{"id":3485,"date":"2019-11-25T06:55:27","date_gmt":"2019-11-25T06:55:27","guid":{"rendered":"http:\/\/michael-kunze.net\/category\/artikel\/?p=3485"},"modified":"2019-11-27T12:56:06","modified_gmt":"2019-11-27T12:56:06","slug":"der-osten-ist-mehr-als-ein-defizitares-beitrittsgebiet","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/michael-kunze.net\/category\/artikel\/2019\/11\/25\/der-osten-ist-mehr-als-ein-defizitares-beitrittsgebiet\/","title":{"rendered":"Der Osten ist kein defizit\u00e4res Beitrittsgebiet"},"content":{"rendered":"<figure id=\"attachment_3491\" aria-describedby=\"caption-attachment-3491\" style=\"width: 217px\" class=\"wp-caption alignleft\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\" wp-image-3491  \" alt=\"Johann Michael M\u00f6llers Essay &quot;Der Osten. Eine politische Himmelsrichtung&quot; ist im Verlag Zu Klampen erschienen. Cover: Verlag\" src=\"http:\/\/michael-kunze.net\/wp-content\/uploads\/2019\/11\/Cover9783866745926-603x1024.jpg\" width=\"217\" height=\"368\" srcset=\"https:\/\/michael-kunze.net\/wp-content\/uploads\/2019\/11\/Cover9783866745926-603x1024.jpg 603w, https:\/\/michael-kunze.net\/wp-content\/uploads\/2019\/11\/Cover9783866745926-250x423.jpg 250w, https:\/\/michael-kunze.net\/wp-content\/uploads\/2019\/11\/Cover9783866745926-624x1058.jpg 624w, https:\/\/michael-kunze.net\/wp-content\/uploads\/2019\/11\/Cover9783866745926-960x1627.jpg 960w, https:\/\/michael-kunze.net\/wp-content\/uploads\/2019\/11\/Cover9783866745926.jpg 1317w\" sizes=\"auto, (max-width: 217px) 100vw, 217px\" \/><figcaption id=\"caption-attachment-3491\" class=\"wp-caption-text\">Johann M. M\u00f6llers Essay &#8222;Der Osten. Eine politische Himmelsrichtung&#8220; ist im Verlag Zu Klampen erschienen. Cover: Verlag<\/figcaption><\/figure>\n<p>Der Journalist Johann Michael M\u00f6ller erkundet eine &#8222;politische Himmelsrichtung&#8220; und begibt sich dabei auf die Spuren einer Sehnsucht nach kultureller Selbstbehauptung und der Wiedergewinnung der eigenen Vergangenheit &#8211; 30 Jahre nach der Friedlichen Revolution in den nicht mehr neuen Bundesl\u00e4ndern wie auch jenseits von Oder und Nei\u00dfe.<\/p>\n<p>DRESDEN. Die Hoffnungen, mit denen der Osten nach dem Fall des Eisernen Vorhangs nach Westen blickte, waren gro\u00df \u2013 und umgekehrt. Das ist pass\u00e9. Der Westen hat den Osten abgeschrieben, scheint es. F\u00fcr den Osten hat der Westen seinen Modellcharakter verloren. Er ist auf der Suche nach einem eigenen Weg auf der Basis eigener Erfahrungen, f\u00fcr die sich im Westen wenige interessieren. Stattdessen dominiert dort die Wahrnehmung als Problemgebilde.<\/p>\n<p>Johann Michael M\u00f6llers Essay schildert nach dem \u00f6konomischen und weltanschaulichen Zusammenbruch die Sehnsucht des Ostens nach kultureller Selbstbehauptung und dem Wunsch nach Wiedergewinnung der eigenen Vergangenheit. Die wird dominiert von der Sehnsucht nach Kontrolle \u00fcber das eigene Leben. L\u00e4ngst \u00fcberblenden kulturelle Problemwahrnehmungen \u00f6konomische, die aber nicht verschwinden. <!--more-->Das Motto lautet: Da ist mehr \u2013 schaut genauer hin!<\/p>\n<p>M\u00f6ller \u2013 1955 geboren in Baden-W\u00fcrttemberg, einst F.A.Z.-Korrespondent in Th\u00fcringen und Sachsen, &#8222;Kennzeichen D&#8220;-Moderator, bis 2016 MDR-H\u00f6rfunkdirektor \u2013 hat dies getan. Er schreitet Orte ab, Denkbilder und -traditionen in seinem Essay &#8222;Der Osten. Eine politische Himmelsrichtung&#8220;. Er fragt, was diesen ausmacht, wo er liegt und was ihn vom Westen unterscheidet. Dabei wird klar, dass es den Osten nicht gibt, weniger aber, dass das auch f\u00fcr den Westen gilt.\u00a0<span style=\"font-size: 1rem;\">Dar\u00fcber hinaus ist das Buch eine Klage gegen das Vergessen.\u00a0Wer wei\u00df noch vom polnischen Piemont? Von K\u00f6niggr\u00e4tz oder Katyn? Nicht nur der Geografie nach, sind das ferne Begriffe f\u00fcr viele westlich der Oder, erst recht: der Elbe.<\/span><\/p>\n<p>Den Sprung in die Marktwirtschaft deutet M\u00f6ller ambivalent: als einen in ein Meer neuer M\u00f6glichkeiten, zugleich aber als Identit\u00e4tsverlust. Doch wo etwas wegbricht, wird anderes sichtbar, das versch\u00fcttet war.\u00a0Der Osten sucht sein Ged\u00e4chtnis. Das gilt auch f\u00fcr jenen hierzulande, der einst Deutschlands Mitte war \u2013 ein Umstand, der aktuell viel zu kurz komme.\u00a0Es geht aber auch um den vielf\u00e4ltigen, breiten Streifen, der sich ostw\u00e4rts anschlie\u00dft: von der Ostsee bis ans Schwarzmeer. Beim Blick darauf wird deutlich: Ungarn ist keine lupenreine Demokratie, die polnische Regierung versucht die Gewaltenteilung zu schw\u00e4chen. Das sind keine Bagatellen.\u00a0W\u00e4hrend aber im Westen die &#8222;Nation&#8220; als \u00fcberwunden galt, tritt sie im Osten als entscheidendes Identifikationselement hervor. Woran liegt das? Ist das ein Problem? Wer alles flie\u00dfen sieht und Selbstbehauptung abermals zur Disposition gestellt, verf\u00e4llt in Frust, der keine Einbahnstra\u00dfe bleibt.<\/p>\n<p>Die &#8222;Ostler&#8220; wollen kein Anh\u00e4ngsel transnationaler Strukturen sein, die in Br\u00fcssel, Berlin oder Paris bestimmt werden, kaum dass sie sich aus der Dominanz der Sowjetunion befreit haben. Was ihnen im Westen als r\u00fcckst\u00e4ndig ausgelegt wird, empfinden die Ostmitteleurop\u00e4er und mit ihnen viele Ostdeutsche als Gebot der Stunde \u2013 angesichts von Massenmigration und \u00f6konomischer Entgrenzung. Als gro\u00dfes &#8222;Haltet ein!&#8220; Ob das realistisch ist, wird sich zeigen. Aber es ist. Weder Geschichte noch Geschichtsbild wolle man sich weiter vorschreiben lassen \u2013 wie \u00fcber Jahrhunderte.<\/p>\n<p>&#8222;Auch wenn es den westlichen Beobachtern schwerf\u00e4llt zu glauben&#8220;, so M\u00f6ller, &#8222;der jugendliche Protest in Polen steht mehrheitlich rechts, und er richtet sich gegen ein liberales Establishment, das von der Zugeh\u00f6rigkeit zu Europa profitiert&#8220;. Das mag man bedauern; am Befund \u00e4ndert es nichts. Der Mensch lebt nicht vom Brot allein. Die EU hat 2004ff. keinen Gr\u00fcndungsmythos geliefert. Dabei war die Euphorie bis dahin im Osten gewaltig. Der landl\u00e4ufigen Deutung, dass \u00fcbersteigertes Nationalgef\u00fchl nun Hindernis sei auf dem Weg zu europ\u00e4ischer Einigung, h\u00e4lt M\u00f6ller entgegen, es sei umgekehrt: &#8222;Weil die Europ\u00e4ische Union in eine Glaubw\u00fcrdigkeitskrise geraten ist, bekommen die nationalen Bestrebungen wieder Auftrieb.&#8220;<\/p>\n<p>Was, wenn sich beide Lager als Europ\u00e4er verschiedenen &#8222;Rechts&#8220; begriffen, die einander gelten lie\u00dfen? Was, wenn der Westen erkannte, dass der Osten sich nicht zufrieden gibt mit der &#8222;Rolle eines nachholenden Beitrittsgebiets&#8220;? Mit dem Ziel einer abstrakten europ\u00e4ischen Zivilisation ist bei Anh\u00e4ngern der kulturalistischen Lesart Europas kein Blumentopf zu gewinnen \u2013 sp\u00e4testens seit 2015.<\/p>\n<p>&#8222;Ausgerechnet den L\u00e4ndern das europ\u00e4ische Bewusstsein streitig machen zu wollen, die sich jahrhundertelang als Bollwerk des Abendlandes verstanden haben, als die ber\u00fchmte antemurale christianitatis, die den Kontinent vor Invasoren besch\u00fctzt hat, zeugt von gro\u00dfer Unkenntnis der Geschichte Europas&#8220;, schreibt M\u00f6ller.\u00a0Sein Buch wirft mehr Fragen auf, als es beantwortet. Das ist keine Schw\u00e4che, sondern macht neugierig darauf, &#8222;den&#8220; Osten zu erkunden \u2013 auch wenn er anders ist.<\/p>\n<p><em>Johann Michael M\u00f6ller: Der Osten. Eine politische Himmelsrichtung, Verlag Zu Klampen, Springe 2019, 248 Seiten, 22 Euro.<\/em><\/p>\n<p>[ratings]<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Der Journalist Johann Michael M\u00f6ller erkundet eine &#8222;politische Himmelsrichtung&#8220; und begibt sich dabei auf die Spuren einer Sehnsucht nach kultureller Selbstbehauptung und der Wiedergewinnung der eigenen Vergangenheit &#8211; 30 Jahre nach der Friedlichen Revolution in den nicht mehr neuen Bundesl\u00e4ndern wie auch jenseits von Oder und Nei\u00dfe. DRESDEN. 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