{"id":3347,"date":"2019-04-12T06:49:43","date_gmt":"2019-04-12T06:49:43","guid":{"rendered":"http:\/\/michael-kunze.net\/category\/artikel\/?p=3347"},"modified":"2020-05-22T11:38:50","modified_gmt":"2020-05-22T11:38:50","slug":"vom-tanzenden-faun-und-der-brikettgabel","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/michael-kunze.net\/category\/artikel\/2019\/04\/12\/vom-tanzenden-faun-und-der-brikettgabel\/","title":{"rendered":"Vom tanzenden Faun und der Brikettgabel"},"content":{"rendered":"<figure id=\"attachment_3353\" aria-describedby=\"caption-attachment-3353\" style=\"width: 739px\" class=\"wp-caption alignleft\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-3353 size-large\" src=\"http:\/\/michael-kunze.net\/wp-content\/uploads\/2019\/04\/IMG_9297-1024x682.jpg\" alt=\"Auf Schloss Rochsburg zeigt Restaurator Thomas Heinicke bis November die von ihm und seiner Frau kuratierte Ausstellung &quot;Das geschundene Kunstwerk&quot; - darunter auch die Lehne eines vormals im Besitz der Bauhaus-K\u00fcnstlerin Marianne Brandt befindlichen Stuhles im Stile des Empire. Foto: Michael Kunze\" width=\"739\" height=\"492\" srcset=\"https:\/\/michael-kunze.net\/wp-content\/uploads\/2019\/04\/IMG_9297-1024x682.jpg 1024w, https:\/\/michael-kunze.net\/wp-content\/uploads\/2019\/04\/IMG_9297-300x200.jpg 300w, https:\/\/michael-kunze.net\/wp-content\/uploads\/2019\/04\/IMG_9297-250x166.jpg 250w, https:\/\/michael-kunze.net\/wp-content\/uploads\/2019\/04\/IMG_9297-624x416.jpg 624w, https:\/\/michael-kunze.net\/wp-content\/uploads\/2019\/04\/IMG_9297-960x640.jpg 960w\" sizes=\"auto, (max-width: 739px) 100vw, 739px\" \/><figcaption id=\"caption-attachment-3353\" class=\"wp-caption-text\">Schloss Rochsburg zeigt die von Restaurator Thomas Heinicke und seiner Frau kuratierte Ausstellung &#8222;Das geschundene Kunstwerk&#8220; &#8211; darin auch die Lehne eines vormals im Besitz der aus Chemnitz stammenden Bauhaus-K\u00fcnstlerin Marianne Brandt befindlichen Stuhles im Stile des Empire, den sie einst Heinickes Lehrer Hans Brockhage (1925-2009) vermachte. Foto: Michael Kunze<\/figcaption><\/figure>\n<p>Schloss Rochsburg zeigt Kunstwerke, einige 500 Jahre alt, deren Pr\u00e4sentation andere Museen ablehnten: Die ab 13. April zu sehenden St\u00fccke sind von Zeit, Mensch und Natur teils arg geschundene. Daraus aber erw\u00e4chst ihre Kraft.<\/p>\n<p>ROCHSBURG. Das Antlitz des Bischofs ist entzweit. Von der Mitra, der Bischofsm\u00fctze, \u00fcber die Stirn, dann rechts der Nase hinab <!--more-->bis zum Hals reicht eine tiefe Wunde, ein Riss. Fr\u00fch schon d\u00fcrfte das Lindenholz der wohl um das Jahr 1500 entstandenen B\u00fcste aufgeplatzt sein, vermuten die Restauratoren Thomas und Sybille Heinicke, die die auf <a href=\"https:\/\/www.schloss-rochsburg.de\/\">Schloss Rochsburg<\/a> im gleichnamigen Lunzenauer Ortsteil \u00f6ffnende Ausstellung &#8222;Das geschundene Kunstwerk&#8220; nicht nur kuratiert haben.<\/p>\n<p>Das bei Waldenburg (Landkreis Zwickau) lebende Ehepaar stellt auch s\u00e4mtliche St\u00fccke zur Verf\u00fcgung \u2013 als Resultat jahrzehntelanger Sammlert\u00e4tigkeit. Sie fanden die Exponate an Stra\u00dfenr\u00e4ndern, in Scheunen, f\u00fcr Ramschpreise auf Flohm\u00e4rkten, im Kunstgro\u00dfhandel. Einstigen Besitzern galten sie als &#8222;sammlungsunw\u00fcrdig&#8220;, sagt Heinicke. Dass er es anders sieht, ist ein Gl\u00fcck, an dem auch kunstgeschichtliche Laien auf dem Schloss leicht teilhaben k\u00f6nnen. Rund 200 St\u00fccke aus etwa f\u00fcnf Jahrhunderten bieten dazu in zwei gro\u00dfen R\u00e4umen Gelegenheit.<\/p>\n<p><strong>N\u00e4gel heilen zersprungenes Gesicht nicht<\/strong><\/p>\n<p>Jene Bischofsb\u00fcste ist eines der \u00e4ltesten \u2013 und Zeugnis f\u00fcr lange zur\u00fcckliegenden Handwerker- und K\u00fcnstlerpfusch, so der Restaurator. &#8222;Um Risse im Holz zu vermeiden, wusste man seinerzeit n\u00e4mlich l\u00e4ngst, dass es darauf ankommt, fr\u00fch das Kernholz zu entfernen&#8220;, sagt der 66-J\u00e4hrige. Deshalb sind romanische oder gotische Skulpturen, wie sie etwa im nahen Chemnitzer <a href=\"http:\/\/www.schlossbergmuseum.de\/\">Schlo\u00dfbergmuseum<\/a> in gro\u00dfer Anzahl auch von Meistern wie Peter Breuer gezeigt werden, meist r\u00fcckseitig entkernt. Im konkreten Fall ist das unterblieben, das Holz gerissen. Es trocknete au\u00dfen schneller als im Innern. Die entstandene Spannung war zu gro\u00df. Das Martyrium setzte sich bei sp\u00e4teren Reparaturversuchen fort: Zwei in den Kopf getriebene N\u00e4gel \u2013 der eine in die Stirnpartie, der andere gegen\u00fcber unterhalb der Wange \u2013 sollten &#8222;heilen&#8220;. Erfolglos. Die Wunde klafft noch immer.<\/p>\n<p>Ganz anders geschunden wurde ein wohl im fr\u00fchen 20. Jahrhundert entstandenes Industriellenportr\u00e4t. &#8222;Es lag mit der Schauseite nach oben im Kohlenkeller einer Chemnitzer Villa&#8220;, so Heinicke, &#8222;und diente als Aufsatz f\u00fcr die Brikettgabel auf sonst vermutlich unebenem Grund.&#8220; Man muss das sehen \u2013 das zerfurchte Bildnis eines wohlhabenden Mannes. Den rechten Arm hat er auf die Stuhllehne gest\u00fctzt, tr\u00e4gt zwei goldene Ringe an der einen und h\u00e4lt in der andern, auf dem Schreibtisch liegenden Hand ein B\u00fcndel Papiere. An der Wand h\u00e4ngt ein Medaillon mit dem Konterfei einer Frau, wom\u00f6glich der verstorbenen Gattin. Dazu die von Striemen durchbrochene Harmonie. Unz\u00e4hlige sind es, diagonal eingegraben in das Gem\u00e4lde, durch die \u00d6lfarbe in die Malpappe, zwischen Kohlenresten.<\/p>\n<p>Der materielle Wert vieler der gezeigten St\u00fccke d\u00fcrfte auch angesichts der Sch\u00e4den, die sie aufweisen, gering sein, sagt die 52 Jahre alte Sybille Heinicke. Dennoch legen sie mit eigenwilliger Patina Zeugnis ab davon, dass Zeit, Umwelteinfl\u00fcsse, menschlicher Wahn und Wille sich wandelnde Kunst hervorbringen. Ob sie sammlungsw\u00fcrdig ist, bleibt oder &#8222;wegkann&#8220;, wie es vor Jahren in einem schnellen Witz oft hie\u00df, liegt im Auge des Betrachters. Daf\u00fcr kommt es auch auf &#8222;Seherfahrungen&#8220; an, schrieb der Kunsthistoriker Martin Warnke 1999. Besondere Vorbildung braucht es daf\u00fcr nicht, nur Neugier auf die teils schon anrestaurierten St\u00fccke.<\/p>\n<p><strong>Eine Schule des Auges<\/strong><\/p>\n<p>Die Ausstellung, deren Pr\u00e4sentation nach Heinickes Angaben zwei andere Museen abgelehnt hatten, ist eine Schule des Auges \u2013 dank ziselierter Bilderrahmen oder einer Skulpturengruppe von Spielern, denen die Instrumente abhanden gekommen sind, von Hand gemalten Werbeplakaten, einem missgl\u00fcckten Nachguss des ber\u00fchmten <a href=\"https:\/\/de.m.wikipedia.org\/wiki\/Haus_des_Fauns\">&#8222;tanzenden Fauns&#8220;<\/a> von Pompeji, dessen Original bald 1800 Jahre unter Vesuv-Asche lag, oder einem von <a href=\"https:\/\/de.m.wikipedia.org\/wiki\/Richard_Riemerschmid\">Richard Riemerschmid<\/a> (1868-1957) entworfenem Schreibsekret\u00e4r, von der Hand jenes zeitweise in Dresden t\u00e4tigen M\u00fcnchener Kunstgewerblers also, der &#8222;ma\u00dfgebend die Wohnkultur in Deutschland gef\u00f6rdert&#8220; hat, wie der Kunsthistoriker Hans Vollmer feststellte.<\/p>\n<p>Dass Schlossleiter Lutz Hennig laut Thomas Heinicke gleich &#8222;Feuer und Flamme&#8220; gewesen sei, die Exponate zu zeigen, ist eine Freude. So sehen wir neben einigen Werken von der Hand Heinickes Versehrtes, das seine Kraft durch die Wundmale nicht verloren hat \u2013 im Gegenteil.<\/p>\n<p><b>Ge\u00f6ffnet<\/b> ist die Ausstellung auf Schloss Rochsburg vom 13. April bis 24. November 2019, dienstags bis sonntags, jeweils von 10 bis 17, im November bis 16 Uhr. Schlosseintritt 4, erm\u00e4\u00dfigt 3 Euro.<\/p>\n<p>[ratings]<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Schloss Rochsburg zeigt Kunstwerke, einige 500 Jahre alt, deren Pr\u00e4sentation andere Museen ablehnten: Die ab 13. April zu sehenden St\u00fccke sind von Zeit, Mensch und Natur teils arg geschundene. Daraus aber erw\u00e4chst ihre Kraft. ROCHSBURG. Das Antlitz des Bischofs ist entzweit. 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