{"id":2887,"date":"2018-06-05T09:53:29","date_gmt":"2018-06-05T09:53:29","guid":{"rendered":"http:\/\/michael-kunze.net\/category\/artikel\/?p=2887"},"modified":"2019-05-06T13:59:37","modified_gmt":"2019-05-06T13:59:37","slug":"wandeln-zwischen-welt-und-wut","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/michael-kunze.net\/category\/artikel\/2018\/06\/05\/wandeln-zwischen-welt-und-wut\/","title":{"rendered":"Wandeln zwischen Welt und Wut"},"content":{"rendered":"<figure id=\"attachment_2888\" aria-describedby=\"caption-attachment-2888\" style=\"width: 225px\" class=\"wp-caption alignleft\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\" wp-image-2888  \" alt=\"Der an der TU Dresden forschende Politologe Maik Herold forscht zum B\u00fcrger. Foto: Andr\u00e9 Wirsig\" src=\"http:\/\/michael-kunze.net\/wp-content\/uploads\/2018\/07\/Kopffoto-Maik-Herold-TU-Dresden-Fotograf-Andr\u00e9-Wirsig-761x1024.jpeg\" width=\"225\" height=\"302\" srcset=\"https:\/\/michael-kunze.net\/wp-content\/uploads\/2018\/07\/Kopffoto-Maik-Herold-TU-Dresden-Fotograf-Andr\u00e9-Wirsig-761x1024.jpeg 761w, https:\/\/michael-kunze.net\/wp-content\/uploads\/2018\/07\/Kopffoto-Maik-Herold-TU-Dresden-Fotograf-Andr\u00e9-Wirsig-223x300.jpeg 223w, https:\/\/michael-kunze.net\/wp-content\/uploads\/2018\/07\/Kopffoto-Maik-Herold-TU-Dresden-Fotograf-Andr\u00e9-Wirsig-250x335.jpeg 250w, https:\/\/michael-kunze.net\/wp-content\/uploads\/2018\/07\/Kopffoto-Maik-Herold-TU-Dresden-Fotograf-Andr\u00e9-Wirsig-624x838.jpeg 624w, https:\/\/michael-kunze.net\/wp-content\/uploads\/2018\/07\/Kopffoto-Maik-Herold-TU-Dresden-Fotograf-Andr\u00e9-Wirsig.jpeg 910w\" sizes=\"auto, (max-width: 225px) 100vw, 225px\" \/><figcaption id=\"caption-attachment-2888\" class=\"wp-caption-text\">Der Politikwissenschaftler Maik Herold forscht an der TU Dresden zum B\u00fcrger. Foto: Andr\u00e9 Wirsig<\/figcaption><\/figure>\n<p>DRESDEN. Warum schlug dem &#8222;B\u00fcrger&#8220; hierzulande oft Skepsis entgegen, und wie steht es heute um ihn als politischem Akteur? Ein Gespr\u00e4ch mit dem Dresdener Politologen Maik Herold.<\/p>\n<p><em>Bei Demonstrationen wie denen von Pegida und deren Gegnern nehmen Teilnehmer beider Lager f\u00fcr sich in Anspruch, ein B\u00fcrgerrecht auszu\u00fcben: politisch t\u00e4tig zu sein. Die Diskussion zwischen den Schriftstellern Uwe Tellkamp und Durs Gr\u00fcnbein unter gro\u00dfer B\u00fcrgerbeteiligung k\u00fcrzlich in Dresden \u00fcber Meinungsfreiheit hat die Gem\u00fcter ebenfalls erregt. Sind das Zeichen f\u00fcr eine Renaissance des B\u00fcrgers als politischem Subjekt?<\/em><\/p>\n<p>Von einer &#8222;Wiedergeburt&#8220; lie\u00dfe sich sprechen, w\u00e4re er zuvor &#8222;tot&#8220; gewesen. Das sehe ich nicht. Denken Sie an die Friedliche Revolution von 1989 in der DDR, die von B\u00fcrgern ausging, auch wenn unter ihnen wohl mehr Maurer und Krankenschwestern waren als Architekten und \u00c4rzte. Der seit jeher facettenreiche B\u00fcrgerbegriff beschreibt heute weniger eine gesellschaftliche Klasse und ist\u00a0<!--more-->\u00fcber manche Selbstzuschreibung, wie die, sp\u00e4testens seit Goethe nach humanistischer Bildung zu streben, hinausgewachsen \u2013 oder dahinter wieder zur\u00fcckgefallen. Wie man es nimmt.<\/p>\n<p><em>Zumindest in Deutschland schien der B\u00fcrger trotz des Bildungsideals oft politisch leicht verf\u00fchrbar, sofern er nicht im anderen Extrem darauf beharrte, sich v\u00f6llig aus der Politik herauszuhalten. Was verstehen wir unter einem &#8222;B\u00fcrger&#8220;, wenn nicht eine gesellschaftliche Gruppe, Klasse?<\/em><\/p>\n<p>Im Allgemeinen dient in modernen Demokratien der Begriff &#8222;B\u00fcrger&#8220; dazu, sich \u00fcber die Rolle des Einzelnen im Gemeinwesen zu verst\u00e4ndigen. Es geht also um einen juristischen Status, der dem Einzelnen durch Mitgliedschaft im Personenverband der (Staats-) B\u00fcrger bestimmte Rechte gew\u00e4hrt. Davon sind andere Kategorisierungen zu unterscheiden \u2013 etwa, ob jemand sein Handeln am Gemeinwohl orientiert und bereit ist, sich politisch zu engagieren oder in der freiwilligen Feuerwehr, ob er solidarisch ist und leistungsbereit, nach Bildung strebt oder weltoffen ist und Heimatliebe sch\u00e4tzt. Was einen &#8222;guten B\u00fcrger&#8220; ausmacht, ver\u00e4ndert sich und wird im \u00f6ffentlichen Diskurs immerzu neu ausgehandelt.<\/p>\n<p><em>Dabei ist politisches Engagement lange alles andere als selbstverst\u00e4ndlich gewesen, gerade in Deutschland.<\/em><\/p>\n<p>Auch in deutschen Reichs- und Hansest\u00e4dten entwickelte sich fr\u00fch ein B\u00fcrgertum, das politisch aktiv war. Allerdings galt es lange als ausgemacht, dass eine b\u00fcrgerliche Selbstverwaltung nur in kleinen R\u00e4umen, in einzelnen St\u00e4dten und Gemeinden, nicht aber in gr\u00f6\u00dferen Territorien funktionieren kann. Versuche gab es dennoch, etwa in den norditalienischen Stadtrepubliken, der Alten Schweizer Eidgenossenschaft und den Vereinigten Provinzen der Niederlande. Erst im 18. Jahrhundert, infolge der Revolutionen in den USA und in Frankreich, wurde die Idee einer &#8222;B\u00fcrgerherrschaft&#8220; auf Fl\u00e4chenstaaten \u00fcbertragen. In diesen modernen Republiken erhielten B\u00fcrger \u2013 englisch &#8222;citizen&#8220;, franz\u00f6sisch &#8222;citoyen&#8220; \u2013 eine zentrale politische Bedeutung. Die Entwicklung in Deutschland stellte einen Sonderfall dar, was sich auch an der Wortsch\u00f6pfung &#8222;Staatsb\u00fcrger&#8220; zeigt.<\/p>\n<p>Inwiefern?<\/p>\n<p>Den &#8222;B\u00fcrger&#8220; gab es lange vor dem &#8222;Staat&#8220;. In Deutschland aber wurde beides eng zusammengedacht: Der B\u00fcrger wollte zwar politisch selbstbestimmt sein, blieb aber Untertan des Monarchen, sah sich dazu \u2013 entsprechend erzogen \u2013 vielfach in der Pflicht. Dieses von der deutschen Staatsphilosophie des fr\u00fchen 19. Jahrhunderts gepr\u00e4gte Ethos f\u00fchrte noch in der Weimarer Republik zu politischer L\u00e4hmung, die durch andere Aktivit\u00e4ten kompensiert wurde. B\u00fcrger machten Karriere in Verwaltung, Milit\u00e4r, Wirtschaft und Wissenschaft, vielfach ohne gleichzeitig politische Mitbestimmung und Verantwortlichkeit einzu\u00fcben. Sie sorgen f\u00fcr den industriellen Aufstieg Deutschlands, gewinnen Nobelpreise, sammeln Kunst und bauen Villen, gro\u00df wie Burgen.<\/p>\n<p><em>Damit kehrte der &#8222;B\u00fcrger&#8220; in gewisser Weise an seinen begrifflichen Ursprung zur\u00fcck.<\/em><\/p>\n<p>Das Wort ist tats\u00e4chlich mit &#8222;Burg&#8220; verwandt und folgt einem in vielen Sprachen zu findenden Wortstamm \u2013 althochdeutsch &#8222;burgari&#8220;, mittelhochdeutsch &#8222;burgaere&#8220; oder altenglisch &#8222;burgware&#8220;. Es bezeichnete im weitesten Sinne die Bewohner einer befestigten Stadt. Verwiesen war damit weniger auf einen Wohnort als auf die Stellung des Bewohners in einer Gemeinschaft Gleichberechtigter, von deren Wohl und Wehe das eigene Schicksal abhing &#8230;<\/p>\n<p><em>\u2026 wobei die historischen Wurzeln im antiken Griechenland liegen.<\/em><\/p>\n<p>Ja, auf die damaligen Stadtstaaten \u2013 altgriechisch &#8222;poleis&#8220; \u2013 wird die Idee eines Personenverbandes als Kern politischer Ordnung zur\u00fcckgef\u00fchrt. B\u00fcrger zu sein meinte auch damals nicht nur, dass jemand in einer bestimmten Stadt lebte, sondern vor allem, dass er gleichberechtigt \u00fcber die \u00f6ffentlichen Angelegenheiten \u2013 &#8222;ta Politika&#8220; \u2013 mitbestimmen durfte. Im antiken Rom hatten B\u00fcrger \u2013 lateinisch &#8222;civis&#8220; \u2013 ebenfalls derartige Rechte, auch wenn die politische Macht auf wenige Familien beschr\u00e4nkt war. Der Ausruf &#8222;Ich bin r\u00f6mischer B\u00fcrger&#8220; \u2013 &#8222;civis Romanus sum&#8220; \u2013 erm\u00f6glichte au\u00dferdem im gesamten Reich die Chance auf ein ordentliches Gerichtsverfahren.<\/p>\n<p><em>Wer durfte B\u00fcrger werden?<\/em><\/p>\n<p>Zun\u00e4chst nur R\u00f6mer \u2013 qua Geburt oder durch Verleihung des B\u00fcrgerrechts. Das wurde sp\u00e4ter ausgeweitet auf andere Gruppen. Im 3. Jahrhundert erhielten es fast alle freien Reichsbewohner, womit es als Statussymbol einb\u00fc\u00dfte. Frauen, Fremde und Sklaven blieben aber in der Regel au\u00dfen vor.<\/p>\n<p><em>Wie sah es im Mittelalter aus?<\/em><\/p>\n<p>Auch hier waren die politisch berechtigten Stadtb\u00fcrger in der Minderheit. Die \u00fcbrigen Bewohner wurden von ihnen als &#8222;Beisassen&#8220; oder &#8222;Inwohner&#8220; unterschieden, was auch die jenseits der Stadtmauern lebende Bev\u00f6lkerung abgrenzte. Lange spielen Verm\u00f6gen oder Landbesitz eine wesentliche Rolle, um B\u00fcrger zu werden; man musste ehelich geboren sein und durfte keine unehrenhaften Berufe aus\u00fcben \u2013 etwa Scharfrichter oder Totengr\u00e4ber.<\/p>\n<p><em>Der &#8222;B\u00fcrger&#8220; scheint heute als rechtlich gefasstes Subjekt an Bedeutung zu verlieren. Martin Schulz und Angela Merkel sagten im Bundestagswahlkampf, sie wollten Repr\u00e4sentanten aller Menschen im Land sein.<\/em><\/p>\n<p>Man muss hier zwischen wohlgemeinten Gesten und verfassungsrechtlichen Vorgaben unterscheiden. Rechtlich betrachtet repr\u00e4sentieren Kanzler die B\u00fcrgerinnen und B\u00fcrger, wie sie nach Grundgesetzartikel 116 bestimmt werden \u2013 also alle, die die deutsche Staatsangeh\u00f6rigkeit haben, dazu wenige Ausnahmen. Nur Staatsb\u00fcrger w\u00e4hlen den Bundestag, der den Kanzler bestimmt. Selbst in den Grundrechten unterscheidet das Grundgesetz zwischen &#8222;Jedermannsgrundrechten&#8220; und solchen, die nur Staatsb\u00fcrgern vorbehalten sind. Einen Sonderstatus haben B\u00fcrger anderer EU-Staaten; es gibt also Wandlungsprozesse.<\/p>\n<p><em>Wie unterschied sich deren Stellung in der DDR von der in der Bundesrepublik?<\/em><\/p>\n<p>Auch die DDR-Verfassung nannte B\u00fcrgerrechte \u2013 den Schutz der W\u00fcrde und der Freiheit der Pers\u00f6nlichkeit, Gewissens- und Glaubensfreiheit oder vor Ausbeutung, Unterdr\u00fcckung, wirtschaftlicher Abh\u00e4ngigkeit. Die Realit\u00e4t bewies aber, dass ein DDR-B\u00fcrger aufgrund mangelnder rechtsstaatlicher Mittel nichts davon zuverl\u00e4ssig im Konfliktfall gegen\u00fcber staatlichen Eingriffen geltend machen konnte. Im Zweifel galt, was die SED wollte.<\/p>\n<p><em>Ist der &#8222;B\u00fcrger&#8220; ein westliches Konzept, oder gibt es vergleichbare in anderen Kulturen?<\/em><\/p>\n<p>Auf den ersten Blick handelt es sich um eine westliche Idee, die \u00fcber Jahrhunderte europ\u00e4ischer Vorherrschaft und Kolonialisierung verbreitet wurde. Gleichwohl steckt dahinter ein B\u00fcndel an \u00dcberlegungen, die sich \u2013 abgewandelt und mit eigener Begrifflichkeit \u2013 auch andernorts herausgebildet haben. Wo immer in einem Gemeinwesen sich die Menschen gleichberechtigt politische Mitsprache zugestehen, und wo immer politische Herrschaft so organisiert ist, dass sie in bestimmten Rechten des Einzelnen ihre Grenzen findet, spielt auch die Idee des B\u00fcrgers eine Rolle.<\/p>\n<p><em>Sie sprachen von \u00dcberschneidungen zwischen Rechten deutscher Staatsb\u00fcrger und anderer EU-Staaten, die einst deutlicher unterschieden waren. Ist der &#8222;B\u00fcrger&#8220; in einer Zeit, in der nicht nur von &#8222;Wut-&#8222;, sondern auch &#8222;Weltb\u00fcrgern&#8220; die Rede ist, noch eine passende Kategorie?<\/em><\/p>\n<p>Globalisierung, wirtschaftliche Verflechtung und moderne Kommunikation haben viele Menschen einander n\u00e4hergebracht. Vor allem Weitgereiste, gut Ausgebildete aus westlichen Gesellschaften lassen heute nationale Identifikations- und Loyalit\u00e4tsmuster hinter sich, sehen sich oft als Teil einer globalen Menschengemeinschaft. Der Nationalstaat hat bislang aber weniger von seiner Bedeutung verloren, als manche meinen. Noch heute bestimmen vor allem Nationalstaaten das Weltgeschehen, die sich als mehr oder weniger geschlossene &#8222;B\u00fcrgerverb\u00e4nde&#8220; verstehen. Klar ist auch, dass selbst die elementarsten Menschenrechte nach wie vor nur dort gelten, wo sie als &#8222;B\u00fcrgerrechte&#8220; von einer funktionierenden staatlichen Ordnung f\u00fcr ihre &#8222;Mitglieder&#8220; durchgesetzt werden. In China, Russland oder gar Nordkorea finden sich ganz andere Bedingungen als etwa in Westeuropa. Wer in zerfallenden Staaten wie Somalia lebt, ist ganz au\u00dfen vor. Das Pathos von einer Weltb\u00fcrgergesellschaft ist da f\u00fcr viele Menschen nur schwer nachvollziehbar &#8230;<\/p>\n<p><em>\u2026 zumal in anderen Kulturen Rechte und Pflichten des Einzelnen jenseits einer oft kleinen urbanen Elite und das Verh\u00e4ltnis zu Familie oder Gesellschaft anders bewertet werden.<\/em><\/p>\n<p>Neben der Frage, welche Werte und Institutionen weltweit durchzusetzen sind, steht die nach der Legitimation politischer Entscheidungen. Hier beruft sich bis auf Weiteres auch eine Demokratie auf eine Gemeinschaft von B\u00fcrgern, deren Rechte und Pflichten in vielen Bereichen notwendigerweise von denen abweichen, die keine B\u00fcrger sind. Man kann das kritisieren. Doch selbst in Europa ist eine einheitliche &#8222;europ\u00e4ische B\u00fcrgerschaft&#8220; derzeit nicht herstellbar. Vor allem in Osteuropa deuten viele die hierf\u00fcr n\u00f6tige Verlagerung von Entscheidungsbefugnissen, Rechtsetzungskompetenzen und Identit\u00e4tszuschreibungen auf die EU als Versuch, eigene Selbstbestimmungsrechte auszuh\u00f6hlen, f\u00fcr deren Herstellung und Erhalt zuvor jahrhundertelang gek\u00e4mpft wurde.<\/p>\n<p><b>Maik Herold<\/b>, M.A., forscht im <a href=\"https:\/\/forum-midem.de\/\">&#8222;Mercator Forum Migration und Demokratie&#8220;<\/a> an der Technischen Universit\u00e4t Dresden.<\/p>\n<p>[ratings]<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>DRESDEN. 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