{"id":253,"date":"2013-06-25T15:41:32","date_gmt":"2013-06-25T15:41:32","guid":{"rendered":"http:\/\/michael-kunze.net\/?p=253"},"modified":"2014-07-03T09:56:55","modified_gmt":"2014-07-03T09:56:55","slug":"weinbau-unter-widrigen-umstanden","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/michael-kunze.net\/category\/artikel\/2013\/06\/25\/weinbau-unter-widrigen-umstanden\/","title":{"rendered":"Weinbau unter widrigen Umst\u00e4nden"},"content":{"rendered":"<p>Sachsen ist eines der kleinsten deutschen Anbaugebiete. Obwohl es den Exotenstatus mittlerweile verloren hat, bleibt die Nachfrage wegen einiger Vorzeigeg\u00fcter hoch.<!--more--><\/p>\n<p>RADEBEUL\/MEISSEN. Trinken f\u00fcr den Frieden. Daf\u00fcr war die &#8222;Gesellschaft zur Bek\u00e4mpfung der N\u00fcchternheit&#8220; zust\u00e4ndig, die August der Starke, Sachsens legend\u00e4rer Kurf\u00fcrst, im 18. Jahrhundert ins Leben gerufen hatte. Gemeinsam mit dem preu\u00dfischen Soldatenk\u00f6nig Friedrich Wilhelm wurde getafelt, geplaudert &#8211; und getrunken. Auf dass sich Differenzen, die zwischen beiden Herrschern immer wieder auftraten, mit Wein abk\u00fchlen lassen w\u00fcrden. Arrangiert hatte die Runde Graf Wackerbarth, Augusts Kabinettsminister. Noch heute tr\u00e4gt das Staatsweingut in Radebeul den Namen eben jenes Mannes, der sich noch zu Lebzeiten nicht nur als Diplomat, sondern auch als Weinkenner Ansehen erwarb.<\/p>\n<p>Eine halbe Autostunde von Dresdens Innenstadt elbabw\u00e4rts befindet sich auf dem Alterssitz des Grafen einer der Leuchtt\u00fcrme des Weinbaugebiets Sachsen: das S\u00e4chsische Staatsweingut Schloss Wackerbarth. Sonja Schilg, die Gesch\u00e4ftsf\u00fchrerin des Traditionshauses, blickt aus dem Fenster ihres B\u00fcros, das sich in einem Zweckbau nebenan befindet, auf den malerisch-barocken Adelssitz. Seit 1928 ist er in Staatsbesitz. &#8222;Schloss und Weinbau waren auf Wackerbarth seit jeher nur schwer wirtschaftlich unter einen Hut zu bringen&#8220;, bekennt Schilg wie zur Erkl\u00e4rung f\u00fcr das schon 85 Jahre w\u00e4hrende staatliche Engagement. 28 Mal wechselte das Anwesen nach dem Tod des Grafen den Besitzer, bis es die S\u00e4chsische Staatsbank ersteigerte. Seit 1948 war es Staatsweingut, dann &#8222;volkseigen&#8220;.<\/p>\n<p>&#8222;Mit der Wiedervereinigung kam die Ungewissheit&#8220;, sagt Schilg. Technisch war das Gut veraltet, die Qualit\u00e4t der Weine minderwertig, die Bausubstanz marode. Investitionsbedarf in Millionenh\u00f6he, ohne absehbare Rendite. Niemand wollte trotz jahrelanger Ausschreibungen das Gesamtobjekt \u00fcbernehmen. 1998 stieg die landeseigene S\u00e4chsische Aufbaubank ein.<\/p>\n<p>&#8222;S\u00e4chsischen Wein&#8220;, sagt sie in der R\u00fcckschau, &#8222;kannten damals jenseits der neuen L\u00e4nder nur wenige. Und die, die damit dort etwas anzufangen wussten, wollten ihn nicht mehr.&#8220; Vorerst. Ein betriebswirtschaftliches Konzept musste her. Wein als Kulturgut zu vermarkten, als Premiumprodukt und Markenbotschafter einer ganzen Region. So lautete die Zielvorgabe, als es vorlag. &#8222;Europas erstes Erlebnisweingut&#8220; wurde aus der Taufe gehoben. Das klang zwar etwas blumig, hat sich aber als Erfolgsrezept erwiesen, passend zum Wellnesszeitalter. Wein und seine Herstellung sollten erlebbar werden. F\u00fcr Genuss und Kultur stehen, f\u00fcr eine ganze Kulturlandschaft, die gesamte 55 Kilometer lange S\u00e4chsische Weinstra\u00dfe. Sie erstreckt sich von Pirna im S\u00fcdosten bis nach Diesbar-Seu\u00dflitz im Nordwesten, immer die Elbe entlang.<\/p>\n<p>Die Millioneninvestitionen in das Gut wirkten wie ein Transmissionsriemen &#8211; und tun es weiter. Er \u00fcbertr\u00e4gt Expertise und \u00d6ffentlichkeit auch auf die kleineren Privatg\u00fcter. Leuchtturmpolitik, die dutzendfach weitere Investitionen anregte. &#8222;Die Nachfrage nach s\u00e4chsischem Wein und Sekt ist heute gr\u00f6\u00dfer als das Angebot&#8220;, sagt Schilg, die den Erfolg ihres Hauses zu belegen wei\u00df: 160 000 Besucher, die verweilen, vielleicht etwas essen, trinken oder einkaufen. Jedes Jahr, allein auf Wackerbarth. Der Umsatz, 60 Prozent werden auf und mit dem Schloss erwirtschaftet, stieg von 2,3 Millionen Euro im Jahr 2002 auf knapp elf Millionen im vergangenen Jahr, ohne dass sich die Mitarbeiterzahl wesentlich \u00e4nderte. Kleine und gro\u00dfe Veranstaltungen tragen zum Umsatz bei: Hochzeiten, Balln\u00e4chte, Schloss- und Gartenf\u00fchrungen, Weinbergwanderungen, Seminare und Tagungen. 800 000 Flaschen werden abgef\u00fcllt &#8211; bei Wein \u00fcberwiegend Riesling, M\u00fcller-Thurgau und Kerner, Dornfelder und Fr\u00fchburgunder. Das Gros davon aber ist Sekt; allein 300 000 Flaschen der Handelsmarke &#8222;Graf Wackerbarth&#8220; verlassen jedes Jahr das Haus.<\/p>\n<p>Vom Absatz und von der bewirtschafteten Rebfl\u00e4che her st\u00f6\u00dft neben der Winzergenossenschaft Mei\u00dfen in diese Kategorien nur einer vor: Georg Prinz zur Lippe vom Weingut Schloss Proschwitz. Einen zweistelligen Millionenbetrag hat der studierte Agraringenieur und Unternehmensberater in den letzten 23 Jahren investiert. Seit Beginn des 18. Jahrhunderts war sein Familienzweig in Sachsen ans\u00e4ssig. Nach Kriegsende entsch\u00e4digungslos enteignet und als Klassenfeinde interniert, flohen die Lippes sp\u00e4ter in den Westen. 1991 wagte Georg zur Lippe die R\u00fcckkehr, startete als Garagenwinzer und \u00fcbernahm die Weinbaubrigade der \u00f6rtlichen Landwirtschaftlichen Produktionsgenossenschaft (LPG). Er kaufte ein Gut in Zadel nahe Mei\u00dfen und 1996 &#8211; nach jahrelangen Verhandlungen &#8211; den Familiensitz zur\u00fcck. Schloss Proschwitz ist heute das \u00e4lteste und zugleich gr\u00f6\u00dfte private Weingut in Sachsen. 106 Mitarbeiter bewirtschaften 87 Hektar. Angebaut werden vor allem Wei\u00df- und Grauburgunder, Sp\u00e4t- wie Fr\u00fchburgunder, Elbling und der allein in Sachsen vertretene Goldriesling. Weitere 46 Hektar h\u00e4lt er in Th\u00fcringen, die unter der Marke &#8222;Weinhaus zu Weimar&#8220; vertrieben werden. 600 000 Flaschen kommen so zusammen, auch f\u00fcr elf Winzerkollegen baut der Prinz den Wein aus. Alle kennen ihn im Umkreis, jeden gr\u00fc\u00dft er, stets herzlich. Anfangs, in den Neunzigern, war das anders. Junker wolle man hier nicht, hie\u00df es allenthalben, es gab anonyme Anrufe, Drohungen. Das Erbe der DDR wirkte nach. Bald aber drehte der Wind. &#8222;Ich bin fr\u00f6hlich und will nicht reich werden, sondern etwas Nachhaltiges aufbauen, meine Fu\u00dfstapfen hinterlassen&#8220;, sagt er \u00fcber sich selbst.<\/p>\n<p>Sein Unternehmen schreibt schwarze Zahlen. Im Weingut in Zadel wurde ein kleines Hotel eingerichtet, ein Restaurant, die Vinothek. Wie Wackerbarth kann das Schloss gemietet werden f\u00fcr Feste, Seminare und Konzerte. Der Betrieb geh\u00f6rt heute neben dem von Klaus Zimmerling als einziger in Sachsen zum Verband der Pr\u00e4dikatsweing\u00fcter. Doch nicht nur sie haben gewaltige Qualit\u00e4tsspr\u00fcnge hingelegt, sondern die gesamte Branche im Freistaat.<\/p>\n<p>Die Schonphase ist vorbei, der Exotenstatus, der den ostdeutschen G\u00fctern anhaftete, weitgehend verflogen. Wer durch witterungsbedingt niedrige Ertr\u00e4ge &#8211; durchschnittlich 45 Hektoliter je Hektar, in Steillagen weit weniger &#8211; teurer ist als andere, muss auf beste Qualit\u00e4t achten, ein exklusives Image pflegen. Mit immerhin 850-j\u00e4hriger Tradition.<\/p>\n<p>Dabei ist das Weinbaugebiet Sachsen mit 480 Hektar Rebfl\u00e4che eines der kleinsten in Deutschland &#8211; und hat es schon deshalb schwerer, wahrgenommen zu werden. Zum Vergleich: Im 16. Jahrhundert sollen es 5000 Hektar gewesen sein, das gr\u00f6\u00dfte deutsche Weinbaugebiet Rheinhessen kommt heute auf 26 000 Hektar Rebfl\u00e4che. &#8222;Der s\u00e4chsische Anteil an der deutschen Produktion betr\u00e4gt gerade einmal 0,25 Prozent&#8220;, sagt Bernd Kastler vom Weinbauverband Sachsen. Wei\u00dfe Rebsorten decken 81 Prozent der Fl\u00e4chen ab, rote 19 Prozent. Bewirtschaftet werden sie nach Angaben des Landesamtes f\u00fcr Umwelt, Landwirtschaft und Geologie von mehr als 2500 Winzern, von denen nur 25 einem Haupterwerb nachgehen. 99 Prozent sind Kleinwinzer. Kostentreibend wirken die vielen Hang- und Steillagen, die manuell bewirtschaftet werden m\u00fcssen. Mehr als andernorts ist dieses nord\u00f6stlichste der 13 deutschen Weinbaugebiete von Winter- und Sp\u00e4tfr\u00f6sten bedroht. Georg zur Lippe sucht darum auf seinem Gut mit Forschern aus Potsdam und Berlin nach L\u00f6sungen, wie Rebst\u00f6cke besser gesch\u00fctzt werden k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>[ratings]<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Sachsen ist eines der kleinsten deutschen Anbaugebiete. 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