{"id":2526,"date":"2017-05-20T08:28:33","date_gmt":"2017-05-20T08:28:33","guid":{"rendered":"http:\/\/michael-kunze.net\/category\/artikel\/?p=2526"},"modified":"2017-10-02T06:36:42","modified_gmt":"2017-10-02T06:36:42","slug":"kapsel-auf-mittelsachsischem-dorfkirchturm-birgt-ideellen-schatz","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/michael-kunze.net\/category\/artikel\/2017\/05\/20\/kapsel-auf-mittelsachsischem-dorfkirchturm-birgt-ideellen-schatz\/","title":{"rendered":"Kapsel auf mittels\u00e4chsischem Dorfkirchturm gibt ideellen Schatz preis"},"content":{"rendered":"<div>\n<p>Die Hohlkugel unterhalb des Turmkreuzes in Erdmannsdorf ist bei der gegenw\u00e4rtigen Sanierung ge\u00f6ffnet worden.\u00a0Offenbar wurde dabei auch eine sprechende Erinnerung an die politischen Verh\u00e4ltnisse der fr\u00fchen DDR-Jahre.<\/p>\n<p>ERDMANNSDORF. Nur wenige Tage ist es her, als Dachdecker, Angeh\u00f6rige der evangelisch-lutherischen Kirchgemeinde und Pfarrer Uwe Winkler einen kleinen Schatz aus der Kapsel unter dem Kirchturmkreuz in Erdmannsdorf zogen. &#8222;Eigentlich <!--more-->war ich zun\u00e4chst ein bisschen entt\u00e4uscht \u00fcber den Inhalt&#8220;, sagte Winkler im Nachgang. Die Kapsel barg eine bislang undatierte gedrechselte Holzkartusche, eine weitere glatte,\u00a0schmalere aus Kupfer von 1959, dazu eine Glasflasche und ein gr\u00f6\u00dferes Papierst\u00fcck, dessen Beschriftung durch Witterungseinfl\u00fcsse weitgehend unkenntlich geworden ist. Als Winkler vor Jahren an einer Kirchsanierung im erzgebirgischen St\u00e4dtchen\u00a0Thum mitwirkte, habe ein \u00e4hnlicher Beh\u00e4lter gar alte M\u00fcnzen beinhaltet.<\/p>\n<p>Derartige St\u00fccke sind in Erdmannsdorf (Kreis Mittelsachsen) nicht aus der etwa 80 Zentimeter Durchmesser aufweisenden Kapsel gerollt, daf\u00fcr ein sechsseitiger Bericht zur Instandsetzung des Turms der <a href=\"http:\/\/www.kirche-erdmannsdorf.de\/kirche.htm\">Trinitatiskirche<\/a> vom Juni 1959. Dieser offenbart\u00a0einen selten plastischen Eindruck von der Nachkriegszeit unter DDR-Bedingungen. Aus dem vom damaligen Pfarrer Werner Baltzer unterzeichneten Dokument spricht sehr offene Kritik an den politisch-wirtschaftlichen Verh\u00e4ltnissen und an der deutschen Teilung. So klar wie sie ausf\u00e4llt, w\u00e4re es ihren Urhebern wohl schlecht ergangen, h\u00e4tten offizielle Stellen davon Wind bekommen.<\/p>\n<p><strong>Dokument\u00a0eines ungleichen\u00a0Kampfes<\/strong><\/p>\n<p>Etliche\u00a0Passagen aus dem Text schildern eine Art Kirchenkampf auf lokaler Ebene, der f\u00fcr Walter Ulbrichts erste Regierungsjahre seit 1949 DDR-weit nachweisbar ist: &#8222;Schiefer war und ist auch noch jetzt Mangelware, obwohl er in dem nahen Th\u00fcringen gebrochen wird&#8220;, schreibt Protokollant Johannes Irmscher. Der war seinerzeit laut Hobbyhistoriker Siegfried Kempe Mitglied im Kirchenvorstand der Gemeinde. Und\u00a0weiter: &#8222;Durchweg wird der gute Schiefer ins Ausland exportiert (wozu gegenw\u00e4rtig auch der westliche Teil Deutschlands gerechnet wird), beziehungsweise nur f\u00fcr von staatlichen Regierungsstellen wichtige Bauprojekte freigegeben.&#8220; Da Zinkblech, Kupfern\u00e4gel oder haltbare Farbe f\u00fcr die Turmuhrziffernbl\u00e4tter in der DDR nicht zu haben waren, sollten sie aus Westdeutschland eingef\u00fchrt werden. &#8222;Die \u00f6stlichen staatlichen Beh\u00f6rden waren aber zun\u00e4chst nicht bereit, einem Einfuhrantrag stattzugeben. Politische und \u00fcberhaupt Prestigegr\u00fcnde hinderten sie daran&#8220;, so Irmscher. &#8222;Rund zwei Jahre mu\u00dften wir als Kirche warten, bis die Unterschriften zur Zustellung der Baustoffe gegeben waren. Solche Einfuhr von 15 Zinkblechtafeln &#8211; die noch vor 15 Jahren jeder Klempnermeister am Lager hatte &#8211; bedurfte der Genehmigung durch die Stellen des Ministeriums der Regierung von Ostdeutschland.&#8220;<\/p>\n<p>Dass die Einsch\u00fcchterung von Gl\u00e4ubigen selbst in kleinen Ortschaften weit \u00fcber die Erschwerung derartiger Sanierungsma\u00dfnahmen hinausging, belegt der Bericht anhanddessen, wie der Staat einen Keil zwischen Kirche und Jugend zu treiben suchte. &#8222;Von direkter Hetze des Staates gegen die Allmacht Gottes ist weniger der Gottesdienst als vielmehr der Unterricht unserer Christenlehrekinder und ganz besonders der Konfirmanden bedroht&#8220;, notiert Irmscher. &#8222;Die Kinder sollen durch sogenannte wissenschaftliche Aufkl\u00e4rung dem Evangelium entfremdet werden und statt der heiligen Taufe der weltlichen Namensgebung und statt der jahrhundertealten Konfirmation der sozialistisch-materialistischen Jugendweihe zugef\u00fchrt werden, was den Atheismus zur Folge haben d\u00fcrfte.&#8220; Sonntags, berichten Pfarrer Baltzer und Protokollant Irmscher, erscheinen &#8211; Stand: Sommer 1959 &#8211; durchschnittlich 100 Gemeindeglieder in der Kirche. Mittlerweile ist es ein Bruchteil.<\/p>\n<p><strong>&#8222;Oft auch nur &#8230; Pfennigbetr\u00e4ge&#8220;<\/strong><\/p>\n<p>Die Sanierung dr\u00e4ngte 1959 jedenfalls,\u00a0da sie\u00a0schon\u00a0zwanzig Jahre vorher\u00a0hatte umgesetzt werden sollen,\u00a0doch wegen Krieg und Pfarrerwechsel unterblieben war. Trotzdem h\u00e4tten staatliche Stellen \u00fcber drei Jahre hinweg &#8222;kein St\u00fcck Material&#8220; gebilligt. M\u00f6glich wurde die\u00a0damalige Instandsetzung\u00a0nur, da Handwerker aus eigenen Best\u00e4nden aushalfen. St\u00e4ndig aber fehlte Geld. Um die finanziellen Belastungen &#8222;verkraften zu k\u00f6nnen, gingen neun Gemeindeglieder &#8230; unter Leitung des Ortspfarrers mit Verk\u00fcndigungsspielen auf Fahrt durch die Umgegend und erbaten sich Kollektengelder &#8230;&#8220; Selbst arme Gemeindeglieder h\u00e4tten &#8222;oft auch nur &#8230; Pfennigbetr\u00e4ge&#8220; monatlich gespendet in einer Zeit, in der einstige wichtige F\u00f6rderer der Kirche wie die letzten hierlebenden Verwandten der Industriellen-Dynastie Meister &#8222;ihre Heimat Erdmannsdorf schweren Herzens verlassen&#8220;, um in den Westen zu gehen. Die Nachteile, mit denen die Kirche von amtlicher Seite aus zu k\u00e4mpfen hatte, gingen laut Protokoll so weit, dass die Verputzung des Kirchturms verboten wurde \u2013 &#8222;obwohl bekannt war, da\u00df das Ger\u00fcst f\u00fcr cirka 9000 DM bereits stand und ausgenutzt werden mu\u00dfte&#8220;.<\/p>\n<p>Unter dem Einsatz vieler Ehrenamtlicher, die in Feierabendarbeit mithalfen, konnte die Sanierung schlie\u00dflich umgesetzt werden. Dabei lesen sich die Auseinandersetzungen zwischen Kirche und Staat, die der Bericht wiedergibt, ein wenig wie jene, von denen die Don-Camillo-Reihe berichtet, die nicht zuf\u00e4llig zur gleichen Zeit gedreht wurde. Die Realit\u00e4t jener Jahre, folgt man dem Erdmannsdorfer Dokument,\u00a0bot dabei weit seltener Gelegenheit zu Kompromissen, als sie\u00a0die\u00a0Streifen aus Nachkriegsitalien trotz der spielfilmischen Behandlung des Themas nahelegen: So schlie\u00dfen Johannes Irmscher und Pfarrer Baltzer mit &#8222;der inst\u00e4ndigen Bitte und mit hei\u00dfem Flehen, da\u00df Gott uns bald ein wiedervereinigtes, friedliches Deutschland gebe&#8220;.<\/p>\n<p>Wenn die Turmkapsel\u00a0in zwei Monaten nach Sanierungsabschluss wieder in 53 Metern H\u00f6he\u00a0installiert wird, soll der Inhalt nach Vorgaben der Landeskirche um einige St\u00fccke erg\u00e4nzt werden, sagt Uwe Winkler. Dazu z\u00e4hlen ein Gemeindebrief, um die Aktivit\u00e4ten der Pfarrei zu dokumentieren, eine aktuelle Ausgabe der lokalen Tageszeitung, M\u00fcnzen und Dokumente der Baufirmen. Selbst Papierart und Stifte, die f\u00fcr die Ausfertigung der Unterlagen verwendet werden d\u00fcrfen, sind vorgeschrieben \u2013 aus einem naheliegenden Grund: &#8222;Dass ein Schriftst\u00fcck in Hundert Jahren nicht mehr lesbar ist, wie wir es nun ja erlebt haben, soll sich nicht wiederholen&#8220;, sagt er. Es darf\u00a0daher nur besonders witterungsbest\u00e4ndiges Material zum Einsatz kommen.<\/p>\n<p>[ratings]<\/p>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die Hohlkugel unterhalb des Turmkreuzes in Erdmannsdorf ist bei der gegenw\u00e4rtigen Sanierung ge\u00f6ffnet worden.\u00a0Offenbar wurde dabei auch eine sprechende Erinnerung an die politischen Verh\u00e4ltnisse der fr\u00fchen DDR-Jahre. ERDMANNSDORF. Nur wenige Tage ist es her, als Dachdecker, Angeh\u00f6rige der evangelisch-lutherischen Kirchgemeinde und Pfarrer Uwe Winkler einen kleinen Schatz aus der Kapsel unter dem Kirchturmkreuz in Erdmannsdorf&hellip; <a class=\"more-link\" href=\"https:\/\/michael-kunze.net\/category\/artikel\/2017\/05\/20\/kapsel-auf-mittelsachsischem-dorfkirchturm-birgt-ideellen-schatz\/\"><span class=\"screen-reader-text\">Kapsel auf mittels\u00e4chsischem Dorfkirchturm gibt ideellen Schatz preis<\/span> weiterlesen <span class=\"meta-nav\" aria-hidden=\"true\">&rarr;<\/span><\/a><\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[19,13,9,1,14],"tags":[126,766,782,385,695,854,853,49,57,856,786,855,467],"class_list":["post-2526","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-artikel","category-geschichte","category-lokales","category-politik","category-religion","tag-ddr","tag-deutsche-einheit","tag-erdmannsdorf","tag-evangelisch","tag-evangelisch-lutherische-landeskirche-sachsens","tag-johannes-irmscher","tag-kirchenkampf","tag-ostdeutschland","tag-sachsen","tag-siegfried-kempe","tag-trinitatiskirche","tag-werner-baltzer","tag-zwanzigstes-jahrhundert"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/michael-kunze.net\/category\/artikel\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/2526","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/michael-kunze.net\/category\/artikel\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/michael-kunze.net\/category\/artikel\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/michael-kunze.net\/category\/artikel\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/michael-kunze.net\/category\/artikel\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=2526"}],"version-history":[{"count":31,"href":"https:\/\/michael-kunze.net\/category\/artikel\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/2526\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":2528,"href":"https:\/\/michael-kunze.net\/category\/artikel\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/2526\/revisions\/2528"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/michael-kunze.net\/category\/artikel\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=2526"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/michael-kunze.net\/category\/artikel\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=2526"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/michael-kunze.net\/category\/artikel\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=2526"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}