{"id":3225,"date":"2019-02-04T09:33:39","date_gmt":"2019-02-04T09:33:39","guid":{"rendered":"http:\/\/michael-kunze.net\/category\/artikel\/?p=3225"},"modified":"2019-03-15T17:37:52","modified_gmt":"2019-03-15T17:37:52","slug":"alles-was-judisch-ist","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/michael-kunze.net\/category\/artikel\/2019\/02\/04\/alles-was-judisch-ist\/","title":{"rendered":"&#8222;Verpiss Dich aus unserm Bezirk!&#8220;"},"content":{"rendered":"<p>Geh\u00f6ren Juden heute zu Deutschland? Das fragt ein in Berlin aufgewachsener Israeli in seinem neuen Buch. Wegen des Antisemitismus in der Hauptstadt wanderte er einst aus.<\/p>\n<p>DRESDEN\/ZWICKAU. In Leipzig, Zwickau, Dresden, Bad Muskau ist der 41-J\u00e4hrige im Herbst auf Lesereise gewesen. Arye Sharuz Shalicar, in G\u00f6ttingen geborener und in Berlin-Spandau und -Wedding <!--more-->aufgewachsener\u00a0Sohn j\u00fcdisch-persischer Eltern, war auf Einladung des s\u00e4chsischen Landesb\u00fcros der Konrad-Adenauer-Stiftung gekommen, um vor allem in Schulen aus seinem Buch &#8222;Der neu-deutsche Antisemit. Geh\u00f6ren Juden heute zu Deutschland?&#8220; vorzutragen. Dabei erkl\u00e4rte er, diskutierte, stritt, wie der Reserveoffizier das seit Jahren auf seinem Facebook-Blog mit vielen Tausend Followern tut, \u00fcber Israel, Juden, Antisemitismus. Ohne ein Blatt vor den Mund zu nehmen.<\/p>\n<p>Bedarf daf\u00fcr sieht der verheiratete Vater zweier Kinder deutschlandweit, &#8222;denn kaum wer hat angesichts der wenigen Juden im Land direkten Kontakt, meist aber eine Meinung \u00fcber sie und Israel&#8220;, so Shalicar, der 2001 wegen des Antisemitismus in Berlin nach Israel auswanderte.<\/p>\n<p>&#8222;Alles deutet \u2026 darauf hin, dass Deutschland 2018 in vielerlei Hinsicht, zumindest aus Sicht der Juden, eher 1936 als 1945 ist&#8220;, schreibt Shalicar im Vorwort. Anders als im Vorwort angegeben, ist sein Buch aber eher Streitschrift oder Polemik und keine Analyse. Das tut der Glaubw\u00fcrdigkeit indes keinen Abbruch. Auf manchen mag Shalicars Weckruf \u00fcbertrieben, auch einseitig wirken. Aber ihn deshalb wegwischen? &#8222;70 Jahre nach dem Holocaust frage ich mich, ob Juden heute zu Deutschland geh\u00f6ren und wie willkommen sie \u2026 sind&#8220;, hei\u00dft es an anderer Stelle.<\/p>\n<p><strong>Bedeutung des unter Muslimen verbreiteten Antisemitismus nimmt zu<\/strong><\/p>\n<p>Wer, wie in diesen Zeiten viele, bei Antisemitismus nur auf Zuwanderer aus Nahost oder Nordafrika schielt, mache es sich zwar zu einfach. Doch das Gewicht der muslimischen Migranten mit dem ihnen von kindauf eingetrichterten Juden- und Israelhass wachse. Israels Bild als vermeintlichem Goliath, dem Pal\u00e4stinenser und manches Nachbarland ausgeliefert sind, sei aber nicht nur bei Muslimen verbreitet. Eine Fehlwahrnehmung, die schon beim Blick auf die Gr\u00f6\u00dfenverh\u00e4ltnisse auf der Landkarte offenbar werde, deshalb aber nicht aus der Welt sei. Stattdessen ziehe sie immer weitere Kreise: in einem l\u00e4ngst sehr breiten linken Spektrum bis hin zu Intellektuellen, dazu verst\u00e4rkt wieder offen seit 2015 unter Rechtsextremisten und lange schon in vielen Medien und einigen kirchlichen Kreisen.<\/p>\n<p>Der einseitige Blick auf Israel, so der einstige Sprecher der israelischen Armee, verstelle die Sicht auf den l\u00e4ngst entscheidenden Nahostkonflikt, bei dem weit mehr Opfer zu beklagen sind als in dem zwischen Israel und Pal\u00e4stinensern: auf den innermuslimischen. Die Mehrzahl deutscher Medien schere das in ihrer Berichterstattung zu wenig, sie s\u00e4hen sich oft in der Pflicht, einge\u00fcbte &#8222;israelkritische&#8220; Erwartungshaltungen ihrer Konsumenten zu befriedigen. Shalicar hat Erfahrungen gemacht, f\u00fcr die ARD gearbeitet und sp\u00e4ter als Milit\u00e4rsprecher Journalisten durch seine neue Heimat gef\u00fchrt.<\/p>\n<p>Bei seiner Problemschau des hiesigen Antisemitismus betrachtet er unterschiedliche Milieus. Es ist die Sicht eines s\u00e4kularen Juden aus einfachen \u00f6konomischen Verh\u00e4ltnissen \u2013 der Vater zuletzt Taxifahrer, die Mutter Hausfrau: in vielerlei Hinsicht eine \u00fcberraschende Perspektive, die Lekt\u00fcre aber nichts f\u00fcr sensible Gem\u00fcter.<\/p>\n<p><strong>Die &#8222;schweigende Mitte&#8220; erreichen<\/strong><\/p>\n<p>Die Lage sei ernst: Gebetsst\u00e4tten keiner anderen Glaubens- oder Kultusgemeinschaft werden in Deutschland fl\u00e4chendeckend und dauerhaft durch Polizei bewacht. Wer sich als Jude \u00f6ffentlich zu erkennen gibt, hat oft wenig zu lachen: Kinder wechseln wegen Mobbing Schulen. Wer eine Kippa tr\u00e4gt, dem drohen G\u00fcrtelschl\u00e4ge. &#8222;Juden ins Gas&#8220;, so t\u00f6nt es auf deutschen Stra\u00dfen, Davidsterne werden verbrannt. Deutschland gedenkt w\u00fcrdig der Vergangenheit, scheitert aber daran, heute hier lebende Juden zu sch\u00fctzen.<\/p>\n<p>Antisemitismus sei ein gesamtdeutsches Problem. &#8222;Jude, verpiss Dich aus unserm Bezirk!&#8220;, habe er schon vor Jahren regelm\u00e4\u00dfig geh\u00f6rt. Der Hatz in Berlin zeitweise entkommen konnte er nur mit Anpassung in Sprache, Kleidung, Verhalten an das muslimische Milieu, das \u00f6rtlich von Clankriminalit\u00e4t dominiert werde. Sein Bruder wurde zusammengeschlagen. &#8222;Statistiken&#8220;, schreibt Shalicar, &#8222;die behaupten, dass nur ein kleiner Prozentsatz der antisemitischen Vorf\u00e4lle und \u00dcbergriffe auf deutschen Stra\u00dfen von Muslimen begangen werden, sind irref\u00fchrend \u2026 Ich habe nicht eine einzige Anzeige erstattet.&#8220; Aus Stolz? Aus Angst?<\/p>\n<p>Hinzu komme der oft unterbelichtete Antisemitismus unter Linken. Viele propagierten zwar, &#8222;kein Mensch&#8220; sei &#8222;illegal&#8220;. Das gelte indes oft dann nicht, wenn es sich um Israelis im eigenen, einzigen derartigen Staat weltweit handele. &#8222;Israelkritisch&#8220; eingestellt zu sein, geh\u00f6re zum guten Ton und diene doch oft als Chiffre f\u00fcr Antisemitismus, die es in den &#8222;Duden&#8220; geschafft hat. Chinakritisch, irankritisch, saudi-kritisch \u2013 derartige Vokabeln fehlten dort. Kein Zufall sei das, sondern Zeichen einer Unwucht und Querfront dazu, die von muslimischen \u00fcber linke bis rechte Kr\u00e4fte Allianzen schmiede gegen Juden und Israel. Aus Neid etwa. Dabei sei der Staat die einzige Demokratie der Region mit echten Rechten f\u00fcr S\u00e4kulare, Angeh\u00f6rige anderer Religionen, Homosexuelle &#8230;<\/p>\n<p>Shalicar will die &#8222;schweigende Mitte&#8220; erreichen. Er hat, angereichert um Dutzende Zitate des im Internet platzgreifenden Hasses, ein Buch geschrieben, das auch da, wo es Widerspruch hervorrufen muss, weil es etwa \u00fcber Geb\u00fchr vereinfacht, eine Stimme liefert, die es so sonst schwer hat: die eines Juden, der Erfahrung aus Deutschland und Israel mitbringt, der die geostrategische Lage in Nahost genau kennt, dazu die Auseinandersetzung sucht, dabei austeilen, aber auch einstecken kann. Der im Untertitel aufgeworfenen Frage weicht er dabei nicht aus.<\/p>\n<p><em>Arye Sharuz Shalicar: Der neu-deutsche Antisemit. Geh\u00f6ren Juden heute zu Deutschland? Eine pers\u00f6nliche Analyse. Verlag Hentrich &amp; Hentrich, 160 Seiten, 16,90 Euro.<\/em><\/p>\n<p>[ratings]<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Geh\u00f6ren Juden heute zu Deutschland? Das fragt ein in Berlin aufgewachsener Israeli in seinem neuen Buch. Wegen des Antisemitismus in der Hauptstadt wanderte er einst aus. DRESDEN\/ZWICKAU. 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