{"id":2716,"date":"2018-03-10T14:25:46","date_gmt":"2018-03-10T14:25:46","guid":{"rendered":"http:\/\/michael-kunze.net\/category\/artikel\/?p=2716"},"modified":"2018-04-01T16:33:01","modified_gmt":"2018-04-01T16:33:01","slug":"sie-konnten-nicht-zusammenkommen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/michael-kunze.net\/category\/artikel\/2018\/03\/10\/sie-konnten-nicht-zusammenkommen\/","title":{"rendered":"Sie konnten nicht zusammenkommen"},"content":{"rendered":"<figure id=\"attachment_2717\" aria-describedby=\"caption-attachment-2717\" style=\"width: 450px\" class=\"wp-caption alignleft\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\" wp-image-2717   \" alt=\"Am Abklingen: Noch bilden sich Trauben von Neugierigen mit Gespr\u00e4chsbedarf entlang der B\u00fchne bei den Schriftstellern Uwe Tellkamp, der aber schnell verschwindet, und Durs Gr\u00fcnbein, die am 8. M\u00e4rz 2018 im Dresdener Kulturpalast zeitweise hitzig \u00fcber Meinungsfreiheit diskutiert haben. Foto: Michael Kunze\" src=\"http:\/\/michael-kunze.net\/wp-content\/uploads\/2018\/03\/Tellkamp-Gr\u00fcnbein-im-Kulturpalast-8.3.18-1024x768.jpeg\" width=\"450\" height=\"337\" srcset=\"https:\/\/michael-kunze.net\/wp-content\/uploads\/2018\/03\/Tellkamp-Gr\u00fcnbein-im-Kulturpalast-8.3.18-1024x768.jpeg 1024w, https:\/\/michael-kunze.net\/wp-content\/uploads\/2018\/03\/Tellkamp-Gr\u00fcnbein-im-Kulturpalast-8.3.18-300x225.jpeg 300w, https:\/\/michael-kunze.net\/wp-content\/uploads\/2018\/03\/Tellkamp-Gr\u00fcnbein-im-Kulturpalast-8.3.18-250x187.jpeg 250w, https:\/\/michael-kunze.net\/wp-content\/uploads\/2018\/03\/Tellkamp-Gr\u00fcnbein-im-Kulturpalast-8.3.18-624x467.jpeg 624w, https:\/\/michael-kunze.net\/wp-content\/uploads\/2018\/03\/Tellkamp-Gr\u00fcnbein-im-Kulturpalast-8.3.18-960x720.jpeg 960w\" sizes=\"auto, (max-width: 450px) 100vw, 450px\" \/><figcaption id=\"caption-attachment-2717\" class=\"wp-caption-text\">Auch nach dem Streitgespr\u00e4ch \u00fcber Meinungsfreiheit bilden sich am 8. M\u00e4rz im Dresdener Kulturpalast Trauben von Neugierigen mit Gespr\u00e4chsbedarf vor der B\u00fchne bei den Schriftstellern Uwe Tellkamp und Durs Gr\u00fcnbein. Zeitweise hitzig haben beide zuvor auch \u00fcber die Migrationspolitik diskutiert. Foto: Michael Kunze<\/figcaption><\/figure>\n<p>Die in Dresden geborenen Schriftsteller Durs Gr\u00fcnbein und Uwe Tellkamp haben im Kulturpalast der Stadt \u00fcber Meinungsfreiheit diskutiert. Die Atmosph\u00e4re war hitzig, das Interesse gewaltig. Was bleibt?<\/p>\n<p>DRESDEN. Die Organisatoren haben nichts dem Zufall \u00fcberlassen wollen. Sogar Handzettel mit Verhaltensregeln, erstellt vom Kulturhauptstadtb\u00fcro der Stadtverwaltung als Veranstalter, werden vor der Diskussion ausgereicht, die sich dem Thema \u201eStreitbar! Wie frei sind wir mit unseren Meinungen?\u201c widmet. Dann erst \u2013 und nicht vor erwarteten 350 Zuh\u00f6rern im <!--more-->Foyer, sondern mit um die 850 im Konzertsaal \u2013 besteigen zwei schriftstellerische Schwergewichte die B\u00fchne: Durs Gr\u00fcnbein (\u201eDie Jahre im Zoo\u201c) und Uwe Tellkamp (\u201eDer Turm\u201c). Die Sehnsucht nach Auseinandersetzung, nach Verhandlung der Probleme, die das Land bewegen \u2013 jenseits von Talkshow-Formaten und Twitter-Blasen \u2013 ist gro\u00df. Die Schriftsteller stehen f\u00fcr Lager, die, nur nach Links und Rechts unterschieden, unzureichend beschrieben w\u00e4ren.<\/p>\n<p>Tellkamp ist einer der Erstunterzeichner der nach der Frankfurter Buchmesse im Herbst von der Dresdener Buchh\u00e4ndlerin Susanne Dagen initiierten <a href=\"https:\/\/www.openpetition.de\/petition\/online\/charta-2017-zu-den-vorkommnissen-auf-der-frankfurter-buchmesse-2017\">\u201eCharta 2017\u201c<\/a> \u2013 die schon dem Namen nach an die \u201eCharta 77\u201c von tschechischen Intellektuellen angelehnt ist. Diese protestierten seinerzeit gegen Menschenrechtsverletzungen \u2013 dass die Situation damals dort mit der heutigen hierzulande wenig gemein hat, liegt auf der Hand. Der 49 Jahre alte Tellkamp unterst\u00fctzt den 2017er Aufruf, in dem eine Meinungsfreiheit kritisiert wird, die auf einen in der ver\u00f6ffentlichten Meinung legitimierten \u201eGesinnungskorridor\u201c verengt werde. Wenn ein Veranstalter, wie der der Buchmesse im vergangenen Jahr, zu \u201eaktiver Auseinandersetzung\u201c mit rechten Verlagen aufrufe \u2013 es kam dann zu Gewalt gegen einige St\u00e4nde \u2013, sei man nicht weit entfernt von einer \u201eGesinnungsdiktatur\u201c, hei\u00dft es darin. Wo indes bleibe eine vergleichbare Auseinandersetzung mit der radikalen Linken, fragt er im Kulturpalast.<\/p>\n<p><strong>Suhrkamp distanziert sich von Tellkamp<\/strong><\/p>\n<p>Vieles, was einander vorgehalten wird, ist l\u00e4ngst gesagt. Von anderen. Andersorts. Aber damit offensichtlich nicht erledigt. Buh- und Zwischenrufe rei\u00dfen wie Applaus zu Bekundungen beider Protagonisten den Abend \u00fcber nicht ab. Tellkamp spricht emotional, beklagt einen einseitigen Umgang mit gesellschaftlichen Reizthemen, der sich auch an dominierenden Begriffen ablesen lasse: Wenn undifferenziert von \u201eFl\u00fcchtlingen\u201c (auch: \u201eSchutzsuchenden\u201c) die Rede sei mit Blick auf mehr als eine Million Migranten, die seit 2015 ins Land kamen, sagt er, sei dies angesichts der Rechtslage, der zufolge nur ein kleiner Prozentsatz Schutzstatus erh\u00e4lt, ein sprechendes Beispiel von vielen. Zudem wollten die meisten Migranten &#8211; \u201e95 Prozent\u201c &#8211; nur in die Sozialsysteme einwandern (sein Verlag Suhrkamp, in dem auch Gr\u00fcnbeins Werke erscheinen, distanziert sich auf Twitter am Tag nach der Veranstaltung von Tellkamps \u00c4u\u00dferungen). Wer das \u00f6ffentlich kritisiert, gelte als rechts, rechtspopulistisch, rechtsextrem. Dass da Wut aufkomme, billige Tellkamp nicht. \u201eAber man muss sich nicht wundern\u201c, sagt er.<\/p>\n<p>Durs Gr\u00fcnbein hat die Charta nicht unterzeichnet, sondern einen <a href=\"www.erich-kaestner-museum.de\/fileadmin\/user_upload\/Aufruf_Website.pdf\">\u201eAufruf\u201c des Dresdner Literaturhauses \u201eVilla Augustin\u201c<\/a>, der deren \u201everbale Entgleisungen\u201c kritisiert. Der 55-J\u00e4hrige ruft Artikel 19 der Charta der Menschenrechte in Erinnerung. \u201eJeder hat das Recht auf Mei\u00adn\u00adungs\u00adfrei\u00adheit und freie Mei\u00adn\u00adungs\u00e4u\u00dferung\u201c, steht darin. Und: Dieses \u201eRecht schlie\u00dft die Frei\u00adheit ein, Mei\u00adn\u00adun\u00adgen unge\u00adhin\u00addert anzuh\u00e4n\u00adgen sowie \u00fcber Medi\u00aden jed\u00ader Art und ohne R\u00fcck\u00adsicht auf Gren\u00adzen Infor\u00adma\u00adtio\u00adnen und Gedankengut zu suchen, zu emp\u00adfan\u00adgen und zu ver\u00adbre\u00adit\u00aden.\u201c Das decke es selbst, B\u00fccher wie Hitlers \u201eMein Kampf\u201c wieder zu drucken, sagt er. Die B\u00fcrger seien m\u00fcndig genug, so etwas einzuordnen. Nur: Es brauche Aufkl\u00e4rung statt Angstpropaganda. Man d\u00fcrfe die Verh\u00e4ltnisse nicht umkehren, sei doch die Anzahl rechtsextremistischer Gewalttaten h\u00f6her als jene von links. Demokratie versteht Gr\u00fcnbein, der anfangs allzu abgekl\u00e4rt auftritt, \u201eals permanente Selbstkritik ihrer Vertreter\u201c. Er will weg vom Beleidigtsein, befindet zudem, dass zu pr\u00fcfen sei, inwiefern bei der Grenz\u00f6ffnung 2015 die Politik gegen geltendes Recht versto\u00dfen habe \u2013 etwa in einem Untersuchungsausschuss. Zensur sieht er in der Medienlandschaft nicht. Tellkamp hatte zuvor ein Repr\u00e4sentationsdefizit bei abweichenden Meinungen beklagt. Gr\u00fcnbein moniert Probleme in der Meinungsvielfalt beim Fernsehen, ohne das n\u00e4her auszuf\u00fchren. Man h\u00e4tte sich hier Nachfragen gew\u00fcnscht.<\/p>\n<p>Was hat der Abend gebracht? Zusammenkommen konnten Gr\u00fcnbein und Tellkamp nicht \u2013 wie die K\u00f6nigskinder in der antiken Ballade. Wollten sie auch nicht. Mussten sie nicht. Gr\u00fcnbeins Eintreten gegen weitere Polarisierung fand Tellkamp wohlfeil angesichts dessen von der ver\u00f6ffentlichten Mehrheitsmeinung, wie er sagte, weithin getragener Position. Tellkamp indes wolle sich nicht blo\u00df \u201egeduldet\u201c wissen, sondern \u201eohne Furcht\u201c \u00e4u\u00dfern. Schlie\u00dflich brennen Autos, sagte er, und verwies auf das eines konservativen Politologen in Dresden, nicht aber jenes eines Linksparteipolitikers, das im benachbarten Freital in Flammen aufgegangen war.<\/p>\n<p><strong>Kubitschek will den Riss in der Gesellschaft\u00a0\u2013 jedoch gr\u00f6\u00dfer, tiefer<\/strong><\/p>\n<p>Als die mehr oder weniger eloquente b\u00fcrgerliche Mitte im Publikum schlie\u00dflich Fragen und Antworten mit dem Podium austauscht, sind entweder Leute wie der ehemalige s\u00e4chsische Gr\u00fcnen-Landtagsabgeordnete Johannes Lichdi schon aus dem Saal verschwunden und bald bei Twitter aktiv \u2013 nicht ohne zuvor Schimpftiraden vom Rang hinab auf Tellkamp entboten zu haben, w\u00e4hrend auf dem Podium \u00fcber die Gefahren debattiert wird, die eine Abw\u00e4gung der Not von Einheimischen gegen die von Zuwanderern birgt. Legida-Redner und Verleger G\u00f6tz Kubitschek (Antaios\/\u201eSezession\u201c) wiederum w\u00fcnscht sich den Riss in der Gesellschaft viel gr\u00f6\u00dfer, als er l\u00e4ngst ist. Dazu spricht er und spricht, als g\u00e4be es die Handzettelchen nicht, laut denen die Redezeit auf \u201e1 Minute\u201c begrenzt sein soll. An dieser Republik scheint ihm wenig zu liegen. Die Mitte im Saal schaut zu. Danach Klatschen, Buhrufe. Wie gehabt.<\/p>\n<p>Nach dem Abend wei\u00df man nicht recht, ob das ein Anfang ist: dieses einander \u201eaushalten\u201c Lernen, einander anzuh\u00f6ren. Oder ob der Punkt schon \u00fcberschritten ist f\u00fcr eine Verst\u00e4ndigung. Ob die R\u00e4nder nicht weiter Fakten schaffen \u2013 in die eine oder in die andere Richtung. Beim einander Zuh\u00f6ren wird es nicht bleiben k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>[ratings]<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die in Dresden geborenen Schriftsteller Durs Gr\u00fcnbein und Uwe Tellkamp haben im Kulturpalast der Stadt \u00fcber Meinungsfreiheit diskutiert. Die Atmosph\u00e4re war hitzig, das Interesse gewaltig. Was bleibt? DRESDEN. Die Organisatoren haben nichts dem Zufall \u00fcberlassen wollen. 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