{"id":2838,"date":"2018-06-06T05:34:57","date_gmt":"2018-06-06T05:34:57","guid":{"rendered":"http:\/\/michael-kunze.net\/category\/artikel\/?p=2838"},"modified":"2019-02-20T10:54:30","modified_gmt":"2019-02-20T10:54:30","slug":"die-eine-welt-als-fluchtpunkt","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/michael-kunze.net\/category\/artikel\/2018\/06\/06\/die-eine-welt-als-fluchtpunkt\/","title":{"rendered":"Die eine Welt als Fluchtpunkt"},"content":{"rendered":"<figure id=\"attachment_2878\" aria-describedby=\"caption-attachment-2878\" style=\"width: 253px\" class=\"wp-caption alignleft\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\" wp-image-2878  \" alt=\"Decodiert Ambrogio Lorenzettis Wandgem\u00e4lde in der Sieneser Sala de la Pace eindrucksvoll: Patrick Boucherons im Berliner Wolff-Verlag erschienener Essay &quot;Gebannte Angst - Siena 1338&quot;. Cover: Verlag  \" src=\"http:\/\/michael-kunze.net\/wp-content\/uploads\/2018\/06\/cover-boucheron-gebannte-angst-601x1024.jpg\" width=\"253\" height=\"430\" srcset=\"https:\/\/michael-kunze.net\/wp-content\/uploads\/2018\/06\/cover-boucheron-gebannte-angst-601x1024.jpg 601w, https:\/\/michael-kunze.net\/wp-content\/uploads\/2018\/06\/cover-boucheron-gebannte-angst-176x300.jpg 176w, https:\/\/michael-kunze.net\/wp-content\/uploads\/2018\/06\/cover-boucheron-gebannte-angst-250x425.jpg 250w, https:\/\/michael-kunze.net\/wp-content\/uploads\/2018\/06\/cover-boucheron-gebannte-angst-624x1063.jpg 624w, https:\/\/michael-kunze.net\/wp-content\/uploads\/2018\/06\/cover-boucheron-gebannte-angst.jpg 682w\" sizes=\"auto, (max-width: 253px) 100vw, 253px\" \/><figcaption id=\"caption-attachment-2878\" class=\"wp-caption-text\">Decodiert Ambrogio Lorenzettis Wandgem\u00e4lde in der Sieneser Sala della Pace eindrucksvoll: Patrick Boucherons im Wolff-Verlag erschienener Essay &#8222;Gebannte Angst &#8211; Siena 1338&#8220;. Cover: Verlag<\/figcaption><\/figure>\n<p><span style=\"color: #000000;\">Die toskanische Stadt Siena birgt in ihrem Palazzo Pubblico ein epochales Wandbild, dessen politische Botschaft bis in die Gegenwart weist. Der Historiker Patrick Boucheron hat das sogenannte Fresko der Guten Regierung nun neu gedeutet. Was hat es uns heute zu sagen?<\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #000000;\">SIENA. Der amerikanische Politologe Francis Fukuyama war es, der mit dem Zusammenbruch der Sowjetunion das &#8222;Ende der Geschichte&#8220; gekommen sah \u2013 und daf\u00fcr Pr\u00fcgel bezog. Denn das von ihm vorausgesagte weltumspannende Friedenszeitalter aus dem Geiste von Liberalismus und Marktwirtschaft ist ausgeblieben. <\/span><span style=\"color: #000000;\">Ambrogio Lorenzetti sah schon vor 680 Jahren f\u00fcr derlei Euphorie keinen Anlass, als der Maler im Palazzo Pubblico der toskanischen Stadt Siena ein f\u00fcr die politische wie die Kunstgeschichtsschreibung epochales Werk schuf. Der franz\u00f6sische Historiker Patrick Boucheron hat es nun neu gedeutet. Nicht nur Fachleuten ist es als allegorisches &#8222;&#8218;Fresko&#8216; der Guten Regierung&#8220; ein Begriff, obwohl es die &#8222;Schlechte&#8220; noch eindr\u00fccklicher beschreibt.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #000000;\">Der am Pariser Coll\u00e8ge de France lehrende Autor hat die auf drei W\u00e4nden einer Ratsstube angebrachte, mittelaltertypisch reich codierte und so f\u00fcr heutige Betrachter nicht einfach zu &#8222;lesende&#8220; Arbeit, an der sich <!--more-->Historikergenerationen seit langem abarbeiten, in einem beeindruckenden Essay f\u00fcr eine breitere \u00d6ffentlichkeit aufgeschlossen. Die Studie erl\u00e4utert, unter welchen Umst\u00e4nden der Bildzyklus im Auftrag der oligarchischen Sieneser Stadtregierung der Neun 1338\/39 in einem Zeitalter der Angst entstand: Von au\u00dfen drohte der Republik Krieg mit dem \u00fcberm\u00e4chtigen Florenz, von innen Aufbegehren durch die von politischen Entscheidungsprozessen ausgeschlossenen Superreichen wie den armen Schichten.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #000000;\">Die Zeit, in der bereits eine Vielzahl von St\u00e4dten in die Gewalt von Alleinherrschern (&#8222;Signori&#8220;) gelangt war \u2013 etwa Mailand, Verona, Ferrara, Lucca, Pisa \u2013, rief nach einem Werk, das die eigene, vor allem die Mittelschicht protegierende Ordnung selbstbewusst hochhalten sollte. Dabei kam es nicht nur darauf an, die republikanische, &#8222;gute&#8220; Politik (die mit der Demokratie im heutigen Sinne nicht zu verwechseln ist) in einem friedlichen und gerechten Idealstaat zu glorifizieren und von der &#8222;schlechten&#8220; Politik abzugrenzen, schreibt Boucheron, der zur Geschichte des Mittelalters und der Renaissance forscht. Der K\u00fcnstler stellte auch die Effekte dieser wie jener Herrschaft plastisch dar, um vor Augen zu f\u00fchren, dass die den Frieden versprechende Alleinherrschaft einer Person, Familie, Partei meist das Gegenteil schafft: gesellschaftlichen Zusammenhalt untergr\u00e4bt, Recht au\u00dfer Kraft setzt \u2013 und damit aktuell bleibt f\u00fcr alle Zeiten. Sowas kommt von sowas.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #000000;\">Entstanden ist eine Art Historiengem\u00e4lde &#8211; technisch kein Fresko, da nicht auf feuchten Putz aufgetragen -, das eine zwar abstrakte Geschichte einer Stadt zeigt, genauso aber, wie diese konkret durch Gerechtigkeit befriedet wird und was sie gef\u00e4hrdet: Betrug, Verrat, Geiz, Aufruhr &#8230; Zu sehen ist ein Gemeinwesen im fortlaufenden Wandel, ein politisches, soziales, technisches, kulturelles Laboratorium \u2013 etwa mit der ersten Darstellung einer Sanduhr (seinerzeit Hightech) oder dort, wo ein Mann einem j\u00fcngeren auf die Genitalien weist (als Warnung vor Sex zwischen M\u00e4nnern).<\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #000000;\">Eine Regierung, so deutet Boucheron Lorenzettis Werk, sei nicht deshalb gut, weil sie von Gott eingesetzt worden ist. Sie sei es, wenn sie gute Effekte erzielt. Das Kunstwerk legt Zeugnis ab von der Macht der Bilder, davon, dass eine politische Idee nicht nur mit Waffen verteidigt wird \u2013 schon damals: Darum wird in der Stadt im Kriege die Gerechtigkeit als Gefesselte dargestellt. Wo die \u00f6ffentliche Sicherheit wiederum gew\u00e4hrleistet ist \u2013 zu sehen als Blondine mit entbl\u00f6\u00dften Br\u00fcsten im ersten positiv gedeuteten westlichen Akt \u2013, in der befriedeten Stadt n\u00e4mlich, h\u00e4ngt in der Bildsprache der Zeit der Verbrecher am Galgen. Jeder k\u00f6nne nun, so sagt es die Inschrift, &#8222;senza paura&#8220;: &#8222;ohne Angst&#8220; wandeln. <\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #000000;\">Es wird getanzt, Bildung hochgehalten, der Handel floriert. Davon profitiert auch das Umland. Stadt und Land sind aufeinander verwiesen \u2013 in der einen Welt, lange vor dem Internetzeitalter. Die gute Ordnung bleibt dabei stets angefochten. Nichts einmal Errungenes, l\u00e4sst sich laut Boucheron das Bild interpretieren, sei endg\u00fcltig gesichert. Die Geschichte schreitet voran. Auch Siena geriet bald in eine Krise: Der Hundertj\u00e4hrige Krieg brach aus, die \u00f6ffentlichen Schulden wuchsen, Wirtschaftsbereiche wurden vernachl\u00e4ssigt. Sp\u00e4ter zog die Pest \u00fcbers Land, der auch der K\u00fcnstler zum Opfer fiel.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #000000;\">Boucherons frisch geschriebene Analyse decodiert, auch anhand eines umfassenden farbigen Bildteils, nicht nur ein trotz mancher Sch\u00e4den weithin \u00fcberliefertes Kunstwerk von Weltrang unter Einbeziehung der damaligen norditalienischen Politik \u2013 einem europ\u00e4ischen Hotspot. Der Autor weckt Toskana-Sehnsucht und h\u00e4lt uns den Spiegel vor beim Blick auf die politischen Herausforderungen der Gegenwart und die Bilder, in denen wir sie deuten.<\/span><\/p>\n<p><em><span style=\"color: #000000;\">Patrick Boucheron: Gebannte Angst \u2013 Siena 1338. Essay \u00fcber die politische Kraft der Bilder, Wolff-Verlag, Berlin 2017, 270 Seiten, 14,90 Euro.<\/span><\/em><\/p>\n<p>[ratings]<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die toskanische Stadt Siena birgt in ihrem Palazzo Pubblico ein epochales Wandbild, dessen politische Botschaft bis in die Gegenwart weist. Der Historiker Patrick Boucheron hat das sogenannte Fresko der Guten Regierung nun neu gedeutet. Was hat es uns heute zu sagen? SIENA. 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