{"id":3413,"date":"2019-05-21T08:06:11","date_gmt":"2019-05-21T08:06:11","guid":{"rendered":"http:\/\/michael-kunze.net\/category\/artikel\/?p=3413"},"modified":"2019-06-03T08:18:13","modified_gmt":"2019-06-03T08:18:13","slug":"der-leuchtturm","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/michael-kunze.net\/category\/artikel\/2019\/05\/21\/der-leuchtturm\/","title":{"rendered":"Der Leuchtturm"},"content":{"rendered":"<p>Justus Geilhufe ist 2,02 Meter gro\u00df, 28 Jahre jung und durchl\u00e4uft seit Herbst in Oederan seine Ausbildung zum Pfarrer. Nur rund ein Viertel der Sachsen sind Christen. Was treibt ihn an?<\/p>\n<p>OEDERAN\/FREIBERG\/GERINGSWALDE. Die Schuhe sind blank geputzt, dazu Hemd und Jackett, den Schal dar\u00fcber l\u00e4ssig um den Hals geschlungen &#8211; so gr\u00fc\u00dft er herzlich mit Handschlag vor dem Tor der Oederaner <!--more-->Stadtkirche und bittet ins B\u00e4ckerei-Caf\u00e9 nebenan zum Gespr\u00e4ch, wo bald ein Latte Macchiato vor ihm dampft. Justus Geilhufe ragt mit seinen 2,02 Meter K\u00f6rpergr\u00f6\u00dfe auch im Sitzen heraus aus der Schar der Kunden an den Tischen ringsum. Immer wieder wird der 28-J\u00e4hrige erkannt, treten meist \u00e4ltere Damen oder Herren &#8211; knapp gr\u00fc\u00dfend, l\u00e4chelnd, nickend &#8211; an ihn heran, winken von Kuchentheke oder Ladent\u00fcr.<\/p>\n<p>Dabei ist der geb\u00fcrtige, an der Elbe auch aufgewachsene Dresdner erst seit September in der evangelischen Kirchgemeinde der Stadt, um sein Vikariat abzuleisten &#8211; den praktischen Teil nach Philosophie- und Theologiestudien in Princeton, M\u00fcnchen, Leipzig und G\u00f6ttingen auf dem Weg zum Pfarrer. &#8222;Ich sitze gern hier&#8220;, sagt er, &#8222;um in Kontakt zu kommen mit Leuten, auf die ich bei anderen Gelegenheiten eher nicht treffe.&#8220;<\/p>\n<p><strong>Eine illustre Familie<\/strong><\/p>\n<p>Justus Geilhufes \u00e4lterer Bruder ist bayerischer Landesbeauftragter des Bundes Naturschutz, die Mutter promovierte Musikwissenschaftlerin. Der Vater, nun im Ruhestand, war schon w\u00e4hrend der DDR Pfarrer in Dresden-Seidnitz, stammt aber aus Geringswalde. Ebendort hatten dessen Vorfahren eine M\u00f6belfabrik, die nach dem Krieg enteignet wurde. Der geistlichen Berufung zu folgen, war vom Vater reiflich \u00fcberlegt, sagt der Sohn, ein Entschluss mit Vorbildcharakter auch f\u00fcr ihn angesichts der damals f\u00fcr \u00fcberzeugte Christen entbehrungsreichen Zeit. Der Onkel von Geilhufes Mutter wiederum war Ludwig Engelhardt, Sch\u00f6pfer des ber\u00fchmten Marx-Engels-Denkmals f\u00fcr das gleichnamige Forum in Berlin. Eine illustre Familie, sympathisierte letzterer wohl doch eher mit dem Roten Stern als jenem von Bethlehem.<\/p>\n<p>Warum aber als junger Mensch Pfarrer werden? Heute. Hier. Der v\u00e4terliche Weg pr\u00e4gte, ja, und der seit fr\u00fcher Jugend gehegte Wunsch, den eigenen, nie als G\u00e4ngelband empfundenen Glauben weiterzugeben, sagt Geilhufe.<\/p>\n<p>Wer den so kultiviert wie reflektiert auftretenden jungen Mann beobachtet, sp\u00fcrt Entschiedenheit, auch so etwas wie Genugtuung dar\u00fcber, mit dem eingeschlagenen Kurs nicht dem vermeintlichen oder tats\u00e4chlichen Zeitgeist zu entsprechen. Geilhufe hat kaum Ber\u00fchrungs\u00e4ngste, geht auf die Menschen zu, sagt, er sch\u00e4tze genau dies: &#8222;das Klare, die Direktheit&#8220;, das etwas Deftigere, das den Menschenschlag in der Region in seinen Augen ausmacht. Das gelte unabh\u00e4ngig davon, ob er es mit Angeh\u00f6rigen seiner Kirchgemeinde zu tun hat oder nicht. Geilhufe wei\u00df um den &#8222;Auftrag der Kirche, zu den Menschen zu gehen, sie vom Glauben an Jesus zu \u00fcberzeugen&#8220;. Das muss nicht teilen, wer mit ihm dar\u00fcber diskutieren, auch: streiten will.<\/p>\n<p><strong>&#8222;Mit Gott auf einem beinahe wei\u00dfen Blatt Papier neu malen&#8220;<\/strong><\/p>\n<p>Der verheiratete Familienvater, der einst das Kreuzgymnasium absolvierte, blickt dem auf die Kirchen zukommenden Strukturwandel durch die sinkende Anzahl von Christen n\u00fcchtern, beinahe gelassen entgegen &#8211; auch wenn sich dadurch vieles, sehr vieles \u00e4ndern wird: Nicht an jeder Kirche wird es weiter Jugend- oder Seniorenkreise geben, dazu weniger Pfarrer, Geld. Doch Geilhufe denkt in Chancen, sagt: &#8222;Wo vieles, was man gewohnt ist, wegbricht, besteht die M\u00f6glichkeit, mit Gott gemeinsam auf einem beinahe wei\u00dfen Blatt Papier neu zu malen.&#8220;<\/p>\n<p>Er will aktiv sein und ist es schon, hat im der Landeskirche geh\u00f6renden &#8222;Haus der Stille&#8220; im Wilsdruffer Ortsteil Grumbach (Kreis S\u00e4chsische Schweiz-Osterzgebirge) mit Gleichgesinnten ein Schulungsprogramm aufgestellt. Es tr\u00e4gt den Namen &#8222;Hefata&#8220; &#8211; Aram\u00e4isch f\u00fcr &#8222;\u00d6ffne Dich!&#8220; &#8211; und soll angehenden Pfarrern und wissenschaftlich arbeitenden Theologen zur Vorbereitung auf den Wandel dienen. &#8222;Vieles&#8220;, sagt er, &#8222;was auf uns zukommt, lernen wir anderswo nicht.&#8220; Dass weniger materieller Besitz &#8211; etwa kirchlicher Immobilien &#8211; auch von Sorgen freimache und neue (geistliche) Kr\u00e4fte freisetzen k\u00f6nne, davon ist der Vikar \u00fcberzeugt.<\/p>\n<p>Hinter Buchdeckeln, Kirchenmauern will er sich nicht verstecken. &#8222;Ich muss raus zu den Leuten&#8220;, sagt er. Seine Ausbildung, auch bei der Predigt vor der Gemeinde, dauert in Oederan bis Sommer 2021. &#8222;Derzeit lerne ich viel bei Pfarrer Ro\u00dfner&#8220;, so Geilhufe.<\/p>\n<p><strong>Wider den Tabucharakter des Todes<\/strong><\/p>\n<p>Was verwundern mag angesichts des Tabu-Charakters, von dem der Tod in einer auf Jugend getrimmten Gesellschaft gepr\u00e4gt ist: Der junge Mann, der erst in diesen Wochen Vater eines Sohnes wurde, misst gerade Trauerfeiern gr\u00f6\u00dfte Bedeutung zu: &#8222;Das ist eine gewaltige M\u00f6glichkeit, Trost zuzusprechen, der dabei nicht von mir kommt, sondern von Gott. Ich \u00fcbermittle ihn nur&#8220;, sagt Geilhufe mit freudigem Ernst. Es sei wundervoll, in derart schweren Stunden beistehen zu d\u00fcrfen: Hoffnung zu stiften, wo viele keine s\u00e4hen.<\/p>\n<p>Obwohl in der Gro\u00dfstadt aufgewachsen, liebe er das Leben auf dem Lande. Seine katholische, aus dem Allg\u00e4u stammende Frau arbeitet als \u00c4rztin am Krankenhaus Freiberg, wo sie auch wohnen. Sie sind angekommen in Mittelsachsen, auch wenn der angehende Pfarrer &#8211; entsprechend kirchlichen Vorgaben &#8211; nach Ausbildungsabschluss wohl nicht in der Umgebung wird in den Dienst einsteigen k\u00f6nnen. Doch Mittelsachsen, die ihm nahegehende Heimat des Vaters, ist gro\u00df.<\/p>\n<p>[ratings]<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Justus Geilhufe ist 2,02 Meter gro\u00df, 28 Jahre jung und durchl\u00e4uft seit Herbst in Oederan seine Ausbildung zum Pfarrer. Nur rund ein Viertel der Sachsen sind Christen. Was treibt ihn an? OEDERAN\/FREIBERG\/GERINGSWALDE. 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