{"id":3440,"date":"2019-07-19T06:56:44","date_gmt":"2019-07-19T06:56:44","guid":{"rendered":"http:\/\/michael-kunze.net\/category\/artikel\/?p=3440"},"modified":"2019-08-05T07:27:52","modified_gmt":"2019-08-05T07:27:52","slug":"dem-erbgut-des-adels-auf-der-spur","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/michael-kunze.net\/category\/artikel\/2019\/07\/19\/dem-erbgut-des-adels-auf-der-spur\/","title":{"rendered":"Dem Erbgut des Adels auf der Spur"},"content":{"rendered":"<p>Vor Jahren haben M\u00fcnchener Forscher auf dem Erdmannsdorfer Friedhof in Mittelsachsen Gr\u00e4ber ge\u00f6ffnet. Seither laufen molekulargenetische Untersuchungen. Warum &#8211; und was wurde bislang herausgefunden? Eine lange Geschichte, die ihren Ursprung unweit von Ingolstadt hat.<\/p>\n<p>ERDMANNSDORF\/M\u00dcNCHEN. Als im Juni 2013 ein Team von M\u00fcnchner Medizinern auf dem Erdmannsdorfer <!--more-->Friedhof die Neugier der B\u00fcrger erregte, kursierten bald Ger\u00fcchte &#8211; selbst davon, ein Schatz w\u00fcrde gehoben. Wie man&#8217;s nimmt &#8211; was den einen Edelmetall, ist Wissenschaftlern wie Andreas Nerlich, Chefarzt der Pathologie am Klinikum M\u00fcnchen-Bogenhausen, das Erbgut l\u00e4ngst Verstorbener. Er und seine Kollegen exhumierten die sterblichen \u00dcberreste mehrerer dort beigesetzter Angeh\u00f6riger der Familie von K\u00f6nneritz, die das nahegelegene Schloss im Ort bis 1932 bewohnte.<\/p>\n<p>In den vergangenen sechs Jahren ist der \u00fcber Deutschland hinaus angesehene Pathologe, der auch in \u00c4gypten immer wieder Mumien untersucht, nicht unt\u00e4tig gewesen. Aufwendige Laborstudien anhand sichergestellter DNA laufen nach wie vor, sagt Nerlich, der sich der Pal\u00e4opathologie verschrieben hat. Deren Vertreter erforschen anhand alter Leichen, wie Menschen einst lebten und an welchen Krankheiten sie litten, um daraus auch Erkenntnisse f\u00fcr die Gegenwart abzuleiten.<\/p>\n<p><strong>DNA-Analyse zieht sich hin<\/strong><\/p>\n<p>Mit den Studien in Erdmannsdorf sollen Verwandtschaftsverh\u00e4ltnisse zwischen der f\u00fcr die bayerische Landesgeschichte bedeutenden Familie von Jordan und jener von K\u00f6nneritz aufgekl\u00e4rt werden, pr\u00e4ziser: der in Erdmannsdorf eingeheirateten Grafen von Beust. &#8222;Dass die Untersuchungen nicht l\u00e4ngst abgeschlossen sind, liegt daran&#8220;, sagt Nerlich, &#8222;dass erste Hoffnungen sich zerschlagen haben, eine DNA-Analyse zur Identifikation der f\u00fcnf Personen, deren Gebeine wir bergen konnten, z\u00fcgig und erfolgreich durchf\u00fchren zu k\u00f6nnen.&#8220; Die Knochen sind alt, ihr Zustand und damit der des Erbmaterials &#8222;recht schlecht&#8220;, so der Wissenschaftler. Das macht die Arbeit langwierig.<\/p>\n<p>Immerhin: Ende des Jahres 2018 sei es gelungen, einige DNA-Bruchst\u00fccke soweit zu identifizieren, dass das Verwandtschaftsverh\u00e4ltnis der f\u00fcnf in Erdmannsdorf beigesetzten Personen weithin gekl\u00e4rt werden konnte. Dabei handelt es sich laut Nerlich um die Tochter des einstigen \u00f6sterreichischen Ministerpr\u00e4sidenten und vormaligen s\u00e4chsischen Au\u00dfenministers Friedrich Ferdinand von Beust, Marie von K\u00f6nneritz (1845-1926). Ebenfalls beigesetzt wurde deren Ehemann L\u00e9once (1835-1890), bis zu seinem Tode s\u00e4chsischer Finanzminister. &#8222;Beide haben wir ziemlich sicher bestimmt&#8220;, so Nerlich. Unter den anderen drei Personen seien wohl ein Bruder von Marie, zudem die Mutter von L\u00e9once und ein unbekannter j\u00fcngerer Mann. &#8222;Wir rechnen ihn der K\u00f6nneritz-Linie zu&#8220;, erg\u00e4nzt der Professor. F\u00fcr ihn stellen derartige Leichname oder auch Mumien unter wissenschaftlichen Gesichtspunkten &#8222;wertvolle Bioarchive&#8220; dar, die noch Jahrhunderte nach dem Tod der Person viele Erkenntnisse lieferten.<\/p>\n<p><strong>Ein leeres Grab<\/strong><\/p>\n<p>Warum aber die Exhumierung in Erdmannsdorf? Nerlich will das Verh\u00e4ltnis der gr\u00e4flichen, mit der freiherrlichen des einstigen Hamburger B\u00fcrgermeisters Ole nur weitl\u00e4ufig verwandten Familie von Beust zu den Jordans aus Bayern untersuchen. Mit letzterer setzt er sich schon l\u00e4nger auseinander. Bekannt war, dass einst die Mutter der in Erdmannsdorf beigesetzten Marie K\u00f6nneritz, Mathilde Beust, eine geborene Baronin von Jordan, in Dresden auf dem Alten Katholischen Friedhof bestattet worden ist. Daher begannen dort die Untersuchungen. &#8222;Wir haben keine Zweifel, dass Mathilde in Dresden beigesetzt wurde&#8220;, so Nerlich. Doch das Grab war leer. Aufzeichnungen \u00fcber den Verbleib der Gebeine fehlten.<\/p>\n<p>Die Kernfrage all des Aufwands lautet: War jene in Dresden nicht mehr auffindbare Mathilde tats\u00e4chlich die Tochter Wilhelms und Violantes von Jordan? \u00dcberlieferte Unstimmigkeiten n\u00e4hrten Zweifel. Darum sei der Versuch unternommen worden, \u00fcber Mathildes Tochter Marie an Erbinformationen zu gelangen. Jedoch sei der Zustand von Maries DNA in Erdmannsdorf so hinf\u00e4llig, &#8222;dass wir diese L\u00fccke derzeit nicht schlie\u00dfen k\u00f6nnen&#8220;, sagt Nerlich. Er sei indes guter Hoffnung, dass der technische Fortschritt M\u00f6glichkeiten schaffe.<\/p>\n<p>Die Familie Friedrich Ferdinands von Beust sei in der Enkelgeneration ausgestorben. \u00dcber den Seitenzweig der K\u00f6nneritzer gebe es zwar Nachfahren; die letzte engere Verwandte, Marie-Luise von K\u00f6nneritz, sei aber vor wenigen Jahren verstorben. &#8222;Sie hat uns intensiv in unseren genealogischen Recherchen unterst\u00fctzt&#8220;, sagt Nerlich, &#8222;hatte aber keine Erinnerungen mehr, die \u00fcber ihre Gro\u00dfmutter Marie und deren 1944 kinderlos gestorbene Tochter Elisabeth, Marie-Luises Tante, hinausgingen.<\/p>\n<p><strong>Hoffnung auf technischen Fortschritt<\/strong><\/p>\n<p>Zum Hintergrund: &#8222;Unsere &#8218;Geschichte'&#8220;, sagt Nerlich, &#8222;beginnt am Grab der Familie ebenjenes bayerischen Generals und k\u00f6niglichen K\u00e4mmerers Wilhelm von Jordan, der 1836 auf eigenem Boden bei Ingolstadt eine Familiengruft hatte bauen lassen.&#8220; Dort sind neben anderen Personen dessen Frau und zwei der Kinder beigesetzt worden &#8211; s\u00e4mtlich mumifiziert. &#8222;Wir konnten die Mumien untersuchen. Aus vielf\u00e4ltigen historischen und den naturwissenschaftlichen Quellen ergaben sich die Familiengeschichten, die f\u00fcr das fr\u00fche bayerische K\u00f6nigtum ab 1806 eine wichtige Rolle spielten&#8220;, so Nerlich.<\/p>\n<p>Die in Dresden nicht mehr auffindbare Mathilde war die Schwester der bei Ingolstadt beigesetzten Jordan-Kinder, einst verheiratet mit dem \u00f6sterreichischen Ministerpr\u00e4sidenten Beust, mit dem sie vier Kinder hatte &#8211; darunter die in Erdmannsdorf beigesetzte Marie. F\u00fcr die Forschungen seien umfangreiche Studien in Staatsarchiven Bayerns, Sachsens, Sachsen-Anhalts, Th\u00fcringens und \u00d6sterreichs n\u00f6tig gewesen, die wie die naturwissenschaftliche Forschung &#8222;aus wissenschaftlichem Interesse geschehen und auch dar\u00fcber finanziert&#8220; w\u00fcrden.<\/p>\n<p>Wie weiter? Laufende Untersuchungen sollen die bisherigen molekulargenetischen Analysen fortf\u00fchren: &#8222;Der neue Ansatz ist es, stark besch\u00e4digte DNA so weit &#8218;lesbar&#8216; zu machen, dass man sozusagen virtuell den Lesecode der gesuchten Erbinformation wiederherstellen kann&#8220;, so Nerlich. Mit heutiger DNA funktioniere das sogenannte Next-Genome-Sequencing &#8222;schon recht gut, mit alter manchmal&#8220;. Man arbeite daf\u00fcr mit der Universit\u00e4t Innsbruck zusammen. Wann es ein Ergebnis gibt, stehe indes in den Sternen.<\/p>\n<p>[ratings]<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Vor Jahren haben M\u00fcnchener Forscher auf dem Erdmannsdorfer Friedhof in Mittelsachsen Gr\u00e4ber ge\u00f6ffnet. Seither laufen molekulargenetische Untersuchungen. Warum &#8211; und was wurde bislang herausgefunden? Eine lange Geschichte, die ihren Ursprung unweit von Ingolstadt hat. ERDMANNSDORF\/M\u00dcNCHEN. 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