{"id":3467,"date":"2019-10-24T17:03:08","date_gmt":"2019-10-24T17:03:08","guid":{"rendered":"http:\/\/michael-kunze.net\/category\/artikel\/?p=3467"},"modified":"2019-11-21T08:04:12","modified_gmt":"2019-11-21T08:04:12","slug":"mein-bild-von-europa-hat-mit-der-aktuellen-organisationsform-wenig-zu-tun","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/michael-kunze.net\/category\/artikel\/2019\/10\/24\/mein-bild-von-europa-hat-mit-der-aktuellen-organisationsform-wenig-zu-tun\/","title":{"rendered":"&#8222;Mein Bild von Europa hat mit der aktuellen Organisationsform wenig zu tun&#8220;"},"content":{"rendered":"<p>FRANKFURT\/DRESDEN. Zum 30. Jahrestag des Mauerfalls blickt der Frankfurter Schriftsteller Martin Mosebach zur\u00fcck und voraus: wo und wie er den Mauerfall 1989 erlebte und die Jahre seit der deutschen Wiedervereinigung. Au\u00dferdem gibt der 68 Jahre alte B\u00fcchner- und Kleistpreistr\u00e4ger Auskunft dar\u00fcber, was f\u00fcr ihn Europa mit der Europ\u00e4ischen Union zu tun hat und welche Rolle <!--more-->er seinem Berufsstand in politischen Debatten und der Kirche in unsicheren Zeiten beimisst.<\/p>\n<p><em>Herr Mosebach, erinnern Sie sich noch an den 9. November 1989 &#8211; wo Sie sich aufhielten, wie Sie ihn verbracht haben?<\/em><\/p>\n<p>Ja, ich erinnere mich genau. Ich habe damals an den Dreharbeiten eines Films von Rebecca Horn teilgenommen, in der N\u00e4he von Coimbra in Portugal. Wir wohnten in einem heruntergekommenen Grandhotel auf dem Land, es gab ein einziges Schwarz-Wei\u00df-Fernsehger\u00e4t, das wurde im Speisesaal aufgestellt. Der Empfang war sehr schlecht, die Bilder unscharf wie bei der \u00dcbertragung von der ersten Mondlandung. Die Kameram\u00e4nner kamen alle aus Berlin und waren verzweifelt, nicht zu Hause zu sein: &#8222;Wir h\u00e4ngen hier rum, und in Berlin geht die Post ab!&#8220; Eine sehr elegante linksliberale Journalistin, die eine Reportage \u00fcber den Dreh schrieb, belehrte mich streng: &#8222;Das bedeutet aber keinesfalls eine Wiedervereinigung, das Volk der DDR will das nicht &#8211; die wollen ihren eigenen Weg gehen.&#8220;<\/p>\n<p><em>Sind Sie vorher einmal in der DDR gewesen, etwa f\u00fcr Verwandtenbesuche?<\/em><\/p>\n<p>Ich hatte keine Verwandten und \u00fcberhaupt keine pers\u00f6nlichen Verbindungen. In den siebziger Jahren habe ich aber zwei Kunstreisen nach Th\u00fcringen und Sachsen gemacht, nach Weimar und Dresden.<\/p>\n<p><em>Wie haben Sie den Landstrich erlebt?<\/em><\/p>\n<p>Ich muss bekennen, dass mich beide Reisen bedr\u00fcckt haben. Der Verfall der St\u00e4dte, der Geruch vom Schwamm in alten H\u00e4usern, der Minolgeruch, eine Atmosph\u00e4re von unabl\u00e4ssiger Zurechtweisung und Abkanzelung durch Polizisten und das Personal der Hotels f\u00fchrte beide Mal zu Aufatmen, als ich die Grenze wieder \u00fcberschritt. Beide Reisen fanden allerdings im Winter statt, das verst\u00e4rkte den Eindruck, sich in einer Art Unterwelt zu befinden. Es war mir danach unbegreiflich, wie irgendjemand, der in der DDR gewesen war, sich \u00fcber den \u00f6konomischen Zustand dort die geringsten Illusionen machen konnte.<\/p>\n<p><em>K\u00fcrzlich waren Sie zur Lesung aus Ihrem Buch &#8222;Die 21&#8220; in Dresden, sind zudem immer wieder in Th\u00fcringen unterwegs. Wie beurteilen Sie die Lage heute?<\/em><\/p>\n<p>Die Wiedervereinigung war f\u00fcr mich eine gro\u00dfe Freude und ist es immer noch. Sie steht ja in Verbindung mit dem Ende des Kalten Krieges und der Teilung Europas; allein das wird immer begl\u00fcckend sein. Mit Erwartungen bin ich aber stets vorsichtig gewesen. Die DDR unterschied sich von vielen anderen L\u00e4ndern des Ostblocks darin, dass es hier nicht wenige \u00fcberzeugte Kommunisten gab, die an ihrem Staat, der f\u00fcr mich nur eine sowjetische Satrapie war, hingen. Die Enteignung und Vertreibung der l\u00e4ndlichen Notabeln und des wohlhabenden B\u00fcrgertums hatte eine nicht ohne weiteres korrigierbare gesellschaftliche Verarmung geschaffen, die gerade auch in den sch\u00f6nen alten St\u00e4dten, die vom Krieg verschont geblieben sind, sp\u00fcrbar ist.<\/p>\n<p><em>Auch der Atheismus ist ein Erbe des Kommunismus &#8230;<\/em><\/p>\n<p>Ja, es hei\u00dft, Sachsen sei heute eines der atheistischsten L\u00e4nder Europas. Das sind Einbr\u00fcche, die mit keinem Geld und keinem guten oder b\u00f6sen Willen der Welt zu heilen sind. Dass die Einwohner der sogenannten Neuen L\u00e4nder dar\u00fcber hinaus von staatlicher Erziehung und Beeinflussung genug haben, kann man ihnen nicht verdenken.<\/p>\n<p><em>Der Untergang des Bolschewismus war jedenfalls nicht das Ende der Geschichte; eine militante Ausklammerung Gottes gewinnt anders auch im Westen Einfluss, etwa bei vorgeburtlichen Untersuchungen auf Behinderungen, dem vermeintlichen Recht auf Abtreibung, beim Umgang mit Pflegebed\u00fcrftigen. Wer derartige &#8222;Befreiungen&#8220; ablehnt, wird oft \u00f6ffentlichkeitswirksam ge\u00e4chtet.\u00a0<\/em><\/p>\n<p>Ich stimme Ihnen zu &#8211; der Unterschied ist nur der, dass die Religion bei Nazis und Kommunisten im Zeichen staatlicher ideologischer Unterdr\u00fcckung bek\u00e4mpft wurde und heute eher gesellschaftlich im Zeichen der Freiheit und eines schrankenlosen Individualismus. Es sollte nachdenklich stimmen, dass die Religion seit dem 20. Jahrhundert weder von der Diktatur noch von der Demokratie Wohlwollen zu erwarten hat. Das sagt vielleicht etwas \u00fcber ihr Wesen aus und m\u00fcsste die Kirche gegen\u00fcber jeder Versuchung zu einem Aggiornamento skeptisch stimmen.<\/p>\n<p><em>W\u00e4hrend das Christentum in Europa angeschlagen ist, erleben wir andernorts Religion in gro\u00dfer Vitalit\u00e4t. Sie haben das am Beispiel des Islams wie des koptischen Christentums in \u00c4gypten schriftstellerisch verarbeitet. Sehen Sie in Ihrem Buch &#8222;Die 21&#8220; eine Art Lehrst\u00fcck?<\/em><\/p>\n<p>Es ist unm\u00f6glich, die Erfahrungen der Kopten unmittelbar auf die europ\u00e4ischen Verh\u00e4ltnisse zu \u00fcbertragen. Die Europ\u00e4er kennen Kirchenverfolgungen unterschiedlicher Art erst seit der Franz\u00f6sischen Revolution &#8211; die Kopten sind weit \u00fcber 1000 Jahre unterdr\u00fcckt und haben doch \u00fcberlebt.<\/p>\n<p><em>Was islamische Herrscher seit der muslimischen Eroberung im 7. Jahrhundert nicht erreicht haben, scheint den Kommunisten in der DDR in 40 Jahren gelungen zu sein &#8230;<\/em><\/p>\n<p>&#8230; so ist es, doch zur Geschichte der Kirche des Westens geh\u00f6rt auch ihre lange Verbindung mit der politischen Macht &#8211; die Kopten hatten diese Verbindung niemals, sie sind das Beispiel einer nicht entmachteten, sondern immer schon machtlosen Kirche. Das Geheimnis ihres \u00dcberlebens scheint in eisernem Festhalten der \u00dcberlieferung und in der Bereitschaft zum Martyrium zu liegen.<\/p>\n<p><em>Die DDR, die von standhaften Christen auch Opfer erforderte, ist untergegangen. Von Anfang an wird die deutsche Wiedervereinigung im Kontext europ\u00e4ischer Einigung gedeutet, aber derart, als m\u00fcsse Europa politisch auf die EU hinauslaufen, als sei das Aufgehen des Kontinents als heterogenem kulturellen, \u00f6konomischen, auch religi\u00f6sen Generationengeb\u00e4ude in der EU, die noch nicht gekl\u00e4rt hat, was sie sein will, der einzige logische Schluss.\u00a0<\/em><\/p>\n<p>Man darf nicht untersch\u00e4tzen, welche Besorgnis die Wiedervereinigung bei den Nachbarn hervorgerufen hat. Der Fall der Mauer, das Ende des Warschauer Pakts und damit der eingefrorenen Machtverh\u00e4ltnisse lassen wieder den Zustand vor dem Ersten Weltkrieg erahnen. Kohl zitierte im kleinen Kreis \u00f6fter Bismarcks Wort vom &#8222;cauchemar des alliances&#8220; &#8211; vom Albtraum, alle Nachbarstaaten k\u00f6nnten sich gegen Deutschland verb\u00fcnden. Man kennt das raffinierte B\u00fcndnissystem Bismarcks, mit dem er versuchte, m\u00f6gliche Feinde auseinanderzuhalten. Es \u00fcberlebte kaum das Ende seiner Amtszeit.<\/p>\n<p><em>Kohl versuchte es andersherum.<\/em><\/p>\n<p>Durch ein sehr weitgehendes Vertragssystem wollte er Deutschland so einbinden, man k\u00f6nnte auch sagen: fesseln, dass die Nachbarn ihre Furcht verl\u00f6ren. Man darf deshalb nicht vergessen, dass es bei der von ihm vorangetriebenen europ\u00e4ischen Integration vor allem um die Integration Deutschlands geht &#8211; die anderen Nationen haben f\u00fcr sich dergleichen erheblich weniger im Sinn, wie sich immer deutlicher zeigt.<\/p>\n<p><em>Was ist &#8222;Europa&#8220; f\u00fcr Sie?<\/em><\/p>\n<p>Mein Bild von Europa hat mit der aktuellen Organisationsform wenig zu tun. Es besteht f\u00fcr mich aus den L\u00e4ndern, die Erben des R\u00f6mischen, selbstverst\u00e4ndlich auch des Ostr\u00f6mischen Reiches sind. Aus diesem R\u00f6mischen Reich ist eine der sch\u00f6nsten und reichsten Erscheinungen der Weltgeschichte hervorgegangen: die europ\u00e4ischen Nationen, von denen beinahe jede die gemeinsame Mutter in irgendeiner Beziehung noch \u00fcbertroffen hat. Diese europ\u00e4ischen Nationen sind sozusagen Volkspers\u00f6nlichkeiten, jede hat das r\u00f6mische Erbe in anderer Weise entwickelt. Jede dieser Nationen ist unverzichtbar in dem gro\u00dfen europ\u00e4ischen Konzert, das aber nur entsteht, wenn jedes Land seine Eigent\u00fcmlichkeiten eifers\u00fcchtig bewahrt.<\/p>\n<p><em>F\u00fcr Sie ist die EU mit Blick auf die Zukunft Europas demnach nicht entscheidend?<\/em><\/p>\n<p>Das kulturelle und religi\u00f6se Europa hat doch mit der EU nicht das Geringste zu tun. Die Regierungen haben geradezu besessen darauf Wert gelegt, dass die gemeinsame Pr\u00e4gung durch das Christentum f\u00fcr dieses politische Gebilde nicht die geringste Rolle spielen d\u00fcrfte, und als geistiges Fundament sogenannte Werte der Aufkl\u00e4rung genannt, ohne nur zu definieren, was man unter &#8222;Aufkl\u00e4rung&#8220; verstehen wollte. Das politische Europa der EU wird wie jedes gro\u00dfe Reich nur eine Episode sein &#8211; Europa war auch schon einmal unter spanischer Herrschaft vereint, es gab ein franz\u00f6sisches Europa. Es sollte &#8211; leider besonders fatal &#8211; ganz kurz auch ein deutsches Europa geben. Es gab den \u00f6sterreichisch-ungarischen Vielv\u00f6lkerstaat. Die Frage, wie die europ\u00e4ischen L\u00e4nder sich gegen\u00fcber amerikanischem und chinesischem Druck behaupten k\u00f6nnen, ohne Vasallenstaaten zu werden, bleibt allerdings bestehen. Vielleicht ist ein kleinerer, homogenerer Staatenbund dieser Aufgabe eher gewachsen.<\/p>\n<p><em>In Gro\u00dfbritannien hat sich eine Mehrheit der B\u00fcrger gegen das Gros von Pro-EU-Eliten entschieden. In Deutschland vertritt die AfD einen EU-kritischen Kurs, viele Mitglieder und Anh\u00e4nger lehnen die EU rundweg ab. Die Partei hat bei Wahlen wie in Sachsen und Brandenburg Rekordergebnisse erzielt. Worin sehen Sie Ursachen f\u00fcr den darin auch hervortretenden Bruch zwischen Ost und West, wo die AfD stets schw\u00e4chere Resultate erzielt?<\/em><\/p>\n<p>Ich vermute, dass die sogenannten souver\u00e4nistischen Bewegungen \u00fcberall dort besonders stark sind, wo man in finsteren Jahren einer Vasallenstaatlichkeit erfahren hat, was es f\u00fcr ein Volk bedeutet, nicht selbst \u00fcber sein Schicksal bestimmen zu k\u00f6nnen. Zu erleben, dass man dieses Joch absch\u00fctteln konnte, nur um dann gleich darauf ein anderes auf sich zu nehmen &#8211; wenn das auch mit noch so vielen \u00f6konomischen Vorteilen verbunden war -, das will offenbar vielen B\u00fcrgern der ehemaligen Warschauer-Pakt-Staaten nicht einleuchten. &#8222;Sozialistischer Internationalismus&#8220; war f\u00fcr diese V\u00f6lker eben zuerst einmal eine Formel der Unterdr\u00fcckung &#8211; da liegt der Verdacht, mit der Globalisierung verhalte es sich ebenso, nicht fern. Westdeutschland hat den Zustand eingeschr\u00e4nkter Souver\u00e4nit\u00e4t nie als bedr\u00fcckend empfunden, es lie\u00df sich pr\u00e4chtig dabei verdienen. Ich meine deshalb eine gewisse Verachtung der Westdeutschen durch die Ostdeutschen zu erkennen.<\/p>\n<p><em>Phasen von &#8222;Vasallenstaatlichkeit&#8220; haben aber Gro\u00dfbritannien oder Frankreich mit ebenfalls starken EU-kritischen Bewegungen nicht erlebt.<\/em><\/p>\n<p>Das stimmt, aber hier handelt es sich um Staaten, die bis heute stark mit ihrer Geschichte verbunden sind. Frankreich und England haben die Entstehung ihrer modernen Staatlichkeit als Triumph nach gro\u00dfen inneren und \u00e4u\u00dferen K\u00e4mpfen erlebt. Die Begriffe &#8222;Nation&#8220; und &#8222;Souver\u00e4nit\u00e4t&#8220; sind f\u00fcr sie identisch. Moderne Deutsche empfinden das Abwerfen der Last der Geschichte hingegen als Erleichterung &#8211; sie\u00a0 k\u00f6nnen nicht verstehen, dass das in andern L\u00e4ndern nicht so gesehen wird. Deutsche sind konsterniert, wenn der \u00f6konomische Erfolg nicht der einzige Ma\u00dfstab politischen Handelns sein soll. Deshalb hat sie zum Beispiel die Brexit-Bewegung v\u00f6llig unvorbereitet getroffen.<\/p>\n<p><em>Es f\u00e4llt auf, dass sich Schriftsteller heute nur mehr selten politisch \u00e4u\u00dfern, anders als etwa noch Grass oder Enzensberger. Viele Intellektuelle traten gar Parteien bei, mischten in Wahlk\u00e4mpfen mit. Heute scheinen sie in \u00f6ffentlichen Auseinandersetzungen eine immer geringere Rolle zu spielen.<\/em><\/p>\n<p>Ja, und ich glaube, das ist ein Zeichen, dass die Schriftsteller etwas gelernt haben. Ein Autor schadet sich meistens, wenn er sich in die Tagespolitik verstricken l\u00e4sst.<\/p>\n<p><em>Warum?<\/em><\/p>\n<p>Literatur l\u00e4sst sich nicht eindeutig f\u00fcr eine Partei vereinnahmen, jedenfalls wenn sie eine gewisse Qualit\u00e4t hat. Die Welt ist komplizierter, als es das bestehende Parteienschema suggeriert. Mit konkreten politischen Stellungnahmen gehen die Autoren beinahe immer unter ihr Niveau. Ihr Ressort ist die Widerspr\u00fcchlichkeit der Welt &#8211; das der Politiker ist die Vereinfachung. Schriftsteller, soweit sie auch eine historische Ader haben, wissen au\u00dferdem, dass das, was an dem einen Tag gut war, an einem anderen b\u00f6se Folgen haben konnte: &#8222;Vernunft wird Unsinn, Wohltat Plage&#8220; hei\u00dft es im &#8222;Faust&#8220;. Mit der Beschreibung der Ph\u00e4nomene hat der Autor schon genug zu tun &#8211; von deren Deutung h\u00e4lt er sich besser fern.<\/p>\n<p><em>Wie w\u00fcrden Sie Ihr schriftstellerisches Selbstverst\u00e4ndnis in diesen Wandlungsprozess einordnen? Die einen sehen in Ihnen einen Romancier, der sich fast durchweg der Tagespolitik fernh\u00e4lt, wof\u00fcr Sie hier wieder pl\u00e4dieren. Andere verweisen auf ein Buch wie &#8222;Die 21&#8220;, das sich gerade in der Auseinandersetzung mit der Stellung von Religionen als hochpolitisch erweist.<\/em><\/p>\n<p>In den &#8222;21&#8220; ging es neben manchem andern gewiss auch darum, wie eine christliche Minorit\u00e4t in einer feindseligen Majorit\u00e4t bestehen kann. Das ist auch eine politische Frage &#8211; und auch die Antwort ist politisch folgenreich: Eben nicht dadurch, dass die Minorit\u00e4t Rechte einfordert &#8211; die gab und gibt es in \u00c4gypten nicht, sondern wenn sie standh\u00e4lt und bereit ist, die sich daraus ergebenden Nachteile klaglos in Kauf zu nehmen.<\/p>\n<p><em>Auch die &#8222;H\u00e4resie der Formlosigkeit&#8220; ist mindestens derart politisch, dass Kultus nie Privatangelegenheit war &#8211; und weder Islam noch Christentum, schon von ihren Gr\u00fcndern her, Bekenntnis als Privatsache ansehen durften. Was sie verk\u00fcnden, hat selbst auf die, die nicht glauben, Auswirkung &#8211; im Islam noch heute etwa auf die Stellung in der Gesellschaft bei Steuerpolitik, Ausschluss aus Hierarchien usw., im Christentum immerhin bei der Frage nach dem Jenseits, die Angeh\u00f6rige eines missionarischen Glaubens nie die H\u00e4nde in den Scho\u00df legen lassen darf.<\/em><\/p>\n<p>Sie haben Recht: &#8222;H\u00e4resie der Formlosigkeit&#8220;, soeben in erweiterter Form bei Rowohlt erschienen, die kleine Aufsatzsammlung &#8222;Der Ultramontane&#8220; und &#8222;Die 21&#8220; sind B\u00fccher mit politischen Aspekten, wie sie in meinen Romanen nur in h\u00f6chst vermittelter Form zu finden w\u00e4ren, auch deswegen, weil es das rein Unpolitische gar nicht gibt. D\u00e1vila sagt das sehr sch\u00f6n: &#8222;Wer behauptet, er sei unpolitisch, geh\u00f6rt zur unterlegenen Partei.&#8220; In den Romanen ging es mir darum, keine Urteile zu f\u00e4llen, das Verfahren offenzuhalten, Charaktere und Anschauungen, die mir zuwider sind, dennoch gelten zu lassen. In den genannten B\u00fcchern habe ich jedoch engagiert und gewiss polemisch Stellung bezogen und von dem gesprochen, was ich glaube. Und ich glaube nun einmal, dass das Heil der Welt auf ihrem Weg durch die Geschichte davon abh\u00e4ngt, dass die Kirche den Geist des historischen Jesus, wie die Evangelien, die apostolischen Briefe und die Kirchenv\u00e4ter ihn zu erkennen geben, getreu bewahrt und dass dieses Bewahren vor allem in der \u00fcberlieferten Liturgie durch die Jahrtausende hindurch gelungen ist und auch heute gelingt. Ich glaube, dass wir beruhigter kommenden Katastrophen entgegengehen k\u00f6nnen, wenn die Kirche ein Leuchtturm des \u00dcbernat\u00fcrlichen in der Welt bleibt.<\/p>\n<p><em>Welche Rolle messen Sie der Literatur in diesen unruhigen Zeiten zu?<\/em><\/p>\n<p>Sie verweisen selbst darauf: Wir leben in unruhigen Zeiten. Ich gebe mich nicht weiter mit Prophetien ab. Manche haben gute Argumente daf\u00fcr, dass die Literatur schon bald \u00fcberhaupt keine Rolle mehr spielen wird, und das m\u00fcsste keineswegs nur mit ver\u00e4nderten Lesegewohnheiten zu tun haben. Ich k\u00f6nnte mir vorstellen, dass das 21. Jahrhundert schlie\u00dflich dahin gelangt, das gesamte 20. Jahrhundert, durchaus auch ungerecht, zu verwerfen. Das war ja tats\u00e4chlich das schw\u00e4rzeste Jahrhundert der Menschheitsgeschichte. Es w\u00e4re in Europa \u00fcbrigens nicht das erste Mal, dass es weder Literatur noch ein literarisches Publikum gibt. In den Jahrhunderten der V\u00f6lkerwanderung h\u00e4tte es fast gar keine Literatur gegeben, wenn Karl der Gro\u00dfe die Skriptorien der Kl\u00f6ster nicht angewiesen h\u00e4tte, die Reste der antiken Literatur auf Pergament abzuschreiben. Verglichen mit den gro\u00dfen Epochen der europ\u00e4ischen Literatur haben wir heutzutage einen \u00dcberschuss an literarischer Produktion &#8211; die Reaktion darauf pflegt in der Geschichte ein unterschiedsloses Abwerfen der kulturellen Lasten zu sein.<\/p>\n<p><em>Sie zeichnen eine tr\u00fcbselige Perspektive. W\u00fcrden Sie da noch einen Apfelbaum pflanzen?<\/em><\/p>\n<p>Mich h\u00e4lt das jedenfalls nicht davon ab, ein n\u00e4chstes Buch zu schreiben.<\/p>\n<p><strong>Martin Mosebach<\/strong>, geboren 1951 in Frankfurt am Main, wo er, verheiratet, lebt. Er war zun\u00e4chst Jurist. Der Schriftsteller ist einer der bedeutendsten im deutschsprachigen Raum und Tr\u00e4ger zahlreicher Preise, darunter der\u00a0Gro\u00dfe Literaturpreis der Bayerischen Akademie der Sch\u00f6nen K\u00fcnste und die Goethe-Plakette der Stadt Frankfurt.\u00a0Seit 1983 entstanden Romane, Erz\u00e4hlungen, Drehb\u00fccher, Libretti, dazu Essays zu Kunst, Religion, Reisen und Literatur.<\/p>\n<p>[ratings]<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>FRANKFURT\/DRESDEN. Zum 30. Jahrestag des Mauerfalls blickt der Frankfurter Schriftsteller Martin Mosebach zur\u00fcck und voraus: wo und wie er den Mauerfall 1989 erlebte und die Jahre seit der deutschen Wiedervereinigung. 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