberlieferten Bauepochen des Anwesens mit Resten einer mittelalterlichen H\u00f6henburg, dem Um- und Anbau aus der Renaissance, der noch gut etwa an manchen Porphyr-Fenstereinfassungen zu erkennen ist, und dem weithin sichtbaren Turm auf dem tudorgotischen Seitenfl\u00fcgel von 1843&#8220;, so der Absolvent des Leipziger Theologischen Seminars, der in Oelsnitz im Erzgebirge geboren wurde. &#8222;Die Dreiheit&#8220;, so der gelernte Bergmann, &#8222;deutet auch hin auf die wichtigsten Adelsh\u00e4user, die das Anwesen bis zum Jahr 1932 bewohnten.&#8220; Dies war f\u00fcr die Zeit von der Mitte des 12. bis zum Ende des 15. Jahrhunderts die Familie von Erdmannsdorf. Etwa zehn Generationen lebten als Nachkommen jenes um 1150 erw\u00e4hnten &#8222;Werner, der Nidberg erbaute&#8220;, hier. Bei ihm handelte es sich um einen Reichsministerialen, also einen Bediensteten des Kaisers, unter dessen Aufsicht die damals neubesiedelten Gebiete entlang des B\u00f6hmischen Steiges verwaltet wurden.<\/p>\n<p><strong>Die den K\u00f6nigen dienten<\/strong><\/p>\n<p>Auf das Geschlecht, dem mit Friedrich Wilhelm von Erdmannsdorf der Architekt des W\u00f6rlitzer Parks entstammt, folgte die sp\u00e4ter geadelte N\u00fcrnberger Kaufmannsfamilie Sch\u00fctz. Als K\u00e4ufer des von der Zschopau aus gut sichtbar auf einem Bergsporn gelegenen Schlosses trat Ulrich Sch\u00fctz auf, der um 1500 Chemnitzer B\u00fcrgermeister war. Mit Heinrich Sch\u00fctz (1585 bis 1672) z\u00e4hlt zudem der vor Johann Sebastian Bach bedeutendste deutsche Komponist sehr wahrscheinlich zur Familie, auch wenn der Stammbaum nicht l\u00fcckenlos zu belegen ist, hei\u00dft es in der Chronik &#8222;800 Jahre Erdmannsdorf&#8220; von 1996. Der kurf\u00fcrstlich-s\u00e4chsische Amtshauptmann des Erzgebirgischen Kreises, Julius Ernst von Sch\u00fctz, wiederum legte 1770 die von der Forschung als Standardwerk gew\u00fcrdigte &#8222;Historisch-Oeconomische Beschreibung von dem ber\u00fchmten Schlo\u00df und Amte Augustusburg in Chur-Sachsen&#8220; vor. Mit einer Unterbrechung lebten die Sch\u00fctz&#8216; von 1490 bis 1793 in Erdmannsdorf.<\/p>\n<p>1822 zog f\u00fcr drei Generationen die s\u00e4chsisch-th\u00fcringische Familie von K\u00f6nneritz ein, die zu den prominentesten H\u00e4usern geh\u00f6rte, die dem s\u00e4chsischen K\u00f6nigshaus gedient haben. Hans Heinrich, der Erdmannsdorf erwarb, war S\u00e4chsischer Gesandter in Paris, w\u00e4hrend es etwa L\u00e9once Robert von K\u00f6nneritz ab 1876 zum s\u00e4chsischen Finanzminister und Chemnitzer Ehrenb\u00fcrger brachte, w\u00e4hrend dessen Amtszeit der Freiberger Silberbergbau verstaatlicht wurde.<\/p>\n<p><strong>Das Intermezzo der SA<\/strong><\/p>\n<p>&#8222;Die Bedeutung der K\u00f6nneritzer am Dresdener Hof f\u00fchrte dazu, dass wiederholt der K\u00f6nig in Erdmannsdorf war&#8220;, sagt Wegert. Da der Monarch trotz nur seltener Gastspiele einen eigenen Geb\u00e4udetrakt erhalten sollte, wurden S\u00fcd-, West- und Nordfl\u00fcgel 1829 abgerissen. Daraufhin entstand der neue S\u00fcdfl\u00fcgel mit hohen R\u00e4umen &#8211; die unbeheizte, &#8222;kalte Pracht&#8220; -, oben spitz zulaufendem Portal und dem 1997 instand gesetzten, zinkverkleideten Turmaufsatz. &#8222;In die K\u00f6nneritz-Familie hatte \u00fcbrigens 1863 mit einer von Beust eine wohl entfernte Vorfahrin des fr\u00fcheren Hamburger Ersten B\u00fcrgermeisters Ole von Beust eingeheiratet&#8220;, so Wegert. Die 1930er-Jahre brachten dabei nicht nur weltpolitische Ver\u00e4nderungen. Auch in Erdmannsdorf endete eine \u00c4ra. 1932 mussten unter dem letzten Bewohner der Familie wegen Erbauseinandersetzungen das Schloss, sp\u00e4ter der landwirtschaftliche Betrieb versteigert werden. 1934 zog kurzzeitig eine Sportschule der SA ein. Drei Jahre sp\u00e4ter kamen Wohnungen ins Haus, die teils noch immer vermietet sind.<\/p>\n<p>Trotz der turbulenten Ver\u00e4nderungen l\u00e4sst sich am Geb\u00e4ude, das 1951 an die Gemeinde \u00fcberging, der vielf\u00e4ltige Stilmix nach wie vor erkennen. &#8222;In der ersten Etage ist ein markantes Renaissance-Doppelfenster erhalten&#8220;, erl\u00e4utert der Pfarrer im Schlosshof. Der nicht zug\u00e4ngliche Keller des auch Steinhaus genannten Traktes, dem einst ein h\u00f6lzerner Vorg\u00e4ngerbau Platz machte, birgt gotische Gew\u00f6lbe. Im Treppenhaus weist Wegert auf die gewundene Holzstiege hin, deren aufwendig gestaltetes Gel\u00e4nder gut erhalten ist. Im Obergeschoss sticht das aufgearbeitete historische Parkett vor dem Eingang zum Festsaal heraus.<\/p>\n<p>Dem, der genau hinschaut, hat das Schloss nach wie vor viel zu erz\u00e4hlen. Was fehlt, ist eine tragf\u00e4hige Nutzung. Augustusburgs B\u00fcrgermeister Dirk Neubauer, der nach der Eingemeindung f\u00fcr Erdmannsdorf zust\u00e4ndig ist, w\u00fcrde das Ensemble f\u00fcr einen symbolischen Euro an die Frau oder den Mann bringen und hat f\u00fcr Ideen gewiss offene Ohren.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Der frankophile Erdmannsdorfer<\/strong><\/p>\n<p>Einer der prominentesten Bewohner des Erdmannsdorfer Schlosses war L\u00e9once Robert von K\u00f6nneritz. Dabei wurde er nicht in Sachsen geboren, sondern 1835 in Paris &#8211; nichts Ungew\u00f6hnliches in einer Familie, die, wie K\u00f6nneritz&#8216; Vater, der Gesandter in Madrid und Paris war, einige Diplomaten hervorbrachte. Der Name L\u00e9once deutet auch darauf hin. Der Lebensweg des sp\u00e4teren s\u00e4chsischen Finanzministers blieb auch in konfliktreichen Zeiten mit Frankreich verbunden. So war er w\u00e4hrend des Deutsch-Franz\u00f6sischen Krieges 1871 Pr\u00e4fekt in Orl\u00e9ans, danach in Metz<strong>.<\/strong><\/p>\n<p>Zur Schule ging K\u00f6nneritz zuvor in das reformp\u00e4dagogische Blochmannsche Gymnasium in Dresden und das K\u00f6nigliche zu Freiberg. Bis 1856 studierte er in Leipzig Jura und \u00fcbernahm dann vom Vater das Erdmannsdorfer Gut. Nach Angaben der von der Bayerischen Staatsbibliothek betreuten Seite www.reichstagsprotokolle.de wurde er 1857 ehrenamtlicher Friedensrichter, f\u00fcnf Jahre sp\u00e4ter K\u00f6niglicher Kammerherr, seit 1864 K\u00f6niglich-S\u00e4chsischer Amtshauptmann zu Chemnitz. 1863 heiratete er Maria von Beust, die einzige Tochter des damaligen \u00f6sterreichischen Ministerpr\u00e4sidenten, mit der er vier Kinder hatte. Den H\u00f6hepunkt seiner Laufbahn markiert die Ernennung zum Finanzminister 1876 unter K\u00f6nig Albert, der selbst in Frankreich im Krieg gewesen war. K\u00f6nneritz starb 54-j\u00e4hrig 1890 in Dresden.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Der Gutsbesitzer als Patronatsherr der Kirche<\/strong><\/p>\n<p>Zwar verdecken Bauger\u00fcste derzeit den Blick auf den 54 Meter hohen Kirchturm der evangelischen Trinitatiskirche in Erdmannsdorf, f\u00fcr dessen Sanierung die Gemeinde Spenden sammelt. Trotzdem wird das neugotische Gotteshaus am Sonntag wie Schloss und ehemaliges Gesindehaus ge\u00f6ffnet sein. Verbunden sind Schloss und Kirche nicht zuletzt durch Hans Heinrich von K\u00f6nneritz (1790 bis 1863), den Vater von L\u00e9once (siehe unten). Der Gutsbesitzer stellte einst das Baugrundst\u00fcck kostenfrei bereit. Bei der Familie lag zudem das Patronat der Kirche, was symbolisch im Oktober 1893 bei der Weihe mit der Schl\u00fcssel\u00fcbergabe durch den Architekten zum Ausdruck kam. Auch wurden auf dem Friedhof Mitglieder der K\u00f6nneritz-Familie beigesetzt.<\/p>\n<p>Vor der Reformation war Erdmannsdorf Wallfahrtsort. Beim \u00e4ltesten Kirchenbau des Ortes handelte es sich um eine der Gottesmutter geweihte Kapelle, die 1513 jenen geschnitzten Fl\u00fcgelaltar erhielt, der heute im Schlo\u00dfbergmuseum Chemnitz ausgestellt ist. Seit 1545 wirkten evangelische Prediger in der Kapelle, die 1612 erweitert wurde. 1736 abermals um etwa sechs Meter verl\u00e4ngert und sp\u00e4ter mit einer neuen Orgel des Augustusburger Baumeisters Renckwitz ausgestattet, erhielt die Kirche auch eine neue Kanzel. 1830 wurde die Orgelempore vergr\u00f6\u00dfert. Doch die Kirche blieb, wie es in der Chronik hei\u00dft, &#8222;f\u00fcr damalige Verh\u00e4ltnisse zu klein&#8220;. So wurde der heutige Bau geplant.<\/p>\n<p>Dass der neugotische Stil seinerzeit deutschlandweit hoch im Kurs stand, h\u00e4ngt auch mit Dichter Goethe zusammen, dessen euphorische W\u00fcrdigung des gotischen Stra\u00dfburger M\u00fcnsters und eines seiner wichtigsten Baumeister, Erwin von Steinbach, im Text &#8222;Von deutscher Baukunst&#8220; Einfluss nahm auf die Stilvorlieben seiner Zeit &#8211; mit langer Wirkung. Der in Flensburg geborene Architekt Schramm, der die Erdmannsdorfer Kirche mit sehenswerten Bildfenstern entworfen hat, stand wie viele Zeitgenossen unter diesem Eindruck und trug ihn in Anlehnung an die Backsteingotik nach Sachsen.<\/p>\n<p>[ratings]<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Das Erdmannsdorfer Anwesen durchwehen 800 Jahre Geschichte. Heute aber liegt es im Dornr\u00f6schenschlaf. 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