{"id":256,"date":"2013-07-21T15:43:14","date_gmt":"2013-07-21T15:43:14","guid":{"rendered":"http:\/\/michael-kunze.net\/?p=256"},"modified":"2014-07-03T10:09:02","modified_gmt":"2014-07-03T10:09:02","slug":"die-vergessenen-doktoren-von-breslau","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/michael-kunze.net\/category\/artikel\/2013\/07\/21\/die-vergessenen-doktoren-von-breslau\/","title":{"rendered":"Die vergessenen Doktoren von Breslau"},"content":{"rendered":"<p>Zwischen 1933 und 1945 entzog die Universit\u00e4t in Niederschlesien 262 akademische Grade und Ehrengrade. Rehabilitiert wurde bislang niemand.<!--more--><\/p>\n<p>George Mundelein, ein Sohn deutscher Auswanderer, hatte es in Amerika weit gebracht. W\u00e4hrend des Ersten Weltkriegs wurde er Erzbischof von Chicago, 1924 erhielt er von Papst Pius XI. das Kardinalsbirett. Bald geh\u00f6rte er zu den Beratern von Pr\u00e4sident Franklin D. Roosevelt. Hitlers Aufstieg auf der anderen Seite des Atlantiks prangerte er \u00f6ffentlich an: &#8222;Ihr werdet vielleicht fragen, wie eine Nation von 60 Millionen Menschen, intelligenten Menschen, sich in Furcht und Knechtschaft einem Ausl\u00e4nder unterwerfen kann, einem \u00f6sterreichischen Tapezierer, und &#8211; wie mir gesagt wird &#8211; einem schlechten dazu&#8220;, sagte Mundelein 1937 vor katholischen Seminaristen. Hitler pers\u00f6nlich beschwerte sich, der Augsburger Weihbischof Franz Xaver Eberle richtete die Klage im Vatikan aus: Derartige Beleidigungen tr\u00e4fen nicht nur Hitler, sondern das gesamte deutsche Volk &#8211; und h\u00e4tten zu unterbleiben.<\/p>\n<p>Mundelein wurde daraufhin von der nationalsozialistischen Propaganda als &#8222;Judensprachrohr&#8220; verunglimpft. Auch die Universit\u00e4t Breslau leistete ihren Beitrag. 1921 hatte deren katholisch-theologische Fakult\u00e4t dem Erzbischof die Ehrendoktorw\u00fcrde verliehen &#8211; als Anerkennung daf\u00fcr, dass er sich nach Ende des Ersten Weltkriegs f\u00fcr notleidende Deutsche eingesetzt hatte. Nun erkannte sie ihm den Titel ab. Da Mundelein in Amerika direktem Zugriff deutscher Stellen entzogen war, leistete die Universit\u00e4t damit einen Stellvertreterdienst, um ihn als Regimekritiker zu kriminalisieren. Bereitwillig lie\u00dfen sich Rektor wie Dekane durch die nationalsozialistische Doktrin vereinnahmen. Am 26. November 1937 konnten sie nach Berlin melden, mit der Aberkennung sei &#8222;den ma\u00dfgeblichen Ministerien ein Instrument&#8220; an die Hand gegeben, das sich als &#8222;politische Waffe nach Gutd\u00fcnken&#8220; einsetzen lasse. Der Vorgang selbst blieb kein Einzelfall und reihte sich ein in eine Kette vielf\u00e4ltiger Aktionen, mit denen die Hochschulen ihre vormals stolz verteidigte Autonomie zu Grabe trugen.<\/p>\n<p>Verfolgungsopfern und Regimekritikern im In- und Ausland die akademischen Grade abzuerkennen wurde zu einem probaten Mittel deutscher Hochschulen, um ihre Ergebenheit gegen\u00fcber der politischen F\u00fchrung zu demonstrieren. Breslau war hierf\u00fcr nur ein Beispiel. Wer als Regimegegner galt, wurde von Fall zu Fall entschieden. Die Akten des Breslauer Universit\u00e4tsarchives geben dar\u00fcber umfassend Auskunft: Wenig verwunderlich ist, dass vor allem j\u00fcdischen B\u00fcrgern das Schicksal Mundeleins widerfuhr. Aufgrund &#8222;der Rassenzugeh\u00f6rigkeit ist ohne weiteres eine Gegnerschaft zum Nationalsozialismus anzunehmen&#8220;, hei\u00dft es in den Akten der Breslauer Polizeibeh\u00f6rde.<\/p>\n<p>Wem wegen Herkunft oder politischer Orientierung die Staatsmacht ohnehin im Nacken sa\u00df, dem schadete die Aberkennung seiner akademischen Titel doppelt. Auch jene, die vor der nationalsozialistischen Verfolgung ins Ausland fl\u00fcchten konnten, sp\u00fcrten sie weiter. Der Verlust akademischer Grade wog im Exil schwer, behinderte er doch die berufliche wie gesellschaftliche Integration. Genau daran aber war der politischen F\u00fchrung in Deutschland gelegen im Kontext eines &#8222;perfekt ausgekl\u00fcgelten Systems der Rechtsbeugung mit dem Zweck, die ge\u00e4chteten Emigranten . . . nachtr\u00e4glich zu vernichten&#8220;, wie es der Politologe Hans Georg Lehmann zusammengefasst hat.<\/p>\n<p>Besonders prek\u00e4r war die Lage f\u00fcr rassisch wie politisch verfolgte Personen, die sich nicht dem nationalsozialistischen Unrechtsregime entziehen konnten. Theodor Wohlfahrt war einer von ihnen. Ihm wurde sein Doktortitel der Rechtswissenschaft vermutlich aberkannt wegen der Liebesbeziehung zu einer &#8222;arischen&#8220; Frau. Im Jargon der NS-Justiz lautete der Vorwurf &#8222;fortgesetzte Rassesch\u00e4ndung&#8220;. Wohlfahrt verlor alles: seinen Titel, seine Frau und zuletzt, in Auschwitz, sein Leben.<\/p>\n<p>F\u00e4llte der Breslauer Uni-Senat das Urteil &#8222;Des Tragens eines deutschen akademischen Grades nicht w\u00fcrdig&#8220; bedeutete dies, auch wenn es nicht so schlimm kam wie im Falle Wohlfahrts, den Ausschluss aus der wissenschaftlichen Elite. Die Liste der Betroffenen in Breslau umfasst dabei die gesamte Spitze des damaligen B\u00fcrgertums der Stadt. Der Schwiegersohn des schlesischen Nobelpreistr\u00e4gers Paul Ehrlich verlor seinen Titel ebenso wie der Theologe Paul Tillich, der Schriftsteller Walter Meckauer, der SPD-Politiker Otto Landsberg, nach dem Ersten Weltkrieg Reichsjustizminister im Kabinett Scheidemann, der Mathematiker Hermann Kober und der sp\u00e4tere Landesrabbiner von W\u00fcrttemberg, Fritz Elieser Bloch. Mit weit mehr als 200 aberkannten Titeln errang Breslau nach Wien den unr\u00fchmlichen zweiten Platz unter den Universit\u00e4ten im Deutschen Reich. Vielfach machten diese sich in vorauseilendem Gehorsam zu Vollstreckern der NS-Politik.<\/p>\n<p>W\u00e4hrend die meisten westdeutschen Hochschulen die Opfer rehabilitierten, wenn auch mitunter erst Jahrzehnte sp\u00e4ter, geschah das in Breslau bis heute nicht. Auch, weil die Rechtsnachfolge durch den ungekl\u00e4rten Territorialstatus offenblieb. Seit dem Fall des Eisernen Vorhangs wuchs allerdings jenseits der Oder der Wunsch, sich der Vergangenheit der Universit\u00e4t &#8211; auch kritisch &#8211; st\u00e4rker zuzuwenden. An die neun Nobelpreistr\u00e4ger zum Beispiel, die die Hochschule bis 1945 hervorgebracht hat, erinnert man sich l\u00e4ngst wieder gern.<\/p>\n<p>Im Jahr 2011 dann feierte die Universit\u00e4t den zweihundertsten Jahrestag der Gr\u00fcndung der alten Schlesischen Friedrich-Wilhelms-Universit\u00e4t. Dabei war das unter deutscher Leitung begangene Unrecht Gegenstand einer wissenschaftlichen Konferenz. &#8222;Das Thema stie\u00df vor zwei Jahren auf gro\u00dfes Interesse&#8220;, sagt Krzysztof Ruchniewicz, Historiker und Direktor des Willy-Brandt-Zentrums f\u00fcr Deutschland- und Europastudien der Universit\u00e4t Breslau. &#8222;Es hat eine Diskussion ausgel\u00f6st, die hier noch nicht abgeschlossen ist.&#8220; Die Universit\u00e4tsleitung sei sich des &#8222;schmerzlichen Sachverhalts bewusst&#8220;, den man derzeit wissenschaftlich untersuchen lasse, sagt Adam Jezierski, Prorektor f\u00fcr Wissenschaft und internationale Beziehungen der Universit\u00e4t Breslau. Die Frage, wie von polnischer Seite mit den Aberkennungen bis 1945 umgegangen werden k\u00f6nne, sagt er, sei zwar zurzeit &#8222;offen&#8220;. &#8222;Gewiss&#8220; aber werde man handeln. (mit Kai Kranich)<\/p>\n<p>[ratings]<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Zwischen 1933 und 1945 entzog die Universit\u00e4t in Niederschlesien 262 akademische Grade und Ehrengrade. 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