{"id":3213,"date":"2018-08-16T12:36:01","date_gmt":"2018-08-16T12:36:01","guid":{"rendered":"http:\/\/michael-kunze.net\/category\/artikel\/?p=3213"},"modified":"2020-05-17T21:50:02","modified_gmt":"2020-05-17T21:50:02","slug":"der-islamische-staat-hat-modellcharakter","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/michael-kunze.net\/category\/artikel\/2018\/08\/16\/der-islamische-staat-hat-modellcharakter\/","title":{"rendered":"&#8222;Der Islamische Staat hat Modellcharakter&#8220;"},"content":{"rendered":"<figure id=\"attachment_3215\" aria-describedby=\"caption-attachment-3215\" style=\"width: 739px\" class=\"wp-caption alignleft\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-3215 size-large\" src=\"http:\/\/michael-kunze.net\/wp-content\/uploads\/2018\/08\/IMG_9113-1024x682.jpg\" alt=\"Der an der Technischen Universit\u00e4t Dresden forschende und lehrende Politikwissenschaftler Erik Fritzsche. 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Der Politologe Erik Fritzsche im Gespr\u00e4ch zu Aufstieg und Niedergang des Islamischen Staates (IS) und warum trotz des weitgehenden milit\u00e4rischen Sieges \u00fcber die Miliz die Bedrohung fortbesteht.<\/p>\n<p><i>Jahrelang wurde die Berichterstattung \u00fcber den Islamischen Staat im Norden des Iraks und im Osten Syriens von dessen beispiellosem<!--more--> Aufstieg dominiert. L\u00e4ngst ist es ruhiger geworden. Ist der IS keine Bedrohung mehr, seit er sein Territorium eingeb\u00fc\u00dft hat?<\/i><b><i> <\/i><\/b><\/p>\n<p>Es stimmt zwar, dass der IS milit\u00e4risch weithin besiegt ist; im Dezember 2017 hat dies etwa das russische Verteidigungsministerium f\u00fcr Syrien \u00f6ffentlich erkl\u00e4rt. Aus zwei Gr\u00fcnden verdient er aber weiter Aufmerksamkeit: Erstens besteht er als Terror- und Guerillaorganisation fort. Zweitens und wichtiger: Von seinem Staatsbildungsversuch geht eine starke Vorbildwirkung aus.<\/p>\n<p><i>Was ist am Islamischen Staat &#8222;islamisch&#8220;, was &#8222;Staat&#8220;? Taugt der moderne Staatsbegriff, der von einem Staatsvolk ausgeht, Staatsgrenzen, Institutionen usw. zur Deutung dieses landl\u00e4ufig &#8222;mittelalterlich&#8220; gezeihten Ph\u00e4nomens? Das Mittelalter kannte keinen derartigen Staat, sondern eher Familienverb\u00e4nde, reisend regierende F\u00fcrsten; stehende Heere existierten nicht, auch pr\u00e4zise definierte Grenzen fehlten meist.<\/i><\/p>\n<p>Der IS will ein salafistisches Programm dschihadistisch umsetzen. &#8222;Salafistisch&#8220; bedeutet, die als Ideal erachtete Ordnung der &#8222;Altvorderen&#8220; im sunnitischen Islam wiederherzustellen, als die die Lebenszeit des Propheten Mohammed erachtet wird. &#8222;Dschihadistisch&#8220; meint im konkreten Fall, dies \u2013 wo n\u00f6tig \u2013 mit Gewalt zu tun. Am modernen Staatsbegriff orientiert sich der IS nicht. Dies zu tun hie\u00dfe, einem eurozentrisch-gegenwartsfixierten Missverst\u00e4ndnis zu erliegen.<\/p>\n<p><i>Was meint dann der IS, wenn er sich &#8222;Staat&#8220; nennt?<\/i><\/p>\n<p>Ein festes Herrschaftsgef\u00fcge, eine Hierarchie mit sich verschr\u00e4nkenden politischen und religi\u00f6sen \u00c4mtern, deren Besetzung nicht an bestimmten Personen h\u00e4ngt. Um dem Geltung zu verschaffen, braucht es zwar ein Kernterritorium, nicht aber feste Grenzen, zumal er auf Dauer jedes irdische Au\u00dfen \u00fcberwinden will. Fernziel ist das Kalifat, der weltumspannende islamische Gottesstaat.<\/p>\n<p><i>Aus heutiger Warte sind das entr\u00fcckte Phantasien, w\u00e4hrend die Urspr\u00fcnge der Miliz banal anmuten, da sie aus einem Richtungsstreit herr\u00fchren.<\/i><\/p>\n<p>Die Urspr\u00fcnge liegen im Jahr 2003 im Irak, wo sich der IS an der von Osama bin Laden gegr\u00fcndeten al-Qaida orientierte. Etwa zehn Jahre sp\u00e4ter kam es zum Zerw\u00fcrfnis. Hintergrund war weniger die ideologische Ausrichtung als das strategisch-taktische Vorgehen. W\u00e4hrend al-Qaida in Afghanistan zuerst die Amerikaner aus der Region verdr\u00e4ngen wollte, um anschlie\u00dfend die Herrschaft auszudehnen, setzte der Ableger im Irak auf B\u00fcrgerkrieg mit den Schiiten. Beg\u00fcnstigt wurde der Kurs dort durch die einseitige Politik der schiitischen Maliki-Regierung, die nach dem pro forma sunnitischen Saddam Hussein regierte und die sunnitische Minderheit unterdr\u00fcckte. Au\u00dferdem spielte Syriens wachsende Instabilit\u00e4t dem IS in die H\u00e4nde, der daraufhin seine schnelle Expansion gegen die Schiiten und den westlichen Einfluss im Irak plante.<\/p>\n<p><i>Diese Ausbreitung wurde im Westen oft staunend verfolgt. Wie war sie m\u00f6glich?<\/i><b><i> <\/i><\/b><\/p>\n<p>Ganz n\u00fcchtern: durch F\u00fchrungsfiguren von Format und kaltbl\u00fctiger Tatkraft. Wesentliche Vertreter der IS-Elite waren und sind meist gebildete Araber aus angesehenen Familien. Nur der derzeitige Anf\u00fchrer Baghdadi stammt aus einer irakischen Bauerfamilie, hat aber in Bagdad Jura studiert. Der Unterbau rekrutiert sich aus sunnitischen St\u00e4mmen und entt\u00e4uschten Staatsbediensteten des Irak, die mit Saddams Sturz arbeits- und einflusslos geworden waren: vor allem Milit\u00e4rs und Geheimdienstler.<\/p>\n<p><i>Woher kommt das Geld?<\/i><\/p>\n<p>Aus vielen Quellen. Unterst\u00fctzer aus dem Ausland \u00fcberweisen Betr\u00e4ge; damit ist man am unabh\u00e4ngigsten vom Ertrag, den ein erobertes Territorium abwirft. Hinzu kommen Erl\u00f6se aus Schmuggel, etwa von Roh\u00f6l im Irak, oder aus Menschenhandel. Dank der jahrelang existierenden quasi-staatlichen Struktur war der IS zudem zeitweise in der Lage, Z\u00f6lle und Steuern zu erheben; und wie in jedem Krieg wurde Beute gemacht.<\/p>\n<p><i>Erkl\u00e4rt das den langanhaltenden Erfolg?<\/i><\/p>\n<p>Man darf nicht vergessen, in welchem Umfeld der Aufstieg vonstattenging: in einem von Krieg, B\u00fcrgerkrieg und Elitenaustausch gebeutelten Landstrich, der Wissensverlust und Armut mit sich brachte, mit daraufhin zusammenbrechenden staatlichen Strukturen. Dazu kommen ethnische oder religi\u00f6se Konflikte. F\u00fcr den &#8222;Staatsaufbau&#8220; lagen Erfahrungen vor aus dem Emirat der Taliban in Afghanistan. L\u00e4ngst kursieren Handb\u00fccher \u00fcber den Aufbau dschihadistischer Staatswesen.<\/p>\n<p><i>Wie pr\u00e4zise sind diese?<\/i><b><i> <\/i><\/b><\/p>\n<p>Sie beschreiben anschaulich, wie etwa das Bildungs- und Erziehungswesen aussehen muss. Darin liegt zu allen Zeiten ein Schl\u00fcssel, um Gefolgschaft zu erzielen oder Widerstand langfristig zu brechen, Neue Menschen heranzuziehen. Au\u00dferdem wird dargestellt, wie wichtige Infrastruktur und Ressourcen gesichert werden k\u00f6nnen, wie sich die innere Sicherheit gew\u00e4hrleisten und Propaganda effektiv einsetzen l\u00e4sst. Selbst Aufbau und Einsatz einer &#8222;Sittenpolizei&#8220; werden erl\u00e4utert. Derartige Leitf\u00e4den nutzen auch al-Shabaab in Somalia oder Boko Haram in Nigeria.<\/p>\n<p><i>F\u00fcr einen Abgesang ist es zu fr\u00fch?<\/i><\/p>\n<p>Zweifellos. Die Entwicklung der vergangenen Jahre hat gezeigt, dass bei islamistischen &#8222;Staatsbildungsprojekten&#8220; nicht der Name oder einzelne Personen entscheidend sind, um den Erfolg zu messen. Es geht darum, Erfahrungswissen zu sammeln, das nicht mehr vergessen werden kann \u2013 egal, unter welcher Marke es wo angewandt wird. Der IS hat Modellcharakter; er bleibt eine Art Prototypus dschihadistischer Staatsbildung, der gewiss Nachahmer findet.<\/p>\n<p><i>Wie muss man sich das Milieu vorstellen, in dem die Ideologie greifen kann? Die Eliten sind das eine. Ohne breite Anh\u00e4ngerschaft, mindestens Duldung bliebe ihre Herrschaft Episode, jedenfalls leichter anfechtbar.<\/i><b><i> <\/i><\/b><\/p>\n<p>Unterst\u00fctzer sind salafistisch und dschihadistisch eingestellte Muslime weltweit, die den islamisch gepr\u00e4gten Kulturraum seit langem gegen\u00fcber dem Westen und anderen Regionen kulturell, wirtschaftlich, politisch ins Hintertreffen geraten sehen und das \u00e4ndern wollen \u2013 mit einem radikalen Gegenentwurf. Sie kultivieren Minderwertigkeitskomplexe, Allmachtphantasien. Wenn insbesondere f\u00fcr Millionen junger Leute keine Aussicht auf ein besseres Leben besteht, kann das Halt bieten, gerade weil er rigoros daherkommt und auf den ersten Blick plausibel. Missst\u00e4nde und Verantwortliche werden ja benannt \u2013 nicht nur im Westen. Der Kampf wider die Doppelmoral der eigenen Eliten ist ein bekannter Topos, auch wenn er die IS-F\u00fchrung teils selbst trifft. Als die Miliz ihren Nimbus als expansive Kraft verloren hatte, wurde der Zustrom von K\u00e4mpfern aus aller Welt aber schw\u00e4cher \u2013 Erfolg macht sexy; f\u00fcr Misserfolg gilt das Gegenteil.<\/p>\n<p><i>Den Niedergang aber erreichten nicht allein Widerst\u00e4ndler im vom IS beherrschten Territorium. Auch syrisches und irakisches Milit\u00e4r waren zu schwach.<\/i><\/p>\n<p>Entscheidend waren die T\u00fcrkei, Russland, die USA und weitere. Nicht der Widerstand der irakischen und der syrischen Bev\u00f6lkerung oder deren Milit\u00e4r und gegnerische Milizen brachen dem IS das Genick, sondern die technisch \u00fcberlegene, ansonsten alles andere als gleiche Ziele verfolgende Allianz. Ohne sie h\u00e4tte sich das Quasi-Staatswesen sehr wahrscheinlich konsolidiert.<\/p>\n<p><i>Das hei\u00dft: Die Unterdr\u00fcckung vor Ort war zu gro\u00df f\u00fcr wirkungsvollen Widerstand? Oder konnte der IS wie die Taliban in Afghanistan auf relevanten Zuspruch der Bev\u00f6lkerung setzen? Aus westlicher Sicht ist dies angesichts des Schreckensregimes kaum vorstellbar.<\/i><b><i> <\/i><\/b><\/p>\n<p>F\u00fcr viele ist eine noch so schlechte Ordnung besser als keine. Man muss sich Lage und historische Entwicklung jedes gescheiterten Staates einzeln anschauen. Doch selbst dies greift zu kurz. Die Motive, aus denen jemand sein Leben f\u00fcr diese Ideologie aufs Spiel setzt, sind je nach Einzelschicksal verschieden \u2013 Herkunft, Bildung, Alter, Geschlecht, soziales Umfeld u.a. sind relevant. Schlie\u00dflich ist es eine Frage der Wahrscheinlichkeit: Man wird auch f\u00fcr den in vieler Leute Augen abstrusesten Aufruf in einer von Milliarden Menschen bev\u00f6lkerten Welt stets einigen Zuspruch erlangen \u2013 insbesondere wenn der, der ihn aussendet, Erfolge vorweisen kann: Gebietsgewinne, Ausleben eigener Glaubensideale, wirtschaftliche Sicherheit, Ansehen im sozialen Umfeld, Absicherung der eigenen Familie.<\/p>\n<p><i>Gab es auch innere Ursachen f\u00fcr das Scheitern des IS?<\/i><\/p>\n<p>Er stand von Anfang an vor einem Dilemma: Wer st\u00e4ndig expandieren will, bindet Kr\u00e4fte, die zur inneren Konsolidierung fehlen, besonders, wenn nach innen wie au\u00dfen derart rigide und mit dieser Geschwindigkeit vorgegangen wird. Der Nationalsozialismus ist unter diesem Gesichtspunkt ein \u00e4hnlicher Fall.<\/p>\n<p><i>Dass der Westen ma\u00dfgeblich f\u00fcr die Einhegung des IS verantwortlich ist, sagten Sie. Tr\u00e4gt er auch Mitverantwortung f\u00fcr den Aufstieg?<\/i><b><i> <\/i><\/b><\/p>\n<p>Westliche Staaten, allen voran die USA, haben die Lage im Nahen und Mittleren Osten durch wiederholte milit\u00e4rische Interventionen ohne Planung der Folgen nachhaltig destabilisiert. Staatlichkeit in unserem Sinne war dort nie so stabil wie im Westen, aber lange Zeit in vielen L\u00e4ndern gefestigter als heute. Es mag uns unter moralischen Ma\u00dfst\u00e4ben, die viel mehr als fr\u00fcher die \u00f6ffentliche Meinung dominieren, aber allein keine hinreichenden Leitplanken f\u00fcr politisches Handeln darstellen, nicht schmecken: Doch es zeichnet sich ab, dass mit Blick auf den Erhalt der Ordnung im Zweifel gem\u00e4\u00dfigte Autokratien bestimmte Regionen besser stabilisieren als Demokratisierungsversuche, deren Scheitern zerfallende Staatlichkeit nach sich zieht.<\/p>\n<p><b>Erik Fritzsche<\/b>, Dr. phil., geboren 1982 in Reichenbach\/Vogtland, studierte Politikwissenschaft, Rechtswissenschaft sowie Neuere und Neueste Geschichte an der TU Dresden. Mit Sebastian Lange ver\u00f6ffentlichte er die Analyse \u201eDas politische System des Islamischen Staates\u201c; in: Totalitarismus und Demokratie, Heft 2 (2017), S. 201-232.<\/p>\n<p>[ratings]<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>DRESDEN. 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