{"id":3277,"date":"2019-03-14T16:35:12","date_gmt":"2019-03-14T16:35:12","guid":{"rendered":"http:\/\/michael-kunze.net\/category\/artikel\/?p=3277"},"modified":"2025-09-13T18:34:53","modified_gmt":"2025-09-13T18:34:53","slug":"als-der-graf-katholisch-wurde","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/michael-kunze.net\/category\/artikel\/2019\/03\/14\/als-der-graf-katholisch-wurde\/","title":{"rendered":"Als der Graf katholisch wurde"},"content":{"rendered":"<figure id=\"attachment_3282\" aria-describedby=\"caption-attachment-3282\" style=\"width: 739px\" class=\"wp-caption alignleft\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-3282 size-large\" src=\"http:\/\/michael-kunze.net\/wp-content\/uploads\/2019\/03\/Foto-Medaille-Wechselburg-Seite-A-1024x1024.jpg\" alt=\"Die auf das Jahr 1873 datierte Medaille mit der Inschrift &quot;Aedes Instaurata Wechselburgi&quot; ist wohl im Zusammenhang mit der Konversion des Grafen von Sch\u00f6nburg-Glauchau nebst Gattin im Jahr 1869 und der 1871 bis 1884 erfolgten Renovierung der damaligen Wechselburger Schlosskirche entstanden. Sie zeigt das in der r\u00f6mischen Kirche Sant' Alfonso aufbewahrte Gnadenbild Unserer Lieben Frau von der immerw\u00e4hrenden Hilfe. Eine Kopie davon schenkte Papst Pius IX., dessen Konterfei auf der R\u00fcckseite abgebildet ist, dem Ehepaar. Foto: Stephan von Spies\" width=\"739\" height=\"739\" srcset=\"https:\/\/michael-kunze.net\/wp-content\/uploads\/2019\/03\/Foto-Medaille-Wechselburg-Seite-A-1024x1024.jpg 1024w, https:\/\/michael-kunze.net\/wp-content\/uploads\/2019\/03\/Foto-Medaille-Wechselburg-Seite-A-50x50.jpg 50w, https:\/\/michael-kunze.net\/wp-content\/uploads\/2019\/03\/Foto-Medaille-Wechselburg-Seite-A-300x300.jpg 300w, https:\/\/michael-kunze.net\/wp-content\/uploads\/2019\/03\/Foto-Medaille-Wechselburg-Seite-A-250x250.jpg 250w, https:\/\/michael-kunze.net\/wp-content\/uploads\/2019\/03\/Foto-Medaille-Wechselburg-Seite-A-624x624.jpg 624w, https:\/\/michael-kunze.net\/wp-content\/uploads\/2019\/03\/Foto-Medaille-Wechselburg-Seite-A-960x960.jpg 960w\" sizes=\"auto, (max-width: 739px) 100vw, 739px\" \/><figcaption id=\"caption-attachment-3282\" class=\"wp-caption-text\">Die auf 1873 datierte Medaille ist wohl im Kontext der Renovierung der Wechselburger Schlosskirche und der Geburt des ersehnten Erben im gleichen Jahr in Rom entstanden (Inschrift: &#8222;Wechelsburgi&#8220; statt &#8222;Wechselburgi&#8220;). Sie zeigt das in der r\u00f6mischen Kirche Sant&#8216; Alfonso aufbewahrte Gnadenbild Unserer Lieben Frau von der immerw\u00e4hrenden Hilfe. Eine Kopie davon schenkte Papst Pius IX., dessen Konterfei auf der R\u00fcckseite abgebildet ist, dem Grafen von Sch\u00f6nburg. Foto: Elisabeth Meuser<\/figcaption><\/figure>\n<p>Vor 150 Jahren konvertierte der protestantische Carl von Sch\u00f6nburg-Glauchau. Ein langer, hart gef\u00fchrter Kulturkampf folgte, der \u00fcber Sachsen hinaus betr\u00e4chtliches Aufsehen erregte.<\/p>\n<p>WECHSELBURG. &#8222;Graf unter Polizeischutz&#8220;, Kontroversen in der s\u00e4chsischen Presse, von der r\u00f6mischen &#8222;ungeb\u00fchrlich aufgebauscht&#8220;, &#8222;erhebliche Unruhe in konservativen protestantischen Adelskreisen&#8220;, Untertanen verweigern Kirchengebet \u2013 so lauten <!--more-->zeitgen\u00f6ssische und sp\u00e4tere Einlassungen \u00fcber die Lage in den Sch\u00f6nburger Herrschaften, heute Sachsen, nachdem sich am 19. M\u00e4rz 1869 in Rom f\u00fcr die einen Unerh\u00f6rtes, f\u00fcr andere Segensreiches ereignet hatte.\u00a0Der protestantische Graf Carl von Sch\u00f6nburg-Glauchau (1832-1898) und seine Gattin reformierten Bekenntnisses, Adelheid (1845-1873), eine aus Franken stammende Gr\u00e4fin von Rechteren-Limpurg-Speckfeld, hatten am Tiber in der Redemptoristen-Basilika des Erl\u00f6sers und des Heiligen Alfons das katholische Glaubensbekenntnis abgelegt.<\/p>\n<p>Auch wenn sich der abgestellte Polizeischutz als \u00fcberfl\u00fcssig erwies \u2013 dem Grafen wurde nach der R\u00fcckkehr kein Haar gekr\u00fcmmt \u2013, war die Konversion des Sprosses einer bedeutenden s\u00e4chsischen Familie, Landtagsmitglieds, Ehrenritters des Johanniterordens und Inhabers von Konsistorial-, Patronats- und Episkopalrechten ein Skandal ersten Ranges. Dies lag auch daran, dass Carl, wieder in der Wechselburger Residenz nordwestlich von Chemnitz, zwar aus dem Orden austrat und auf Rechte zugunsten von weiter protestantischen Mitgliedern des Gesamthauses Sch\u00f6nburg verzichtete, wie es Historiker Michael Wetzel in der &#8222;S\u00e4chsischen Biografie&#8220; nachgezeichnet hat.<\/p>\n<p><strong>&#8222;Unter der Hand eine \u00f6ffentliche katholische Kultusst\u00e4tte&#8220;<\/strong><\/p>\n<p>Doch Carl brachte einen Hauskaplan f\u00fcr die bis dato evangelische Schlosskirche mit. Gegen katholische &#8222;Privatandachten&#8220; sei zwar nie Einspruch erhoben worden, berichtet Franz Blanckmeister 1906 in seiner Kirchengeschichte. Ansto\u00df nahm die protestantische Seite indes daran, dass &#8222;die Hauskapl\u00e4ne aus der Schlo\u00dfkirche unter der Hand eine \u00f6ffentliche katholische Kultusst\u00e4tte zu machen und das Recht der evangelischen Kirche an ihr stillschweigend zu beseitigen suchten&#8220;. Das aber bestehe unabh\u00e4ngig davon fort, dass die im 12. Jahrhundert errichtete Basilika seit 1843 auf Gehei\u00df von Carls protestantischem Vater Alban regelm\u00e4\u00dfig katholischem Kultus offenstand und in Familienbesitz war, zudem die evangelische Pfarrkirche St. Otto einen Steinwurf entfernt liegt.<\/p>\n<p>Seit etwa 1690 nutzten die Sch\u00f6nburger die Basilika nach der S\u00e4kularisierung 1539 gelegentlich als Kapelle; sonst blieb sie Werkstatt, Lager. \u00d6ffentliche katholische Messen, etwa f\u00fcr Zuwanderer, waren tabu. &#8222;Das wurde&#8220;, so der evangelische Kirchenhistoriker Klaus Fitschen auf Anfrage, &#8222;erst nach jahrzehntelangen Verhandlungen und heftigen Debatten im Landtag genehmigt.&#8220; Ein &#8222;Rekatholisierungsversuch&#8220;, als der jede Ausdehnung des Kultus galt, wurde von protestantischer Seite seit der Konversion Augusts des Starken schon bei Verdacht scharf bek\u00e4mpft. Es gab \u2013 trotz nun katholischer Monarchen \u2013 &#8222;keine Religionsfreiheit f\u00fcr Katholiken&#8220;, erg\u00e4nzt der Theologe und Historiker. F\u00fcr die katholische Seite wiederum sei jeder \u00dcbertritt ein propagandistischer Gewinn gewesen und hatte Symbolcharakter in einer Zeit, in der sich die antikatholische Stimmung deutschlandweit versch\u00e4rfte.<\/p>\n<p>Noch ab etwa 1895, so der katholische Historiker Heinrich Meier 1988, spitzte sich die Lage in Wechselburg weiter zu. Um die Jahrhundertwende erreichten Ma\u00dfnahmen des Dresdener Kultusministeriums gegen die rege Missionsarbeit der Sch\u00f6nburger den H\u00f6hepunkt. Etwa seit 1879 hatte es im gr\u00e4flichen Schlosspark Fronleichnamsprozessionen gegeben, die zun\u00e4chst kaum Widerspruch ausl\u00f6sten, schreibt Meier. Da es wohl aber die einzigen unter freiem Himmel auf dem Gebiet des Apostolischen Vikariats waren &#8211; das Bistum Mei\u00dfen wurde erst 1921 wiedererrichtet -, wuchs der Zustrom der Gl\u00e4ubigen. Diese kamen \u2013 meist auf Arbeitssuche \u2013 aus S\u00fcddeutschland und dem Ausland, etwa Italien und Polen, nach Sachsen.<\/p>\n<p><strong>&#8222;Wechselburger Kulturkampf&#8220; als H\u00f6hepunkt des Konfessionsstreits<\/strong><\/p>\n<p>Genehmigt war die Teilnahme an Prozessionen von den Beh\u00f6rden nur Personen der gr\u00e4flichen Familie und des Hausstands. Da die Bestimmung wiederholt unterlaufen wurde, verbot die Leipziger Kreisdirektion f\u00fcr das Jahr 1900 allen anderen den Zutritt zum Schlosspark. Das Ereignis ging als &#8222;Wechselburger Kulturkampf&#8220; in die Geschichte ein, so Birgit Mitzscherlich, Leiterin des Di\u00f6zesanarchivs des Bistums Dresden-Mei\u00dfen. F\u00fcr jede \u00dcbertretung wurden dem Grafen 100 Mark Geldstrafe angedroht.<\/p>\n<p>Dass es sich um mehr als eine Posse handelte, zeigt der Aufwand, den die Kreisdirektion betrieb, um der Anordnung Geltung zu verschaffen: Historiker Meier, der akribisch Akten ausgewertet hat, nennt f\u00fcnf Gendarmen, die aufgeboten wurden und auch den Zaun des Parks auf Tauglichkeit pr\u00fcften. Auf der evangelischen Pfarrkirche bezogen ein Gendarm und der Hilfsgeistliche Posten. Letzterer habe sich gar das Mittagsmahl auf den Turm bringen lassen, damit ihm zu keiner Zeit etwas entgehen konnte. Sp\u00e4ter einigten sich die Sch\u00f6nburger und das Ministerium; \u00f6ffentliche Messen durften stattfinden.<\/p>\n<p>1945 wurde mit Enteignung und Flucht der Familie zwar deren Wirken in der Region unterbrochen, nicht aber das katholische Leben, das sie auch mit einer Schulgr\u00fcndung gef\u00f6rdert hatten. Die bisherige, bis 1884 aufwendig renovierte Schloss- ist seit der DDR-Zeit Pfarr- und zudem seit 1993 Klosterkirche. Joachim, der Vater des heutigen Chefs des gr\u00e4flichen Glauchauer Sch\u00f6nburg-Zweigs, wurde 1998 darin beigesetzt. &#8222;Die Konversion spielt f\u00fcr uns eine gro\u00dfe Rolle&#8220;, sagt Sohn Alexander. Wechselburg bleibe &#8222;unser geistiges Zuhause. Wir sind den Benediktinern unendlich dankbar daf\u00fcr, dass sie diesen f\u00fcr uns so wichtigen Ort \u2026 pflegen und zu einem geistlichen Zentrum in S\u00fcdsachsen gemacht haben.&#8220; Alexanders \u00e4ltester Sohn, Erbgraf Maximus, ist dort getauft worden. F\u00fcr die im Januar verstorbene Schwester des Hauschefs werden Angeh\u00f6rige am Vorabend des Jahrestags der Konversion zu einem Requiem in der einstigen Schlosskirche zusammenkommen.<\/p>\n<p>W\u00e4hrend sich schon vor Jahren Wechselburger Laienschauspieler unverkrampft dem Ereignis von 1869 w\u00e4hrend des Marktfestes darstellerisch widmeten, singt der \u00f6kumenische Kirchenchor im Seelenamt f\u00fcr Maya von Sch\u00f6nburg am 18. M\u00e4rz, sagt der Wechselburger Benediktiner-Prior, Pater Maurus Kra\u00df. Beide Konfessionen sind l\u00e4ngst im Diasporaalltag aufeinander verwiesen. &#8222;Wir wollen&#8220;, sagt Pater Maurus, &#8222;keinen Triumph der einen \u00fcber die andern zelebrieren.&#8220; Dass aber heute in Wechselburg M\u00f6nche leben und in der Kirche, die j\u00fcngst als erste Ostdeutschlands jenseits Berlins vom Papst zur Basilica minor erhoben worden ist, die Heilige Messe lesen, kann dennoch als Folge der Konversion des Grafen vor 150 Jahren gelten.<\/p>\n<p><b>Das Gel\u00fcbde von Lourdes<\/b><\/p>\n<p>Zeugnis vom tiefen Glauben Carls und seiner Gattin legen Erinnerungen ab, die in Adelheids Tagebuch \u00fcberliefert sind, berichtet deren 1932 im Wechselburger Schloss geborener Urenkel Rudolf von Sch\u00f6nburg: Angesichts jahrelanger Kinderlosigkeit fuhr sie mit ihrem Mann nach Lourdes, um im Vertrauen auf die Gottesmutter einen Sohn als Erben und Garanten ihrer Anstrengungen zu erflehen, selbst wenn es sie das Leben kosten m\u00f6ge. Neun Monate sp\u00e4ter kam am 20. Juli 1873 ein Junge zur Welt, obwohl die Mutter als unfruchtbar gegolten hatte. F\u00fcnf Tage darauf, in vollem Bewusstsein ihres Opfers, als Dank f\u00fcr den Buben ihr Leben aufzugeben, habe sie sich ein letztes Mal das Kind bringen lassen und starb an Kindbettfieber, sagt Rudolf von Sch\u00f6nburg, der in Spanien lebende Onkel des heutigen Hauschefs, mit Verweis auf ihm vorliegende Aufzeichnungen. Erst sechs Jahre sp\u00e4ter heiratete Rudolfs Urgro\u00dfvater ein zweites Mal.<\/p>\n<p>[ratings]<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Vor 150 Jahren konvertierte der protestantische Carl von Sch\u00f6nburg-Glauchau. Ein langer, hart gef\u00fchrter Kulturkampf folgte, der \u00fcber Sachsen hinaus betr\u00e4chtliches Aufsehen erregte. 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