{"id":2804,"date":"2018-04-17T06:23:04","date_gmt":"2018-04-17T06:23:04","guid":{"rendered":"http:\/\/michael-kunze.net\/category\/artikel\/?p=2804"},"modified":"2018-05-16T07:43:55","modified_gmt":"2018-05-16T07:43:55","slug":"was-ist-konservativ-was-rechts-chemnitzer-politologen-im-gesprach-teil-ii","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/michael-kunze.net\/category\/artikel\/2018\/04\/17\/was-ist-konservativ-was-rechts-chemnitzer-politologen-im-gesprach-teil-ii\/","title":{"rendered":"Was ist konservativ, was rechts? Chemnitzer Politologen im Gespr\u00e4ch: Teil II"},"content":{"rendered":"<figure id=\"attachment_2819\" aria-describedby=\"caption-attachment-2819\" style=\"width: 263px\" class=\"wp-caption alignleft\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\" wp-image-2819  \" alt=\"Der Politikwissenschaftler Frank Schale. Foto: peroptato.de\" src=\"http:\/\/michael-kunze.net\/wp-content\/uploads\/2018\/04\/Kopffoto-Dr.-Frank-Schale-Fotograf-peroptato.de_-731x1024.jpg\" width=\"263\" height=\"368\" srcset=\"https:\/\/michael-kunze.net\/wp-content\/uploads\/2018\/04\/Kopffoto-Dr.-Frank-Schale-Fotograf-peroptato.de_-731x1024.jpg 731w, https:\/\/michael-kunze.net\/wp-content\/uploads\/2018\/04\/Kopffoto-Dr.-Frank-Schale-Fotograf-peroptato.de_-214x300.jpg 214w, https:\/\/michael-kunze.net\/wp-content\/uploads\/2018\/04\/Kopffoto-Dr.-Frank-Schale-Fotograf-peroptato.de_-250x349.jpg 250w, https:\/\/michael-kunze.net\/wp-content\/uploads\/2018\/04\/Kopffoto-Dr.-Frank-Schale-Fotograf-peroptato.de_-624x873.jpg 624w, https:\/\/michael-kunze.net\/wp-content\/uploads\/2018\/04\/Kopffoto-Dr.-Frank-Schale-Fotograf-peroptato.de_-960x1343.jpg 960w\" sizes=\"auto, (max-width: 263px) 100vw, 263px\" \/><figcaption id=\"caption-attachment-2819\" class=\"wp-caption-text\">Der Politologe Frank Schale hat bis Dezember 2017 an der TU Chemnitz die Ideen von konservativen Intellektuellen der fr\u00fchen Bundesrepublik erforscht. Foto: peroptato.de<\/figcaption><\/figure>\n<p>CHEMNITZ.\u00a0Konservative Wissenschaftler, Publizisten, Intellektuelle haben nach dem Zweiten Weltkrieg in der fr\u00fchen Bundesrepublik den Neuanfang gewagt, auf den sie in der DDR keinen Einfluss hatten. Ein Gespr\u00e4ch (Teil I: <a href=\"michael-kunze.net\/category\/artikel\/2018\/04\/11\/was-ist-konservativ-was-rechts-zwei-chemnitzer-politologen-im-gesprach-teil-i\/\">hier<\/a>) \u00fcber Denktraditionen, die Abkehr davon und dar\u00fcber, was das mit der Neuen Rechten zu tun hat &#8211; mit den Chemnitzer Politologen Frank Schale und Sebastian Liebold, die zum Thema einen Sammelband publiziert haben.<\/p>\n<p><em>Warum ignoriert &#8211; oder verachtet &#8211; die Neue Rechte die Erfahrungen vieler Konservativer, die nach 1945 ihren Frieden machten mit Parteiendemokratie, Gewaltenteilung und Minderheitenrechten?<\/em><\/p>\n<p><strong>Frank Schale:<\/strong> Weil die Neue Rechte nicht konservativ ist. Sie will verteidigen, was es nie gab: die Einheit des Abendlandes. In der fr\u00fchen Bundesrepublik haben sich Konservative schnell von solchen Romantizismen verabschiedet. Die Mehrheit der Neuen Rechten folgt nicht traditionellen konservativen Denkern wie Edmund Burke. Sie ist Wiederg\u00e4ngerin der Konservativen <!--more-->Revolution und imitiert linken Aktionismus, wiederholt permanent den Vorwurf an die politische Linke, zu moralisieren und nicht gerecht behandelt zu werden. Ist das konservativ?<\/p>\n<p><strong>Sebastian Liebold:<\/strong> Wir haben heute ja nicht nur in Deutschland Tendenzen zu emotionalen, antirechtsstaatlichen Ideen. Konservativen der fr\u00fchen Bundesrepublik sa\u00dfen Krieg und NS-Verbrechen so in den Knochen, dass sie davon kuriert waren. Viele wollten den Frieden radikal, nicht nur als Abwesenheit von Krieg, auch nach innen, indem sie f\u00fcr Rechtsstaat und Entpolitisierung eintraten. Die Verachtung gegen\u00fcber Parteien kam, von anderer Seite, erst mit den 68ern wieder.<\/p>\n<p><em>Sind namhafte Vertreter der Neuen Rechten, etwa G\u00f6tz Kubitschek oder Karlheinz Wei\u00dfmann, konservativ oder rechts?<\/em><\/p>\n<p><strong>Schale:<\/strong> &#8222;Konservatismus&#8220; ist kein Substanz-, sondern ein Relationsbegriff. Wenn also jemand f\u00fcr bestimmte Werte oder Institutionen eintritt, ist damit \u00fcber diese selbst noch nichts gesagt. Das macht sich die intellektuelle Rechte zunutze und bem\u00e4ntelt radikale Forderungen als konservativ. Der Nachkriegskonservatismus \u00fcbte S\u00e4kularisierungskritik, gab dem Rechtsstaatsgedanken Vorrang vor Demokratie und betrieb antikommunistische Totalitarismuskritik. Abgesehen von der Behauptung, die Bundesregierung habe in der Asylpolitik gegen Gesetze versto\u00dfen, findet sich wenig vom Konservatismus der alten Bundesrepublik bei der Neuen Rechten. Es bleiben nur die apokalyptisch \u00fcberzeichnete Absage an eine Zuwanderungsgesellschaft und ein modischer Chic, der in sozialen Medien pr\u00e4sentiert wird.<\/p>\n<p><em>Ein Block scheint das neurechte Lager aber nicht zu sein. Benedikt Kaiser hat in Kubitscheks Verlag das Buch <a href=\"https:\/\/sezession.de\/56994\/querfrontij-benedikt-kaiser-im-gesprach\">&#8222;Querfront&#8220;<\/a> herausgebracht. Darin tritt er ein f\u00fcr &#8222;Antiimperialismus von rechts&#8220;, der Alternativen zum Finanzkapitalismus entwickeln m\u00fcsse. Ist das ein kalkulierter Ausrei\u00dfer?<\/em><\/p>\n<p><strong>Liebold:<\/strong> Kaiser ist kein Ausrei\u00dfer mit Blick auf Schnittmengen von radikalen Rechten und Linken schon in der Weimarer Republik &#8211; Stichwort Nationalbolschewismus. Wir d\u00fcrfen auch nicht vergessen, dass konservative Regierungen weltweit Reagans und Thatchers Finanzmarktreformen \u00fcber Jahrzehnte mitgetragen haben &#8211; mit allen noch heute sp\u00fcrbaren Folgen. Das wurde fr\u00fch von rechts kritisiert. In der Bundesrepublik hatten ordoliberale Vordenker Ludwig Erhards nicht von ungef\u00e4hr einen Mittelweg versucht, indem sie Freiheit und soziale Absicherung in einem starken Staat verbinden wollten. Mancher w\u00fcnschte sich heute aktualisierte Konzepte und K\u00f6pfe, die sie \u00f6ffentlichkeitswirksam vertreten.<\/p>\n<p><em>W\u00e4hrend manche in der CDU die Vokabel &#8222;konservativ&#8220; meiden und lieber &#8222;die Mitte&#8220; vertreten wollen, als sei sie ein Punkt, hat Karlheinz Wei\u00dfmann das &#8222;konservative Minimum&#8220; 2007 in einer <a href=\"https:\/\/antaios.de\/gesamtverzeichnis-antaios\/reihe-kaplaken\/1091\/das-konservative-minimum\">gleichnamigen Schrift<\/a> als &#8222;Kampf-Ansage&#8220; gegen &#8222;unsere Existenz&#8220; bezeichnet. Letztere sei &#8222;bindungslos, heimatlos, haltlos, glaubenslos&#8220; geworden.<\/em><\/p>\n<p><strong>Schale:<\/strong> Viele fr\u00fche Unionspolitiker verzichten weitgehend auf die Vokabel &#8222;konservativ&#8220;, siehe Adenauer. Trotzdem sah man sich als Alternative zur SPD mit dem Gestaltungsauftrag &#8222;Modernisierung im Wiederaufbau&#8220;. An diesem Verst\u00e4ndnis hat sich nichts ge\u00e4ndert, auch wenn die Erosion sozialer Milieus zu Ver\u00e4nderungen f\u00fchrte. Das Problem liegt darin, dass diesem sozialen Wandel kaum neue politische Konzeptionen gefolgt sind. Die SPD sp\u00fcrt die Konsequenzen \u00fcbrigens viel st\u00e4rker. Von konservativer Seite hat der Appell an Bindung, Heimat, Glaube vielleicht etwas Kompensatorisches. Die Neue Rechte wird in den Sozialwissenschaften ohnehin nicht mit dem Vokabular der Konservativen beschrieben. Wir fragen nach den Ursachen pauschalisierender Ablehnungskonstruktionen.<\/p>\n<p><em>Ist die Rechte jetzt stark, da sie anprangert, was viele f\u00fcrchten? Oder ist es ein Fehler der Union, die vom Vorsatz abweicht, Integration weit nach rechts sei ein Wert an sich?<\/em><\/p>\n<p><strong>Liebold:<\/strong> Ob und wie stark die Neue Rechte tats\u00e4chlich ist, m\u00fcsste genauer untersucht werden. Mit einem Verweis auf AfD-Wahlergebnisse ist es nicht getan. Dass Bindung und Glaube nachlassen, ist soziologisch gepr\u00fcft. In der Demokratie steht es aber jedem frei, f\u00fcr Werte &#8211; welche immer &#8211; rechtskonform einzutreten. Im Ausland wird mir \u00fcbrigens nicht selten der Eindruck vermittelt, dass die Verbindung von Demokratie und Heimatgef\u00fchl in Deutschland gar nicht schlecht funktioniert.<\/p>\n<p><em>Wo st\u00fcnden die Konservativen in Ihrem Buch angesichts ihrer damaligen Positionen heute?<\/em><\/p>\n<p><strong>Schale:<\/strong> Da kann ich nur spekulieren: Ob aber ein Liberalkonservativer wie Carl Joachim Friedrich, der einer starken Verwaltung gegen\u00fcber der Einhaltung demokratischer Prozesse den Vorzug gab, jede Entscheidung, die staatliche B\u00fcrokratien vor Herausforderungen stellt, begr\u00fc\u00dfen w\u00fcrde, wage ich zu bezweifeln. Er h\u00e4tte jeden Angriff auf staatliche Institutionen zur\u00fcckgewiesen. Auch ein &#8222;Wir sind das Volk&#8220; w\u00e4re ihm nicht \u00fcber die Lippen gekommen wie auch jeder demagogische Appell ans Volk, was f\u00fcr die meisten Konservativen in der Weimarer Republik wie in der fr\u00fchen Bundesrepublik galt. Vor allem hatte er nach zwei Weltkriegen gute Gr\u00fcnde, ein vereinigtes Europa zu sch\u00e4tzen.<\/p>\n<p><strong>Liebold:<\/strong> Jeder steht in seiner Zeit. Zudem ist nicht sicher, ob Migration die zentrale Frage der n\u00e4chsten Jahre bleibt. Vielleicht sind die Konservativen am Puls der Zeit, die sich heute f\u00fcr Nachhaltigkeit nach dem Prinzip &#8222;Wenn du einen Baum f\u00e4llst, pflanze einen neuen&#8220; einsetzen. Hier haben wir in Sachsen Traditionsstr\u00e4nge, an sich ankn\u00fcpfen l\u00e4sst. Ich erinnere nur an den bei Chemnitz geborenen Hans Carl von Carlowitz als Sch\u00f6pfer des forstlichen Nachhaltigkeitsbegriffs, dessen \u00dcberlegungen sich auf viele Bereiche \u00fcbertragen lassen.<\/p>\n<p><b>Die Politologen Sebastian Liebold und Frank Schale<\/b>, Dres. phil., haben bis 2017 an der TU Chemnitz in einem vom S\u00e4chsischen Staatsministerium f\u00fcr Wissenschaft und Kunst gef\u00f6rderten <a href=\"https:\/\/www.tu-chemnitz.de\/phil\/politik\/pti\/intellectualhistory\/zum-projekt.php\">Projekt<\/a> die Ideengeschichte der fr\u00fchen Bundesrepublik untersucht. Dabei entstand der Sammelband: <strong>\u201eNeugr\u00fcndung auf alten Werten? Konservative Intellektuelle und Politik in der Bundesrepublik\u201c<\/strong>. Nomos-Verlag, 256 Seiten, 49 Euro.<\/p>\n<p>[ratings]<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>CHEMNITZ.\u00a0Konservative Wissenschaftler, Publizisten, Intellektuelle haben nach dem Zweiten Weltkrieg in der fr\u00fchen Bundesrepublik den Neuanfang gewagt, auf den sie in der DDR keinen Einfluss hatten. Ein Gespr\u00e4ch (Teil I: hier) \u00fcber Denktraditionen, die Abkehr davon und dar\u00fcber, was das mit der Neuen Rechten zu tun hat &#8211; mit den Chemnitzer Politologen Frank Schale und Sebastian&hellip; <a class=\"more-link\" href=\"https:\/\/michael-kunze.net\/category\/artikel\/2018\/04\/17\/was-ist-konservativ-was-rechts-chemnitzer-politologen-im-gesprach-teil-ii\/\"><span class=\"screen-reader-text\">Was ist konservativ, was rechts? 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