{"id":2785,"date":"2018-04-11T11:33:43","date_gmt":"2018-04-11T11:33:43","guid":{"rendered":"http:\/\/michael-kunze.net\/category\/artikel\/?p=2785"},"modified":"2018-05-16T07:30:30","modified_gmt":"2018-05-16T07:30:30","slug":"was-ist-konservativ-was-rechts-zwei-chemnitzer-politologen-im-gesprach-teil-i","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/michael-kunze.net\/category\/artikel\/2018\/04\/11\/was-ist-konservativ-was-rechts-zwei-chemnitzer-politologen-im-gesprach-teil-i\/","title":{"rendered":"Was ist konservativ, was rechts? Chemnitzer Politologen im Gespr\u00e4ch: Teil I"},"content":{"rendered":"<figure id=\"attachment_2792\" aria-describedby=\"caption-attachment-2792\" style=\"width: 263px\" class=\"wp-caption alignleft\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\" wp-image-2792  \" alt=\"Der Politikwissenschaftler Sebastian Liebold. Foto: Frank Uhlich\" src=\"http:\/\/michael-kunze.net\/wp-content\/uploads\/2018\/04\/Kopffoto-Dr.-Sebastian-Liebold-Fotograf-Frank-Uhlich-682x1024.jpg\" width=\"263\" height=\"394\" srcset=\"https:\/\/michael-kunze.net\/wp-content\/uploads\/2018\/04\/Kopffoto-Dr.-Sebastian-Liebold-Fotograf-Frank-Uhlich-682x1024.jpg 682w, https:\/\/michael-kunze.net\/wp-content\/uploads\/2018\/04\/Kopffoto-Dr.-Sebastian-Liebold-Fotograf-Frank-Uhlich-250x375.jpg 250w, https:\/\/michael-kunze.net\/wp-content\/uploads\/2018\/04\/Kopffoto-Dr.-Sebastian-Liebold-Fotograf-Frank-Uhlich-624x936.jpg 624w, https:\/\/michael-kunze.net\/wp-content\/uploads\/2018\/04\/Kopffoto-Dr.-Sebastian-Liebold-Fotograf-Frank-Uhlich-960x1440.jpg 960w, https:\/\/michael-kunze.net\/wp-content\/uploads\/2018\/04\/Kopffoto-Dr.-Sebastian-Liebold-Fotograf-Frank-Uhlich.jpg 1181w\" sizes=\"auto, (max-width: 263px) 100vw, 263px\" \/><figcaption id=\"caption-attachment-2792\" class=\"wp-caption-text\">Der Politologe Sebastian Liebold hat bis Dezember 2017 an der TU Chemnitz die Ideen von konservativen Intellektuellen der fr\u00fchen Bundesrepublik erforscht. Foto: Frank Uhlich<\/figcaption><\/figure>\n<p>CHEMNITZ. Konservative Wissenschaftler, Publizisten, Intellektuelle haben in der fr\u00fchen Bundesrepublik den Neuanfang gewagt. Ein Gespr\u00e4ch (Teil II: <a href=\"michael-kunze.net\/category\/artikel\/2018\/04\/17\/was-ist-konservativ-was-rechts-chemnitzer-politologen-im-gesprach-teil-ii\/\">hier<\/a>) \u00fcber Denktraditionen, ideologische Br\u00fcche und dar\u00fcber, was das mit der Neuen Rechten zu tun hat &#8211; mit den Chemnitzer Politologen Sebastian Liebold und Frank Schale, die im Nachgang einer wissenschaftlichen Tagung zum Thema einen Sammelband publiziert haben.<\/p>\n<p><em>Was verbindet konservative Intellektuelle in der Nachkriegszeit?<\/em><\/p>\n<p><strong>Frank Schale:<\/strong> Der Wunsch nach einer Bestandsaufnahme, die Nationalsozialismus und Weimarer Republik kritisch reflektiert. Welche Traditionsbest\u00e4nde sind noch haltbar? Wie soll ein neuer Staat, die k\u00fcnftige Gesellschaft beschaffen sein?<\/p>\n<p><strong>Sebastian Liebold:<\/strong> Ganze Lebenswelten, auch das Selbstbewusstsein, ist bei vielen obsolet geworden. Kriegsende, Vertreibung, deutsche Teilung f\u00fchren zu ideologischen Verwerfungen, die eine Neuorientierung erfordern, obwohl man sich nach Kontinuit\u00e4t <!--more-->sehnt.<\/p>\n<p><em>Wie f\u00e4llt der Blick in die Zukunft aus?<\/em><\/p>\n<p><strong>Schale:<\/strong> Modernit\u00e4tskritisch. Aus diesem Grund taucht Max Horkheimer, obwohl einer der V\u00e4ter der Frankfurter Schule, im Band auf. Auch er blickt reserviert nach vorn. Die Welt liegt in Tr\u00fcmmern. Trotz verbreiteter Skepsis ist der Gestaltungswille beachtlich, genauso aber die Frustration \u00fcber die M\u00fchen der Ebene und dar\u00fcber, mit wem man nun in Deutschland teils zusammenarbeiten muss.<\/p>\n<p><strong>Liebold:<\/strong> Zuversichtlich ist der Staatswissenschaftler und Politologe Arnold Bergstraesser \u2013 nach der Emigration in Freiburg t\u00e4tig. Er sieht wie Horkheimer den hergebrachten, an christliche Ethik gekoppelten Humanit\u00e4tsbegriff in Gefahr. Krieg, Nationalsozialismus, die Moderne sind mit ihren Entgrenzungen und Br\u00fcchen f\u00fcr ihn so riskant, dass sie die Zwischenkriegszeit \u201esprengten\u201c.<\/p>\n<p><em>Bergstraesser, der 1932 noch dazu beitrug, dass dem j\u00fcdischen Kollegen Emil Julius Gumbel in Heidelberg die Lehrerlaubnis entzogen wurde, l\u00e4sst es aber nicht dabei bewenden.<\/em><\/p>\n<p><strong>Liebold:<\/strong> Er findet zu einem bemerkenswerten Pragmatismus und macht sich f\u00fcr Bildung, auch politische Bildung stark \u2013 sein unkonventionelles, ziemlich antielit\u00e4res Pl\u00e4doyer: Breitenwirkung ist wichtiger als \u201eSpitzenergebnisse\u201c bei wenigen. Es geht um Basisarbeit bei der vom Krieg entwurzelten jungen Generation. Man kn\u00fcpft nicht von ungef\u00e4hr an die Weimarer Arbeitervolksbildung an, die breiter aufgestellt wird, da das B\u00fcrgertum alles andere als immun war gegen den Nationalsozialismus.<\/p>\n<p><em>Darin zeigt sich eine Abkehr vom auf den Elitegedanken fixierten Neuen Nationalismus, wie er in den 1920er-, 30er Jahren von Spengler, Moeller van den Bruck oder den J\u00fcnger-Br\u00fcdern vertreten wurde.<\/em><\/p>\n<p><strong>Schale:<\/strong> So ist es vielfach auch. Das K\u00e4mpferische, Radikale, Elit\u00e4re wird hinterfragt, was nichts an der \u00dcberzeugung \u00e4ndert, dass naiver Fortschrittsoptimismus zwar als verf\u00fchrerisch, aber weiterhin gef\u00e4hrlich gilt.<\/p>\n<p><strong>Liebold:<\/strong> Die Wendung zum Konstruktiven ist un\u00fcbersehbar. Die Entstehung der konfessions\u00fcbergreifenden Unionsparteien legt daf\u00fcr im Politikbetrieb Zeugnis ab. Das Motto f\u00fcr Politik und Gesellschaft lautet Integration statt Zersplitterung.<\/p>\n<p><em>Diejenigen, die die auseinanderstrebenden gesellschaftlichen Kr\u00e4fte zusammenhalten wollen, haben sich dabei von denen abgegrenzt, die schon in Weimar auf eine \u201eKl\u00e4rung der Verh\u00e4ltnisse\u201c auch mithilfe der Nationalsozialisten gesetzt hatten.<\/em><\/p>\n<p><strong>Schale:<\/strong> Trotz bestimmter Netzwerke und beachtlicher Karrieren von Intellektuellen, die mehr als Mitl\u00e4ufer waren, bleibt ihr Einfluss auf den politischen Raum im Vergleich zu Weimar beschr\u00e4nkt. Das hat auch viel mit dem Parteiensystem der Bundesrepublik zu tun. Wer bis 1945 eher \u201ekleinere Kompromisse\u201c gemacht hatte, leistete danach mitunter eine Art strategischer Bu\u00dfe, um abermals anschlussf\u00e4hig zu werden. Nicht jeder kommt mit dieser Selbst-Entideologisierung an \u2026<\/p>\n<p><strong>Liebold:<\/strong> \u2026 und nicht jeder hat sie n\u00f6tig. Hans-Joachim von Merkatz, Monarchist und sp\u00e4ter Bundesminister, und Hans M\u00fchlenfeld, zwei in die Rolle von Intellektuellen geschl\u00fcpfte Politiker der rechts der Union stehenden, am britischen Konservatismus orientierten Deutschen Partei treten aber auch daf\u00fcr ein, ideologische Vorkriegskorsette abzusch\u00fctteln. Die zweite deutsche Demokratie will nicht an Weimar anschlie\u00dfen, auch mit Blick auf die politische Kultur. Beide erkennen das.<\/p>\n<p><em>Was spricht noch f\u00fcr einen Kurswechsel?<\/em><\/p>\n<p><strong>Liebold:<\/strong> Das Eintreten vieler f\u00fcr Menschenrechte, Ausbau des Sozialstaats, Begrenzung von Kartellen oder Zur\u00fcckdr\u00e4ngung der Politik aus dem Alltag.<\/p>\n<p><strong>Schale:<\/strong> Konservative haben auch deshalb gute Chancen, die Gesellschaft zu gestalten, da das, was sie als das radikal Moderne begreifen, der Nationalsozialismus, radikal gescheitert ist. Insofern erweist sich selbst ein Mann wie Horkheimer in sp\u00e4ten Jahren als \u201ekonservativ\u201c \u2013 wenn auch nicht im (partei-) politischen Sinne. Er macht die Familie stark und Traditionen in einem durchaus b\u00fcrgerlichen Sinne, was linke Kritiker fr\u00fch monieren. Sein wachsendes Unverst\u00e4ndnis f\u00fcr die Studentenproteste ist kein Zufall.<\/p>\n<p><em>Wie l\u00e4sst sich die Kursbestimmung charakterisieren: eher als Streit oder durch Geschlossenheit?<\/em><\/p>\n<p><strong>Schale:<\/strong> Trotz beachtlicher Sogwirkung der Unionsparteien wird sp\u00e4testens Anfang der 60er deutlicher, dass sie eine bestimmte Modernisierung der Gesellschaft vorantreiben, an der sich nicht wenige Konservative sto\u00dfen. Wo es bis dahin eine gewisse Geschlossenheit gibt, erodiert sie nun, auch wenn nicht jeder so weit geht wie Armin Mohler mit seinem Diktum vom \u201eG\u00e4rtnerkonservatismus\u201c.<\/p>\n<p><strong>Liebold:<\/strong> In vielen Bereichen gibt es anfangs \u2013 Stichwort Ordinarien-Universit\u00e4t \u2013 noch R\u00fcckzugsr\u00e4ume. Zudem stehen oft zun\u00e4chst existenzielle Probleme im Vordergrund. Sp\u00e4ter aber sind Vorstellungen von einem liberalen, linksliberalen Staat und gesellschaftlichen Ver\u00e4nderungen \u2013 auch im Ausland \u2013 so weit gediehen, dass Konservative \u00fcber Lagergrenzen hinweg unter Druck kommen und Abgrenzung nottut.<\/p>\n<p><em>Welche Themen werden verhandelt?<\/em><\/p>\n<p><strong>Schale:<\/strong> Zum Beispiel die Westbindung. Widerspruch wie vom ehemaligen Reichslandwirtschaftsminister Andreas Hermes, der die CDU in Berlin mitgr\u00fcndet, ist gegen das Adenauer-Lager nicht mehrheitsf\u00e4hig, das die Westbindung zur Voraussetzung f\u00fcr die Wiedervereinigung macht, w\u00e4hrend Hermes sie als Hindernis sieht. So paradox es anmutet: Die prononciert nationale Position ist in den 50ern in der SPD st\u00e4rker als in der Union. F\u00fcr Diskussion sorgt zudem der Umgang mit dem Parlamentarismus. Vor dem Krieg schl\u00e4gt dem unter Konservativen breite Ablehnung entgegen. Die nach &#8217;45 den Ton angebenden Pragmatiker sehen das nun anders.<\/p>\n<p><em>Seit den 1960ern geraten konservative Positionen dann nach und nach ins Hintertreffen &#8230;<\/em><\/p>\n<p><strong>Schale:<\/strong> &#8230;, da die Lage im Jahre 1962 eine andere ist als noch 1955. Das zeigt sich auch beim politischen Personal: W\u00e4hrend Konrad Adenauer ein Greis geworden ist, tritt der geradezu jugendlich wirkende Amerikaner John F. Kennedy f\u00fcr Entspannung gegen\u00fcber dem Ostblock ein.<\/p>\n<p><strong>Liebold:<\/strong> Manche Konservative gehen mit Kennedy, andere nicht. Bergstraesser h\u00e4lt auf dem Freiburger M\u00fcnsterplatz nach dessen Bundesrepublik-Besuch eine Rede und w\u00fcrdigt ihn als gro\u00dfen Staatsmann.<\/p>\n<p><strong>Schale:<\/strong> Bergstraessers Studienfreund Carl Joachim Friedrich wiederum sieht im US-Pr\u00e4sidenten den, der weltweit ein linksliberales Leitbild etabliert und kluges staatliches Handeln verhindert, da er zu viel unter neuartige Vorbehalte stellt, etwa die Menschenrechte.<\/p>\n<p><em>Welche Rolle spielt f\u00fcr die im Buch behandelten Protagonisten das Christentum?<\/em><\/p>\n<p><strong>Liebold:<\/strong> Es ist konfessions\u00fcbergreifend f\u00fcr die meisten eine so selbstverst\u00e4ndliche Basis, dass sie nicht hervorgehoben wird; nicht wenige engagieren sich in der Abendland-Bewegung. Der Protestant von Merkatz und der Katholik Hermes sind zwei von wenigen, die ihr religi\u00f6ses Bekenntnis herausstellen.<\/p>\n<p><strong>Schale:<\/strong> Dass die beiden damit eher in der Minderheit sind, ist wohl kein Zufall. Manches im Unklaren zu lassen, hilft Streit und Zersplitterung zu vermeiden \u2013 und gilt als zeitgem\u00e4\u00df.<\/p>\n<p><em>Wie steht es mit dem Bekenntnis zum Staat?<\/em><\/p>\n<p><strong>Schale:<\/strong> Matthias Waldens Selbstbezeichnung als \u201estaatsloyal\u201c ist bekannt. Ein derart dezidiertes Auftreten wie das des aus Dresden stammenden \u201eWelt\u201c-Journalisten geht dann in die Br\u00fcche, wenn die dominierende Politik als nicht mehr traditionswahrend und einheitsstiftend angesehen wird. Das ist, unabh\u00e4ngig vom Buch, ein aktuelles Ph\u00e4nomen. Es geht um die Frage: Bin ich f\u00fcr \u201edas\u201c \u2013 wie auch immer zu bestimmende \u2013 Konservative, oder bin ich f\u00fcr diesen Staat? Mohler, an dem sich die intellektuelle Rechte nach wie vor orientiert, nennt sich \u201eFaschist\u201c. Was sagt das \u00fcber Mohlers heutige Adepten aus? Der Parlamentarismus gilt damals wie heute in diesen Kreisen wenig; stattdessen h\u00e4lt man es mit kaltem Zynismus Gehlenscher Manier \u2013 nach den Erfahrungen von Weltkrieg und Shoa. In den 1950ern w\u00e4re das unter Konservativen nicht mehrheitsf\u00e4hig gewesen.<\/p>\n<p><strong>Die Politologen Sebastian Liebold und Frank Schale<\/strong>, Dres. phil., haben bis 2017 an der TU Chemnitz in einem vom S\u00e4chsischen Staatsministerium f\u00fcr Wissenschaft und Kunst gef\u00f6rderten <a href=\"https:\/\/www.tu-chemnitz.de\/phil\/politik\/pti\/intellectualhistory\/zum-projekt.php\">Projekt<\/a> die Ideengeschichte der fr\u00fchen Bundesrepublik untersucht. Dabei entstand der Sammelband: <strong>\u201eNeugr\u00fcndung auf alten Werten? Konservative Intellektuelle und Politik in der Bundesrepublik\u201c<\/strong>. Nomos-Verlag, 256 Seiten, 49 Euro.<\/p>\n<p>[ratings]<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>CHEMNITZ. Konservative Wissenschaftler, Publizisten, Intellektuelle haben in der fr\u00fchen Bundesrepublik den Neuanfang gewagt. Ein Gespr\u00e4ch (Teil II: hier) \u00fcber Denktraditionen, ideologische Br\u00fcche und dar\u00fcber, was das mit der Neuen Rechten zu tun hat &#8211; mit den Chemnitzer Politologen Sebastian Liebold und Frank Schale, die im Nachgang einer wissenschaftlichen Tagung zum Thema einen Sammelband publiziert haben.&hellip; <a class=\"more-link\" href=\"https:\/\/michael-kunze.net\/category\/artikel\/2018\/04\/11\/was-ist-konservativ-was-rechts-zwei-chemnitzer-politologen-im-gesprach-teil-i\/\"><span class=\"screen-reader-text\">Was ist konservativ, was rechts? 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