{"id":2946,"date":"2018-06-28T09:57:23","date_gmt":"2018-06-28T09:57:23","guid":{"rendered":"http:\/\/michael-kunze.net\/category\/artikel\/?p=2946"},"modified":"2020-05-17T21:52:11","modified_gmt":"2020-05-17T21:52:11","slug":"als-die-lpg-das-kloster-abreisen-wollte","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/michael-kunze.net\/category\/artikel\/2018\/06\/28\/als-die-lpg-das-kloster-abreisen-wollte\/","title":{"rendered":"Als die LPG das Kloster abrei\u00dfen wollte"},"content":{"rendered":"<figure id=\"attachment_2947\" aria-describedby=\"caption-attachment-2947\" style=\"width: 739px\" class=\"wp-caption alignleft\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-2947 size-large\" src=\"http:\/\/michael-kunze.net\/wp-content\/uploads\/2018\/08\/IMG_8816-1024x682.jpg\" alt=\"Im einstigen Nonnenkloster im Crimmitschauer Ortsteil Frankenhausen wurde bis zur Reformation nach den Regeln der Zisterzienser gelebt, obwohl es nie dem Orden angeh\u00f6rte. 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Foto: Michael Kunze<\/figcaption><\/figure>\n<p>Im s\u00fcdwests\u00e4chsischen Frankenhausen machen sich B\u00fcrger seit 1985 f\u00fcr den Erhalt eines Kleinods stark, das zur Pilgerherberge ausgebaut werden soll. Dabei sollte es in der DDR zun\u00e4chst einer Gro\u00dfk\u00fcche weichen.<\/p>\n<p>FRANKENHAUSEN. Bis die Pilgerherberge an einem der Ausl\u00e4ufer des s\u00e4chsischen Jakobswegs bezugsfertig ist, geht noch Zeit ins Land, sagt Lutz Kretzschmar, w\u00e4hrend er vor dem Geb\u00e4ude steht, in dem sie unterkommen soll. Als <!--more-->Vorsitzender des aus einer DDR-Natur- und Umweltgruppe hervorgegangenen <a href=\"http:\/\/www.shfev.de\">Vereins S\u00e4chsischer Heimatschutz<\/a> im Crimmitschauer Ortsteil Frankenhausen (Kreis Zwickau) hat er sich mit Mitstreitern den Erhalt des einstigen Nonnenklosters auf die Fahnen geschrieben.<\/p>\n<p>Von den 1270er-Jahren bis zum Verkauf an den f\u00fcr Kaiser Karl V. bis nach Rom st\u00fcrmenden, dann ins Reformationslager \u00fcbergetretenen Ritter <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Wilhelm_von_Thumbshirn\">Wilhelm von Thumbshirn<\/a> vor 475 Jahren wurde hier nach den Regeln des Zisterzienserordens gelebt. &#8222;Der Naumburger Bischof behielt [aber] stets die Jurisdiktion&#8220;, schreibt Thomas Sterba in &#8222;Herders Neues Kl\u00f6sterlexikon&#8220; (2010). Eine Ordensmitgliedschaft k\u00f6nne also ausgeschlossen werden. W\u00e4hrend das im Volksmund als Klosterschule bekannte Geb\u00e4ude (in dem nie eine solche untergebracht war) mit alter Holzdecke, Sitznischen an den Fenstern, historischen Bemalungsresten und solchen einer Schwarzk\u00fcche sowie Stufengiebel dank gro\u00dfen Aufwands des Vereins erstrahlt und zum Tag des offenen Denkmals oder beim Osterfeuer viele G\u00e4ste anzieht, liegt das sp\u00e4ter errichtete &#8222;Witwenhaus&#8220; wie andere Bauten noch brach. Dabei hat die Arbeit in dessen Innern, die nach dem Plei\u00dfe-Hochwasser 2013 dringend wurde, l\u00e4ngst begonnen, sagt Kretzschmar.<\/p>\n<p><strong>Frauenkl\u00f6ster als Orte weiblicher Autonomie im mittelalterlichen Patriarchat<\/strong><\/p>\n<p>Auch bis dahin sanierte Teile der einst von Angeh\u00f6rigen des niederen plei\u00dfen- und vogtl\u00e4ndischen Adels besiedelten Anlage, die, anders als das einstige <a href=\"https:\/\/www.thueringerschloesser.de\/de\/schloesser-burgen-gaerten\/kloster-und-schloss-mildenfurth.html\">Pr\u00e4monstratenserstift Mildenfurth<\/a> im nahen W\u00fcnschendorf, wohl nie \u00fcber eine geschlossene Klausur verf\u00fcgte, trugen Blessuren davon: Risse im Gew\u00f6lbe, nasse Mauern. Die Elektrik musste abermals auf\u00a0 Vordermann gebracht werden. 253.000 Euro sind f\u00fcr die Sanierung des &#8222;Witwenhaus&#8220;-Erdgeschosses, \u00fcber dem die Herberge eingerichtet wird, eingeplant. &#8222;Um die Kosten im Rahmen zu halten, finden regelm\u00e4\u00dfig Arbeitseins\u00e4tze statt&#8220;, sagt Kretzschmar. Einige nicht in Vereinsbesitz befindliche Geb\u00e4ude wie das ebenfalls mit Stufengiebel versehene Priorhaus verfallen indes. Ein Italiener hat sie in den 1990er-Jahren gekauft, ohne zu sanieren. Wie es damit weitergeht, sei offen. Seit Jahren hoffen manche im Ort auf eine Enteignung, um die historisch wertvolle Substanz zu retten.<\/p>\n<p>Nach dem Krieg zog einst eine Landwirtschaftliche Produktionsgenossenschaft (LPG) auf das Areal, ohne f\u00fcr den Erhalt zu sorgen. Einige Frankenhausener konnten den Abriss verhindern, so Kretzschmar: &#8222;Man wollte hier eine Gro\u00dfk\u00fcche errichten.&#8220; Seit 1990 flossen mithilfe von Sponsoren, Unterst\u00fctzung der Stadt, vom Denkmalsschutz und weiterer Kr\u00e4fte rund 540.000 Euro in die einst von dem Wettiner Dietrich von Landsberg gestiftete und von Nonnen aus dem th\u00fcringischen Gr\u00fcnberg besiedelte Anlage. Die im Zuge der Reformation erfolgte Aufl\u00f6sung als &#8222;Befreiungstat&#8220; zu deuten, h\u00e4lt der protestantische Frankenhausener Historiker Matthias Kluge f\u00fcr ein &#8222;evangelisches Stereotyp&#8220;. Gerade bei Nonnenkl\u00f6stern liege man damit immer wieder falsch, h\u00e4tten sich die Frauen doch &#8222;h\u00e4ufig vehement dagegen gewehrt, weil sie im Kloster \u00fcber einen Bildungs- und Autonomiestatus verf\u00fcgten, den ihnen die patriarchalische Gesellschaft au\u00dferhalb verwehrte&#8220;.<\/p>\n<p>Die Folgen des Weltkriegs f\u00fcgten der benachbarten evangelischen Kirche ein katholisches Kapitel hinzu. Denn Vertriebene, die sich um Crimmitschau niederlie\u00dfen, suchten bei beschwerlichen Verkehrsverh\u00e4ltnissen auf dem Lande nach einem Ort, an dem sie die Heilige Messe feiern konnten. &#8222;Von 1954 bis 2011 fand diese einmal im Monat in der Kirche statt. Das war ein Zeichen der \u00d6kumene, f\u00fcr das wir dankbar sind&#8220;, sagt der fr\u00fchere katholische Pfarrer von Crimmitschau, Michael Gehrke. Die Geschichte der Kirche ist dabei eine, die sich nicht vollends mit Blick auf ihre Beziehung zum Kloster kl\u00e4ren l\u00e4sst, so Kluge. Einerseits diente der sp\u00e4ter barockisierte Bau schon der Gemeinde, als das Kloster angesiedelt wurde. Andererseits fehlten Zeugnisse f\u00fcr eine separate Klosterkirche. Ob das Gotteshaus einst dank einer Empore oder anderen baulichen Trennung Gebetsort der Nonnen war, sei offen. Pilger k\u00f6nnen jedenfalls hoffen, nach 2020 in Frankenhausen auf historischem Grund rasten zu k\u00f6nnen. &#8222;Vier Doppel- und ein Einzelzimmer&#8220;, sagt Lutz Kretzschmar, &#8222;soll es geben.&#8220;<\/p>\n<p><strong>Nonnen in politischer Mission \u2013 die Klosteranf\u00e4nge<\/strong><\/p>\n<p>Als Papst Innozenz IV. 1245 Kaiser Friedrich II. f\u00fcr abgesetzt erkl\u00e4rte, brach das Interregnum an \u2013 eine Zwischenzeit, in der sich die feudale Zentralgewalt in Deutschland aufl\u00f6ste. Im Plei\u00dfenland kam es zum Machtkampf zwischen den wettinischen Markgrafen sowie sich verselbstst\u00e4ndigenden Reichsministerialen, denen einst vom Kaiser das ihm direkt unterstehende Gebiet \u00fcberantwortet worden war, schreibt Reiner Gro\u00df in seiner &#8222;Geschichte Sachsens&#8220; (2001).<\/p>\n<p>Als Angeh\u00f6rige eines dieser Beamtengeschlechter sind 1276 die von Polekes\/von Polkenbergs nachgewiesen. Das Castrum Frankenhausen, ein befestigter Ort, unterstand ihnen \u2013 und war damit den Wettinern im Weg. Markgraf Dietrich von Landsberg (1242 bis 1285) lie\u00df es zerst\u00f6ren und \u00fcbergab es bis dato im nahen Gr\u00fcnberg lebenden Nonnen. Mit ihrer Ansiedlung in Frankenhausen sollte der wettinische Anspruch auf die Region gefestigt werden. Unter \u00c4btissin Christina wurde der Umzug 1292 abgeschlossen. Markgraf Friedrich Tuta von Landsberg stellte das Kloster unter Schutz, K\u00f6nig Adolf von Nassau gew\u00e4hrte Steuerprivilegien, so Thomas Sterba im &#8222;Kl\u00f6sterlexikon&#8220;.<\/p>\n<p>[ratings]<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Im s\u00fcdwests\u00e4chsischen Frankenhausen machen sich B\u00fcrger seit 1985 f\u00fcr den Erhalt eines Kleinods stark, das zur Pilgerherberge ausgebaut werden soll. Dabei sollte es in der DDR zun\u00e4chst einer Gro\u00dfk\u00fcche weichen. FRANKENHAUSEN. 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