{"id":3063,"date":"2018-09-21T08:47:53","date_gmt":"2018-09-21T08:47:53","guid":{"rendered":"http:\/\/michael-kunze.net\/category\/artikel\/?p=3063"},"modified":"2018-10-12T20:32:34","modified_gmt":"2018-10-12T20:32:34","slug":"suchen-nach-beckett","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/michael-kunze.net\/category\/artikel\/2018\/09\/21\/suchen-nach-beckett\/","title":{"rendered":"Suchen nach Beckett"},"content":{"rendered":"<figure id=\"attachment_3067\" aria-describedby=\"caption-attachment-3067\" style=\"width: 800px\" class=\"wp-caption alignleft\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-full wp-image-3067\" alt=\"Im Gespr\u00e4ch mit dem Chefredakteur der Literaturzeitschrift &quot;Sinn und Form&quot;, Matthias Weichelt: Samuel Becketts \u00dcbersetzerin Erika Tophoven am 8. September 2018 im Ru\u00dfwurmschen Herrenhaus zu Breitungen\/Werra. Foto: Michael Kunze\" src=\"http:\/\/michael-kunze.net\/wp-content\/uploads\/2018\/09\/Foto-Erika-Tophoven-zur-Lesung-im-Ru\u00dfwurmschen-Herrenhaus-zu-Breitungen-im-Gespr\u00e4ch-mit-Matthias-Weichelt-8.9.2018.jpeg\" width=\"800\" height=\"600\" srcset=\"https:\/\/michael-kunze.net\/wp-content\/uploads\/2018\/09\/Foto-Erika-Tophoven-zur-Lesung-im-Ru\u00dfwurmschen-Herrenhaus-zu-Breitungen-im-Gespr\u00e4ch-mit-Matthias-Weichelt-8.9.2018.jpeg 800w, https:\/\/michael-kunze.net\/wp-content\/uploads\/2018\/09\/Foto-Erika-Tophoven-zur-Lesung-im-Ru\u00dfwurmschen-Herrenhaus-zu-Breitungen-im-Gespr\u00e4ch-mit-Matthias-Weichelt-8.9.2018-300x225.jpeg 300w, https:\/\/michael-kunze.net\/wp-content\/uploads\/2018\/09\/Foto-Erika-Tophoven-zur-Lesung-im-Ru\u00dfwurmschen-Herrenhaus-zu-Breitungen-im-Gespr\u00e4ch-mit-Matthias-Weichelt-8.9.2018-250x187.jpeg 250w, https:\/\/michael-kunze.net\/wp-content\/uploads\/2018\/09\/Foto-Erika-Tophoven-zur-Lesung-im-Ru\u00dfwurmschen-Herrenhaus-zu-Breitungen-im-Gespr\u00e4ch-mit-Matthias-Weichelt-8.9.2018-624x468.jpeg 624w\" sizes=\"auto, (max-width: 800px) 100vw, 800px\" \/><figcaption id=\"caption-attachment-3067\" class=\"wp-caption-text\">Im Gespr\u00e4ch mit dem Chefredakteur der Literaturzeitschrift &#8222;Sinn und Form&#8220;, Matthias Weichelt: Samuel Becketts \u00dcbersetzerin Erika Tophoven am 8. September 2018 im Ru\u00dfwurmschen Herrenhaus zu Breitungen\/Werra. Foto: Michael Kunze<\/figcaption><\/figure>\n<p>Monatelang hat der sp\u00e4tere Literaturnobelpreistr\u00e4ger 1936\/37 Deutschland durchstreift \u2013 eine deutsche Ausgabe der Reisetageb\u00fccher fehlt aber noch. Bekannt ist, dass er in Leipzig und Dresden war. Seine \u00dcbersetzerin gab nun mehr preis \u00fcber den Aufenthalt in Sachsen.<\/p>\n<p>FREIBERG\/BREITUNGEN. Sechs Monate lang ist der seinerzeit noch unbekannte Samuel Beckett vom Herbst 1936 an durch Deutschland gestreift, bis er im April des Folgejahres nach Irland zur\u00fcckkehrte. Von seinem 1953 uraufgef\u00fchrten <!--more-->Welterfolg &#8222;Warten auf Godot&#8220; oder dem 1969 verliehenen Literaturnobelpreis war da noch keine Rede.<\/p>\n<p>Der geb\u00fcrtige Dubliner hatte in Kassel Verwandte, die er seit den 1920er-Jahren wiederholt besuchte, wie nun Erika Tophoven bei einer Lesung in Erinnerung gerufen hat. Seit sie ihn 1957 erstmals in Paris traf, kam die geb\u00fcrtige Dessauerin, deren Vater in Thurm im M\u00fclsengrund ein Rittergut verwaltete und die bis 1946 in Zwickau zur Schule ging, von dem Schriftsteller nicht mehr los. Sie war mehr als drei\u00dfig Jahre lang mit Beckett als dessen \u00dcbersetzerin in regem Austausch.<\/p>\n<p>Im Werra-St\u00e4dtchen Breitungen las die 87-J\u00e4hrige im Ru\u00dfwurmschen Herrenhaus des Verlegers Robert Eberhardt aus ihrem in der Literaturzeitschrift &#8222;Sinn und Form&#8220; ver\u00f6ffentlichten Aufsatz &#8222;&#8218;The Dom in Naumburg was stupendous.&#8216; Beckett 1937 in Mitteldeutschland&#8220; \u00fcber ebenjene Reise Becketts. Dass sie sich auf die St\u00e4dte Halle, Weimar, Erfurt, Naumburg konzentrierte, regte angesichts des Untertitels zu Fragen an, was der Schriftsteller, der damals um die Ver\u00f6ffentlichung seines ersten Romans bangte, noch in der Region gesehen hat.<\/p>\n<p>Bekannt ist: Auch in Leipzig und Dresden machte er Station. Weniger: dass er zudem in Mei\u00dfen und Pillnitz war. Noch einen Monat lang ist im Deutschen Literaturarchiv in Marbach die Ausstellung &#8222;German fever. Beckett in Deutschland&#8220; zu sehen, bei der einige Originalseiten der sechs Deutschland-Tageb\u00fccher ausgestellt sind.<\/p>\n<p>Aber war der damals 30-J\u00e4hrige noch andernorts in Sachsen unterwegs? Genau hingeschaut haben bislang wenige, vielleicht auch, da eine deutsche Ausgabe der viele Hundert Seiten langen, von Beckett zeitlebens unter Verschluss gehaltenen Tageb\u00fccher nach wie vor aussteht. Im vorigen Jahr hie\u00df es, 2019 solle sie zweisprachig bei Suhrkamp erscheinen. Tophoven hat das Originalmanuskript 2003 auswerten k\u00f6nnen, kaum dass es Becketts Nachlassverwalter freigegeben hatte. Dabei stellte sie fest, hat das aber nicht weiter unter die Leute gebracht: Beckett war auch in Freiberg. &#8222;Ja, da war er auch noch&#8220;, sagt sie. Wieder zur\u00fcck in Berlin, sieht sie sp\u00e4ter ihre Mitschrift vom Besuch im Samuel-Beckett-Archiv in Reading durch.<\/p>\n<p>Warum aber Freiberg? Bisherige Auswertungen der Reise legten den Finger auf Becketts Begeisterung f\u00fcr deutsche Expressionisten. In Hamburg, Halle, anderswo hatte er K\u00fcnstler, H\u00e4ndler, Sammler, Museen besucht, auch solche, die deren von den Nazis als &#8222;entartete Kunst&#8220; verfemten Werke schon vor der \u00d6ffentlichkeit weggeschlossen hatten.<\/p>\n<p>Au\u00dferdem sp\u00fcrte er mittelalterlicher Architektur und dem Figurenschmuck der Kathedralen nach, wie Tophovens Unterlagen belegen. Er fertigte Skizzen an, schw\u00e4rmte von den Stifterfiguren im Naumburger Dom, beschrieb, was er gesehen hatte. Wof\u00fcr? &#8222;Wir haben \u00fcber seine Deutschlandreise nie gesprochen&#8220;, sagt die \u00dcbersetzerin. Ob Beckett je eine Ver\u00f6ffentlichung der Tageb\u00fccher plante, ist unklar. Bald zog der Weltkrieg herauf, in dem sich der Ire, seit Oktober 1937 in Frankreich heimisch, der R\u00e9sistance anschloss. &#8222;Da hatte er andere Sorgen&#8220;, so Tophoven.<\/p>\n<p>Nach dem langen Dresden-Aufenthalt, Abstechern nach Pillnitz und Mei\u00dfen, stand Bamberg auf dem Plan, sp\u00e4ter W\u00fcrzburg, Regensburg \u2013 auch dies St\u00e4dte mit bedeutenden Sakralbauten. Doch im Februar, auf dem Weg nach Franken, macht er Halt in Freiberg, wovon in der Stadt noch kaum wer wissen d\u00fcrfte. &#8222;Im Stadt- und Bergbaumuseum ist bis dato \u00fcber einen Besuch von Samuel Beckett in Freiberg nichts bekannt&#8220;, sagt dessen Direktorin Andrea Riedel, \u201eund auch nicht dazu geforscht worden.&#8220; &#8222;F\u00fcr uns ist es hochinteressant&#8220;, so der evangelische Dompfarrer Urs Ebenauer, &#8222;dass Beckett hier war.&#8220; Anhaltspunkte dazu im Archiv der Kirchgemeinde zu finden, h\u00e4lt er f\u00fcr unwahrscheinlich. Wonach sollte man suchen? Beckett war seinerzeit kein Prominenter. Wer sollte von ihm Notiz genommen haben? Er kam, ohne in der Stadt zu \u00fcbernachten, auch wenn Tophovens Abschriften der \u201eGerman Diaries\u201c nahelegen, dass der Unterwegshalt nicht der erste gewesen ist. &#8222;Es finden sich Andeutungen, dass er vorher schon \u2013 wohl ebenfalls von Dresden aus \u2013 hingefahren ist, aber, vielleicht weil der Dom verschlossen war, unverrichteter Dinge umkehrte&#8220;, sagt sie. Der Winter, die K\u00e4lte, Tourismus wie heute gab es kaum.<\/p>\n<p>Am 19. Februar 1937 aber klappt es. &#8222;F\u00fcr einige Stunden&#8220; sei er dagewesen, schreibt Beckett im Tagebuch. Er sucht den Dom auf, die sp\u00e4tromanische, seit 1903 durch einen Jugendstilvorbau gesch\u00fctzte Goldene Pforte von 1225. Der &#8222;Dehio&#8220;, das &#8222;Handbuch der deutschen Kunstdenkm\u00e4ler&#8220;, das in keinem bildungsb\u00fcrgerlichen Gep\u00e4ck fehlen durfte, weist sie als Werk von europ\u00e4ischem Rang, &#8222;an Pracht selten, an innerem Adel niemals mehr \u00fcberboten&#8220; aus.<\/p>\n<p>Die acht Figuren an der Doppelt\u00fcr, je vier zu beiden Seiten, zeigen alt- und neutestamentarische Gestalten: Aaron, David und Bathseba, ihren Sohn Salomo oder Johannes den T\u00e4ufer. Beckett hat sie betrachtet. &#8222;Bathseba ist entz\u00fcckend&#8220;, notiert er. Die Figuren wirkten strenger, ernster als an den Domen zu Naumburg und Mei\u00dfen. Nachdem er die Reise mit der Bahn nach Bamberg fortgesetzt hatte, schrieb er von dort an seinen Schriftsteller-Freund Thomas MacGreevy eine Postkarte mit Freiberg-Motiv; auch dies ist \u00fcberliefert. Sie zeigt ebenjene Figuren an der Goldenen Pforte \u2013 darunter Bathseba.<\/p>\n<p>[ratings]<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Monatelang hat der sp\u00e4tere Literaturnobelpreistr\u00e4ger 1936\/37 Deutschland durchstreift \u2013 eine deutsche Ausgabe der Reisetageb\u00fccher fehlt aber noch. Bekannt ist, dass er in Leipzig und Dresden war. Seine \u00dcbersetzerin gab nun mehr preis \u00fcber den Aufenthalt in Sachsen. FREIBERG\/BREITUNGEN. 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