{"id":3375,"date":"2019-04-23T13:48:41","date_gmt":"2019-04-23T13:48:41","guid":{"rendered":"http:\/\/michael-kunze.net\/category\/artikel\/?p=3375"},"modified":"2020-01-06T21:01:10","modified_gmt":"2020-01-06T21:01:10","slug":"3375","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/michael-kunze.net\/category\/artikel\/2019\/04\/23\/3375\/","title":{"rendered":"&#8222;Dass wir alles gut \u00fcberstanden haben, war ein Wunder&#8220;"},"content":{"rendered":"<p>WECHSELBURG\/MARBELLA. 2710 Kilometer und 26 Stunden Autofahrt sind es von <a href=\"https:\/\/www.wechselburg.de\">Wechselburg<\/a>, wo Rudolf Graf von Sch\u00f6nburg im September 1932 auf dem Schloss seiner Familie geboren wurde, nach Marbella, der nahe Gibraltar gelegenen spanischen Stadt am Mittelmeer. Dort lebt er seit 1956. Elf Jahre zuvor floh der damals Zw\u00f6lfj\u00e4hrige mit Geschwistern und Mutter vor der Roten Armee aus der Heimat. Im Telefongespr\u00e4ch berichtet er von seinen Erlebnissen vor 74 Jahren.<\/p>\n<p><em>Wann genau mussten Sie 1945 aufbrechen?<b> <\/b><\/em><\/p>\n<p>Am 18. Mai, bald nach Kriegsende, fuhr ein sowjetischer Privatwagen am Schloss in Wechselburg vor<!--more-->. Die Insassen verlangten unsere Garagenschl\u00fcssel, beschlagnahmten die Autos und wiesen den W\u00e4chter an, das Tor zu verschlie\u00dfen. Unsere Fluchtabsicht, die vereitelt werden sollte, hatte sich offensichtlich rumgesprochen, nachdem wir Tage zuvor Traktoren mit M\u00f6beln und Gep\u00e4ck in das uns geh\u00f6rende <a href=\"https:\/\/www.schloss-rochsburg.de\">Schloss Rochsburg<\/a> am Westufer der Zwickauer Mulde entsandt hatten.<\/p>\n<p><em>Nun war guter Rat teuer \u2026 <\/em><\/p>\n<p>Meine Mutter behielt die Nerven und sagte: &#8222;Rudolf, spann&#8216; die Pferde an!&#8220; Wir verlie\u00dfen Wechselburg gegen 16.30 Uhr. Meine Mutter nahm nur etwas Geld an sich, ihren Schmuckkoffer, dazu die Aktenmappe meines Vaters. Es ging durch eine kleine Gartenpforte \u00fcber die von den uns wohlgesonnenen Amerikanern bewachte Muldenbr\u00fccke mit Reisepapieren f\u00fcr deren Zone. US-Truppen hatten vor den Sowjets S\u00fcdwestsachsen besetzt, bevor sie das Gebiet, wie auf der Konferenz von Jalta vereinbart, den Russen \u00fcbergaben.<\/p>\n<p><em>Ihre Mutter floh mit f\u00fcnf Ihrer acht Kinder? <\/em><\/p>\n<p>Ja, in einfacher Tageskleidung &#8211; ich in Lederhose und kariertem Hemd. Das Wetter war prachtvoll. Es ging nach Rochsburg, wohin die Sowjets noch nicht vorger\u00fcckt waren. Zwei \u00e4ltere Schwestern hatte meine Mutter schon mit schlesischen Fl\u00fcchtlingen, die bei uns Rast gemacht hatten, aus Angst vor Gewalt durch die Rote Armee gen Westen geschickt. Dass mein Vater am 12. April in Breslau an der Front gefallen war, erfuhren wir erst im September, hofften also, er lebe noch und hatten deshalb auf ihn gewartet.<\/p>\n<p><em>Wo war Ihr \u00e4lterer Bruder Joachim? <\/em><\/p>\n<p>Er war damals 16 Jahre alt und in B\u00f6hmen in einem Wehrert\u00fcchtigungslager, das die Sowjets aufl\u00f6sten. Als er erfuhr, dass wir noch in Sachsen waren, kam er per Fahrrad nach Rochsburg. Zwei Tage sp\u00e4ter ging es im Juni mit zwei Kutschen und einem Pferdewagen weiter.<\/p>\n<p><em>Auf welcher Route?<\/em><\/p>\n<p>Wir fuhren in Glauchau auf die Autobahn. Da sie nach Erfurt v\u00f6llig \u00fcberf\u00fcllt war &#8211; alle wollten nach Westen, auch abziehende US-Truppen -, nahmen wir die leere Dresdner Spur in gleicher Richtung.<\/p>\n<p><em>Was konnten Sie mitnehmen? <\/em><\/p>\n<p>Wenig &#8211; beinahe nur das,\u00a0was wir am Leib hatten, dazu Hafer f\u00fcr die Pferde. So ging es langsam voran nach Franken. Wir wollten die Pferde nicht \u00fcberfordern und schliefen oft in Scheunen auf Stroh zwischen den Tieren.<\/p>\n<p><em>Wohin wollten Sie?<\/em><\/p>\n<p>Vor allem \u00fcber die Saale, die die sowjetische von den westlichen Zonen trennte. Wir ahnten nicht, dass es eine Art Abschied f\u00fcr immer sein w\u00fcrde. In Wechselburg hatten wir aus Angst vor Verfolgung keine Notiz hinterlassen, wohin es gehen k\u00f6nnte.<\/p>\n<p><em>Gab es Gefahren? <\/em><\/p>\n<p>Vor allem in Franken war die Stimmung teils unfreundlich gegen\u00fcber Fl\u00fcchtlingen. Die Bauern halfen uns wenig. So lernte ich, mit der Sense Gras f\u00fcr die Pferde zu hauen. Aber wir wurden nie \u00fcberfallen oder betrogen. Brenzlige Situationen gab es dennoch, auch wenn ich die Zeit eher als Abenteuer wahrnahm. Eines Tages etwa kamen wir in ein Haus, das uns die Amerikaner zugeteilt hatten. Nachts zog drau\u00dfen lautstark eine Gruppe Polen vorbei, die irgendwo freigelassen worden war und in H\u00e4user einbrach. Meine Mutter, die f\u00fcrchtete, dass sie zu uns kommen, hatte gro\u00dfe Angst.<\/p>\n<p><em>Was passierte? <\/em><\/p>\n<p>Sie rief im Haus laut alle m\u00e4nnlichen Vornamen aus, die ihr einfielen: Otto, Karl, Emil &#8230;, um den Anschein zu erwecken, dass hier nicht nur eine Frau und Kinder untergebracht sind. Es klappte &#8211; die M\u00e4nner zogen ab. Nach zwei bis drei Wochen gelangten wir in den Amerikanischen Sektor, f\u00fchlten uns wie erl\u00f6st. Dass wir alles gut \u00fcberstanden haben, war ein Wunder, f\u00fcr das ich Gott heute noch danke.<\/p>\n<p><em>Wo fanden Sie Unterschlupf? <\/em><\/p>\n<p>Zun\u00e4chst bei der Frau des Barons von Frankenstein in Ullstadt bei W\u00fcrzburg. Das waren entfernte Verwandte, die uns herzlich empfingen. Wir waren sehr dankbar, schenkten ihnen unsere Pferde. Denn wir konnten von dort mit einem Lastwagen weiter nach S\u00fcden fahren, wo wir bei dem uns fremden Baron von Ulm-Erbach unterkamen, der uns sehr hilfsbereit empfing und die Fahrt in die Franz\u00f6sische Zone organisierte.<\/p>\n<p><em>Auch dessen Schloss bei Ulm<\/em><em> war nicht das Ziel?<\/em><\/p>\n<p>Nein, wir wollten zu den Waldburg-Wolfeggs oder F\u00fcrstenbergs, Verwandten von uns. Etwa im September kamen wir auf Schloss Heiligenberg am Bodensee an, wo wir mittellos das erste Weihnachtsfest verbrachten. Ich ging bald auf ein Internatsgymnasium, das mir die F\u00fcrstenbergs bezahlten, denen wir wie den Waldburgs viel verdanken. Meine Mutter wohnte im Vorbau des Schlosses etwa 30 Jahre. Da war ich lange schon in Spanien.<\/p>\n<p><b>Rudolf Graf von Sch\u00f6nburg<\/b> ist eines von acht Kindern des Erbgrafen Carl von Sch\u00f6nburg-Glauchau (1899-1945) und der polnischen Gr\u00e4fin Maria Ana Baworowska (1902-1988). Bis 1940 erhielt er Hausunterricht, besuchte dann die Wechselburger Volksschule und sp\u00e4ter per Eisenbahn das Gymnasium Rochlitz. Im schweizerischen Lausanne absolvierte er die angesehene Hotelfachschule und f\u00fchrt in Marbella noch immer das <a href=\"https:\/\/www.marbellaclub.com\/de\/history.html\">Hotel &#8222;Marbella Club&#8220;<\/a>. Verheiratet mit einer Urenkelin des letzten deutschen Kaisers Wilhelm II., ist er Vater zweier Kinder. Wechselburg besuchte er aus Angst vor Verfolgung erst nach dem Ende der DDR &#8211; seither dreimal.<\/p>\n<p>[ratings]<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>WECHSELBURG\/MARBELLA. 2710 Kilometer und 26 Stunden Autofahrt sind es von Wechselburg, wo Rudolf Graf von Sch\u00f6nburg im September 1932 auf dem Schloss seiner Familie geboren wurde, nach Marbella, der nahe Gibraltar gelegenen spanischen Stadt am Mittelmeer. Dort lebt er seit 1956. 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