{"id":2751,"date":"2018-02-08T07:21:41","date_gmt":"2018-02-08T07:21:41","guid":{"rendered":"http:\/\/michael-kunze.net\/category\/artikel\/?p=2751"},"modified":"2019-02-20T11:18:41","modified_gmt":"2019-02-20T11:18:41","slug":"wenn-konservative-heimatlos-werden","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/michael-kunze.net\/category\/artikel\/2018\/02\/08\/wenn-konservative-heimatlos-werden\/","title":{"rendered":"Wenn Konservative heimatlos werden"},"content":{"rendered":"<figure id=\"attachment_2752\" aria-describedby=\"caption-attachment-2752\" style=\"width: 410px\" class=\"wp-caption alignleft\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\" wp-image-2752    \" alt=\"\" src=\"http:\/\/michael-kunze.net\/wp-content\/uploads\/2018\/04\/978-3-498-02536-6.jpg\" width=\"410\" height=\"720\" \/><figcaption id=\"caption-attachment-2752\" class=\"wp-caption-text\">Wenn Eliten nicht nach rechts integrieren, sinken die Themen, die dort liegen, auf den &#8222;sprachlosen Grund des Unverstandenen&#8220;, der &#8222;nicht selten braun&#8220; sei, schreibt Ulrich Greiner. Und pl\u00e4diert f\u00fcr das Gegenteil. Cover: Verlag<\/figcaption><\/figure>\n<p>Der Journalist Ulrich Greiner will Verst\u00e4ndnis daf\u00fcr, dass Demokratie kompliziert ist &#8211; und dabei auf den Wettstreit zwischen beiden Polen des politischen Spektrums angewiesen.<\/p>\n<p>BERLIN. Wo es Linke, Progressive gibt, muss es Rechte, Konservative geben d\u00fcrfen &#8211; und sie m\u00fcssen gleichberechtigt vernehmbar sein im \u00f6ffentlichen Diskurs. Davon ist Ulrich Greiner, fr\u00fcher Feuilletonchef der &#8222;Zeit&#8220;, \u00fcberzeugt. Die Realit\u00e4t sei aber eine andere: Das politische Spektrum jenseits der Extremismen, schreibt er in der Streitschrift &#8222;Heimatlos. Bekenntnisse eines Konservativen&#8220;, werde medial nicht mit gleichem Ma\u00dfstab ausgeleuchtet. Dabei bekennt der 72-J\u00e4hrige, nie CDU noch Liberale gew\u00e4hlt zu haben, sondern vorrangig SPD und Gr\u00fcne. Sp\u00e4t wurde er konservativ &#8211; und macht nun eine Tendenzwende aus in der Bundesrepublik, die zutage trete etwa in der Entstehung von Pegida oder AfD-Wahlerfolgen.<\/p>\n<p>\u00dcberall Angst &#8211; nicht nur bei Anh\u00e4ngern der &#8222;Patriotischen Europ\u00e4er&#8220;, auch in Parteien und der &#8222;kommentierenden Klasse in den Medien&#8220;, der er selbst angeh\u00f6rte. F\u00fcr letztere stehe die Macht auf dem Spiel, die in der \u00d6ffentlichkeit geltenden<!--more--> moralischen Standards zu definieren und ihre Einhaltung zu kontrollieren. Bislang komme dies darin zum Ausdruck, was politisch nicht passe, gern &#8222;populistisch&#8220; zu zeihen, obwohl meist &#8222;rechtspopulistisch&#8220; gemeint sei. Zudem werde das Paradigma der multikulturellen Gesellschaft als nicht verhandelbar beworben und Widerspruch in die N\u00e4he des Rassismus ger\u00fcckt. Als alleiniges Heil der Europ\u00e4ischen Union gelte deren &#8222;Vertiefung&#8220;. Wer ein Europa der Vaterl\u00e4nder vorziehe, stehe als Nationalist im Abseits. Eine Islamisierung westeurop\u00e4ischer Gesellschaften &#8211; im \u00f6ffentlichen Diskurs vielfach blo\u00df &#8222;Hirngespinst verwirrter Pegida-Anh\u00e4nger&#8220; statt einer realen Gefahr? Auch das, schreibt Greiner &#8211; und \u00e4rgert sich parallel \u00fcber das Rauchverbot in \u00f6ffentlichen Geb\u00e4uden: Immer weiter dringe der Staat ins Private vor.<\/p>\n<p>Greiner l\u00e4sst seiner Angst freien Lauf, treibt es mitunter bunt &#8211; und ist daf\u00fcr kritisiert worden, seit er 2016 den Artikel &#8222;Vom Recht, rechts zu sein&#8220; ver\u00f6ffentlichte, auf den das Buch aufsetzt. Er positioniert sich jenseits politischer Korrektheit, aber diesseits der AfD, wendet sich in seinem Gesinnungsbuch &#8211; denn das ist es &#8211; gegen die Moralisierung aller Lebensbereiche, bei der aus politischen Gr\u00fcnden ganze Themenfelder ausgespart blieben. Deren Er\u00f6rterung werde aber von nennenswerten Teilen der Gesellschaft gefordert.<\/p>\n<p>Nicht &#8222;Objektivit\u00e4t&#8220;, so lassen sich seine Ausf\u00fchrungen deuten, fehlt den Medien. Die kann es nicht geben. Welches Thema aufgegriffen wird &#8211; wann, von wem und in welchem Umfang, ohne Foto oder mit, auf Seite 1 oder 20 -, ist per se Konsequenz subjektiver Entscheidung. Greiner wei\u00df, dass es darauf ankommt, wer sie trifft: Er fordert Chancengleichheit daf\u00fcr, dass der konservative Blick \u00e4hnlich ernsthaft sichtbar wird wie der progressive: Wo &#8222;die tonangebende Klasse auf ihren m\u00e4\u00dfigenden, zivilisierenden Einfluss&#8220; verzichte, s\u00e4nken &#8222;ernste Fragen&#8220; auf den &#8222;sprachlosen Grund des Unverstandenen&#8220; &#8211; der &#8222;nicht selten braun&#8220; sei.<\/p>\n<p>Linke Intellektuelle wie Didier Eribon oder Edouard Louis haben am franz\u00f6sischen Beispiel l\u00e4ngst diagnostiziert, dass sich die &#8222;kleinen Leute&#8220; abwenden von &#8222;ihren&#8220; angestammten Parteien. &#8222;Jede Parteineugr\u00fcndung &#8230; ist ein Zeichen des Ungen\u00fcgens der alten Gruppierungen&#8220;, schrieb aber schon 1931 der j\u00fcdische Politologe Sigmund Neumann. Sind also die heutigen Hassorgien im Netz wider &#8222;den Mainstream&#8220; die Rache jener, die sich hilflos, sprachlos w\u00e4hnen? Greiner w\u00fcnscht sich dar\u00fcber Streit in der Sache. Dass dabei Gefahr besteht, einen engen Deutungskanal nur gegen einen anderen zu tauschen, statt den bestehenden zu weiten, liegt auf der Hand &#8211; taugt aber nicht als Ausrede daf\u00fcr, die Weitung nicht zu versuchen. Greiner will Verst\u00e4ndnis daf\u00fcr, dass Demokratie kompliziert ist und die Auseinandersetzung mit ihr zwar anspruchsvoll, aber Wert an sich. Die Nationalstaaten h\u00e4lt er f\u00fcr eine Errungenschaft, Europa solle zudem &#8222;Abendland bleiben&#8220; &#8211; mehr als eine geografische Kategorie. Wer seinen Vorstellungen mit Ma\u00df politisch Nachdruck verleihen soll, wei\u00df der derzeit Heimatlose aber nicht.<\/p>\n<p><em>Ulrich Greiner: Heimatlos. Bekenntnisse eines Konservativen, Rowohlt-Verlag, Reinbek 2017, 160 Seiten, 19,95 Euro.<\/em><\/p>\n<p>[ratings]<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Der Journalist Ulrich Greiner will Verst\u00e4ndnis daf\u00fcr, dass Demokratie kompliziert ist &#8211; und dabei auf den Wettstreit zwischen beiden Polen des politischen Spektrums angewiesen. BERLIN. Wo es Linke, Progressive gibt, muss es Rechte, Konservative geben d\u00fcrfen &#8211; und sie m\u00fcssen gleichberechtigt vernehmbar sein im \u00f6ffentlichen Diskurs. 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