{"id":2847,"date":"2018-05-30T06:29:00","date_gmt":"2018-05-30T06:29:00","guid":{"rendered":"http:\/\/michael-kunze.net\/category\/artikel\/?p=2847"},"modified":"2020-05-22T11:44:48","modified_gmt":"2020-05-22T11:44:48","slug":"gott-suchen-wo-er-nicht-vermisst-wird","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/michael-kunze.net\/category\/artikel\/2018\/05\/30\/gott-suchen-wo-er-nicht-vermisst-wird\/","title":{"rendered":"Gott suchen, wo er nicht vermisst wird"},"content":{"rendered":"<figure id=\"attachment_2852\" aria-describedby=\"caption-attachment-2852\" style=\"width: 739px\" class=\"wp-caption alignleft\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-2852 size-large\" src=\"http:\/\/michael-kunze.net\/wp-content\/uploads\/2018\/05\/IMG_8701-1024x682.jpg\" alt=\"Pater Maurus Kra\u00df, der Prior des im s\u00e4chsischen Wechselburg seit 1993 beheimateten Benediktiner-Konvents, vor der Westfront der einstigen Stiftsbasilika, die heute als Pfarr- und Klosterkirche genutzt wird. 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Foto: Michael Kunze<\/figcaption><\/figure>\n<p>Vor 850 Jahren ist die Basilika im s\u00e4chsischen Wechselburg geweiht worden. Lettner und Triumphkreuzgruppe sind von \u00fcberregionaler kunsthistorischer Bedeutung. Wenn nun das Jubil\u00e4um gefeiert wird, so auch die Wiederbesiedlung des einstigen Stifts durch Benediktiner vor 25 Jahren in einem Landstrich mit wenigen Christen.<\/p>\n<p>WECHSELBURG. Auf einem Bergsporn \u00fcber einer Flussschleife der Zwickauer Mulde, inmitten von derzeit fr\u00fchlingsgr\u00fcnen <!--more-->W\u00e4ldern und rapsgelben Feldern gelegen, erhebt sich in rotem Porphyr-Tuff 27 Kilometer nordwestlich von Chemnitz die einstige Stiftsbasilika zu Wechselburg. Geweiht vor 850 Jahren als Teil eines Hausklosters des Wettiners Dedo von Groitzsch, zun\u00e4chst von Augustiner-Chorherren besiedelt und um 1180 vollendet, liegt die kunsthistorische Bedeutung des sp\u00e4tromanischen Baus vor allem bei seinem um 1230 entstandenen Lettner und der Triumphkreuzgruppe. Das Besondere: eine damals seltene &#8222;Monumentalit\u00e4t, die der seelischen Gr\u00f6\u00dfe der Gestalten Ausdruck verleiht&#8220;, schrieb der Kunsthistoriker Heinrich Magirius und deutete sie als wohl &#8222;von der franz\u00f6sischen Kathedralplastik inspiriert&#8220;. Das Werk gilt nach Art und Qualit\u00e4t angesichts zahlreicher Verluste zwischen Harz und Elbe als das weit und breit bedeutendste.<\/p>\n<p><strong>1,8 Prozent der B\u00fcrger in der Region sind Katholiken<\/strong><\/p>\n<p>Welches Ansehen die Kunstgeschichtsschreibung einem Ort entgegenbringt, ist das eine, sagt Benediktiner-Pater Maurus Kra\u00df, der Prior des vier M\u00f6nche umfassenden Konvents, der sich vom Mutterkloster im oberbayerischen Ettal aus im August 1993 hier niedergelassen hat. Das andere ist die religi\u00f6se Relevanz angesichts von heute 1,8 Prozent Katholiken unter den B\u00fcrgern, die auf dem Gebiet der Pfarrei Heilig Kreuz leben (sachsenweit: vier Prozent).<\/p>\n<p>Diaspora. Bekenntnisort. &#8222;Glaubensinsel&#8220;? Die Frage nach Gott ist nach zwei, das Christentum bek\u00e4mpfenden Diktaturen selten geworden in der Region, das damit verbundene kulturelle Wissen weitgehend verdunstet. Der &#8222;Offenheit und Geborgenheit&#8220; lautende Grundsatz der Wechselburger Benediktiner sucht auf beides zu reagieren: einerseits Ort zu sein f\u00fcr Katholiken, um auch in der Minderheit Gemeinschaft zu (er-) leben, sagt Pater Ansgar Orga\u00df, der mit der Pfarr-, Notfall- und Polizeiseelsorge in Wechselburg und Umgebung betraut ist. Anderseits geht es darum, eine Situation zu ber\u00fccksichtigen, in der mehr als drei Viertel der Bewohner des Landstrichs konfessionslos sind. Manche Missionshoffnung hat sich nach 1990 nicht erf\u00fcllt: Viele Menschen sto\u00dfen in ihrem Alltag nicht mehr auf die Gottesfrage. Der Titel einer j\u00fcngst er\u00f6ffneten Ausstellung zur Geschichte des und zum Leben im Kloster ist mit &#8222;Wechselburg entdecken \u2013 Gott suchen, wo er nicht vermisst wird&#8220; denkw\u00fcrdig gew\u00e4hlt.<\/p>\n<p>Die 25-Jahr-Feier der m\u00f6nchischen Wiederbesiedlung eines der ostdeutschen Biotope des Glaubens f\u00e4llt nun nicht nur mit Kirchweih- und Gemeindejubil\u00e4um zusammen, sondern auch mit der Er\u00f6ffnung des teils aus dem 15. Jahrhundert stammenden, grundlegend sanierten Torhauses unweit der als Kloster- wie Pfarrkirche genutzten Basilika. &#8222;Nach vier Jahren Arbeit haben wir in dem Geb\u00e4ude Platz f\u00fcr die Ausstellung, dazu acht Ferienwohnungen mit 28 Betten und einen Seminarraum. Hier hei\u00dfen wir jene willkommen, die entweder zu Einkehrtagen zu uns kommen oder Urlaub machen m\u00f6chten mit der M\u00f6glichkeit, t\u00e4glich die Heilige Messe mitzufeiern oder das Stundengebet&#8220;, so Pater Maurus.<\/p>\n<p><strong>Aus Zschillen wurde Wechselburg<\/strong><\/p>\n<p>Ebenfalls im Torhaus untergebracht ist der Klosterladen und das Besucherzentrum des Priorats, das nach den Augustiner-Chorherren vom 13. Jahrhundert bis zur Reformation vom Deutschen Orden genutzt wurde. Nach dem Tod Herzog Georgs von Sachsen ging der Komplex mit dazugeh\u00f6rigen D\u00f6rfern 1543 in einem Gebietstausch an die Grafen von Sch\u00f6nburg. In der Zeit taucht erstmals statt des urspr\u00fcnglichen Namens Zschillen &#8222;Wechselburg&#8220; auf. Die (damals evangelischen) Sch\u00f6nburger lie\u00dfen sp\u00e4ter ein barockes, dreifl\u00fcgeliges Schloss errichten. Der weithin sichtbare, 1945 enteignete Bau im heutigen Besitz des Landkreises Mittelsachsen steht \u2013 obwohl bauliches Bindeglied zwischen Basilika und Benediktinerkloster \u2013 leer. H\u00e4nderingend wird nach einer Nutzung gesucht.<\/p>\n<p>Die Schloss- und vormalige Stiftskirche war bereits im 19. Jahrhundert abermals r\u00f6misch-katholisch geworden. Graf Carl von Sch\u00f6nburg-Forderglauchau (1832-1898) konvertierte nebst Gattin, einer fr\u00e4nkischen Gr\u00e4fin, im M\u00e4rz 1869 in Rom, was unter seinen lutherischen Standesgenossen in Sachsen f\u00fcr heftige Kontroversen sorgte. Daraufhin hatte er die Kirche restaurieren und umgestalten lassen. 1957 schlie\u00dflich \u2013 die Anzahl der Katholiken hatte sich durch Vertriebene deutlich erh\u00f6ht \u2013 wurde die Basilika Pfarrkirche; schon zuvor hatten Wallfahrten eingesetzt.<\/p>\n<p>Die Grafenfamilie \u2013 abgesehen von Franziska von Sch\u00f6nburg, die in Sachsen blieb und in der katholischen Frauenseelsorge t\u00e4tig war \u2013 floh in den Westen. Die Bindung an die einstige Residenz riss aber nicht ab. Wechselburger B\u00fcrger berichten noch heute \u00fcber Besuche von Familienmitgliedern, etwa der jungen Gloria von Thurn und Taxis in den 1980er-Jahren \u2013 sie ist eine geborene von Sch\u00f6nburg. Ihr Vater Joachim, ab 1990 in der Region Bundestagsabgeordneter f\u00fcr die CDU, wurde nach seinem Tod 1998 in der Basilika beigesetzt.<\/p>\n<p>W\u00e4hrend die einstige Sch\u00f6nburgsche Residenz seit Auszug eines bis 2005 ans\u00e4ssigen Kinderkrankenhauses einer Nutzung harrt, ist das angrenzende Kleine Schloss Kloster sowie Jugend- und Familienhaus der Benediktiner. Bei 50 Betten in jugendherbergs\u00e4hnlicher Ausstattung z\u00e4hlte Prior Maurus 2017 knapp 10.400 \u00dcbernachtungen. Ein Drittel der G\u00e4ste sei konfessionslos. Wenn er im 14 Hektar gro\u00dfen Schlosspark spazieren gehe, werde er von denen, die es ihm gleichtun, mitunter gefragt, ob er angesichts seines Ordenshabits &#8222;echt&#8220; sei \u2013 nicht blo\u00df kost\u00fcmiert f\u00fcr einen der in der Region oft ausgerichteten Mittelalter-M\u00e4rkte. Auf diese komme es an: Echtheit \u2013 nicht auf die Kleidung reduziert, sondern bezogen auf den ganzen Menschen, Christen, M\u00f6nch. &#8222;Das ist auch eine Form der Gewissenspr\u00fcfung&#8220;, sagt der 58-J\u00e4hrige. Nur durch ein authentisches Leben aus Gott k\u00f6nne es gelingen, derart Zeugnis abzulegen, dass Suchende sich angesprochen f\u00fchlen. Voraussetzungen daf\u00fcr seien das Gebet und die Frage: &#8222;Leben wir so, dass uns der Herr Berufungen anvertrauen kann?&#8220;<\/p>\n<p>Neugierig auf Wechselburg machen soll auch das dichte Festprogramm im Jubil\u00e4umsjahr: Vom 1. bis 3. Juni wird mit der Kommune die 850-Jahr-Feier begangen. Am 1. Juni h\u00e4lt der Ettaler Abt Barnabas den Festvortrag, w\u00e4hrend am Morgen des 3. Juni ein \u00f6kumenischer Gottesdienst stattfindet. &#8222;Zum Jubil\u00e4um ist im Leipziger St.-Benno-Verlag zudem das B\u00fcchlein \u201aBasilika und Kloster Wechselburg. Ein Wallfahrtsort im Wandel\u2018 erschienen&#8220;, so Pater Maurus.<\/p>\n<p>\u00dcber das Juni-Wochenende hinaus geht es im Jubil\u00e4umsprogramm weiter: Am 28. August zelebrieren Bischof Heinrich von Dresden-Mei\u00dfen sowie Abt Barnabas eine Messe in Erinnerung an die Besiedlung vor 25 Jahren, f\u00fcr die Heinrichs Vor-Vorg\u00e4nger Joachim einst emphatisch in Ettal geworben habe. &#8222;Und dies nicht, um im Bistum blo\u00df zwei, drei Pfarrstellen besetzen zu k\u00f6nnen&#8220;, erinnert sich Pater Maurus an den Besuch im Herbst 1992.<\/p>\n<p>Im September dieses Jahres wird zudem nicht nur zum Bistumsjugendtag, sondern auch zu einer Bistumswallfahrt geladen. Am 12. November, dem Weihetag, findet eine Festmesse statt. Schon im Oktober kommen Soldaten der ostdeutschen Bundeswehrstandorte zur Fu\u00dfwallfahrt. Wenn dann w\u00e4hrend, zwischen, nach den Jubil\u00e4en Ruhe einkehrt im Kloster, sind die M\u00f6nche das, was sie zu allen Zeiten waren: stellvertretende Beter vor Gott. Auch f\u00fcr die, die ihn nicht vermissen.<\/p>\n<p><em>Gabriel Heuser\/Maurus Kra\u00df u.a.: Basilika und Kloster Wechselburg. Ein Wallfahrtsort im Wandel. Geschichte und Spiritualit\u00e4t, St.-Benno-Verlag, Leipzig 2018, 96 Seiten, 12,95 Euro.<\/em><\/p>\n<p>[ratings]<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Vor 850 Jahren ist die Basilika im s\u00e4chsischen Wechselburg geweiht worden. Lettner und Triumphkreuzgruppe sind von \u00fcberregionaler kunsthistorischer Bedeutung. Wenn nun das Jubil\u00e4um gefeiert wird, so auch die Wiederbesiedlung des einstigen Stifts durch Benediktiner vor 25 Jahren in einem Landstrich mit wenigen Christen. WECHSELBURG. 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