{"id":3166,"date":"2018-09-20T07:07:28","date_gmt":"2018-09-20T07:07:28","guid":{"rendered":"http:\/\/michael-kunze.net\/category\/artikel\/?p=3166"},"modified":"2018-11-23T08:10:30","modified_gmt":"2018-11-23T08:10:30","slug":"die-vergessenen-opfer","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/michael-kunze.net\/category\/artikel\/2018\/09\/20\/die-vergessenen-opfer\/","title":{"rendered":"Die vergessenen Opfer"},"content":{"rendered":"<p>In der DDR gab es Zwangsadoptionen, die jahrzehntelanges Leid \u00fcber Betroffene brachten. Vielfach h\u00e4lt es weiter an &#8211; die Politik will die F\u00e4lle besser aufarbeiten lassen.<\/p>\n<p>LEIPZIG\/BERLIN. Was der Leipziger Andreas Laake erlebt hat, kann sich kein Drehbuchautor ausdenken. In der Nacht auf den 11. April 1984 will der in der DDR unangepasste 23-J\u00e4hrige mit seiner schwangeren Frau in einem Schlauchboot <!--more-->\u00fcber die Ostsee in den Westen fliehen. Ihr noch ungeborenes Kind soll nicht in der Diktatur aufwachsen. Auf See aber werden sie verhaftet. Laake wird wegen Republikflucht zu vier Jahren und sieben Monaten Gef\u00e4ngnis verurteilt, sitzt sie im ber\u00fcchtigten Zuchthaus Brandenburg-G\u00f6rden ab. Der junge Mann und 15 Mitgefangene in einer Zelle, Arbeit im Drei-Schicht-System, Besuch nur alle zwei Monate, Kontaktverbot zur Ehefrau. Im Prozess hatte er alle Schuld auf sich genommen, um seine Frau zu sch\u00fctzen. &#8222;Sie kommt auch bald mit einer Bew\u00e4hrungsstrafe frei, kappt aber alle Verbindungen, l\u00e4sst sich sp\u00e4ter scheiden&#8220;, sagt er. Ob das freiwillig geschah oder unter Druck, wisse er bis heute nicht.<\/p>\n<h4>Erziehung im sozialistischen Sinn<\/h4>\n<p>Im Oktober 1984 kam der gemeinsame Sohn Marko zur Welt. Andreas Laake aber, heute 57 Jahre alt, bekommt das Kind in Haft nie zu Gesicht, erh\u00e4lt erst nach Entlassung 1988 ein bald nach der Geburt aufgenommenes Schwarz-Wei\u00df-Foto. Seine Ex-Frau wiederum hat da den Jungen l\u00e4ngst zur Adoption freigegeben. Der Plan der DDR-Justiz: &#8222;ihn im sozialistischen Sinne zu erziehen&#8220;, sagt Laake. &#8222;Die Adoptivmutter war Schuldirektorin.&#8220; Die Nachfrage nach ideologisch formbaren Neugeborenen, um sie in linientreue, kinderlose Familien zu geben, sei gro\u00df gewesen. Auf mehrere Hundert derartige Zwangsadoptionen \u2013 Laake hat seine Vaterschaftsrechte nie freiwillig abgetreten, sie wurden ihm entzogen \u2013, sch\u00e4tzt er die Anzahl \u00e4hnlicher F\u00e4lle.<\/p>\n<p>Da genauere Zahlen fehlen, Auskunftsrechte gegen\u00fcber Beh\u00f6rden stark beschr\u00e4nkt sind und die Stellung Betroffener als Opfer der DDR-Justiz nicht hinreichend gew\u00fcrdigt wird, hat Laake als Vorsitzender der &#8222;Interessengemeinschaft Gestohlene Kinder der DDR&#8220; mit 1640 Mitstreitern im April eine Petition an den Bundestag gerichtet. Die Unionsfraktion griff deren Anliegen auf; der Vorstand hat ein von den stellvertretenden Vorsitzenden Arnold Vaatz sowie Stephan Harbarth verfasstes Eckpunktepapier bei seiner j\u00fcngsten Klausurtagung beschlossen, f\u00fcr dessen Umsetzung aber Gesetzes\u00e4nderungen n\u00f6tig sind, sagten sie in Berlin. &#8222;Der Fahrplan&#8220;, so Vaatz\u2018 Mitarbeiterin Antje Zumdick auf Nachfrage, &#8222;ist jetzt so, dass parallel zum Petitionsverfahren eine Gesetzesinitiative geplant ist&#8220;. Im Eckpunktepapier werden Ma\u00dfnahmen gefordert, um das Unrecht aufzuarbeiten und zu lindern \u2013 der erste: Noch vorhandene Daten in Sterberegistern, Krankenh\u00e4usern, bei Hebammen, auf Totenscheinen sollen gesichert, gesetzliche Speicherfristen in den neuen Bundesl\u00e4ndern verl\u00e4ngert werden. Es soll weiterhin eine Vermittlungsstelle f\u00fcr leibliche Eltern und m\u00f6glicherweise zwangsadoptierte Kinder eingerichtet werden. Um den Pr\u00fcfumfang bestimmen zu k\u00f6nnen, schlagen die Verfasser vor, unter Zwangsadoption all jene F\u00e4lle zu z\u00e4hlen, &#8222;in denen Eltern aus politisch-ideologischen Gr\u00fcnden gegen ihren Willen das Erziehungsrecht beziehungsweise \u2013 im Fall der m\u00f6glicherweise f\u00fcr tot erkl\u00e4rten Kinder \u2013 das Kind entzogen wurde&#8220;, hei\u00dft es im Papier. Denn zus\u00e4tzlich zu F\u00e4llen von Zwangsadoption wie bei Laake kommt noch diese Gruppe von meist regimekritischen Eltern hinzu, deren Kinder nach der Geburt f\u00fcr tot erkl\u00e4rt wurden, w\u00e4hrend einige den Verdacht hegen, dass diese noch lebten. Auch diese S\u00e4uglinge k\u00f6nnten in linientreue Familien gegeben worden sein, so die Vermutung. Grund f\u00fcr die Annahme ist, dass betroffenen M\u00fcttern ihre Kinder nach deren vermeintlichem Tod nicht gezeigt wurden, sie sie noch lebend und gesund gesehen haben oder dass sich in offiziellen Darstellungen und Akten immer wieder Ungereimtheiten finden. Kein derartiger Fall ist zwar bislang nachgewiesen. Dennoch, fordern Vaatz und Harbarth, &#8222;m\u00fcssen die berechtigten Fragen dieser \u2026 Eltern aufgekl\u00e4rt werden&#8220;.<\/p>\n<p>Der dritte Punkt: Leibliche Eltern oder m\u00f6glicherweise zwangsadoptierte Kinder m\u00fcssten die Chance erhalten, Vermittlungsakten und Personenstandsregister einzusehen. Denn anders als bei normalen Adoptionsf\u00e4llen greife hier der Zweck des Gesetzes nicht, der Adoptionen vor sp\u00e4terer Einwirkung der leiblichen Eltern sch\u00fctzen m\u00f6chte. Betroffenenberichte lie\u00dfen erkennen, dass gerade nicht standardm\u00e4\u00dfig davon ausgegangen werden k\u00f6nne, dass in der DDR adoptierte Kinder \u00fcber die Adoption informiert wurden. &#8222;Wer nicht wei\u00df, dass er adoptiert wurde, kann auch nicht suchen&#8220;, sagt Andreas Laake und verweist zus\u00e4tzlich bei betroffenen Kindern auf medizinische Probleme, die aus der Unkenntnis \u00fcber ihre leiblichen Eltern, etwa bei Erbkrankheiten, entstehen k\u00f6nnen.<\/p>\n<h4>Betroffene Eltern leiden bis heute<\/h4>\n<p>Harbarth und Vaatz fordern weiterhin eine DNS-Datenbank mit Geburtsdetails. Hier sollen sich Eltern registrieren k\u00f6nnen, deren Kind zwangsadoptiert wurde, oder die f\u00fcrchten, ein vermeintlich gestorbenes Kind sei ihnen entzogen worden. Auch m\u00f6glicherweise adoptierte Kinder sollen sich listen lassen k\u00f6nnen. Ziel sei ein niedrigschwelliger Sucheinstieg. Der f\u00fcnfte Punkt schlie\u00dflich: Die psychosoziale Begleitung leiblicher Eltern und zwangsadoptierter Kinder soll verbessert werden. &#8222;Wer teils jahrzehntelang mit dem ungekl\u00e4rten Schicksal des eigenen Kindes leben muss, darf mit den Folgen nicht sich selbst \u00fcberlassen werden&#8220;, best\u00e4tigt Andreas Laake. Eine weitere Forderung: Wer von Zwangsadoptionen betroffen ist, soll zudem als politisches Opfer anerkannt werden. Dazu sollen Verbesserungen im Rahmen des Strafrechtlichen und Verwaltungsrechtlichen Rehabilitationsgesetzes vorgenommen werden, um Entsch\u00e4digungen zu erm\u00f6glichen. &#8222;Viele sind durch ihre jahrelange Suche etwa arbeitsunf\u00e4hig geworden; wir brauchen bei ihrer Betreuung Fachleute, die sich mit der DDR-Geschichte auskennen&#8220;, so der Vorsitzende der Interessengemeinschaft Gestohlene Kinder der DDR. Der letzte Punkt der CDU-Bundestagsabgeordneten: Die von der ehemaligen Ostbeauftragten der Bundesregierung, Iris Gleicke (SPD), in Auftrag gegebene, im Februar pr\u00e4sentierte Vorstudie zu Zwangsadoptionen soll vertieft werden. Gleickes Nachfolger Christian Hirte (CDU) will eine Untersuchung in Auftrag geben, die rechtliche, soziologische und medizinische Fragen beleuchten soll.<\/p>\n<p>Die SPD-Fraktion sieht im vom Koalitionspartner pr\u00e4sentierten Papier indes &#8222;Aktionismus&#8220;. Es entspreche &#8222;nicht dem f\u00fcr dieses sensible Thema notwendigen, breiten Konsensprinzip&#8220;, sagt deren stellvertretender Vorsitzender der Arbeitsgruppe Recht und Verbraucherschutz, Karl-Heinz Brunner. Der Eindruck, &#8222;dass alle Adoptionen in der DDR unter Zwang stattfanden&#8220;, m\u00fcsse vermieden werden. Das Papier der Union sei &#8222;seiner Zeit hinterher&#8220;. Insbesondere die Forderung, Daten zu sichern, habe die Koalition bereits veranlasst und die Bundesl\u00e4nder aufgefordert, Aktenvernichtung zu stoppen. Teils werde dieser Aufforderung bereits nachgekommen, so Brunner. Der SPD-Politiker dr\u00e4ngt zudem darauf, die Aufarbeitung der politisch motivierten Adoptionen von der familienrechtlichen Situation zu trennen. Einsicht in Adoptionsakten solle nur m\u00f6glich sein, wenn tats\u00e4chliche Anhaltspunkte vorliegen, die den eigentlichen Zweck, Adoptionen vor sp\u00e4terer Einwirkung der leiblichen Eltern zu sch\u00fctzen, nicht konterkarieren. Die \u00fcberwiegende Anzahl der Adoptionen sei auch in der DDR &#8222;familienorientiert&#8220; erfolgt. Dies d\u00fcrfe durch die Aufarbeitung politischer Verbrechen nicht verwischt werden. Unterst\u00fctzung sagt Brunner zur Schaffung der Clearingstelle und f\u00fcr weitere wissenschaftliche Forschung zu.<\/p>\n<p><strong>Ein Kampf \u00fcber 29 Jahre<\/strong><\/p>\n<p>F\u00fcr die Suche nach seinem Sohn hatte Andreas Laake keine DNS-Datenbank, aber Helfer. Dennoch dauerte sie 29 Jahre. Der Junge wuchs, wie der 57-J\u00e4hrige viel sp\u00e4ter erfuhr, in der N\u00e4he von Potsdam in dem Glauben auf, Laake habe ihn zur Adoption freigegeben, sagt der Leipziger, der ein zweites Mal geheiratet hat und Vater von vier weiteren Kindern ist. Laake aber hatte schon 1991 beim Leipziger Jugendamt um Kontakt zu seinem Sohn gebeten, er schreibt ihm Briefe, die er nur hinterlegen lassen kann, in der Hoffnung, dass die Adoptiveltern sie weiterreichen. Doch nichts passiert. Jahrelang geht es so weiter. Am 6. Oktober 2013 berichtet schlie\u00dflich die SAT 1-Sendung &#8222;Bitte melde dich&#8220; \u00fcber den Fall. Marko sieht sie im Fernsehen. Am darauffolgenden Tag erh\u00e4lt Andreas Laake einen Anruf \u2013 am Telefon: sein Sohn. Umgehend treffen sie sich. Bis heute ist der Kontakt eng. Ein Gl\u00fccksfall, den zu erleben viele andere noch hoffen.<\/p>\n<p>Deshalb engagiert sich der Leipziger ehrenamtlich weiter, um \u00fcber Zwangsadoption aufzukl\u00e4ren und rechtliche Verbesserungen f\u00fcr Opfer zu erreichen. Das B\u00fcro der von ihm geleiteten Interessengemeinschaft \u2013 darin sind laut Laake auch 300 Betroffene organisiert: Eltern, Adoptierte, Verwandte \u2013 hat seinen Sitz in Naunhof bei Leipzig und wird durch Spenden finanziert. Ein auf Dauer schwer haltbarer Zustand, sagt der zupackende Handwerker. Aufgeben wird er aber nicht.<\/p>\n<p>[ratings]<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>In der DDR gab es Zwangsadoptionen, die jahrzehntelanges Leid \u00fcber Betroffene brachten. Vielfach h\u00e4lt es weiter an &#8211; die Politik will die F\u00e4lle besser aufarbeiten lassen. LEIPZIG\/BERLIN. 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