{"id":3119,"date":"2018-10-15T08:24:08","date_gmt":"2018-10-15T08:24:08","guid":{"rendered":"http:\/\/michael-kunze.net\/category\/artikel\/?p=3119"},"modified":"2018-11-19T08:41:04","modified_gmt":"2018-11-19T08:41:04","slug":"3119","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/michael-kunze.net\/category\/artikel\/2018\/10\/15\/3119\/","title":{"rendered":"Mit punktgenauer Hitze gegen Plastikberge"},"content":{"rendered":"<p>Die Verpackungsindustrie wollte sie anfangs nicht. Deshalb haben Forscher mit ihrer Kunststofftechnologie die Firma Watttron gegr\u00fcndet &#8211; und eine andere Branche ins Boot geholt.<\/p>\n<p>FREITAL. Wie sich der Kunststoffverbrauch verringern l\u00e4sst, ist eines der Forschungsfelder der Verpackungsindustrie. Das dachten sich vor Jahren vier Wissenschaftler in Dresden. Doch weit gefehlt: Denn als die seinerzeit am dortigen <!--more-->TU-Institut f\u00fcr Naturstofftechnik und in einer Fraunhofer-Einrichtung t\u00e4tigen Maschinenbauer Verpackungsherstellern ihre Matrix-Heiztechnologie schmackhaft machen wollten, ernteten sie nur Absagen. &#8222;Wir wollten sie bei gro\u00dfen Maschinenbauern etwa f\u00fcr die Joghurtbecher-Produktion lizensieren lassen. Immerhin werden t\u00e4glich in der EU mehr als 8550 Tonnen thermogeformte Kunststoffverpackungen &#8211; viele davon derartige Becher &#8211; hergestellt&#8220;, sagt Marcus Stein. &#8222;Doch kein Unternehmen hatte Interesse&#8220;, f\u00fcgt der 29 Jahre alte Ingenieur hinzu.<\/p>\n<p>Stein hat mit seinen Wissenschaftlerkollegen daraufhin 2016 in Freital die Firma Watttron gegr\u00fcndet, um Produktentwicklung und Markteinf\u00fchrung selbst voranzutreiben. Wie sich Joghurtbecher und Zahnb\u00fcrsten, Tabletten, Shampoos oder Druckerpatronen im Vergleich zu konventionellen Verfahren mit deutlich weniger Material- und Energieeinsatz herstellen oder verpacken lassen, lautete eine der Fragen, f\u00fcr deren Kl\u00e4rung das Team 2007 erste Patente anmeldete &#8211; und seither viele Preise gewann.<\/p>\n<p><strong>Material- und Energieverbrauch verringern<\/strong><\/p>\n<p>Der Vorteil ihrer Methode: Sie kann Kunststoffe derart pr\u00e4zise erhitzen, dass diese sich in der gew\u00fcnschten Materialverteilung formen lassen. Dazu wird in Verpackungsmaschinen eine Heizmatrix installiert, deren Oberfl\u00e4che mit Leiterbahnen ausgestattet ist. Damit kann der Kunststoff auf kleinster Fl\u00e4che je verschiedenen Temperaturen ausgesetzt werden. &#8222;Bei konventionellen Verfahren ist mal die Becherwand am dicksten und der Boden am d\u00fcnnsten &#8211; oder andersherum. Das k\u00f6nnen wir vermeiden&#8220;, sagt Stein. Deshalb lie\u00dfen sich die Gr\u00fcnder durch die Absagen aus der Verpackungsbranche nicht entmutigen und stellten ihre Entwicklung namhaften Lebensmittelherstellern vor. &#8222;Denn was unser System leistet &#8211; 30 Prozent Material und mindestens ebenso viel Energie einzusparen -, ist auch f\u00fcr sie interessant&#8220;, so der Watttron-Gesch\u00e4ftsf\u00fchrer. Mit der Hard- und selbst entwickelter Software lassen sich zudem traditionelle Anlagen nachr\u00fcsten.<\/p>\n<p>Das Potenzial, damit den Markt aufzurollen, haben Lebensmittelhersteller wie Procter &amp; Gamble erkannt: Um die Leistungsf\u00e4higkeit des Heizsystems unter Beweis zu stellen, arbeitet Watttron mit diesen und anderen Konzernen derzeit an Machbarkeitsstudien, sagt Stein.<\/p>\n<p>Im Zentrum steht der Nachweis, dass die Module mit je 64, auf vier mal vier Zentimeter Fl\u00e4che angeordneten Heizpixeln f\u00fcr den geforderten Langzeiteinsatz taugen. Gelingt er, wiegen weitere Vorteile: Die d\u00fcnnen keramischen Platten, deren Heizkreise im Siebdruckverfahren aufgetragen werden, kommen mit einer kurzen Aufheizphase aus, sind also schnell einsatzf\u00e4hig und lassen sich individuell anordnen. Dank integrierter Sensoren kann der Vorgang in Echtzeit ausgewertet und angepasst werden.<\/p>\n<p>Neben der Matrix-Technologie haben die Freitaler unter F\u00fchrung von Stein, Mit-Gesch\u00e4ftsf\u00fchrer Sascha Bach (40), Prokurist und Produktionsleiter Ronald Claus von Nordheim (36) sowie Volkswirtin Michaela Wachtel (34) mit nunmehr 17 Mitarbeitern ein Siegel-Heizsystem entwickelt. Damit kann Kunststoff geschwei\u00dft werden &#8211; nicht nur in Ringformen mit unterschiedlichen Breiten und Durchmessern, f\u00fcgt Stein hinzu, sondern weltweit erstmalig komplizierte, unregelm\u00e4\u00dfige Verpackungsgeometrien.<\/p>\n<p><strong>Markteintritt in Amerika im Fokus<\/strong><\/p>\n<p>Obwohl sich s\u00e4mtliche Verfahren in der Pilotphase befinden, fuhr Watttron seit der Gr\u00fcndung Umsatz ein. 2016: 100.000 Euro, 2017: 500.000 Euro, jeweils profitabel. Dieses Jahr soll die Millionen-Euro-Marke beim Umsatz geknackt werden, auch wenn angesichts des Wachstumskurses diesmal mit roten Zahlen gerechnet wird. &#8222;Deshalb wachsen wir langsam mit unseren Kooperationspartnern und deren Marktwissen&#8220;, sagt Stein. Auch Maschinenbauer seien nun im Boot. Schlie\u00dflich berge die Technologie zudem Anwendungsm\u00f6glichkeiten etwa bei der Ausformung von Kaffeekapseln oder der Versiegelung von Beuteln aller Art. F\u00fcr das Fr\u00fchjahr rechnet Stein mit der Serienreife des Siegel- und f\u00fcr Ende 2019 mit der des Matrix-Heizsystems.<\/p>\n<p>Dass die Gr\u00fcnder von Watttron &#8211; aus &#8222;Watt&#8220; f\u00fcr die gleichlautende Leistungsma\u00dfeinheit und &#8222;tron&#8220; f\u00fcr &#8222;Elektronik&#8220; &#8211; in der Region geblieben sind, haben sie nicht bereut. Trotz des schwierigen Rufes, der Sachsen derzeit mancherorts vorauseilt. &#8222;Wir hatten auch schon ausl\u00e4ndische Interessenten, die mit Verweis auf den Firmensitz eine Stelle nicht angetreten haben&#8220;, sagt Stein. Trotz derartiger Herausforderungen sei das Team aus Maschinenbauern, Informatikern, Mathematikern und Technikern international zusammengesetzt.<\/p>\n<p>F\u00fcr die n\u00e4chsten Jahre formuliert Stein ein ambitioniertes Ziel: Man wolle mit den Partnern ein Plattformangebot schaffen, das etwa auch in der chemischen Industrie und weltweit zum Einsatz kommen kann. Die Internationalisierung der Absatzm\u00e4rkte werde angesichts von rund 80 Prozent Exportquote im Maschinenbau von den Kunden selbst vorangetrieben, sagt er. Zun\u00e4chst stehe zwar Europa im Fokus. &#8222;Wir k\u00f6nnen uns&#8220;, so Stein, &#8222;nicht auf Deutschland beschr\u00e4nken.&#8220; F\u00fcr die USA sei mit dem baden-w\u00fcrttembergischen Mittelst\u00e4ndler Lauda bereits ein Kooperationspartner f\u00fcr den Markteintritt gefunden.<\/p>\n<p>[ratings]<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die Verpackungsindustrie wollte sie anfangs nicht. Deshalb haben Forscher mit ihrer Kunststofftechnologie die Firma Watttron gegr\u00fcndet &#8211; und eine andere Branche ins Boot geholt. FREITAL. Wie sich der Kunststoffverbrauch verringern l\u00e4sst, ist eines der Forschungsfelder der Verpackungsindustrie. Das dachten sich vor Jahren vier Wissenschaftler in Dresden. 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