{"id":2632,"date":"2018-01-24T08:43:53","date_gmt":"2018-01-24T08:43:53","guid":{"rendered":"http:\/\/michael-kunze.net\/category\/artikel\/?p=2632"},"modified":"2019-02-20T10:56:13","modified_gmt":"2019-02-20T10:56:13","slug":"minderheit-mit-wirkung","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/michael-kunze.net\/category\/artikel\/2018\/01\/24\/minderheit-mit-wirkung\/","title":{"rendered":"Minderheit mit Wirkung"},"content":{"rendered":"<figure id=\"attachment_2635\" aria-describedby=\"caption-attachment-2635\" style=\"width: 255px\" class=\"wp-caption alignleft\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-full wp-image-2635\" alt=\"Andreas P\u00fcttmanns kleine Studie zeigt die Bedeutung von Katholiken f\u00fcr die Bundesrepublik. Sie reicht weit hinaus \u00fcber Staatslenker wie Konrad Adenauer oder Helmut Kohl. 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Mehrheiten sind dumm, hat der Publizist Hans Conrad Zander geschrieben &#8211; und die Erkl\u00e4rung mitgeliefert: Denn eine Denken und Wahrnehmung betreffende Vormacht kennzeichne, \u201cdass sie sich selber nicht infrage stellt\u201c. Im Mittelalter habe man das etwa am Auftreten der katholischen Kirche erkennen k\u00f6nnen, die Teile der Wirklichkeit ausblendete, die nicht ins von ihr dominierte Schema passten, so Zander. Doch wie steht es heute? Hier, nicht nur in Sachsen. \u201cSeitenverkehrt\u201c im Umgang der konfessionslosen Mehrheit und einer gr\u00f6\u00dferen Minderheit von Protestanten mit der katholischen Kirche, der im Freistaat keine vier Prozent der vier Millionen B\u00fcrger angeh\u00f6ren, deutschlandweit mit 24 Millionen aber gut ein Viertel.<\/p>\n<p>Unter dem Titel \u201eWie katholisch ist Deutschland \u2026 und was hat es davon?\u201c legt der Publizist und promovierte Politikwissenschaftler Andreas P\u00fcttmann eine \u201ckleine katholische \u2018Leistungsschau\u2018\u201c vor. Angesichts dieses Anspruchs mag sich mancher die Augen reiben \u2013 nach dem Motto: Wer braucht und wen interessiert sowas? Hier.<\/p>\n<p>Das anspruchsvoll, aber flott geschriebene Werk liefert eine \u00dcbersicht \u00fcber den katholischen Beitrag zu unserer Republik, die der<!--more--> evangelische KZ-\u00dcberlebende Martin Niem\u00f6ller als \u201cin Rom gezeugt und in Washington geboren\u201c geziehen hatte. Dazu beleuchtet der katholische Verfasser, der einst in der Begabtenf\u00f6rderung der Konrad-Adenauer-Stiftung, beim \u201cRheinischen Merkur\u201c und beim WDR arbeitete, auf empirischer Grundlage konfessionelle Unterschiede und gemeinsame Herausforderungen der Kirchen. Er beschreibt das katholische Element mit Blick auf Aspekte wie Gewaltverbot, Rechtsgehorsam, b\u00fcrgerschaftliches Engagement, Familiensinn oder Menschenw\u00fcrde als \u201cHumanit\u00e4tsreserve\u201c. Dass dies auch f\u00fcr Nichtgl\u00e4ubige bedeutsam sein kann, hat Linkspartei-Urgestein Gregor Gysi vor einem Jahr gegen\u00fcber dem Magazin \u201cCicero\u201c deutlichgemacht, als er sagte: \u201c[E]ine gottlose Gesellschaft, eine Gesellschaft ohne Kirchen und Religionsgemeinschaften h\u00e4tte verheerende Folgen\u201c, sorgten doch katholische und evangelische Kirche als einzige daf\u00fcr, zitiert ihn P\u00fcttmann, \u201cdass es noch eine allgemein verbindliche Moral gibt\u201c.<\/p>\n<p><strong>Katholiken all\u00fcberall?<\/strong><\/p>\n<p>Als Beleg f\u00fcr katholisches Engagement in der j\u00fcngeren ostdeutschen Vergangenheit verweist er auf eine Vielzahl politischer Verantwortungstr\u00e4ger: So seien nicht nur beinahe ein Drittel der damals noch 160 Abgeordneten des ersten s\u00e4chsischen Nachwende-Landtags (ab 1994 wurde das Parlament auf 120 Mitglieder verkleinert) katholisch gewesen. Das gilt auch f\u00fcr die ersten drei Ministerpr\u00e4sidenten, dazu den ersten Landtagspr\u00e4sidenten und die ersten Dresdener und Chemnitzer Oberb\u00fcrgermeister, eine weit \u00fcber den Bev\u00f6lkerungsanteil hinausgehende Anzahl Bundestagsabgeordneter, die ersten L\u00e4nderchefs Mecklenburg-Vorpommerns, Th\u00fcringens und ab 1991 Sachsen-Anhalts. Die Liste lie\u00dfe sich fortsetzen.<\/p>\n<p>Die katholische Mitwirkung fiel derart breit aus, dass der evangelische Mitgr\u00fcnder des Demokratischen Aufbruchs und Theologe, Ehrhart Neubert, 1991 die Stimmung unter Protestanten mit dem Satz \u201cWir haben die SED entmachtet, und nun \u00fcbernehmen die Katholiken die Macht\u201c zusammenfasste.<\/p>\n<p>In j\u00fcngerer Zeit ist zudem viel vom \u201cAbendland\u201c die Rede, ohne dass in den meisten F\u00e4llen die nicht nur historische Tiefe von dessen Bedeutung ausgelotet w\u00fcrde. Wer sich \u00fcber die katholischen Wurzeln und deren Beitrag zum heutigen Deutschland informieren will, dem sei dieses Buch empfohlen. Der Interessierte erh\u00e4lt dabei auch einen Eindruck davon, was l\u00e4ngst droht verlorenzugehen. Denn \u201c[k]ein Akteur sensibilisiert &#8230; mehr f\u00fcr den Wert des menschlichen Lebens, insbesondere in seinen schw\u00e4chsten Phasen zu Beginn in der Schwangerschaft und am Ende im Sterben, als die katholische Kirche\u201c, formuliert der 53-J\u00e4hrige. Es ist dies ein Aspekt von vielen, der denkw\u00fcrdig bleiben sollte im Wortsinne auch f\u00fcr jene, die etwa Abtreibung zu den Menschenrechten z\u00e4hlen. Wer heute dazu kritisch Stellung nimmt, muss sich oftmals im besten Fall \u201cverhauen\u201c lassen &#8211; im schlechtesten wird er ignoriert.<\/p>\n<p><strong>Fast zwei Drittel der Kirchenaustritte seit 1950 bei Protestanten<\/strong><\/p>\n<p>Noch ist die Saat, von der solches Memento ausgeht, zumindest wahrnehmbar, wenngleich ihr Keimen selbst unter Kirchenmitgliedern nicht mehr vorbehaltlos akzeptiert. Dabei z\u00e4hlt die katholische Kirche derzeit ungef\u00e4hr so viele Mitglieder wie 1950, so P\u00fcttmann, hat aber seit ihrem H\u00f6chststand 1990 mit 28,3 Millionen Gl\u00e4ubigen 16 Prozent verloren. Implodiert ist die Teilnahme an der Heiligen Messe &#8211; von 50 auf 11 Prozent. Dabei s\u00fcndigt laut katholischer Lehre schwer, wer sonntags oder an einem sogenannten Hochfest f\u00fcr einen Nicht-Besuch keinen triftigen Grund vorweisen kann.<\/p>\n<p>Und doch: Fast zwei Drittel derer, die seit 1950 einer Kirche den R\u00fccken kehrten, waren zuvor evangelisch. Man kann also in Zweifel ziehen, ob es das \u00f6ffentliche Image ist, das dar\u00fcber entscheidet, wem in Kirchenfragen die Treue gehalten wird. Das der Protestanten gilt n\u00e4mlich als weitaus freundlicher im Vergleich zu den katholischen Geschwistern. P\u00fcttmann tr\u00e4gt eine Vielzahl statistischer Daten, aus Umfragen und dazu Interpretationen zusammen, die Licht in dieses Netz von (vermeintlichen) Widerspr\u00fcchen bringen. Auf dem Papier aber steht: Von 43 auf 22 Millionen Gl\u00e4ubige ging die Anzahl der Protestanten innert 70 Jahren hierzulande zur\u00fcck.<\/p>\n<p>Trotz dieser Befundlage neige die katholische Kirche zu einer Art\u00a0\u201cSelbstprotestantisierung\u201c,\u00a0schreibt P\u00fcttmann. Man will geliebt, auch wenn es zur Folge hat, nicht mehr ernstgenommen, f\u00fcr relevant gehalten zu werden. Er zitiert zur innerkirchlichen Entwicklung der j\u00fcngsten Jahrzehnte abermals Hans Conrad Zander: \u201cWie eine Eidechse auf der Flucht vor einem M\u00e4chtigeren pl\u00f6tzlich ihren Schwanz fallen l\u00e4sst, so lie\u00dfen wir jetzt alle jene Teile unseres komisch gewordenen Erscheinungsbildes, die uns zuvor als unentbehrlich erschienen, pl\u00f6tzlich fallen: Latein? Komisch, weg damit. Der Teufel? Komisch, weg damit. Weihrauch? Komisch, weg damit. Beichtstuhl? Komisch, weg damit. Rosenkranz? Komisch, weg damit. Kreuzweg? Komisch, weg damit. Thomas von Aquin? Komisch, weg damit. Kutten und Soutanen? Alles komisch, weg damit. Die Gregorianik? Ganz, ganz komisch, sofort weg damit. Und nachdem wir so viel Komik so \u00fcbereilig abgeschafft haben, wundern wir uns ma\u00dflos dar\u00fcber, dass die Welt uns nicht unver\u00e4ndert komisch findet, sondern sogar, eindeutig, noch komischer als zuvor. Woran k\u00f6nnte das liegen? Nur an einem: Noch haben wir das Allerkomischste nicht abgeschafft. Noch haben wir den Z\u00f6libat. Den m\u00fcssen wir abschaffen. Ganz, ganz schnell. Dann, ja dann, sind wir endg\u00fcltig raus aus unserer unertr\u00e4glichen Komik\u201c, so Zander sarkastisch.<\/p>\n<p>Komisch. Von all dem haben sich die Protestanten l\u00e4ngst verabschiedet und werden daf\u00fcr heute weniger bel\u00e4chelt. Was einiges gilt in diesen Zeiten. Nur: Ist das das Entscheidende? Nicht, dass es der Weihrauch w\u00e4re, die Soutane, Gregorianik. Vielleicht aber, dass das, wof\u00fcr sie stehen, worauf sie sprechender als Zeitgeistgef\u00e4lligkeit verweisen, gro\u00df ist.<\/p>\n<p><em>Andreas P\u00fcttmann: Wie katholisch ist Deutschland \u2026 und was hat es davon? Bonifatius-Verlag, Paderborn 2017, 239 Seiten, 16,90 Euro.<\/em><\/p>\n<p>[ratings]<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Andreas P\u00fcttmann zeigt in einer kleinen, doch aufschlussreichen Studie: Katholiken fristen hierzulande keine Nischenexistenz &#8211; und das ist, zumal nicht mehr selbstverst\u00e4ndlich, gut so. DRESDEN. 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